Ver­lust der Gebrauchs­fä­hig­keit eines Kör­per­glieds – und die unter­las­se­ne medi­zi­ni­sche Behand­lung

Für die Dau­er­haf­tig­keit des Ver­lus­tes der Gebrauchs­fä­hig­keit eines Kör­per­glieds kommt es grund­sätz­lich nicht dar­auf an, ob das Opfer eine ihm mög­li­che medi­zi­ni­sche Behand­lung nicht wahr­ge­nom­men hat.

Ver­lust der Gebrauchs­fä­hig­keit eines Kör­per­glieds – und die unter­las­se­ne medi­zi­ni­sche Behand­lung

Für die Beur­tei­lung, ob ein wich­ti­ges Glied im Sin­ne des § 226 Abs. 1 Nr. 2 StGB nicht mehr gebraucht wer­den kann, ist im Wege einer wer­ten­den Gesamt­be­trach­tung zu ermit­teln, ob die vor­sätz­li­che Kör­per­ver­let­zung den Aus­fall so vie­ler Funk­tio­nen ver­ur­sacht hat, dass das Kör­per­glied weit­ge­hend unbrauch­bar gewor­den ist und von daher die wesent­li­chen fak­ti­schen Wir­kun­gen den­je­ni­gen eines phy­si­schen Ver­lusts ent­spre­chen; ein völ­li­ger Funk­ti­ons­ver­lust des betrof­fe­nen Kör­per­glieds ist nicht erfor­der­lich 1.

Des­wei­te­ren muss sich, was bei § 226 StGB wie im Rah­men des § 227 StGB erfor­der­lich ist 2, in der schwe­ren Fol­ge die den Schlä­gen inne­woh­nen­de Gefahr ver­wirk­licht haben.

Für deren Vor­her­seh­bar­keit ist auf die kon­kre­te Lage sowie die per­sön­li­chen Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten des Täters abzu­stel­len; lag der Erfolg aus die­ser Sicht außer­halb der Lebens­wahr­schein­lich­keit, kann er dem Täter nicht zuge­rech­net wer­den 3.

An der Vor­her­seh­bar­keit ver­mag auch eine "Mit­ver­ur­sa­chung" eines Teils der Bewe­gungs­ein­schrän­kun­gen durch den Ver­zicht des Opfers auf Nach­be­hand­lun­gen nichts zu ändern. Denn ein aus ärzt­li­cher Sicht womög­lich unver­nünf­ti­ges Ver­hal­ten eines Geschä­dig­ten nach gra­vie­ren­der Ver­let­zung liegt – zumal im vor­lie­gen­den Fall ange­sichts der dem Ange­klag­ten bekann­ten sozia­len Lebens­um­stän­de des Neben­klä­gers in der Asyl­be­wer­ber­un­ter­kunft – nicht außer­halb jeder Erfah­rung 4.

Aus dem vor­ge­nann­ten Grund fehlt es auch nicht am Zurech­nungs­zu­sam­men­hang in Bezug auf das Tat­be­stands­merk­mal der "dau­ern­den" Gebrauchs­un­fä­hig­keit.

Aller­dings wird im Schrift­tum die Mei­nung ver­tre­ten, dass die Dau­er­haf­tig­keit bzw. "Lang­wie­rig­keit" der schwe­ren Fol­ge dem Täter nicht zuge­rech­net wer­den kann, wenn deren Besei­ti­gung oder Abmil­de­rung dem Opfer mach­bar und zumut­bar gewe­sen wäre 5. Als Kri­te­ri­en der anzu­stel­len­den wer­ten­den Abwä­gung wer­den dabei nament­lich die Erfolgs­aus­sicht von (Folge)Operationen und die damit ver­bun­de­nen Risi­ken genannt; gegen die Zumut­bar­keit kön­ne es spre­chen, wenn dem Opfer eine Finan­zie­rung der erfor­der­li­chen ärzt­li­chen Maß­nah­men auch mit mate­ri­el­ler Unter­stüt­zung Drit­ter nicht mög­lich sei 6.

Der Bun­des­ge­richts­hof ver­mag die­ser Ansicht nicht zu fol­gen. Er sieht sich dabei in grund­sätz­li­cher Über­ein­stim­mung mit bis­he­ri­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 7.

Die erhöh­te Straf­dro­hung des § 226 StGB ist an das Aus­maß der vom Täter schuld­haft her­vor­ge­ru­fe­nen Rechts­guts­ver­let­zung geknüpft. Für des­sen Beur­tei­lung ist im Grund­satz der Zeit­punkt des Urteils maß­ge­bend 8. Die dem Ange­klag­ten vor­her­seh­ba­re Dau­er­haf­tig­keit des Funk­ti­ons­ver­lusts der lin­ken Hand des Neben­klä­gers beruht vor­lie­gend auf der Ver­let­zungs­hand­lung des Ange­klag­ten, der ihm mit sei­nem Mes­ser­an­griff die Beu­ge­seh­nen und die Ner­ven von vier Fin­gern durch­trennt hat. Die Kör­per­ver­let­zung muss nicht die aus­schließ­li­che Ursa­che des nicht wie­der­gut­zu­ma­chen­den Scha­dens sein 9. Danach ist der Tat­be­stand des § 226 Abs. 1 Nr. 2 StGB voll­stän­dig ver­wirk­licht.

Dass der Ver­letz­te eine medi­zi­ni­sche Behand­lung zur Besei­ti­gung oder Abmil­de­rung der ein­ge­tre­te­nen Beein­träch­ti­gun­gen unter­lässt, kann nicht dazu füh­ren, die­se vom Täter her­bei­ge­führ­te gra­vie­ren­de Fol­ge als Grad­mes­ser sei­ner Straf­wür­dig­keit aus­zu­gren­zen 10. Das im Anwen­dungs­be­reich des § 226 StGB ohne­hin stets außer­or­dent­lich schwer getrof­fe­ne Opfer wird – hier nicht gege­be­ne extrem gela­ger­te Kon­stel­la­tio­nen etwa der Bös­wil­lig­keit aus­ge­nom­men – in aller Regel aus Täter­sicht nicht zu hin­ter­fra­gen­de Grün­de haben, wei­te­re Behand­lun­gen nicht auf sich zu neh­men, selbst wenn die­se nach ärzt­li­cher Beur­tei­lung sinn­voll wären. Zu nen­nen ist ins­be­son­de­re die Furcht vor den mit jeder (Fol­ge)Ope­ra­ti­on ver­bun­de­nen Risi­ken und Lei­den oder auch nur vor schmerz­haf­ten Nach­be­hand­lun­gen. Es wür­de jeg­li­chem Gerech­tig­keits­emp­fin­den wider­spre­chen, über den Gedan­ken der Zurech­nung eine Art Oblie­gen­heit des Opfers zu kon­stru­ie­ren, sich unge­ach­tet des­sen aus über­ge­ord­ne­ter Sicht "zumut­ba­ren" (Folge)Operationen und ande­ren beschwer­li­chen Heil­maß­nah­men zu unter­zie­hen, um dem Täter eine höhe­re Stra­fe zu erspa­ren 11. Dar­über hin­aus wür­de dem irrever­si­bel geschä­dig­ten Opfer gege­be­nen­falls durch Gerichts­ur­teil beschei­nigt, es sei gar nicht auf Dau­er beein­träch­tigt 12.

Hin­zu kommt, dass die durch das Schrift­tum ange­führ­ten Kri­te­ri­en für die anzu­stel­len­de wer­ten­de Betrach­tung "vage" sind 13. Dem­entspre­chend ist kein über­zeu­gen­der recht­li­cher Maß­stab vor­han­den, anhand des­sen Risi­ken und Qua­len sowie sons­ti­ge Beschwer­lich­kei­ten gewich­tet und dem Opfer dann "zuge­mu­tet" wer­den könn­ten. Es kann in die­sem Rah­men auch nicht Auf­ga­be der Straf­jus­tiz sein, die ihrer­seits zumeist durch vie­le Fak­to­ren beding­ten Moti­ve zu bewer­ten, die ein Opfer von der Durch­füh­rung einer wei­te­ren medi­zi­ni­schen Behand­lung abge­hal­ten haben. Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te mehr­fach über Fäl­le zu ent­schei­den, in denen Schwerst­ver­letz­te im Zeit­punkt der Haupt­ver­hand­lung bereits eine Viel­zahl von Ope­ra­tio­nen über sich hat­ten erge­hen las­sen müs­sen. Es ist nicht ersicht­lich, wie mit­hil­fe des Kri­te­ri­ums der "Zumut­bar­keit" ent­schie­den wer­den könn­te, ob dem hier­von erschöpf­ten Opfer noch eine wei­te­re Ope­ra­ti­on auf­zu­ge­ben gewe­sen wäre, weil sie des­sen Zustand nach sach­ver­stän­di­ger Beur­tei­lung so weit ver­bes­sert hät­te, dass der von § 226 Abs. 1 StGB gefor­der­te Schwe­re­grad gera­de nicht mehr erreicht wäre. Stellt man im Rah­men der Zumut­bar­keits­be­trach­tung fer­ner auf die Finan­zier­bar­keit der dem Opfer ange­son­ne­nen Behand­lun­gen ab und gibt ihm inso­weit gar eine "ver­nünf­ti­ge" Ver­wen­dung etwa vor­han­de­ner eige­ner Mit­tel vor 14, wäre die Ent­schei­dung end­gül­tig dem Zufall preis­ge­ge­ben 15. Die im Schrift­tum befür­wor­te­te Anschau­ung ist danach geeig­net, die Bestimmt­heit der Straf­dro­hung (Art. 103 Abs. 2 GG, §§ 1, 2 StGB) durch­grei­fend in Fra­ge zu stel­len.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Febru­ar 2017 – 5 StR 483/​16

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 15.03.2007 – 4 StR 522/​06, BGHSt 51, 252, 257; vom 06.11.2008 – 4 StR 375/​08 Rn. 9; Beschluss vom 15.01.2014 – 4 StR 509/​13, NStZ 2014, 213, jeweils mwN[]
  2. vgl. Lackner/​Kühl, StGB, 28. Aufl., § 226 Rn. 1[]
  3. vgl. jeweils zu § 227 StGB, BGH, Urtei­le vom 16.03.2006 – 4 StR 536/​05, BGHSt 51, 18, 21; vom 20.06.2012 – 5 StR 536/​11, NJW 2012, 2453 mwN[]
  4. vgl. zur Kör­per­ver­let­zung mit Todes­fol­ge BGH, Urteil vom 09.03.1994 – 3 StR 711/​93, NStZ 1994, 394; Beschluss vom 08.03.2000 – 3 StR 69/​00[]
  5. ein­ge­hend Münch­Komm-StG­B/Hard­tung, 2. Aufl., § 226 Rn. 42; sie­he auch Stree/­Stern­berg-Lie­ben in Schönke/​Schröder, StGB, 29. Aufl., § 226 Rn. 5; LK-StG­B/Hirsch, 11. Aufl., § 226 Rn. 17[]
  6. vgl. Münch­Komm-StG­B/Hard­tung, aaO; inso­weit kri­tisch Stree/­Stern­berg-Lie­ben, aaO, § 226 Rn. 1a[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 02.03.1962 – 4 StR 536/​61, BGHSt 17, 161, 164 f.; vom 08.11.1966 – 1 StR 450/​66, NJW 1967, 297, 298; offen gelas­sen im Urteil vom 29.02.1972 – 5 StR 400/​71, BGHSt 24, 315, 318; sie­he aber auch – nicht tra­gend – BGH, Beschluss vom 08.07.2008 – 3 StR 190/​08, NStZ 2009, 92, 93 [zu § 227 StGB][]
  8. Stree/­Stern­berg-Lie­ben, aaO, § 226 Rn. 5[]
  9. vgl. RGSt 27, 80[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 02.03.1962 – 4 StR 536/​61, aaO[]
  11. vgl. auch BGH, aaO; RGSt 27, 80[]
  12. vgl. Stree/­Stern­berg-Lie­ben, aaO, § 226 Rn. 1a[]
  13. in die­sem Sin­ne auch Münch­Komm-StG­B/Hard­tung, aaO[]
  14. so Münch­Komm-StG­B/Hard­tung, aaO[]
  15. vgl. auch BGH, Urteil vom 02.03.1962 – 4 StR 536/​61, aaO[]