Ver­min­der­te Schuld­fä­hig­keit – und die fakul­ta­ti­ve Straf­mil­de­rung

Ob bei Annah­me des § 21 StGB eine Mil­de­rung vor­zu­neh­men oder zu ver­sa­gen ist, hat der Tatrich­ter nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen auf­grund einer Gesamt­wür­di­gung aller schuld­re­le­van­ten Umstän­de zu ent­schei­den 1.

Ver­min­der­te Schuld­fä­hig­keit – und die fakul­ta­ti­ve Straf­mil­de­rung

Dabei ist bei ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit grund­sätz­lich davon aus­zu­ge­hen, dass der Schuld­ge­halt der Tat ver­rin­gert ist 2, so dass eine Straf­rah­men­mil­de­rung vor­zu­neh­men ist, wenn nicht ande­re, schul­d­er­hö­hen­de Gesichts­punk­te dem ent­ge­gen­ste­hen 3.

Schul­d­er­hö­hend sind beson­de­re Umstän­de der Tat­be­ge­hung wie die nähe­ren Umstän­de der Tat­aus­füh­rung – etwa eine beson­ders gefühls­kal­te, rück­sichts­lo­se oder bru­ta­le Tat­be­ge­hung 4, eine beson­de­re Hand­lungs­in­ten­si­tät 5, eine Mehr­zahl von Geschä­dig­ten, mit­ver­wirk­lich­te Straf­tat­be­stän­de oder ande­re Tat­mo­da­li­tä­ten. Auch der erheb­lich in sei­ner Steue­rungs­fä­hig­keit ver­min­der­te Täter ist für die von ihm began­ge­ne Tat in ihrer kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung grund­sätz­lich ver­ant­wort­lich 6.

Sind Hand­lungs­mo­da­li­tä­ten indes Aus­druck und Fol­ge der Min­de­rung der Hem­mungs­fä­hig­keit, dür­fen sie dem Täter in dem Umfang, in dem die Steue­rungs­fä­hig­keit beein­träch­tigt war, nicht zum Vor­wurf gemacht und des­halb auch nicht straf­er­schwe­rend ange­las­tet wer­den 7.

Nach den Grund­sät­zen der actio libe­ra in cau­sa (Grund­satz der Vor­ver­la­ge­rung der Schuld) kann aller­dings eine spä­te­re Min­de­rung der Ver­ant­wort­lich­keit des Täters zur Tat­zeit ohne Bedeu­tung blei­ben 8.

Auch Vor­ver­schul­den des Täters kann schul­d­er­hö­hend berück­sich­tigt wer­den, so dass an ein kon­kret tat­be­zo­ge­nes Ver­schul­den des Täters vor Tat­be­ginn ange­knüpft und eine Straf­mil­de­rung trotz Tat­be­ge­hung im Zustand ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit auf­grund vor­her­ge­hen­der schul­d­er­hö­hen­der Momen­te ver­sagt wer­den kann 9. Das gilt stets dann, wenn der Täter die Wir­kung des auf einer psy­chi­schen Stö­rung beru­hen­den, in der kon­kre­ten Tat­si­tua­ti­on zur erheb­li­chen Min­de­rung der Ein­sichts­o­der Steue­rungs­fä­hig­keit füh­ren­den Defekts vor­werf­bar ver­ur­sacht oder ver­stärkt hat oder damit hät­te rech­nen kön­nen, Straf­ta­ten sol­cher Art zu bege­hen. Dies ist grund­sätz­lich bei allen Per­sön­lich­keits­stö­run­gen denk­bar, deren tat­för­dern­de Wir­kung der Täter kennt. Die Zurech­nung eines Vor­ver­schul­dens kommt aber nur in Betracht, wenn das betref­fen­de Ver­hal­ten sich nicht sei­ner­seits als Aus­druck der Stö­rung dar­stellt 10.

Ob und wie lan­ge der Ange­klag­te in einer "Absti­nenz­pha­se" von einer Part­ner­schaft leb­te, ist hier ohne Belang. Maß­geb­lich ist näm­lich, inwie­weit das Ver­hal­ten des Ange­klag­ten ins­ge­samt als Aus­druck sei­ner psy­chi­schen Stö­rung zu ver­ste­hen ist. Das ist hier aber offen­sicht­lich der Fall, weil die Tat selbst durch die Per­sön­lich­keits­stö­rung geprägt ist, hin­sicht­lich deren Vor­lie­gen der Ange­klag­te – was wie­der­um ein Bestand­teil die­ser Stö­rung sein kann – nicht ein­mal Krank­heits­ein­sicht hat­te. Damit fehlt es bereits an einer trenn­ba­ren Vor­ver­la­ge­rung der Schuld.

Dane­ben bestehen auch Beden­ken, ob dem Ange­klag­ten das Ein­ge­hen einer neu­en Bezie­hung im Sin­ne des Leis­tens eines not­wen­di­gen Bei­trags dafür, dass er bei Been­di­gung der Bezie­hung infol­ge sei­ner Per­sön­lich­keits­stö­rung gewalt­tä­tig wer­den kann, über­haupt im Sin­ne eines Vor­ver­schul­dens zur Last gelegt wer­den dürf­te. Die Auf­nah­me einer Bezie­hung ist eine der mensch­li­chen Natur ent­spre­chen­de und sozi­al gebil­lig­te Ver­hal­tens­wei­se, an die sich kein straf­recht­li­cher Vor­wurf oder Ver­schul­dens­vor­wurf anknüp­fen könn­te. Denn ein zu Las­ten des Täters berück­sich­ti­gungs­fä­hi­ges Vor­ver­schul­den setzt ein kon­kret tat­be­zo­ge­nes Ver­schul­den des Täters vor Beginn der Tat vor­aus.

Das Ein­ge­hen einer neu­en Bezie­hung wäre kein sol­ches tat­be­zo­ge­nes Ver­schul­den. Das Vor­stel­lungs­bild des Ange­klag­ten bezieht sich zu die­sem Zeit­punkt auf die Auf­nah­me der neu­en Bezie­hung und nicht auf die Bege­hung bestimm­ter Straf­ta­ten für den Fall der Been­di­gung der Bezie­hung durch die Part­ne­rin oder sons­ti­ger, noch nicht abseh­ba­rer Ereig­nis­se wäh­rend der Bezie­hung.

Im Grun­de wirft die Straf­kam­mer dem Ange­klag­ten vor, dass er die Taten nicht durch ein ihm mög­li­ches Unter­las­sen der Auf­nah­me einer neu­en Bezie­hung ver­hin­dert habe. Mit die­ser an die Rechts­fi­gur der actio libe­ra in cau­sa ange­lehn­ten Vor­ver­la­ge­rung des Schuld­vor­wurfs kann die Nicht­an­nah­me ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit aber schon des­we­gen nicht begrün­det wer­den, weil der bereits an der kom­bi­nier­ten Per­sön­lich­keits­stö­rung lei­den­de Ange­klag­te den Zustand der ver­min­der­ten Steue­rungs­fä­hig­keit weder vor­sätz­lich noch fahr­läs­sig her­bei­ge­führt hat 11, es jeden­falls aber in dem maß­geb­li­chen Zeit­punkt an der erfor­der­li­chen Vor­stel­lung bestimm­ter Rechts­guts­ver­let­zun­gen fehl­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Febru­ar 2019 – 1 StR 614/​18

  1. st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Urteil vom 17.08.2004 – 5 StR 93/​04 Rn. 10, BGHSt 49, 239, 241; Beschluss vom 24.07.2017 – GSSt 3/​17, BGHSt 62, 247[]
  2. BGH, Urtei­le vom 10.11.1954 – 5 StR 476/​54 Rn. 17, BGHSt 7, 28, 30 f.; vom 17.08.2004 – 5 StR 93/​04 Rn. 12 mwN, BGHSt 49, 239, 241; und vom 07.05.2009 – 5 StR 64/​09 Rn. 8 f.[]
  3. st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 15.02.2006 – 2 StR 419/​05 Rn. 10; vom 26.05.2004 – 2 StR 386/​03 Rn. 10; und vom 17.08.2004 – 5 StR 93/​04 Rn. 24, BGHSt 49, 239, 246; Beschlüs­se vom 18.06.1985 – 4 StR 232/​85; und vom 25.03.2014 – 1 StR 65/​14 Rn. 4 mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 17.08.2004 – 5 StR 93/​04 Rn. 24 mwN, BGHSt 49, 239, 246[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 14.07.1992 – 1 StR 302/​92 Rn. 8; und vom 29.03.1988 – 1 StR 70/​88 Rn. 11[]
  6. st. Rspr.; vgl. BGH, Urtei­le vom 14.07.1992 – 1 StR 302/​92 Rn. 8; und vom 07.07.1993 – 2 StR 17/​93 Rn. 14; Beschlüs­se vom 29.06.2000 – 1 StR 223/​00 Rn. 11; und vom 08.10.2002 – 5 StR 365/​02 Rn. 4[]
  7. st. Rspr.; vgl. BGH, Urtei­le vom 17.11.1961 – 4 StR 373/​61 Rn. 10, BGHSt 16, 360, 364; vom 07.07.1993 – 2 StR 17/​93 Rn. 14 mwN; und vom 17.08.2004 – 5 StR 93/​04 Rn. 24, BGHSt 49, 239, 246; Beschlüs­se vom 08.10.2002 – 5 StR 365/​02 Rn. 4; und vom 03.11.2004 – 2 StR 295/​04 Rn. 7[]
  8. Eschel­bach, Beck­OK StGB, 42. Ed., § 20 Rn. 72 ff.; ders., Beck­OK StGB, 42. Ed., § 21 Rn. 33 mwN; von Heint­schel-Hein­egg, Beck­OK StGB, 42. Ed., § 46 Rn. 25.10[]
  9. BGH, Urteil vom 17.08.2004 – 5 StR 93/​04 Rn.20, BGHSt 49, 239, 245[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 17.01.1995 – 4 StR 694/​94 Rn. 6[]
  11. vgl. zur actio libe­ra in cau­sa: BGH, Urteil vom 21.10.1970 – 2 StR 313/​70 Rn. 13, BGHSt 23, 356, 358[]