Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht des Rechts­pfle­gers im Zwangs­ver­wal­tungs­ver­fah­ren

Dem mit einem Zwangs­ver­wal­tungs­ver­fah­ren befass­ten Rechts­pfle­ger obliegt eine Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht gegen­über Gläu­bi­gern und Schuld­ner.

Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht des Rechts­pfle­gers im Zwangs­ver­wal­tungs­ver­fah­ren

Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in einem Straf­ver­fah­ren, bei dem der Rechts­pfle­ger in dem von dem Zwangs­ver­wal­tungs­ver­fah­ren betrof­fe­nen Grund­stück selbst eine Woh­nung gemie­tet hat­te, für die er kei­ne Mie­te an den Zwangs­ver­wal­ter ent­rich­te­te.

Untreue des Zwangs­ver­wal­ters

Eine Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht im Sin­ne des § 266 Abs. 1 StGB ist gege­ben, wenn der Täter in einer Bezie­hung zum (poten­ti­ell) Geschä­dig­ten steht, die eine beson­de­re, über die für jeder­mann gel­ten­den Pflicht zur Wah­rung der Rechts­sphä­re ande­rer hin­aus­ge­hen­de Ver­ant­wor­tung für des­sen mate­ri­el­le Güter mit sich bringt. Den Täter muss eine inhalt­lich beson­ders her­aus­ge­ho­be­ne Pflicht zur Wahr­neh­mung frem­der Ver­mö­gens­in­ter­es­sen tref­fen. Hier­bei ist in ers­ter Linie von Bedeu­tung, ob die fremd­nüt­zi­ge Ver­mö­gens­für­sor­ge den Haupt­ge­gen­stand der Rechts­be­zie­hung bil­det und ob dem Ver­pflich­te­ten bei deren Wahr­neh­mung ein gewis­ser Spiel­raum, eine gewis­se Bewe­gungs­frei­heit oder Selb­stän­dig­keit, mit ande­ren Wor­ten die Mög­lich­keit zur ver­ant­wort­li­chen Ent­schei­dung inner­halb eines gewis­sen Ermes­sens­spiel­raums ver­bleibt [1].

Eine sol­che Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht – wie auch sei­ne Garan­ten­stel­lung gegen­über den Gläu­bi­gern und dem Schuld­ner – besteht für den Zwangs­ver­wal­ter auf­grund von §§ 152, 154 ZVG in Ver­bin­dung mit dem Beschluss über sei­ne Bestel­lung zum Zwangs­ver­wal­ter.

Bereits das Reichs­ge­richt [2] hat den Zwangs­ver­wal­ter zu den „kraft öffent­lich­recht­li­cher Ver­pflich­tung zu beson­de­rer Treue ver­bun­de­nen Per­so­nen“ gerech­net und ihm eine Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht auf­er­legt. Hier­an hat sich nichts geän­dert. Denn aus §§ 152, 154 ZVG ergibt sich, dass der Zwangs­ver­wal­ter eines Grund­stücks frem­des Ver­mö­gen im Inter­es­se aller Betei­lig­ten, also ins­be­son­de­re der Gläu­bi­ger und Schuld­ner (§ 9 ZVG), treu­hän­de­risch ver­wal­tet [3]. Die­sen gegen­über ist er – selb­stän­dig und nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen han­delnd (§ 1 Abs. 1 Satz 1 ZwV­wV [4], bzw. § 1 Abs. 1 Satz 1 ZVw­Ver­gV [5] – für die Erfül­lung der ihm oblie­gen­den Ver­pflich­tun­gen ver­ant­wort­lich (§ 154 Satz 1 ZVG). Zu die­sen Pflich­ten gehört es auch und ins­be­son­de­re, das Grund­stück „ord­nungs­ge­mäß zu benut­zen“ (§ 152 Abs. 1 ZVG). Kommt er die­ser Ver­pflich­tung nicht nach, unter­lässt er es also, alle mög­li­chen Nut­zun­gen zu zie­hen [6], also bei­spiels­wei­se das Grund­stück durch Ver­mie­tung nutz­bar zu machen [7] und den Miet­zins ein­zu­zie­hen [8] oder zu nied­ri­ge Mie­ten anzu­he­ben [9], so haf­tet er für den hier­durch den Gläu­bi­gern bzw. dem Schuld­ner ent­stan­de­nen Scha­den nach § 154 ZVG [10].

Auf die­ser Grund­la­ge hat der Zwangs­ver­wal­ter durch das Unter­las­sen des For­derns und Ein­zie­hens des Miet­zin­ses bzw. einer Nut­zungs­ent­schä­di­gung und der Betriebs­kos­ten beim Ange­klag­ten Sch. sei­ne Pflich­ten als Zwangs­ver­wal­ter ver­letzt, hier­durch sei­ne Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht miss­ach­tet und die Gläu­bi­ger bzw. den Schuld­ner selbst geschä­digt [11].

Untreue des Rechts­pfle­gers

Aber auch die Ver­ur­tei­lung des Rechts­pfle­gers wegen Untreue weist nach dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hof kei­nen Rechts­feh­ler auf.

Ihm oblag eben­falls eine Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht im Sin­ne des § 266 Abs. 1 StGB gegen­über den Gläu­bi­gern bzw. dem Schuld­ner selbst.

Nach § 153 ZVG hat der Rechts­pfle­ger (§ 3 Nr. 1 Buchst. i RPflG) des Voll­stre­ckungs­ge­richts unter ande­rem die Geschäfts­füh­rung des Ver­wal­ters zu beauf­sich­ti­gen. Ihm kommt die­sem gegen­über eine „ver­fah­rens­be­herr­schen­de Stel­lung“ zu [12]. Zwar han­delt der Ver­wal­ter grund­sätz­lich selb­stän­dig und eigen­ver­ant­wort­lich, jedoch ist das Voll­stre­ckungs­ge­richt berech­tigt und ver­pflich­tet, den Ver­wal­ter zu lei­ten und im Rah­men sei­ner Auf­sichts­tä­tig­keit fest­ge­stell­te Pflicht­wid­rig­kei­ten abzu­stel­len [13]. Die­se Pflich­ten berüh­ren nicht nur all­ge­mei­ne Inter­es­sen der Gläu­bi­ger und Schuld­ner; sie betref­fen viel­mehr auch deren Ver­mö­gens­in­ter­es­sen. Denn die Auf­sichts­pflicht des Rechts­pfle­gers bezieht sich ins­be­son­de­re auf die treu­hän­de­ri­sche Tätig­keit des Zwangs­ver­wal­ters und die die­sem oblie­gen­de Pflicht zur Wahr­neh­mung der Ver­mö­gens­in­ter­es­sen der Gläu­bi­ger und des Schuld­ners. Hier­zu kann und muss der Rechts­pfle­ger dem Zwangs­ver­wal­ter gege­be­nen­falls auch (Einzel-)Anweisungen ertei­len, die etwa Miet­ver­trä­ge betref­fen kön­nen (§§ 6, 10 Abs. 1 Nr. 2 ZwV­wV bzw. § 6 ZVw­Ver­gV). Sol­chen Anwei­sun­gen muss der Zwangs­ver­wal­ter fol­gen, er ist an sie gebun­den (§ 1 Abs. 1 Satz 2 ZwV­wV bzw. § 1 Abs. 1 Satz 2 ZVw­Ver­gV).

Ange­sichts die­ser Stel­lung und Auf­ga­ben des Rechts­pfle­gers in Zwangs­ver­wal­tungs­ver­fah­ren oblag dem ange­klag­ten Rechts­pfle­ger gegen­über den Gläu­bi­gern bzw. dem Schuld­ner selbst eine Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht im Sin­ne des § 266 StGB [14]. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass im kon­kre­ten Fall der Rechts­pfle­ger – weil selbst betrof­fen [15] – in dem Zwangs­ver­wal­tungs­ver­fah­ren gar nicht hät­te tätig wer­den dür­fen; denn das Ver­bot, in eige­ner Sache tätig zu wer­den, schließt ein gleich­wohl bestehen­des Treue­ver­hält­nis nicht aus [16].

Gegen die ihm oblie­gen­de Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht hat der Rechts­pfle­ger ver­sto­ßen, da er den Zwangs­ver­wal­ter nicht dazu anhielt, bei ihm selbst Mie­te bzw. Nut­zungs­ent­schä­di­gung und Betriebs­kos­ten ein­zu­for­dern.

Zwar genügt die blo­ße Ver­let­zung einer nicht zumin­dest auch den frem­den Ver­mö­gens­in­ter­es­sen die­nen­den Dienst­pflicht nicht für eine Ver­ur­tei­lung wegen Untreue [17]. Jedoch ist eine Norm­ver­let­zung pflicht­wid­rig i.S.v. § 266 StGB, wenn die ver­letz­te Rechts­norm wie hier – wenigs­tens auch, und sei es mit­tel­bar – ver­mö­gens­schüt­zen­den Cha­rak­ter hat [18].

Die Ver­let­zung der Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht durch den ange­klag­ten Rechts­pfle­ger hat bei dem Gläu­bi­ger bzw. dem Schuld­ner selbst auch zu einem Ver­mö­gens­nach­teil im Sin­ne des § 266 Abs. 1 StGB geführt.

Inso­fern ist ohne Bedeu­tung, dass es – wie die Revi­si­on ein­wen­det – denk­bar ist, dass der Zwangs­ver­wal­ter Anwei­sun­gen des Rechts­pfle­gers ent­ge­gen sei­ner Pflicht nicht folgt. Bei einer – wie vor­lie­gend – recht­mä­ßi­gen und in der Sache gebo­te­nen Anwei­sung steht eine sol­che ohne jeg­li­chen Anhalts­punkt in den Raum gestell­te, ledig­lich denk­ba­re Annah­me der Beja­hung des erfor­der­li­chen Zusam­men­hangs zwi­schen dem pflicht­wid­ri­gem Tun und dem Erfolg nicht ent­ge­gen [19].

Auch soweit für eine Ver­ur­tei­lung wegen Untreue gefor­dert wird [20], dass der Ver­mö­gens­nach­teil unmit­tel­bar durch die Pflicht­ver­let­zung aus­ge­löst wor­den sein muss, fehlt es hier­an nicht. Denn ein über den Zurech­nungs­zu­sam­men­hang hin­aus­ge­hen­des Unmit­tel­bar­keits­er­for­der­nis zwi­schen Pflicht­wid­rig­keit und Nach­teil steht weder in Fäl­len der mit­tel­ba­ren Täter­schaft noch in dem hier vom Land­ge­richt ange­nom­me­nen Fall der Mit­tä­ter­schaft in Fra­ge. Auch bei der vom Gene­ral­bun­des­an­walt ange­nom­me­nen Allein­tä­ter­schaft des Ange­klag­ten Sch. liegt in dem Unter­las­sen der Anwei­sung an den Zwangs­ver­wal­ter, die gegen ihn selbst bestehen­den For­de­run­gen gel­tend zu machen, auf­grund der Bin­dung des Zwangs­ver­wal­ters an eine sol­che Anwei­sung zumin­dest eine unmit­tel­ba­re scha­dens­glei­che Ver­mö­gens­ge­fähr­dung [21].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Juli 2011

  1. zum Gan­zen: BGH, Beschluss vom 13.09.2010 – 1 StR 220/​09, BGHSt 55, 288, 297 f. mwN[]
  2. RG, Urteil vom 16.10.1905 – Rep. 426/​05, RGSt 38, 190[]
  3. vgl. Böttcher/​Kel­ler in Bött­cher, ZVG, 5. Aufl., § 152 Rn. 5; eben­so zur Stel­lung des Ver­gleichs­ver­wal­ters: BGH, Urteil vom 26.07.1960 – 1 StR 248/​60; zum Kon­kurs- und Insol­venz­ver­wal­ter: BGH, Urtei­le vom 14.02.1955 – 3 StR 459/​54; vom 14.01.1998 – 1 StR 504/​97, NStZ 1998, 246, 247; zu die­sen auch SSWStGB/​Saliger § 266 Rn. 13, 33, Bor­chardt in Schmidt, Ham­bur­ger Kom­men­tar zum Insol­venz­recht, 2. Aufl., § 266 StGB Rn. 1, 9 ff. jeweils mwN[]
  4. Zwangs­ver­wal­ter­ver­ord­nung vom 19.12.2003, BGBl. I S. 2804 [gül­tig ab 1.01.2004][]
  5. Ver­ord­nung über die Geschäfts­füh­rung und die Ver­gü­tung des Zwangs­ver­wal­ters vom 16.02.1970, BGBl. I S. 185 [gül­tig bis 31.12.2003][]
  6. OLG Köln, Beschluss vom 25.06.2006 – 2 U 39/​07; Böttcher/​Keller aaO § 152 Rn.19[]
  7. Böttcher/​Keller aaO § 152 Rn.20, 32; zur Umwand­lung von unent­gelt­li­chen Über­las­sungs­ver­trä­gen in ein Miet- oder Pacht­ver­hält­nis: Dras­do NJW 2011, 1782, 1784 mwN[]
  8. OLG Köln aaO[]
  9. KG, Urteil vom 12.01.1978 – 12 U 2661/​77, MDR 1978, 586; Sie­vers in Kindl/​MellerHannich/​Wolf, Zwangs­voll­stre­ckung, § 152 Rn. 3[]
  10. vgl. OLG Köln aaO, KG aaO; fer­ner Böttcher/​Keller aaO § 154 Rn. 3b[]
  11. vgl. OLG Köln aaO, fer­ner Han­sOLG Bre­men, Urteil vom 05.12.1988 – Ss 85/​87, NStZ 1989, 228; SSW-StGB/­Sa­li­ger § 266 Rn. 33 mwN[]
  12. Böttcher/​Keller aaO § 153 Rn. 1[]
  13. vgl. Böttcher/​Keller aaO § 153 Rn. 5[]
  14. vgl. zum Rechts­pfle­ger in Nach­lass­sa­chen eben­so BGH, Urteil vom 25.02.1988 – 1 StR 466/​87, BGHSt 35, 224, 227, 229 = JZ 1988, 881 m. Anm. Otto; zum Gerichts­voll­zie­her: RGSt 61, 228, 229 ff.; BGH, Beschluss vom 07.01.2011 – 4 StR 409/​10, NStZ 2011, 281, 282[]
  15. vgl. § 10 RPflG i.V.m. § 41 Nr. 1 ZPO[]
  16. so bereits RGSt 72, 347, 348[]
  17. vgl. RGSt 61, 228, 231 [zum Gerichts­voll­zie­her]; SSW-StGB/­Sa­li­ger § 266 Rn. 32 mwN; für den Nach­lass­rechts­pfle­ger auch Otto JZ 1988, 883, 884[]
  18. BGH, Beschluss vom 13.09.2010 – 1 StR 220/​09, BGHSt 55, 288, 300 f.[]
  19. vgl. BGH, Urteil vom 12.01.2010 – 1 StR 272/​09, NJW 2010, 1087, 1091[]
  20. dies in Fra­ge stel­lend: BGH, Beschluss vom 13.04.2011 – 1 StR 94/​10, NJW 2011, 1747, 1751; dage­gen bei­spiels­wei­se SSW-StGB/­Sa­li­ger § 266 Rn. 83, 84[]
  21. vgl. für Schä­den, die sich gleich­sam von selbst voll­stre­cken: SSWStGB/​Saliger § 266 Rn. 75; zur Untreue durch Nicht-Erfül­lung von Auf­sichts­pflich­ten: ders. Rn. 33 jeweils mwN[]