Ver­rin­ge­rung der Ein­zie­hung durch das Revi­si­ons­ge­richt – und die Kostenentscheidung

Zur Kos­ten­ent­schei­dung bei Ver­rin­ge­rung der Ein­zie­hung durch das Revi­si­ons­ge­richt hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof geäußert:

Ver­rin­ge­rung der Ein­zie­hung durch das Revi­si­ons­ge­richt – und die Kostenentscheidung

Die Ent­schei­dung über die allein die Ein­zie­hung betref­fen­den zusätz­li­chen und damit ohne Wei­te­res aus­scheid­ba­ren Kos­ten des Ver­fah­rens und not­wen­di­gen Aus­la­gen (ins­be­son­de­re Ver­tei­di­ger­ge­büh­ren) nach Bruch­tei­len beruht auf § 473 Abs. 4 Satz 1, 2 StPO, soweit es das Revi­si­ons­ver­fah­ren betrifft, und im Übri­gen auf § 465 Abs. 2 StPO (ent­spre­chend), § 464d StPO.

Aus Rechts­grün­den hat sich der Ein­zie­hungs­um­fang jeweils deut­lich, näm­lich weit über die Hälf­te im Ver­gleich zu den Beträ­gen im ange­foch­te­nen Urteil, zuguns­ten der Ange­klag­ten ver­rin­gert. Die­ser Teil­erfolg muss sich hier in der Kos­ten­ent­schei­dung nach § 473 Abs. 4 StPO nie­der­schla­gen1; dies betrifft indes allein die Ver­tei­lung der in Bezug auf die Neben­fol­ge der Ein­zie­hung (§ 11 Abs. 1 Nr. 8 StGB) den Ver­tei­di­gern jeweils zuste­hen­den, zusätz­li­chen Gebühr (Nr. 4142 der Anla­ge 1 Teil 4 Abschnitt 1 Unter­ab­schnitt 5 zum RVG), die sich – in Abwei­chung vom all­ge­mei­nen straf­pro­zes­sua­len Ver­gü­tungs­sys­tem nach Pau­schal­sät­zen – nach dem (Gegenstands-)Wert der Ein­zie­hung bemisst (§§ 13, 49 RVG), dane­ben in der Ermä­ßi­gung der zusätz­lich ent­ste­hen­den Gerichts­ge­bühr von pau­schal 70 € (Teil 3 Haupt­ab­schnitt 4 Vor­be­mer­kung 3.4 Abs. 1 Satz 2 Abschnitt 4 Nr. 3440 der Anla­ge 1 zu § 3 Abs. 2 GKG).

Die­se bei­den „Zusatz­ge­büh­ren“ las­sen sich ohne Wei­te­res von den sons­ti­gen Rechts­mit­tel­kos­ten, die die Ange­klag­ten zu tra­gen haben, weil sie bezüg­lich des Schuld- und Straf­aus­spruchs erfolg­los geblie­ben sind (§ 473 Abs. 1 Satz 1 StPO), tren­nen2.

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Nach dem im straf­recht­li­chen Kos­ten­recht gel­ten­den Ver­an­las­sungs­prin­zip wer­den die Ver­fah­rens­kos­ten in wer­ten­der Betrach­tung grund­sätz­lich dem Ver­ur­teil­ten auf­er­legt, weil er mit sei­ner Tat das kos­ten­ver­ur­sa­chen­de Ver­fah­ren not­wen­dig gemacht hat3. Eine teil­wei­se Ent­las­tung ins­be­son­de­re von der zusätz­li­chen (Wahlverteidiger-)Gebühr nach der vor­ste­hend genann­ten Nr. 4142 VV RVG ist hier nach Bil­lig­keit auf­grund der gegen­stands­wert­ge­bun­de­nen Höhe der Ver­gü­tung (vgl. die Wert­ta­bel­le zu § 13 RVG) gebo­ten. Denn der staat­li­che Ein­zie­hungs­an­spruch (§ 73 Abs. 1, § 73c Satz 1 StGB) war bei zutref­fen­der recht­li­cher Wer­tung von vorn­her­ein auf die Abschöp­fung der Wert­stei­ge­rung beschränkt; in die­sem Sin­ne haben die Ange­klag­ten die wei­ter­ge­hen­den Zusatz­ge­büh­ren gemes­sen an dem höhe­ren Gegen­stands­wert nicht veranlasst.

Die­se Maß­stä­be gel­ten auch für die in der ers­ten Instanz ent­stan­de­nen zusätz­li­chen Ver­tei­di­ger­ge­büh­ren, die am Ein­zie­hungs­um­fang zu bemes­sen sind; die­ser ergibt sich sei­ner­seits aus dem Akten­in­halt, ins­be­son­de­re der Ankla­ge.

Da der Bun­des­ge­richts­hof bezüg­lich der Ein­zie­hungs­an­ord­nun­gen in der Sache selbst ent­schei­det, ist ihm inso­weit – nicht anders als etwa bei einem Teil­frei­spruch (§ 354 Abs. 1, § 467 Abs. 1 StPO) – die Ent­schei­dung über die zuge­hö­ri­gen Kos­ten des Ver­fah­rens und not­wen­di­gen Aus­la­gen der Betei­lig­ten zuge­wie­sen4.

In die­sem Fall hält es der Bun­des­ge­richts­hof für gebo­ten, nach der Vor­schrift des § 465 Abs. 2 Satz 3 StPO über die zusätz­li­chen Gegen­stands­wert­ge­büh­ren geson­dert zu befin­den5. Eine geson­der­te Aus­la­gen­ent­schei­dung kann auch als Fol­ge einer Ver­fah­rens­be­schrän­kung nach § 154a Abs. 2 StPO in Betracht kom­men6. Für die mit § 473 Abs. 4 StPO gleich­lau­fen­de Bil­lig­keits­ent­schei­dung sind fol­gen­de Erwä­gun­gen zu beachten:

  1. Die Tat­ge­rich­te sol­len im Sin­ne der „Wirt­schaft­lich­keit des Ver­fah­rens“ zügig über die Schuld- und Straf­fra­ge ent­schei­den; damit sie sich auf die­se Haupt­sa­che kon­zen­trie­ren kön­nen, soll ihnen im Rah­men der blo­ßen Neben­ent­schei­dung kei­ne eige­ne Pflicht zur ein­ge­hen­den Unter­su­chung der Aus­la­gen­fra­ge auf­ge­bür­det wer­den7. Des­we­gen ist die Vor­schrift des § 465 Abs. 2 StPO, mit deren Hil­fe die Straf­ge­rich­te die umfas­sen­de Kos­ten­tra­gungs­pflicht der ver­ur­teil­ten Ange­klag­ten abmil­dern kön­nen, um zu gerech­ten Kost­en­er­geb­nis­sen zu gelan­gen, als Bil­lig­keits­re­ge­lung aus­ge­stal­tet. Zudem ist stets zu beach­ten, dass die Täter durch ihre Straf­ta­ten die Straf­ver­fol­gungs­maß­nah­men ver­an­lasst haben. Der Staat ist im Straf­pro­zess nicht als teil­wei­se unter­le­gen anzu­se­hen, wenn sich die Ankla­ge­vor­wür­fe nicht in vol­lem Umfang erwei­sen las­sen8.
  2. Die zusätz­li­chen Gebüh­ren las­sen sich auch für die ers­te Instanz dem Grund nach leicht aus­schei­den und der Höhe nach ein­fach berech­nen9.
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Geson­der­te Gerichts­ge­büh­ren fal­len für die Ein­zie­hung im ers­ten Rechts­zug nicht an (vgl. Teil 3 der Anla­ge 1 zu § 3 Abs. 2 GKG); auch sind inso­weit kei­ne gericht­li­chen Aus­la­gen aus Bil­lig­keits­grün­den aus­zu­schei­den. Ins­be­son­de­re die Aus­la­gen für den Sach­ver­stän­di­gen waren bereits für den Schuldund Straf­aus­spruch rele­vant, die sich nicht betrags- und damit nicht quo­ten­mä­ßig zur Ein­zie­hung in Bezie­hung set­zen las­sen. Regel­mä­ßig wer­den sich Schuldund Ein­zie­hungs­um­fang decken und sich daher die ein­zel­nen Unter­su­chun­gen auf bei­de zugleich erstrecken.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. Febru­ar 2021 – 1 StR 423/​20

  1. vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 14.10.2020 – 5 StR 229/​19; und vom 20.01.2020 – 1 StR 529/​19[]
  2. vgl. zu ver­tei­lungs­fä­hi­gen Ein­zel­pos­ten: Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 63. Aufl., § 473 Rn. 28; SK-StPO/­De­ge­ner, 5. Aufl., § 473 Rn. 48; Münch­Komm-StPO/­Mai­er, § 473 Rn. 176[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 27.06.2006 – 2 BvR 1392/​02, BVerfGK 8, 285, 292 ff.[]
  4. vgl. nur BGH, Beschluss vom 08.12.1972 – 2 StR 29/​72, BGHSt 25, 77, 79[]
  5. vgl. zu § 465 Abs. 2 Satz 2 StPO und einem gegen­über dem Ankla­ge­vor­wurf gra­vie­rend mil­de­ren Schuld­spruch: BGH, Beschlüs­se vom 09.10.2012 – 5 StR 441/​12 Rn. 4, BGHR StPO § 465 Abs. 2 Zurück­ver­wei­sung 1; vom 02.06.2005 – 4 StR 177/​05 Rn. 4; und vom 12.02.1998 – 1 StR 777/​97 Rn. 3, BGHR StPO § 465 Abs. 2 Bil­lig­keit 4; zu einem – nach Auf­he­bung und Zurück­ver­wei­sung – erheb­lich redu­zier­tem Schuld­um­fang: BGH, Beschluss vom 21.09.1988 – 3 StR 349/​88 Rn. 4, BGHR StPO § 465 Abs. 2 Bil­lig­keit 1[]
  6. BGH, Beschlüs­se vom 17.03.1992 – 4 StR 34/​92 Rn. 2; und vom 11.06.1991 – 1 StR 267/​91 Rn. 10, BGHR StPO § 465 Abs. 2 Bil­lig­keit 3 zu Sach­ver­stän­di­gen­kos­ten; vgl. auch § 421 Abs. 1 Nrn. 1, 2 StPO[]
  7. BGH, Beschluss vom 24.01.1973 – 3 StR 21/​72, BGHSt 25, 109, 112–114[]
  8. BGH, Beschluss vom 24.01.1973 – 3 StR 21/​72, BGHSt 25, 109, 118 f.[]
  9. vgl. LR/St­PO-Hil­ger, 26. Aufl., § 465 Rn. 24; SSW-StPO/Stein­ber­ger-Fraun­ho­fer, 4. Aufl., § 465 Rn. 9; sie­he auch BGH, Beschlüs­se vom 24.01.1973 – 3 StR 21/​72, BGHSt 25, 109, 112 f., 116; und vom 23.09.1981 – 3 StR 341/​81 Rn. 3[]

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