Ver­stän­di­gungs­ge­spräch außer­halb der Haupt­ver­hand­lung – und die unvoll­stän­di­ge Mit­tei­lung

Nach § 243 Abs. 4 Satz 1 StPO teilt der Vor­sit­zen­de des Gerichts mit, ob Erör­te­run­gen nach den §§ 202a, 212 StPO statt­ge­fun­den haben, wenn deren Gegen­stand die Mög­lich­keit einer Ver­stän­di­gung (§ 257c StPO) gewe­sen ist und wenn ja, deren wesent­li­chen Inhalt.

Ver­stän­di­gungs­ge­spräch außer­halb der Haupt­ver­hand­lung – und die unvoll­stän­di­ge Mit­tei­lung

Die­se Pflicht gilt nach § 243 Abs. 4 Satz 2 StPO auch im wei­te­ren Ver­lauf der Haupt­ver­hand­lung, soweit sich Ände­run­gen gegen­über der Mit­tei­lung zu Beginn der Haupt­ver­hand­lung erge­ben haben.

Das Trans­pa­renz­ge­bot soll sicher­stel­len, dass der­ar­ti­ge Erör­te­run­gen stets in öffent­li­cher Haupt­ver­hand­lung zur Spra­che kom­men, so dass für infor­mel­les und unkon­trol­lier­ba­res Ver­hal­ten unter Umge­hung der straf­pro­zes­sua­len Grund­sät­ze kein Raum ver­bleibt [1].

Die Pflicht zur Mit­tei­lung der mit dem Ziel einer Ver­stän­di­gung über den Ver­fah­rens­aus­gang geführ­ten Gesprä­che erstreckt sich des­halb auch auf die Dar­le­gung, von wel­cher Sei­te die Fra­ge einer Ver­stän­di­gung auf­ge­wor­fen wur­de, wel­che Stand­punk­te gege­be­nen­falls ver­tre­ten wur­den und auf wel­che Reso­nanz dies bei den ande­ren am Gespräch Betei­lig­ten jeweils gesto­ßen ist [2].

Dem­entspre­chend hat der Vor­sit­zen­de Ver­lauf und Inhalt der Gesprä­che in das Pro­to­koll der Haupt­ver­hand­lung auf­zu­neh­men. Nur so wird eine effek­ti­ve Kon­trol­le in der Revi­si­ons­in­stanz ermög­licht.

Nach Maß­ga­be des­sen erwies sich in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die in öffent­li­cher Haupt­ver­hand­lung vor­ge­nom­me­ne Mit­tei­lung des Vor­sit­zen­den der Straf­kam­mer über das geführ­te Ver­stän­di­gungs­ge­spräch als unzu­rei­chend. Denn wesent­li­che Infor­ma­tio­nen, die Ablauf und Inhalt des Gesprächs offen gelegt hät­ten, teil­te der Vor­sit­zen­de in der Haupt­ver­hand­lung nicht mit. Es blieb offen, wel­che Stand­punk­te von den Teil­neh­mern des Gesprächs, ins­be­son­de­re von der Ver­tei­di­gung und der Staats­an­walt­schaft, ver­tre­ten wur­den und ob sie bei den ande­ren Gesprächs­teil­neh­mern auf Zustim­mung oder Ableh­nung gesto­ßen sind. Auch fehl­te der Hin­weis dar­auf, dass der Vor­sit­zen­de bei dem Ver­stän­di­gungs­ge­spräch davon aus­ge­gan­gen ist, der Ange­klag­te habe sich eher dilet­tan­tisch ver­hal­ten und der Steu­er­scha­den habe sich gegen­über der Ankla­ge deut­lich ver­rin­gert. Schließ­lich ent­hielt die Mit­tei­lung des Vor­sit­zen­den auch kei­ne Anga­ben zur Reak­ti­on der Staats­an­walt­schaft auf den Ver­stän­di­gungs­vor­schlag des Gerichts und ggf. ihre Vor­stel­lung über das Straf­maß und ihre Erwar­tun­gen an das Pro­zess­ver­hal­ten des Ange­klag­ten. Die Erwar­tun­gen der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten an den wei­te­ren Pro­zess­ver­lauf sind danach unklar geblie­ben; das aus § 243 Abs. 4 StPO fol­gen­de Trans­pa­renz­ge­bot ist dadurch ver­letzt.

Unter den gege­be­nen Umstän­den konn­te der Bun­des­ge­richts­hof nicht aus­schlie­ßen, dass das Urteil auf die­sem Rechts­ver­stoß beruht.

Von einem Beru­hen des Urteils auf der Ver­let­zung der Mit­tei­lungs­pflicht aus § 243 Abs. 4 StPO ist aus­zu­ge­hen, wenn sich nicht aus­schlie­ßen lässt, dass das Gericht bei gesetz­mä­ßi­gem Vor­ge­hen zu einem ande­ren Ergeb­nis gelangt wäre.

Der Gesetz­ge­ber hat Ver­stö­ße gegen die ver­fah­rens­recht­li­chen Siche­run­gen der Ver­stän­di­gung, zu denen auch die Trans­pa­renz- und Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten gehö­ren, nicht als abso­lu­te Revi­si­ons­grün­de ein­ge­stuft [3]. Die Revi­si­ons­ge­rich­te haben daher in jedem Ein­zel­fall zu prü­fen, ob das Urteil auf dem Trans­pa­renz­ver­stoß beruht (§ 337 Abs. 1 StPO). Das gesetz­li­che Schutz­kon­zept der §§ 243 Abs. 4, 273 Abs. 1a, 257c StPO darf hier­bei jedoch nicht unter­lau­fen wer­den, so dass das Beru­hen des Urteils auf einem Ver­stoß nur aus­nahms­wei­se aus­ge­schlos­sen wer­den kann, wenn eine Beein­träch­ti­gung die­ses Schutz­kon­zepts nicht droht [4]. In beson­ders gela­ger­ten Ein­zel­fäl­len ist dies denk­bar, wenn etwa fest­steht, dass es tat­säch­lich kei­ne Ver­stän­di­gungs­ge­sprä­che gege­ben hat oder der Pro­zess­ver­lauf trotz statt­ge­fun­de­ner Gesprä­che nicht beein­flusst wor­den ist [5]. Bei der Prü­fung durch die Revi­si­ons­ge­rich­te sind auch Art und Schwe­re des Ver­sto­ßes in den Blick zu neh­men [6].

Auch wenn hier aus­zu­schlie­ßen ist, dass der Trans­pa­renz­ver­stoß auf die Ver­schleie­rung gesetz­wid­ri­ger „infor­mel­ler“ Ver­stän­di­gungs­be­mü­hun­gen gerich­tet war, kann der Bun­des­ge­richts­hof gleich­wohl nicht aus­schlie­ßen, dass das Urteil auf dem Trans­pa­renz­ver­stoß beruht.

Dies gilt zunächst hin­sicht­lich der Ver­ur­tei­lung des Ange­klag­ten wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung in 29 Fäl­len.

Der Ver­stoß gegen die Mit­tei­lungs­pflicht aus § 243 Abs. 4 Satz 2 StPO hat­te inso­weit erheb­li­ches Gewicht, weil in der Mit­tei­lung die Neu­be­wer­tung der Beweis­la­ge und des Hin­ter­zie­hungs­um­fangs durch die Straf­kam­mer fehl­te, die für das Ver­tei­di­gungs­ver­hal­ten des Ange­klag­ten von gro­ßer Bedeu­tung sein konn­te, näm­lich dass der Steu­er­scha­den deut­lich nied­ri­ger lie­gen dürf­te als in der Ankla­ge ange­nom­men und sich die Vor­ge­hens­wei­se des Ange­klag­ten als eher dilet­tan­tisch dar­stell­te. Der Ange­klag­te hat­te die­se Tat­vor­wür­fe ins­ge­samt bestrit­ten und äußer­te sich nach der Mit­tei­lung über das Ver­stän­di­gungs­ge­spräch nicht mehr. Der Bun­des­ge­richts­hof kann nicht aus­schlie­ßen, dass sich der Ange­klag­te nun­mehr ein­ge­las­sen und anders als bis­her ver­tei­digt hät­te, wenn ihm vom Vor­sit­zen­den die neue Ein­schät­zung der Straf­kam­mer zur Beweis­si­tua­ti­on mit­ge­teilt wor­den wäre. Eben­so wenig kann der Bun­des­ge­richts­hof aus­schlie­ßen, dass der Ange­klag­te nach einer sol­chen Mit­tei­lung noch ein Geständ­nis abge­legt hät­te, um eine Stra­fe in dem vom Gericht genann­ten Rah­men zu erhal­ten. Die Gesamt­frei­heits­stra­fe von sie­ben Jah­ren, zu wel­cher der Ange­klag­te ver­ur­teilt wor­den ist, liegt ober­halb die­ses Rah­mens.

Für Ver­ur­tei­lung des Ange­klag­ten wegen Betru­ges in fünf Fäl­len und ver­such­ten Betru­ges kann im Ergeb­nis nichts ande­res gel­ten.

Zwar hat­te der Ange­klag­te die Tat­vor­wür­fe des Betru­ges und ver­such­ten Betru­ges bereits nach dem Ver­stän­di­gungs­vor­schlag des Gerichts vom drit­ten Haupt­ver­hand­lungs­tag – mit­hin ohne die Absi­che­rung durch eine Ver­stän­di­gung – im Wesent­li­chen gestan­den. Auf­grund der Mit­tei­lung des Vor­sit­zen­den über das Ver­stän­di­gungs­ge­spräch vom 15.07.2014 erfuhr er, dass die Straf­kam­mer an ihrem Ver­stän­di­gungs­vor­schlag fest­hal­ten wol­le. Ange­sichts des bereits vor­her abge­ge­be­nen Geständ­nis­ses liegt es nahe, dass sich der Ange­klag­te hin­sicht­lich die­ser Tat­vor­wür­fe nicht anders ein­ge­las­sen hät­te, wenn der Vor­sit­zen­de ihn – der Mit­tei­lungs­pflicht aus § 243 Abs. 4 Satz 2 StPO ent­spre­chend – dar­über infor­miert hät­te, wel­che Stand­punk­te die ein­zel­nen Gesprächs­teil­neh­mer bei dem Ver­stän­di­gungs­ge­spräch ver­tra­ten und wie die Straf­kam­mer die Beweis­si­tua­ti­on ein­schätz­te.

Letzt­lich kann der Bun­des­ge­richts­hof gleich­wohl nicht aus­schlie­ßen, dass auch die Ver­ur­tei­lung wegen der Betrug­s­ta­ten auf dem Ver­fah­rens­ver­stoß beruht. Denn das Geständ­nis des Ange­klag­ten ent­hielt Ein­schrän­kun­gen zu sei­ner Betei­li­gung an ban­den­mä­ßig began­ge­nen Betrug­s­ta­ten. Das Land­ge­richt hat den Ange­klag­ten, auch wenn dies nur in den Urteils­grün­den und nicht im Tenor zum Aus­druck kommt, jeweils wegen des Qua­li­fi­ka­ti­ons­tat­be­stan­des des (ver­such­ten) ban­den- und gewerbs­mä­ßi­gen Betru­ges (§ 263 Abs. 5 StGB) ver­ur­teilt. Der Bun­des­ge­richts­hof kann daher letzt­lich nicht aus­schlie­ßen, dass sich der Ange­klag­te gera­de zu sei­ner Ban­den­mit­glied­schaft nach einer voll­stän­di­gen Mit­tei­lung des Vor­sit­zen­den über das Ver­stän­di­gungs­ge­spräch anders als zuvor ein­ge­las­sen hät­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Juli 2016 – 1 StR 315/​15

  1. vgl. BVerfG, Urteil vom 19.03.2013 – 2 BvR 2628/​10, 2883/​10, 2155/​11, BVerfGE 133, 168 ff.; BGH, Beschluss vom 15.01.2015 – 1 StR 315/​14, BGHSt 60, 150, 152; Urteil vom 05.06.2014 – 2 StR 381/​13, NStZ 2014, 601, 602; Beschlüs­se vom 05.10.2010 – 3 StR 287/​10, StV 2011, 72, 73; vom 08.10.2013 – 4 StR 272/​13, StV 2014, 67; vom 03.12 2013 – 2 StR 410/​13, NStZ 2014, 219; vom 15.04.2014 – 3 StR 89/​14, NStZ 2014, 418; und vom 22.07.2014 – 1 StR 210/​14, NStZ 2015, 48[]
  2. vgl. BVerfG aaO, BVerfGE 133, 168, 215 f.; BGH, Beschluss vom 15.01.2015 – 1 StR 315/​14, BGHSt 60, 150, 152; Urteil vom 05.06.2014 – 2 StR 381/​13, NStZ 2014, 601, 602; Beschlüs­se vom 05.10.2010 – 3 StR 287/​10, StV 2011, 72, 73; vom 03.12 2013 – 2 StR 410/​13, NStZ 2014, 219; und vom 09.04.2014 – 1 StR 612/​13, NStZ 2014, 416, 417[]
  3. vgl. BVerfG aaO, BVerfGE 133, 168, 223, Rn. 97; BVerfG, Beschluss vom 15.01.2015 – 2 BvR 878/​14, Rn. 29, NStZ 2015, 170, 172[]
  4. BVerfG aaO, BVerfGE 133, 168, 223, Rn. 97; BVerfG, Beschluss vom 26.08.2014 – 2 BvR 2172/​13, NStZ 2014, 592, 594[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 15.01.2015 – 1 StR 315/​14, BGHSt 60, 150, 153 f. mwN[]
  6. BVerfG, Beschluss vom 15.01.2015 – 2 BvR 878/​14, Rn. 29, NStZ 2015, 170, 172[]