Ver­stän­di­gungs­ge­sprä­che – und die for­mell­haf­te oder ver­spä­te­te Erfül­lung der Mit­tei­lungs­pflicht

Gemäß § 243 Abs. 4 Satz 1 und 2 StPO ist über Erör­te­run­gen nach §§ 202a, 212 StPO zu berich­ten, die – wie hier – außer­halb der Haupt­ver­hand­lung statt­ge­fun­den haben und deren Gegen­stand die Mög­lich­keit einer Ver­stän­di­gung (§ 257c StPO) gewe­sen ist.

Ver­stän­di­gungs­ge­sprä­che – und die for­mell­haf­te oder ver­spä­te­te Erfül­lung der Mit­tei­lungs­pflicht

Das Trans­pa­renz­ge­bot soll sicher­stel­len, dass der­ar­ti­ge Erör­te­run­gen stets in der öffent­li­chen Haupt­ver­hand­lung zur Spra­che kom­men und durch die Mög­lich­keit, Gesprä­che außer­halb der Haupt­ver­hand­lung zu füh­ren, kein infor­mel­les und unkon­trol­lier­tes Ver­fah­ren betrie­ben wird 1.

Die Mit­tei­lungs­pflicht erstreckt sich auch auf die Dar­le­gung, von wel­cher Sei­te die Fra­ge einer Ver­stän­di­gung auf­ge­wor­fen wur­de, wel­che Stand­punk­te gege­be­nen­falls ver­tre­ten wur­den und auf wel­che Reso­nanz dies bei den ande­ren am Gespräch Betei­lig­ten jeweils gesto­ßen ist 2. Dabei ist über die statt­ge­fun­de­nen Erör­te­run­gen jeden­falls in der Regel unver­züg­lich zu infor­mie­ren 3.

Erfor­der­lich ist zudem, dass das Urteil im Sin­ne von § 337 Abs. 1 StPO auf dem Ver­fah­rens­ver­stoß beruht.

Ein Urteil beruht auf einem Rechts­feh­ler, wenn es ohne die­sen mög­li­cher­wei­se anders aus­ge­fal­len wäre. An einer sol­chen Mög­lich­keit fehlt es, wenn ein ursäch­li­cher Zusam­men­hang mit Sicher­heit aus­ge­schlos­sen wer­den kann bzw. rein theo­re­ti­scher Natur ist. Ins­be­son­de­re bei Ver­stö­ßen gegen das Ver­fah­rens­recht hängt die­se Ent­schei­dung stark von den Umstän­den des Ein­zel­fal­les ab 4.

Ein Urteil beruht auf einem Rechts­feh­ler, wenn es ohne die­sen mög­li­cher­wei­se anders aus­ge­fal­len wäre. An einer sol­chen Mög­lich­keit fehlt es, wenn ein ursäch­li­cher Zusam­men­hang mit Sicher­heit aus­ge­schlos­sen wer­den kann bzw. rein theo­re­ti­scher Natur ist. Ins­be­son­de­re bei Ver­stö­ßen gegen das Ver­fah­rens­recht hängt die­se Ent­schei­dung stark von den Umstän­den des Ein­zel­fal­les ab 4.

Aus­ge­hend von die­sen Maß­stä­ben ist zunächst aus­zu­schlie­ßen, dass der Schuld­spruch durch die unzu­rei­chen­de Mit­tei­lung über das geführ­te Gespräch vom 23.10.2012 beein­flusst wur­de. Sei­ne Fest­stel­lun­gen hat das Land­ge­richt nach umfas­sen­der Beweis­auf­nah­me und auf­grund einer – aus­weis­lich der Urteils­ur­kun­de sehr sorg­fäl­ti­gen – Beweis­wür­di­gung rechts­feh­ler­frei getrof­fen. Auch im Fal­le eines früh­zei­ti­gen Geständ­nis­ses wäre die Straf­kam­mer zwin­gend gehal­ten gewe­sen, das Geständ­nis umfas­send auf sei­ne Glaub­haf­tig­keit zu über­prü­fen 5. Es ist nichts dafür ersicht­lich, dass der Ange­klag­te die ihm zur Last geleg­ten Taten noch umfas­sen­der oder unter noch wei­ter­ge­hen­dem Beweis­an­tritt in Abre­de gestellt hät­te, wenn er über den Inhalt des Gesprächs vom 23.10.2012 früh­zei­tig voll­um­fäng­lich infor­miert wor­den wäre.

Es ist fer­ner aus­zu­schlie­ßen, dass sich der Ange­klag­te bei recht­zei­ti­ger voll­stän­di­ger Unter­rich­tung über das Gespräch vom 23.10.2012 früh­zei­tig gestän­dig im Sin­ne der getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen ein­ge­las­sen hät­te, und der Straf­aus­spruch wegen des in die­sem Fall gege­be­nen bestim­men­den Straf­mil­de­rungs­grun­des ohne den Rechts­feh­ler mil­der aus­ge­fal­len wäre. Der Ange­klag­te hat sich auch nach der Mit­tei­lung vom 10.04.2014 an die­sem Haupt­ver­hand­lungs­ta­ge ein­ge­las­sen. Dane­ben ist er – in Kennt­nis der Aus­füh­run­gen sei­ner Ver­tei­di­ger vom 15.04.2014 und der Staats­an­walt­schaft vom 25.04.2014 – im wei­te­ren Ver­lauf der bis zu sei­nem letz­ten Wort (§ 258 Abs. 2 StPO) noch elf Haupt­ver­hand­lungs­ta­ge andau­ern­den Haupt­ver­hand­lung nicht auf die ursprüng­li­che Anre­gung des Land­ge­richts, sich zum Straf­maß zu ver­stän­di­gen, zurück­ge­kom­men. Ange­sichts des­sen steht zur Über­zeu­gung des Bun­des­ge­richts­hofs fest, dass der Ange­klag­te kein Inter­es­se an einer Ver­stän­di­gung auf Grund­la­ge der am 23.10.2012 geäu­ßer­ten Vor­stel­lun­gen der Straf­kam­mer hat­te.

Der Bun­des­ge­richts­hof hält an sei­ner Auf­fas­sung fest, dass die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts der oben dar­ge­leg­ten, bereits vom Reichs­ge­richt begrün­de­ten Aus­le­gung des § 337 StPO nicht ent­ge­gen­steht und die maß­ge­bend auf die Kau­sa­li­tät abstel­len­de Beru­hens­prü­fung auch bei Ver­let­zung von § 243 Abs. 4 StPO nicht um nor­ma­ti­ve Gesichts­punk­te zu ergän­zen ist 6. Selbst wenn man jedoch unter Zurück­stel­lung der in der Ent­schei­dung vom 23.07.2015 dar­ge­leg­ten Beden­ken den in den Kam­mer­ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 7 auf­ge­stell­ten Maß­stä­ben zur nor­ma­ti­ven Beru­hens­prü­fung fol­gen wür­de, wäre nach den dort auf­ge­zeig­ten Kri­te­ri­en hier ein Fall gege­ben, der die Wer­tung, dass das Urteil auf dem Ver­stoß gegen § 243 Abs. 4 StPO nicht beruht, recht­fer­ti­gen wür­de. Hier­zu gilt:

Es steht fest, dass eine rechts­wid­ri­ge und infor­mel­le Ver­stän­di­gung zu kei­nem Zeit­punkt beab­sich­tigt war. Der zwei­fels­freie; vom Revi­si­ons­füh­rer selbst mit­ge­teil­te Inhalt des am 23.10.2012 geführ­ten Gesprächs gibt mit Blick auf den Rege­lungs­in­halt des § 257c Abs. 2 StPO kei­nen Grund zur Bean­stan­dung. Dass der Straf­kam­mer an einer ver­stän­di­gungs­ba­sier­ten Been­di­gung des Ver­fah­rens gele­gen war, wur­de zu kei­ner Zeit ver­schwie­gen. Viel­mehr hat­te der Vor­sit­zen­de der Straf­kam­mer dies noch am 23.10.2012 durch sei­ne Erklä­rung, ein ent­spre­chen­des Rechts­ge­spräch sei erfolg­los ver­lau­fen, in der Haupt­ver­hand­lung öffent­lich gemacht.

Auch Art und Schwe­re des Ver­sto­ßes gegen § 243 Abs. 4 StPO begrün­den bei der nach der Kam­mer­recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gebo­te­nen nor­ma­ti­ven Betrach­tung ein Beru­hen des Urteils auf der unter­las­se­nen Mit­tei­lung nicht. Unter die­sem Gesichts­punkt ist zunächst in den Blick zuneh­men, dass das Vor­ge­hen der Straf­kam­mer durch die Mit­tei­lung des Vor­sit­zen­den vom ers­ten Haupt­ver­hand­lungs­tag sowohl gegen­über dem Ange­klag­ten als auch gegen­über der Öffent­lich­keit offen gelegt wur­de. Ange­sichts des fest­ste­hen­den unbe­denk­li­chen Inhalts des geführ­ten Gesprächs ist nicht zu erken­nen, wes­halb der Ange­klag­te im Anschluss hier­an unzu­tref­fend oder unzu­rei­chend über den Gesprächs­in­halt von sei­nen Ver­tei­di­gern unter­rich­tet wor­den sein soll­te oder wor­den wäre, hät­te er sich bei die­sen nach der Mit­tei­lung des Vor­sit­zen­den über Inhalt und Ver­lauf des Gesprächs erkun­digt. Schließ­lich ist eine detail­lier­te­re Unter­rich­tung von Ange­klag­ten und Öffent­lich­keit spä­ter vor­ge­nom­men wor­den 8. Dass der Vor­sit­zen­de hier­bei in sei­ner Erklä­rung vom 10.04.2014 die in dem Gespräch sei­tens des Gerichts genann­te Straf­vor­stel­lung (sie­ben Jah­re drei Mona­te bis sie­ben Jah­re neun Mona­te) falsch wie­der­ge­ge­ben hat­te, indem er auf das Nicht­über­schrei­ten einer Straf­ober­gren­ze von acht Jah­ren abstell­te, führt zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis. Es kann dahin­ste­hen, ob es sich hier­bei nicht ohne­hin nur um eine gering­fü­gi­ge Abwei­chung zu dem ursprüng­li­chen Vor­schlag han­del­te. Jeden­falls waren der Ange­klag­te und die Öffent­lich­keit durch die ergän­zen­den Stel­lung­nah­men der Ver­tei­di­ger des Ange­klag­ten und der Staats­an­walt­schaft in den fol­gen­den Haupt­ver­hand­lungs­ta­gen zutref­fend ins Bild gesetzt wor­den. Rele­van­te Infor­ma­ti­ons­de­fi­zi­te bestan­den jeden­falls danach nicht mehr.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Dezem­ber 2015 – 3 StR 163/​15

  1. vgl. BVerfG, Urteil vom 19.03.2013 – 2 BvR 2628/​10 u.a., BVerfGE 133, 168, 215 ff.; BGH, Beschluss vom 15.04.2014 – 3 StR 89/​14, NStZ 2014, 418 mwN[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 05.10.2010 – 3 StR 287/​10, wis­tra 2011, 72, 73; vom 15.01.2015 – 1 StR 315/​14, NJW 2015, 645[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 05.10.2010 – 3 StR 287/​10, wis­tra 2011, 72, 73; vom 27.01.2015 – 1 StR 393/​14, NStZ 2015, 353[]
  4. vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 15.11.1968 – 4 StR 190/​68, BGHSt 22, 278, 280; vom 08.11.1984 – 1 StR 608/​84, NStZ 1985, 135; vom 11.05.2011 – 2 StR 590/​10, BGHSt 56, 235, 238; Beschluss vom 19.08.2010 – 3 StR 226/​10, wis­tra 2011, 73, 74; Urteil vom 23.07.2015 – 3 StR 470/​14 17[][]
  5. BVerfG, Urteil vom 19.03.2013 – 2 BvR 2628/​10 u.a., BVerfGE 133, 168, 209 f.[]
  6. BGH, Urteil vom 23.07.2015 – 3 StR 470/​14 21 ff.[]
  7. Beschlüs­se vom 15.01.2015 – 2 BvR 878/​14, NStZ 2015, 170; 2 BvR 2055/​14, NStZ 2015, 172[]
  8. zu einem Aus­schluss des Beru­hens bei ver­gleich­ba­rer Sach­la­ge BVerfG, Beschluss vom 15.01.2015 – 2 BvR 878/​14, NStZ 2015, 170, 172; BGH, Beschluss vom 11.06.2015 – 1 StR 590/​14, NStZ-RR 2015, 379[]