Ver­stän­di­gungs­ge­sprä­che – und die Mit­tei­lung des Initia­tors

Nach § 243 Abs. 4 Satz 1 StPO hat der Vor­sit­zen­de mit­zu­tei­len, ob Erör­te­run­gen nach §§ 202a, 212 StPO statt­ge­fun­den haben, wenn deren Gegen­stand die Mög­lich­keit einer Ver­stän­di­gung (§ 257c StPO) gewe­sen ist, und wenn ja, deren wesent­li­chen Inhalt. Hier­durch soll sicher­ge­stellt wer­den, dass Gesprä­che, wel­che die Mög­lich­keit einer Ver­stän­di­gung zum Gegen­stand hat­ten, stets in der Haupt­ver­hand­lung zur Spra­che kom­men (Trans­pa­renz­ge­bot) [1].

Ver­stän­di­gungs­ge­sprä­che – und die Mit­tei­lung des Initia­tors

Zu dem mit­zu­tei­len­den Inhalt gehört auch dann, wenn kei­ne Ver­stän­di­gung zustan­de gekom­men ist, jeden­falls der Ver­stän­di­gungs­vor­schlag und die zu die­sem abge­ge­be­nen Erklä­run­gen der übri­gen Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten [2].

Dem­ge­gen­über gehört die Fra­ge, von wem die Initia­ti­ve zu dem Gespräch aus­ge­gan­gen ist, in dem ein Ver­stän­di­gungs­vor­schlag unter­brei­tet oder über die Mög­lich­keit einer Ver­stän­di­gung gespro­chen wur­de, nicht zu dem gemäß § 243 Abs. 4 Satz 1 StPO mit­zu­tei­len­den wesent­li­chen Inhalt des Gesprächs. Sie betrifft allein den äuße­ren Ablauf des Ver­fah­rens, nicht aber den Inhalt von Ver­stän­di­gungs­ge­sprä­chen [3].

Dies ergibt sich schon aus dem Wort­laut von § 243 Abs. 4 Satz 1 StPO, der die Mit­tei­lungs­pflicht ledig­lich auf den „Inhalt“ des Gesprächs bezieht, nicht aber auf die Art und Wei­se, wie es zustan­de gekom­men ist. Vom Begriff „Inhalt“ ist die Fra­ge, auf wes­sen Initia­ti­ve es zu einem Gespräch kam, nicht umfasst.

Die­ses Ergeb­nis ent­spricht auch der Aus­le­gung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in sei­nem Urteil vom 19.03.2013 [4]. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bezieht dar­in die Mit­tei­lungs­pflicht des § 243 Abs. 4 StPO nur auf den Gesprächs­in­halt und nicht auf die Gesprächs­ge­ne­se [5]. Zu dem mit­zu­tei­len­den Gesprächs­in­halt gehört nach dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, wel­che Stand­punk­te von den ein­zel­nen Gesprächs­teil­neh­mern ver­tre­ten wur­den, von wel­cher Sei­te die Fra­ge einer Ver­stän­di­gung auf­ge­wor­fen wur­de und ob sie bei ande­ren Gesprächs­teil­neh­mern auf Zustim­mung oder Ableh­nung gesto­ßen ist [4]. Eine Mit­tei­lungs­pflicht hin­sicht­lich der Fra­ge, wer die Initia­ti­ve zur Ver­stän­di­gung ergrif­fen hat, besteht des­halb auch nach der Auf­fas­sung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nur inso­weit, als gera­de die­ser Umstand Inhalt des mit­zu­tei­len­den Gesprächs war. Des­halb unter­fällt der Mit­tei­lungs­pflicht nach § 243 Abs. 4 StPO ledig­lich die Fra­ge, wer in einem auf Ver­stän­di­gung abzie­len­den Gespräch die Fra­ge der Ver­stän­di­gung auf­ge­wor­fen hat.

Dies wird auch aus der vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor­ge­nom­me­nen Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Mit­tei­lungs­pflich­ten über außer­halb der Haupt­ver­hand­lung geführ­te Gesprä­che einer­seits und Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten bezüg­lich inner­halb der Haupt­ver­hand­lung geführ­ter Gesprä­che ande­rer­seits deut­lich. Bei letz­te­ren ver­langt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt – nicht nur im Wort­laut, son­dern auch in der Rei­hen­fol­ge deut­lich abwei­chend von den bei § 243 Abs. 4 StPO genann­ten Mit­tei­lungs­in­hal­ten – die Pro­to­kol­lie­rung, wer die Anre­gung zu den Gesprä­chen gab und wel­chen Inhalt die ein­zel­nen Dis­kus­si­ons­bei­trä­ge aller Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten sowie der Rich­ter hat­ten, ins­be­son­de­re von wel­chem Sach­ver­halt sie hier­bei aus­gin­gen und wel­che Ergeb­nis­vor­stel­lun­gen sie äußer­ten [6]. Dies alles sind Umstän­de, die das in öffent­li­cher Haupt­ver­hand­lung pas­sie­ren­de Ver­stän­di­gungs­ge­sche­hen prä­gen, in die­ser wahr­ge­nom­men wer­den kön­nen und des­halb der erwei­ter­ten Pro­to­kol­lie­rungs­pflicht unter­fal­len (vgl. auch § 273 Abs. 1a Satz 1 in Ver­gleich zu § 273 Abs. 1a Satz 2 StPO).

Soweit der Bun­des­ge­richts­hof in ver­schie­de­nen Ent­schei­dun­gen, auf die sich die Revi­si­on bezieht, auch von einer Mit­tei­lungs­pflicht zu der Fra­ge aus­geht, auf wes­sen Initia­ti­ve es zu dem Ver­stän­di­gungs­ge­spräch gekom­men ist [7], hält er hier­an aus den oben genann­ten Grün­den nicht fest.

Auch die übri­gen Straf­se­na­te des Bun­des­ge­richts­hofs haben anknüp­fend an das Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 19.03.2013 [4] die aus § 243 Abs. 4 StPO fol­gen­de Mit­tei­lungs­pflicht gemäß dem Wort­laut der Norm bis­lang – soweit ersicht­lich – tra­gend ledig­lich auf den Inhalt von ver­stän­di­gungs­ori­en­tier­ten Vor­ge­sprä­chen bezo­gen, nicht aber auf die Art und Wei­se, wie sol­che Gesprä­che zustan­de gekom­men sind [8].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Dezem­ber 2014 – 1 StR 422/​14

  1. vgl. BVerfG, Urteil vom 19.03.2013 – 2 BvR 2628/​10 u.a., BVerfGE 133, 168, 215; BGH, Beschluss vom 15.04.2014 – 3 StR 89/​14, NStZ 2014, 418[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 23.10.2013 – 5 StR 411/​13, NStZ 2013, 722; und vom 09.04.2014 – 1 StR 612/​13, NStZ 2014, 416[]
  3. vgl. Schnei­der, NStZ 2014, 192, 200[]
  4. BVerfG, aaO[][][]
  5. BVerfG, aaO S. 215 Rn. 85[]
  6. BVerfG, aaO Rn. 86[]
  7. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 09.04.2014 – 1 StR 612/​13, NStZ 2014, 416; vom 22.07.2014 – 1 StR 210/​14, NStZ 2015, 48; vom 08.10.2014 – 1 StR 352/​14; und vom 18.12 2014 – 1 StR 242/​14; enger hin­ge­gen noch Bun­des­ge­richts­hof, Beschlüs­se vom 02.10.2013 – 1 StR 386/​13, NStZ 2014, 168; und vom 29.11.2013 – 1 StR 200/​13, NStZ 2014, 221[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 10.07.2013 – 2 StR 195/​12, BGHSt 58, 310; Beschlüs­se vom 08.10.2013 – 4 StR 272/​13, StV 2014, 67; vom 23.10.2013 – 5 StR 411/​13, NStZ 2013, 722 m. Anm. Mos­ba­cher; vom 25.11.2013 – 5 StR 502/​13, NStZ-RR 2014, 52; vom 03.12 2013 – 2 StR 410/​13, NStZ 2014, 219; vom 15.04.2014 – 3 StR 89/​14, NStZ 2014, 418; vom 29.04.2014 – 3 StR 24/​14, NStZ 2014, 529 m. Anm. All­gay­er; Urteil vom 05.06.2014 – 2 StR 381/​13, NStZ 2014, 601 m. Anm. Gru­be; Beschlüs­se vom 14.07.2014 – 5 StR 217/​14, NStZ-RR 2014, 315; vom 29.07.2014 – 4 StR 126/​14, NJW 2014, 3385[]