Ver­sto­ßes gegen Wei­sun­gen wäh­rend der Füh­rungs­auf­sicht

Eine Ver­ur­tei­lung wegen Ver­sto­ßes gegen Wei­sun­gen wäh­rend der Füh­rungs­auf­sicht gemäß § 145a Satz 1 StGB kann nicht bestehen blei­ben, wenn das Gericht Fäl­len kei­ne Fest­stel­lun­gen zu der für einen Schuld­spruch erfor­der­li­chen Gefähr­dung des Zwecks der Maß­re­gel getrof­fen hat.

Ver­sto­ßes gegen Wei­sun­gen wäh­rend der Füh­rungs­auf­sicht

§ 145a Satz 1 StGB setzt vor­aus, dass durch den Wei­sungs­ver­stoß eine Gefähr­dung des Maß­re­gel­zwecks ein­ge­tre­ten ist. Dies ist dann der Fall, wenn sich dadurch die Gefahr wei­te­rer Straf­ta­ten erhöht oder die Aus­sicht ihrer Abwen­dung ver­schlech­tert hat 1. Dazu bedarf es eines am Ein­zel­fall ori­en­tier­ten Wahr­schein­lich­keits­ur­teils, das neben dem sons­ti­gen Ver­hal­ten des Ange­klag­ten auch die kon­kre­te spe­zi­al­prä­ven­ti­ve Ziel­set­zung der ver­letz­ten Wei­sung in den Blick nimmt 2.

Die­sen Anfor­de­run­gen wer­den die Urteils­grün­de im hier ent­schie­de­nen Fall nicht gerecht. Das Land­ge­richt hat ledig­lich fest­ge­stellt, dass der nach der Erle­di­gung sei­ner Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus unter Füh­rungs­auf­sicht ste­hen­de Ange­klag­te gegen die ihm vom Land­ge­richt Pader­born erteil­ten straf­be­wehr­ten Wei­sun­gen, "sich unan­ge­kün­dig­ten Dro­gen­tests nach Wei­sung des Bewäh­rungs­hel­fers zu unter­zie­hen" und kei­nen Alko­hol zu sich zu neh­men, ver­sto­ßen hat, indem er einer Auf­for­de­rung sei­ner Bewäh­rungs­hel­fe­rin, inner­halb von drei Tagen ein Dro­gen­scree­ning vor­zu­le­gen, nicht nach­kam und an einem ande­ren Tag- alko­ho­li­siert war (Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on 0,36‰). Inwie­weit die­se Ver­stö­ße die Gefahr wei­te­rer Straf­ta­ten erhöht oder die Aus­sicht ihrer Abwen­dung ver­schlech­tert haben könn­ten, teilt das Urteil nicht mit. Dies liegt hier auch nicht auf der Hand. Ob und inwie­weit die ein­ma­li­ge Miss­ach­tung einer Wei­sung, sich einem Dro­gen­scree­ning zu unter­zie­hen, die Gefahr wei­te­rer Straf­ta­ten erhöht, kann nur mit Blick auf das übri­ge Ver­hal­ten des Täters beant­wor­tet wer­den 3. Hin­sicht­lich des gegen die Absti­nen­zwei­sung ver­sto­ßen­den Alko­hol­kon­sums spre­chen die von der Straf­kam­mer zur Ableh­nung einer Anord­nung nach § 64 StGB getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen sogar gegen die Annah­me einer Gefähr­dung des Maß­re­gel­zwecks. Danach sind die Anlass­straf­ta­ten auf die bei dem Ange­klag­ten fest­ge­stell­te Per­sön­lich­keits­stö­rung im Zusam­men­hang mit einer dro­gen­in­du­zier­ten Psy­cho­se zurück­zu­füh­ren. Der Sucht­mit­tel­kon­sum war dane­ben ledig­lich sekun­där.

Ein Wei­sungs­ver­stoß unter­fällt nur dann dem objek­ti­ven Tat­be­stand des § 145a Satz 1 StGB, wenn die frag­li­che Wei­sung rechts­feh­ler­frei ist 4. Dies ist in den Urteils­grün­den voll­stän­dig dar­zu­stel­len 5. Dabei wird hin­sicht­lich der Wei­sung, ein Dro­gen­scree­ning vor­zu­le­gen, näher als bis­her dar­auf ein­zu­ge­hen sein, ob die sich aus dem Bestimmt­heits­grund­satz erge­ben­den Anfor­de­run­gen erfüllt sind 6. In Bezug auf die Absti­nen­zwei­sung wird sich der neue Tatrich­ter mit der Fra­ge zu befas­sen haben, ob bei ihrer Ertei­lung gegen­über dem psy­chisch kran­ken Ange­klag­ten der Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz beach­tet wur­de 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Juni 2018 – 4 StR 25/​18

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 09.10.2017 – 2 StR 31/​17, Stra­Fo 2017, 512; Urteil vom 18.12 2012 – 1 StR 415/​12, BGHSt 58, 72, 75; Beschluss vom 28.05.2008 – 1 StR 243/​08, NStZ-RR 2008, 277, 278[]
  2. Ein­zel­hei­ten bei Rog­gen­buck in: LK-StGB, 12. Aufl., § 145a Rn. 18 ff. mwN[]
  3. vgl. dazu BGH, Urteil vom 18.12 2012 – 1 StR 415/​12, BGHSt 58, 72, 75[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 19.08.2015 – 5 StR 275/​15, StV 2017, 36; Urteil vom 07.02.2013 – 3 StR 486/​12, BGHSt 58, 136 mwN[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 11.02.2016 – 2 StR 512/​15, BGHR StGB § 145a Bestimmt­heit 2[]
  6. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 19.08.2015 – 5 StR 275/​15, StV 2017, 36; Urteil vom 07.02.2013 – 3 StR 486/​12, Rn. 4 inso­fern nicht abge­druckt in BGHSt 58, 136; Urteil vom 18.12 2012 – 1 StR 415/​12, BGHSt 58, 72 Rn. 18 [Mel­de­wei­sung]; Rog­gen­buck in: LK-StGB, 12. Aufl., § 145a Rn. 8 ff.[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 30.03.2016 – 2 BvR 496/​12, NJW 2016, 2170 mwN[]