Ver­suchs­be­ginn beim Ein­bruch­dieb­stahl

Für den Ver­suchsbge­inn bei Dieb­stahls­de­lik­ten ist dar­auf abzu­stel­len, ob aus Täter­sicht bereits die kon­kre­te Gefahr eines unge­hin­der­ten Zugriffs auf das in Aus­sicht genom­me­ne Stehl­gut besteht, so dass für den Ver­suchs­be­ginn der ers­te Angriff auf den Schutz­me­cha­nis­mus regel­mä­ßig aus­reicht, wenn sich der Täter bei des­sen Über­win­dung nach dem Tat­plan ohne tat­be­stands­frem­de Zwi­schen­schrit­te, zeit­li­che Zäsur oder wei­te­re eigen­stän­di­ge Wil­lens­bil­dung einen unge­hin­der­ten Zugriff auf die erwar­te­te Beu­te vor­stellt.

Ver­suchs­be­ginn beim Ein­bruch­dieb­stahl

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall woll­te der Ange­klag­te einen Ziga­ret­ten­au­to­ma­ten auf­bre­chen, um Ziga­ret­ten und Bar­geld zu ent­wen­den. Er leg­te am Auto­ma­ten ver­schie­de­nes Ein­bruchs­werk­zeug ab (Kuh­fuß, Trenn­schlei­fer mit Trenn­schei­ben, Ham­mer, Schrau­ben­zie­her, Kabel­trom­mel). Mit einem Hand­tuch und einer Pla­ne ver­hüll­te er den Auto­ma­ten, um die Geräu­sche sei­nes Tuns zu dämp­fen. Er ging davon aus, in unmit­tel­ba­rer Nähe einen Strom­an­schluss zu fin­den, und leg­te des­halb mit der Kabel­trom­mel über die Stra­ße zu einem Schup­pen hin eine Strom­lei­tung. Weder dort noch anders­wo fand er aller­dings in erreich­ba­rer Nähe eine Steck­do­se. Er erkann­te, dass er den Ziga­ret­ten­au­to­ma­ten mit dem Trenn­schlei­fer nicht wür­de öff­nen kön­nen. Zwar hat­te er von vorn­her­ein auch alter­na­ti­ve Mög­lich­kei­ten des Auf­bruchs des Auto­ma­ten in Betracht gezo­gen und des­halb auch ande­res Werk­zeug davor depo­niert. Dazu kam er aber nicht mehr. Da er sich – zutref­fend – ent­deckt wähn­te und die Alar­mie­rung der Poli­zei fürch­te­te, ver­ließ er unter Zurück­las­sen der Auf­bruchs­werk­zeu­ge flucht­ar­tig den Tat­ort.

Der Bun­des­ge­richts­hof bejah­te in die­sem Fall einen straf­ba­ren Dieb­stahls­ver­such:

Ver­sucht ist eine Tat, wenn der Täter nach sei­ner Vor­stel­lung unmit­tel­bar zur Tat ansetzt (§ 22 StGB). Nach der For­mel der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung muss der Täter dafür aus sei­ner Sicht die Schwel­le zum „jetzt geht’s los“ über­schrei­ten. Das ist der Fall, wenn er eine Hand­lung vor­nimmt, die nach dem Tat­plan in unge­stör­tem Fort­gang ohne Zwi­schen­schrit­te unmit­tel­bar in die Tat­be­stands­ver­wirk­li­chung ein­mün­den oder in einem unmit­tel­ba­ren räum­li­chen und zeit­li­chen Zusam­men­hang mit ihr ste­hen soll; dies kann schon gege­ben sein, bevor der Täter eine der Beschrei­bung des gesetz­li­chen Tat­be­stan­des ent­spre­chen­de Hand­lung vor­nimmt [1]. Der Annah­me unmit­tel­ba­ren Anset­zens ste­hen Zwi­schen­ak­te nicht ent­ge­gen, die kei­nen tat­be­stands­frem­den Zwe­cken die­nen, son­dern wegen ihrer not­wen­di­gen Zusam­men­ge­hö­rig­keit mit der Tat­hand­lung nach dem Plan des Täters als deren Bestand­teil erschei­nen, weil sie an die­se zeit­lich und räum­lich angren­zen und mit ihr im Fal­le der Aus­füh­rung eine natür­li­che Ein­heit bil­den [2].

Das vom Täter zur Ver­wirk­li­chung sei­nes Vor­ha­bens Unter­nom­me­ne muss stets zu dem in Betracht kom­men­den Straf­tat­be­stand in Bezie­hung gesetzt wer­den. Ob er zu der in die­sem Sin­ne „ent­schei­den­den“ Rechts­ver­let­zung ange­setzt hat oder sich noch im Sta­di­um der Vor­be­rei­tung befin­det, hängt von sei­ner Vor­stel­lung über das „unmit­tel­ba­re Ein­mün­den“ sei­ner Hand­lun­gen in die Erfolgs­ver­wirk­li­chung ab. Gegen ein Über­schrei­ten der Schwel­le zum Ver­such spricht es des­halb im All­ge­mei­nen, wenn es zur Her­bei­füh­rung des vom Gesetz vor­aus­ge­setz­ten Erfol­ges noch eines wei­te­ren – neu­en – Wil­lens­im­pul­ses bedarf [3]. Wesent­li­ches Kri­te­ri­um für die Abgren­zung zwi­schen Vor­be­rei­tungs­und Ver­suchs­sta­di­um ist das aus der Sicht des Täters erreich­te Maß kon­kre­ter Gefähr­dung des geschütz­ten Rechts­guts [4].

In der Regel kommt es bei Qua­li­fi­ka­tio­nen und Regel­bei­spie­len auf den Ver­suchs­be­ginn hin­sicht­lich des Grund­de­likts an [5].

Bei Dieb­stahls­de­lik­ten ist dem­ge­mäß dar­auf abzu­stel­len, ob aus Täter­sicht bereits die kon­kre­te Gefahr eines unge­hin­der­ten Zugriffs auf das in Aus­sicht genom­me­ne Stehl­gut besteht [6]. Hier­für ist ent­schei­dend, ob der Gewahr­sam durch Schutz­me­cha­nis­men gesi­chert ist [7]. Ist dies der Fall, reicht für den Ver­suchs­be­ginn der ers­te Angriff auf einen sol­chen Schutz­me­cha­nis­mus regel­mä­ßig aus, wenn sich der Täter bei des­sen Über­win­dung nach dem Tat­plan ohne tat­be­stands­frem­de Zwi­schen­schrit­te, zeit­li­che Zäsur oder wei­te­re eigen­stän­di­ge Wil­lens­bil­dung einen unge­hin­der­ten Zugriff auf die erwar­te­te Beu­te vor­stellt [8]. Sol­len meh­re­re gewahr­sams­si­chern­de Schutz­me­cha­nis­men hin­ter­ein­an­der über­wun­den wer­den, ist schon beim Angriff auf den ers­ten davon in der Regel von einem unmit­tel­ba­ren Anset­zen zur Weg­nah­me aus­zu­ge­hen, wenn die Über­win­dung aller Schutz­me­cha­nis­men in unmit­tel­ba­rem zeit­li­chen und räum­li­chen Zusam­men­hang mit para­ten Mit­teln erfol­gen soll [9]. Wird der Schutz des Gewahr­sams durch eine hier­zu berei­te Per­son gewähr­leis­tet, liegt Ver­such vor, wenn auf die­se (durch Täu­schung oder Dro­hung) mit dem Ziel einer Gewahr­sams­lo­cke­rung ein­ge­wirkt wird und die Weg­nah­me in unmit­tel­ba­rem zeit­li­chen und ört­li­chen Zusam­men­hang damit erfol­gen soll [10].

icht erfor­der­lich für das unmit­tel­ba­re Anset­zen zur geplan­ten Weg­nah­me ist, dass der ange­grif­fe­ne Schutz­me­cha­nis­mus auch erfolg­reich über­wun­den wird [11]. Des­halb reicht der Beginn des Ein­bre­chens, Ein­stei­gens oder Ein­drin­gens im Sin­ne von § 243 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1, § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB regel­mä­ßig aus, um einen Ver­suchs­be­ginn anzu­neh­men [12]. Soweit sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung ent­ge­gen­steht [13], hält der 5. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hier­an nicht fest.

Dem­nach liegt ein ver­such­ter Dieb­stahl noch nicht vor, wenn der Täter ledig­lich einen gewahr­sams­si­chern­den Schutz­me­cha­nis­mus anleuch­tet, um ihn zu unter­su­chen [14], wenn er in der Nähe des Tat­orts ein­trifft, aber noch nicht sogleich mit der Benut­zung des bereit­ge­leg­ten Ein­bruchs­werk­zeugs begin­nen will [15], er sich ledig­lich mit Mit­tä­tern zur Rück­sei­te des Gebäu­des begibt, in das ein­ge­bro­chen wer­den soll [16], wenn mit zeit­li­cher Ver­zö­ge­rung erst noch umfang­rei­ches Werk­zeug her­bei­ge­schafft wer­den muss, um einen Bank­au­to­ma­ten auf­bre­chen zu kön­nen [17], oder wenn ledig­lich das Trep­pen­haus betre­ten und noch nicht auf den Woh­nungs­in­ha­ber mit dem Ziel ein­ge­wirkt wird, den von ihm geschütz­ten Gewahr­sam anzu­grei­fen [18]. Beim Über­stei­gen eines Gar­ten­zauns oder tors mit der Absicht, in ein dahin­ter lie­gen­des Haus ein­zu­bre­chen, kommt es dar­auf an, ob Zaun oder Tor schon eine gewahr­sams­si­chern­de Funk­ti­on zukommt [19]. Ein unmit­tel­ba­res Anset­zen zum Dieb­stahl ist hin­ge­gen zu beja­hen, wenn der Täter das Ein­bruchs­werk­zeug bereits ange­setzt hat, um damit einen Schutz­me­cha­nis­mus zu über­win­den und anschlie­ßend in ein Gebäu­de zum Steh­len ein­zu­drin­gen [20].

Nach die­sen Maß­stä­ben hat­te der Ange­klag­te im hier ent­schie­de­nen Fall zur Ver­wirk­li­chung des Dieb­stahls bereits unmit­tel­bar ange­setzt:

Die Ver­hül­lung bedeu­te­te den ers­ten Schritt hin zum Auf­bruch des Auto­ma­ten. Die­ser war damit dem Blick ande­rer ent­zo­gen und dem Zugriff des Ange­klag­ten in beson­de­rem Maße aus­ge­setzt. Nach des­sen Vor­stel­lung soll­te der Ein­satz des Trenn­schlei­fers oder ande­rer Auf­bruchs­mit­tel unmit­tel­bar fol­gen. Für den Fall, dass der Trenn­schlei­fer nicht zum Ein­satz kom­men konn­te, hat­te sich der Ange­klag­te wei­te­re Werk­zeu­ge bereit gelegt. Die frem­den Sachen, die durch den Ziga­ret­ten­au­to­ma­ten vor Weg­nah­me beson­ders geschützt waren, waren damit bereits kon­kret gefähr­det.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. April 2020 – 5 StR 15/​20

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Urtei­le vom 26.10.1978 – 4 StR 429/​78, BGHSt 28, 162, 163; vom 09.03.2006 – 3 StR 28/​06, BGHR StGB § 22 Anset­zen 34; Beschlüs­se vom 14.03.2001 – 3 StR 48/​01, BGHR StGB § 22 Anset­zen 29; vom 07.08.2014 – 3 StR 105/​14, NStZ 2015, 207; vom 20.09.2016 – 2 StR 43/​16, NStZ 2017, 86[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 30.04.1980 – 3 StR 108/​80, NJW 1980, 1759; vom 12.12 2001 – 3 StR 303/​01, NJW 2002, 1057, 1058; vom 09.03.2006 – 3 StR 28/​06, NStZ 2006, 331; vom 20.03.2014 – 3 StR 424/​13, BGHR StGB § 22 Anset­zen 38; Beschlüs­se vom 24.05.1991 – 5 StR 4/​91, BGHR StGB § 22 Anset­zen 14; vom 16.07.2015 – 4 StR 219/​15[]
  3. BGH, Urteil vom 21.12 1982 – 1 StR 662/​82, BGHSt 31, 178, 182; Beschlüs­se vom 11.08.2011 – 2 StR 91/​11, NStZ-RR 2011, 367; vom 07.08.2014 – 3 StR 105/​14, aaO[]
  4. BGH, Urtei­le vom 09.03.2006 – 3 StR 28/​06, BGHR StGB § 22 Anset­zen 34; vom 27.01.2011 – 4 StR 338/​10, NStZ 2011, 517, 518; vom 20.03.2014 – 3 StR 424/​13, aaO mwN[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 20.09.2016 – 2 StR 43/​16, NStZ 2017, 86 mit Anm. Eng­län­der; und vom 07.08.2014 – 3 StR 105/​14, NStZ 2015, 207 mit Anm. Kud­lich JA 2015, 152; Han­sOLG NStZ-RR 2017, 72; Schönke/​Schröder/​Eser/​Bosch, StGB, 30. Aufl., § 22 Rn. 58 mwN[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 14.03.2001 – 3 StR 48/​01, BGHR StGB § 22 Anset­zen 29; sie­he auch schon RGSt 54, 254, 255[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 20.09.2016 – 2 StR 43/​16, aaO; OLG Hamm MDR 1976, 155[]
  8. vgl. bereits RGSt 53, 217, 218; 54, 35[]
  9. vgl. auch BGH, Beschluss vom 08.02.2018 – 1 StR 228/​17, NStZ-RR 2018, 203: Ein­bruch in ein Büro­ge­bäu­de, um anschlie­ßend in ein­zel­ne Büros ein­zu­bre­chen[]
  10. vgl. BGH, Urtei­le vom 16.09.2015 – 2 StR 71/​15, BGHR StGB § 22 Anset­zen 39; und vom 10.08.2016 – 2 StR 493/​15, StV 2017, 441, jeweils mwN: Begeh­ren um Ein­lass beim Trick­dieb­stahl aus der Woh­nung[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 07.02.1952 – 5 StR 12/​52, BGHSt 2, 380; Beschlüs­se vom 18.11.1985 – 3 StR 291/​85, BGHSt 33, 370; und vom 27.11.2018 – 2 StR 481/​17, BGHSt 63, 253, 254; OLG Hamm, MDR 1976, 155[]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 08.02.1984 – 3 StR 414/​83, NStZ 1984, 262 mwN[]
  13. vgl. ins­be­son­de­re BGH, Beschlüs­se vom 04.07.2019 – 5 StR 274/​19; und vom 01.08.2019 – 5 StR 185/​19, NStZ 2019, 716; hier­zu näher Kud­lich, NStZ 2020, 34[]
  14. vgl. BGH, Beschluss vom 20.09.2016 – 2 StR 43/​16, aaO; Rol­lo; Han­sOLG, StV 2013, 216: Tür­griff eines PKW[]
  15. vgl. BGH, Beschluss vom 26.07.1989 – 2 StR 342/​89, NStZ 1989, 473[]
  16. vgl. BGH, Beschluss vom 02.04.2019 – 5 StR 121/​19[]
  17. vgl. BGH, Beschluss vom 07.08.2014 – 3 StR 105/​14, aaO[]
  18. BGH, Urteil vom 10.08.2016 – 2 StR 493/​15, StV 2017, 441[]
  19. vgl. BGH, Beschluss vom 20.09.2016 – 2 StR 43/​16, aaO, einer­seits und BGH, Beschluss vom 14.06.2017 – 2 StR 14/​17, NStZ-RR 2017, 340 ande­rer­seits; OLG Frank­furt am Main, Beschluss vom 17.11.1988 – 1 Ws 202/​88[]
  20. BGH, Urteil vom 07.02.1952 – 5 StR 12/​52, BGHSt 2, 380[]