Ver­such­ter Mord, die beson­de­re Schwe­re der Schuld – und der Straf­rah­men für Heranwachsende

Das Höchst­maß der Jugend­stra­fe für Her­an­wach­sen­de beträgt zehn Jah­re. Han­delt es sich bei der Tat um Mord und reicht das Höchst­maß von zehn Jah­ren wegen der beson­de­ren Schwe­re der Schuld nicht aus, so ist das Höchst­maß 15 Jah­re. Die Anwen­dung die­ses Straf­rah­mens gemäß § 105 Abs. 3 Satz 2 JGG ist auch mög­lich, wenn der Mord nicht voll­endet, son­dern nur ver­sucht ist.

Ver­such­ter Mord, die beson­de­re Schwe­re der Schuld – und der Straf­rah­men für Heranwachsende

Nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs setzt die Anwen­dung des Straf­rah­mens gemäß § 105 Abs. 3 Satz 2 JGG kein voll­ende­tes Delikt vor­aus, son­dern schließt den Mord­ver­such ein1.

Es ent­spricht der übli­chen gesetz­li­chen Rege­lungs­tech­nik, dass die Bezug­nah­me auf eine bestimm­te Straf­vor­schrift nicht nur die täter­schaft­lich voll­ende­te Straf­tat als deren Grund­fall, son­dern auch den (straf­ba­ren) Ver­such sowie ihre wei­te­ren Erschei­nungs­for­men betrifft2. So steht etwa außer Zwei­fel, dass die Zuwei­sung von Ver­bre­chen „des Mor­des“ in § 74 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 GVG an das Schwur­ge­richt auch die Fäl­le des ver­such­ten Mor­des umfasst. Ent­spre­chen­des gilt für die Ver­jäh­rungs­re­ge­lun­gen3 und die Vor­aus­set­zun­gen der Siche­rungs­ver­wah­rung nach § 66 Abs. 3 StGB4, in denen jeweils nur das Grund­de­likt erwähnt wird und die gleich­wohl im Fal­le einer nur ver­such­ten Tat­be­ge­hung anzu­wen­den sind. Nichts ande­res gilt für den – soweit hier von Bedeu­tung – zu § 105 Abs. 3 Satz 2 JGG wort­glei­chen § 18 Abs. 1 Satz 2 JGG, der auf „ein Ver­bre­chen“ abstellt. Zudem spricht die in der Geset­zes­be­grün­dung zur Ein­füh­rung des § 105 Abs. 3 Satz 2 JGG ver­wen­de­te wei­te For­mu­lie­rung, wonach in Fäl­len „beson­ders schwe­rer Mord­ver­bre­chen“ das beson­de­re Aus­maß der Schuld durch die Her­auf­set­zung des Höchst­ma­ßes der Jugend­stra­fe für Her­an­wach­sen­de ver­deut­licht wer­den soll­te, gegen die Annah­me, dass abwei­chend von dem übli­chen Sprach­ge­brauch der Ver­such nicht erfasst wer­den soll. Auch ver­such­te Mord­ta­ten kön­nen – wie sich aus der Wer­tung des § 23 Abs. 2 StGB, nach der der Mord­ver­such genau­so schwer wie­gen kann wie der voll­ende­te Mord – beson­ders schwe­re Mord­ver­bre­chen sein.

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Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. Juni 2020 – 3 StR 377/​18

  1. vgl. BGH, Beschluss gemäß § 349 Abs. 2 StPO vom 12.10.2017 – 1 StR 324/​17, der die Ent­schei­dung des LG Würz­burg vom 26.01.2017 – JKLs 801 Js 263/​16 jug 587 ff. bestä­tigt hat; Köl­bel, ZJJ 1998, 160, 162; Beck­OK StGB/​Eschelbach, 46. Ed., § 211 Rn. 124.1 mwN; Feilcke in FS für Breid­ling, 2017, S. 76 f.; aA Beck­OK JGG/​Schlehofer, 17. Ed., § 105 Rn. 23a ff.; Osten­dorf, JGG, 10. Aufl., § 105 Rn. 32a[]
  2. Feilcke in FS für Breid­ling, 2017, S. 76, 79[]
  3. vgl. Fischer, StGB, 67. Aufl., § 78 Rn. 4[]
  4. BGH, Urteil vom 14.07.1999 – 3 StR 209/​99, NJW 1999, 3723; Fischer, StGB, 67. Aufl., § 66 Rn. 25[]

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