Ver­war­nung mit Straf­vor­be­halt – und die spä­te­re Gesamt­stra­fen­bil­dung

Die "Ver­ur­tei­lung" zu einer vor­be­hal­te­nen Geld­stra­fe durch einen Beschluss nach § 59b Abs. 1 StGB ist kei­ne frü­he­re Ver­ur­tei­lung im Sin­ne des § 55 Abs. 1 Satz 2 StGB.

Ver­war­nung mit Straf­vor­be­halt – und die spä­te­re Gesamt­stra­fen­bil­dung

Als "frü­he­re Ver­ur­tei­lung" gemäß § 55 Abs. 1 Satz 2 StGB bei der die zugrun­de­lie­gen­den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen letzt­mals geprüft wer­den konn­ten, gilt das letz­te tatrich­ter­li­che Sachur­teil oder ein ihm gleich­ste­hen­des Erkennt­nis [1], das sich mit der Schuld und/​oder zumin­dest noch einem Teil der Straf­fra­ge befasst [2]. Denn zu die­sem Zeit­punkt wäre es dem Gericht des frü­he­ren Ver­fah­rens noch mög­lich gewe­sen – recht­zei­ti­ge Ankla­ge­er­he­bung vor­aus­ge­setzt ? über die jetzt abzu­ur­tei­len­de Tat zu ver­han­deln und tatrich­ter­li­che Fest­stel­lun­gen zu tref­fen [3]. Sind – wie etwa bei einer Ent­schei­dung nach § 460 StPO – kei­ne neu­en tatrich­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen mehr mög­lich, lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen des § 55 Abs. 1 StGB nicht vor [4].

Danach han­delt es sich bei einem Beschluss nach § 59b Abs. 1 StGB nicht um ein dem tatrich­ter­li­chen Sachur­teil gleich­ste­hen­des Erkennt­nis. Nach § 59b Abs. 1 StGB gilt für die Ver­ur­tei­lung zu der vor­be­hal­te­nen Stra­fe § 56f StGB ent­spre­chend. Die Ent­schei­dung ergeht gemäß § 453 Abs. 1 Satz 1 StPO ohne münd­li­che Ver­hand­lung durch Beschluss nach Anhö­rung der Staats­an­walt­schaft und des Ver­warn­ten (§ 453 Abs. 1 Satz 1 und 2 StPO). Neue tatrich­ter­li­che Fest­stel­lun­gen wer­den in die­sem Ver­fah­ren nicht getrof­fen, sodass eine Ver­hand­lung über wei­te­re inzwi­schen zur Ankla­ge gebrach­te frü­he­re Straf­ta­ten not­wen­dig aus­schei­det. Ver­fah­rens­ge­gen­stand ist ledig­lich das Bewäh­rungs­ver­hal­ten des Ver­warn­ten; eine Abän­de­rung der vor­be­hal­te­nen Stra­fe ist nicht mehr mög­lich [5]. Der Umstand, dass erst die Ent­schei­dung nach § 59b Abs. 1 StGB zu einer "Ver­ur­tei­lung" des Ver­warn­ten führt, hat nicht zur Fol­ge, dass des­halb auch zu die­sem Zeit­punkt noch eine tatrich­ter­li­che Pro­zess­si­tua­ti­on gege­ben wäre [6].

Aller­dings ist zu prü­fen, ob zwi­schen der spä­ter wegen einer (hier: frü­her began­ge­nen Tat) ver­häng­ten Stra­fe und der zunächst vor­be­hal­te­nen und spä­ter aus­ge­ur­teil­ten Geld­stra­fe eine Gesamt­stra­fe zu bil­den ist.

In einem sol­chen Fall kommt eine Gesamt­stra­fen­la­ge im Sin­ne des § 55 Abs. 1 Satz 1 StGB in Betracht. Nach § 59c Abs. 2 StGB steht eine vor­be­hal­te­ne Stra­fe in den Fäl­len des § 55 StGB einer erkann­ten Stra­fe gleich. Dies hat zur Fol­ge, dass bei einer spä­te­ren Ver­ur­tei­lung wegen Straf­ta­ten, die vor der Ver­war­nung began­gen wor­den sind, das die Ver­war­nung aus­spre­chen­de Urteil als frü­he­re Ver­ur­tei­lung im Sin­ne des § 55 Abs. 1 Satz 2 StGB her­an­zu­zie­hen und eine Gesamt­stra­fen­bil­dung mit der ledig­lich vor­be­hal­te­nen Geld­stra­fe zu erfol­gen hat [7]. Wird der Ver­ur­teil­te – wie hier – spä­ter durch einen Beschluss nach § 59b Abs. 1 i.V.m. § 56 f. StGB zu der vor­be­hal­te­nen Stra­fe ver­ur­teilt, ist § 55 Abs. 1 Satz 2 StGB unmit­tel­bar anwend­bar [8].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Febru­ar 2020 – ? 4 StR 347/​19

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 07.01.2020 – 3 StR 561/​19, NJW 2020, 1380 Rn. 7 ff.; Beschluss vom 03.12.2019 – 1 StR 535/​19 Rn. 18 [jeweils zu dem Beschluss nach § 411 Abs. 1 Satz 3 StPO][]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 07.01.2020 – 3 StR 561/​19, NJW 2020, 1380 Rn. 12 [Ent­schei­dung über die Höhe der Tages­sät­ze]; Beschluss vom 24.07.2018 – 3 StR 245/​18 Rn. 7; Beschluss vom 03.11.2015 – 4 StR 407/​15 Rn. 8 [Ent­schei­dung über die Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung]; Beschluss vom 01.09.2009 ? 3 StR 178/​09, NStZ-RR 2010, 41 [Ent­schei­dung über die Bil­dung einer Gesamt­stra­fe]; Beschluss vom 30.06.1960 – 2 StR 147/​60, BGHSt 15, 66, 69 f. [Ent­schei­dung über die Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung], jew. mwN; Brin­ge­wat, Die Bil­dung der Gesamt­stra­fe, 1984, Rn.196 ff.[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 30.06.1960 – 2 StR 147/​60, BGHSt 15, 66, 70 f.[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 23.01.2002 – 5 StR 540/​01 Rn. 14 mwN[]
  5. vgl. Fischer, StGB, 67. Aufl., § 59b Rn. 1; Buß­mann in: Matt/​Renzikowski, StGB, 2. Aufl., § 59b Rn. 4; Münch­Komm-StGB/­Groß, 3. Aufl., § 59b Rn. 4; Hub­rach in Leip­zi­ger Kom­men­tar zum StGB, 12. Aufl., § 59b Rn. 5[]
  6. so aber wohl in Münch­Komm-StGB/­Groß, 3. Aufl., § 59b Rn. 10; Hub­rach in Leip­zi­ger Kom­men­tar zum StGB, 12. Aufl., § 59b Rn. 7[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 18.01.1991 – 2 StR 339/​90 Rn. 14; OLG Frank­furt, Beschluss vom 21.11.2007 – 2 Ss 311/​07, NStZ 2009, 278; Ris­sing­van Saan/​Scholze in Leip­zi­ger Kom­men­tar zum StGB, 13. Aufl., § 55 Rn. 6[]
  8. vgl. Fischer, StGB, 67. Aufl., § 59c Rn. 2; Hub­rach in Leip­zi­ger Kom­men­tar zum StGB, 12. Aufl., § 59c Rn. 7[]