Ver­wei­sung an das zustän­di­ge Gericht – durch die Berufungskammer

Gemäß § 6 StPO ist die sach­li­che Zustän­dig­keit des zur Urteils­fin­dung beru­fe­nen Straf­ge­richts von Amts wegen zu prüfen.

Ver­wei­sung an das zustän­di­ge Gericht – durch die Berufungskammer

Nach § 269 StPO bleibt es aber im Haupt­ver­fah­ren bei der Zustän­dig­keit eines Gerichts höhe­rer Ord­nung, nach­dem die Sache dort rechts­hän­gig gewor­den ist. Die Zustän­dig­keit des Gerichts höhe­rer Ord­nung schließt näm­lich die­je­ni­ge eines Gerichts nie­de­rer Ord­nung ein. Eine Aus­nah­me hier­von nimmt die Recht­spre­chung nur dann an, wenn eine die Rechts­hän­gig­keit begrün­den­de Gerichts­ent­schei­dung objek­tiv will­kür­lich ergan­gen ist und dadurch Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG ver­letzt wur­de [1].

Strei­tig ist die Fra­ge, ob ein sol­cher Aus­nah­me­fall, der zur Unan­wend­bar­keit von § 269 StPO führt, gemäß § 6 StPO vom Revi­si­ons­ge­richt von Amts wegen zu prü­fen ist [2], oder ob eine sol­che Über­prü­fung nur auf­grund einer Ver­fah­rens­rüge erfolgt [3].

Der Bun­des­ge­richts­hof konn­te jedoch in dem hier ent­schie­de­nen Fall offen las­sen, wel­cher Auf­fas­sung zu fol­gen ist, weil hier objek­ti­ve Will­kür offen­sicht­lich nicht vorlag:

Objek­tiv fiel die Abur­tei­lung des ange­klag­ten Lebens­sach­ver­halts in die Zustän­dig­keit der Schwur­ge­richts­kam­mer, da hier ein hin­rei­chen­der Tat­ver­dacht für ein tat­ein­heit­lich began­ge­nes ver­such­tes Tötungs­de­likt gege­ben war. Hin­zu kommt, dass die wuch­ti­gen Schlä­ge des Ange­klag­ten mit dem Gestän­ge auf den Kopf des Geschä­dig­ten äußerst gefähr­li­che Gewalt­hand­lun­gen waren. Dies ist nach der Recht­spre­chung ein Indiz dafür, dass der Täter die Mög­lich­keit der Tötung des Opfers auch ernst­haft in Betracht gezo­gen und bil­li­gend in Kauf genom­men hat [4].

Ob die Über­nah­me des Ver­fah­rens durch das Land­ge­richt auf Vor­la­ge des Vor­sit­zen­den der Beru­fungs­kam­mer eine Rechts­grund­la­ge in § 225 Abs. 1 StPO fin­det, konn­te der Bun­des­ge­richts­hof eben­falls dahin­ste­hen lassen.

§ 225a StPO gestat­tet es den Gerich­ten im Sta­di­um der Haupt­ver­hand­lung eine Ände­rung der sach­li­chen Zustän­dig­keit her­bei­zu­füh­ren. § 323 Abs. 1 StPO ver­weist für die Vor­be­rei­tung der Beru­fungs­haupt­ver­hand­lung jedoch nur auf die §§ 214 und 216 bis 225 StPO, hin­ge­gen nicht auf § 225a StPO. Für den Fall, dass das Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges mit Unrecht sei­ne Zustän­dig­keit ange­nom­men hat, sieht § 328 Abs. 2 StPO vor, dass das Beru­fungs­ge­richt unter Auf­he­bung des Urteils die Sache an das zustän­di­ge Gericht verweist.

Dar­aus wird in der Lite­ra­tur zum Teil gefol­gert, dass eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 225a StPO im Beru­fungs­ver­fah­ren aus­schei­de [5].

Nach einer Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs [6] und nach der herr­schen­den Ansicht in der Lite­ra­tur [7] ist § 225a StPO im Beru­fungs­ver­fah­ren ent­spre­chend anwend­bar. Dass der Gesetz­ge­ber die­se Vor­schrift in § 323 Abs. 1 StPO nicht erwähnt hat, sei ein Redak­ti­ons­ver­se­hen. Für die ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 225a StPO im Sta­di­um der Vor­be­rei­tung der Beru­fungs­haupt­ver­hand­lung spre­che das Inter­es­se an einem beschleu­nig­ten und pro­zess­wirt­schaft­li­chen Verfahren.

Soweit das Land­ge­richt der Sache nach ent­spre­chend § 225a StPO ver­fah­ren ist, hat es sich an der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ori­en­tiert. Dies ist offen­sicht­lich nicht willkürlich.

Unschäd­lich ist, dass die Schwur­ge­richts­kam­mer auch die Eröff­nung des Haupt­ver­fah­rens beschlos­sen hat. Ein sol­cher Eröff­nungs­be­schluss ist im Ver­fah­ren ent­spre­chend § 225a StPO ent­behr­lich, weil die Eröff­nung des Haupt­ver­fah­rens bereits durch das Amts­ge­richt beschlos­sen wor­den ist [8]. Der gleich­wohl ergan­ge­ne Eröff­nungs­be­schluss des Land­ge­richts führt nicht zu einer dop­pel­ten Rechts­hän­gig­keit der Sache.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 3. Febru­ar 2016 – 2 StR 159/​15

  1. vgl. BGH, Urteil vom 22.04.1997 – 1 StR 701/​96, BGHSt 43, 53, 55 f.[]
  2. so BGH, Beschluss vom 12.12 1991 – 4 StR 506/​91, BGHSt 38, 172, 176; Urteil vom 27.02.1992 – 4 StR 23/​92, BGHSt 38, 212; Beschluss vom 21.04.1994 – 4 StR 136/​94, BGHSt 40, 120, 122 ff.[]
  3. so BGH, Beschluss vom 30.07.1996 – 5 StR 288/​95, BGHSt 42, 205, 212 ff.; Urteil vom 22.04.1997 – 1 StR 701/​96, BGHSt 43, 53, 56[]
  4. Beck­OK-StGB/E­schel­bach, StGB, 30. Ed., § 212 Rn. 21; Fischer, StGB, 63. Aufl., § 212 Rn. 8 jew. mwN[]
  5. so Beck­OK-StPO/E­schel­bach, StPO, 24. Ed., § 328 Rn. 1; LR/​Gollwitzer, StPO, 25. Aufl., § 225a Rn. 6; Mey­er-Goß­ner in Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 58. Aufl., § 226a Rn. 2[]
  6. BGH, Beschluss vom 19.12 2002 – 1 StR 306/​02, BGHR StPO § 225a Anwen­dungs­be­reich 1[]
  7. vgl. Britz in Radtke/​Hohmann, StPO 2011, § 225a Rn. 1; SK/​Deiters/​Albrecht, StPO, 5. Aufl., § 225a Rn. 3; KK/​Gmel, StPO, 7. Aufl., § 225a Rn. 4; SSW/​Grube, StPO, 2. Aufl., § 225a Rn. 4; Heg­mann NStZ 2000, 574, 575; LR/​Jäger, StPO, 26. Aufl., § 225a Rn. 6[]
  8. LR/​Jäger, StPO, § 225a Rn. 21[]