Völ­ker­mord in Ruan­da – vor der deut­schen Jus­tiz

Der Bun­des­ge­richts­hof hat das Völ­ker­mord­ur­teil des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main teil­wei­se auf­ge­ho­ben.

Völ­ker­mord in Ruan­da – vor der deut­schen Jus­tiz

Das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main hat­te den Ange­klag­ten wegen Bei­hil­fe zum Völ­ker­mord zu einer Frei­heits­stra­fe von vier­zehn Jah­ren ver­ur­teilt1. Auf die Revi­sio­nen des Gene­ral­bun­des­an­walts und von vier Neben­klä­gern hat der Bun­des­ge­richts­hof die­ses Urteil jetzt teil­wei­se auf­ge­ho­ben, weil die Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts, der Ange­klag­te sei ledig­lich Gehil­fe und nicht Täter des Völ­ker­mor­des gewe­sen, recht­li­cher Prü­fung nicht stand­hält. Dem­ge­gen­über hat die auf vier Ver­fah­rens­rügen und mate­ri­ell­recht­li­che Bean­stan­dun­gen gestütz­te Revi­si­on des Ange­klag­ten kei­nen Rechts­feh­ler zu sei­nen Las­ten auf­ge­deckt; sie bleibt des­halb ohne Erfolg.

Nach den durch das Ober­lan­des­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen gehör­te der Ange­klag­te der Volks­grup­pe der Hutu an und war seit 1988 Bür­ger­meis­ter einer Gemein­de im Nor­den Ruan­das. Die Bür­ger die­ser Gemein­de und der Ange­klag­te flo­hen ab dem Jahr 1990 vor Angrif­fen der mehr­heit­lich aus Ange­hö­ri­gen der Volks­grup­pe der Tut­si bestehen­den Front Patrio­tique de Rwan­da (FPR) nach Süden und leb­ten ab 1993 in Flücht­lings­la­gern. Nach dem Abschuss des Flug­zeugs des ruan­di­schen Staats­prä­si­den­ten am 6. April 1994 töte­te die Bevöl­ke­rungs­mehr­heit der Hutu mehr als 500.000 Men­schen, über­wie­gend Tut­si. Im Rah­men die­ses Geno­zids fand am 11. April 1994 das sog. Kir­chen­mas­sa­ker von Kizi­gu­ro statt. Dort hat­ten min­des­tens 450 Men­schen, die aller­meis­ten von ihnen Tut­si, Schutz gesucht. Sie wur­den jedoch von Sol­da­ten, Poli­zis­ten und Bür­gern ange­grif­fen; dabei wur­den min­des­tens 400 Men­schen über­wie­gend mit Mache­ten, Lan­zen Knüp­peln, Äxten, Bei­len oder Hacken zumeist auf qual­vol­le Art und Wei­se getö­tet. Der Ange­klag­te, der bereits am Vor­tag in die Orga­ni­sa­ti­on des Mas­sa­kers ein­ge­bun­den gewe­sen war, rief den Angrei­fern zu Beginn der Akti­on Auf­for­de­run­gen zu wie "Arbei­tet" oder "Fangt mit eurer Arbeit an", erkun­dig­te sich spä­ter nach dem Stand der Tötun­gen, brach­te mit sei­nem Fahr­zeug wei­te­re bewaff­ne­te Hutus zu dem Kir­chen­ge­län­de und for­der­te die Angrei­fer auf, wei­ter zu töten, die Lei­chen in eine Gru­be zu trans­por­tie­ren und auf­zu­pas­sen, dass nie­mand ent­kom­me.

Nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs ent­hält das Urteil des Ober­lan­des­ge­richts zwei den Ange­klag­ten begüns­ti­gen­de Rechts­feh­ler. Zum einen bele­gen die Fest­stel­lun­gen nicht ledig­lich den objek­ti­ven Tat­be­stand der Bei­hil­fe zum Völ­ker­mord, son­dern den­je­ni­gen der Täter­schaft. Zum ande­ren beruht die Annah­me des Ober­lan­des­ge­richts, der Ange­klag­te habe ohne die im Rah­men des sub­jek­ti­ven Tat­be­stands des Völ­ker­mor­des erfor­der­li­che Absicht gehan­delt, eine Bevöl­ke­rungs­grup­pe ganz oder teil­wei­se zu zer­stö­ren, auf einer rechts­feh­ler­haf­ten Beweis­wür­di­gung. Die­se Wer­tungs- bzw. Rechts­feh­ler füh­ren auf die Revi­sio­nen des Gene­ral­bun­des­an­walts und der Neben­klä­ger zur Auf­he­bung des Urteils und zur Zurück­ver­wei­sung der Sache an einen ande­ren Straf­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts.

Die Män­gel des Urteils betref­fen jedoch nicht die nach etwa drei Jah­re andau­ern­der Haupt­ver­hand­lung vom Ober­lan­des­ge­richt rechts­feh­ler­frei getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen zum objek­ti­ven Tat­ge­sche­hen; die­se blei­ben des­halb bestehen. Der Bun­des­ge­richts­hof hat dane­ben mit Zustim­mung des Gene­ral­bun­des­an­walts und der Neben­klä­ger die Straf­ver­fol­gung auf den abge­ur­teil­ten Vor­wurf des Völ­ker­mor­des anläss­lich des genann­ten Mas­sa­kers beschränkt. Sofern die sons­ti­gen ange­klag­ten Tat­vor­wür­fe, dar­un­ter z. B. die Mit­wir­kung des Ange­klag­ten an Tötun­gen ein­zel­ner Opfer und wei­te­ren Mas­sa­kern, nicht – etwa auf­grund eines ent­spre­chen­den Antrags des Gene­ral­bun­des­an­walts – wie­der in das Ver­fah­ren ein­be­zo­gen wer­den, wird das neue Tat­ge­richt im Wesent­li­chen ledig­lich ergän­zen­de Fest­stel­lun­gen zum sub­jek­ti­ven Tat­be­stand des Völ­ker­mor­des, mit­hin dem Vor­satz des Ange­klag­ten und der Völ­ker­mord­ab­sicht, zu tref­fen haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Mai 2015 – 3 StR 575/​14

  1. OLG Frank­furt am Main, Urteil vom 18.02.2014 – 5 – 3 StE 4/​10 – 4 – 3/​10 []