(Vor­be­hal­te­ne) Siche­rungs­ver­wah­rung – und der erfor­der­li­che Hang

Als Hang im Sin­ne des § 66 StGB ist ein ein­ge­schlif­fe­ner inne­rer Zustand des Täters anzu­se­hen, der ihn immer wie­der neue Straf­ta­ten bege­hen lässt.

(Vor­be­hal­te­ne) Siche­rungs­ver­wah­rung – und der erfor­der­li­che Hang

Er kann sowohl bei einem Täter vor­lie­gen, der dau­er­haft zu Straf­ta­ten ent­schlos­sen ist, wie bei einem Täter, der auf­grund einer fest ein­ge­wur­zel­ten Nei­gung immer wie­der straf­fäl­lig wird, wenn sich die Gele­gen­heit dazu bie­tet 1.

Der Hang muss sich auf erheb­li­che rechts­wid­ri­ge Taten rich­ten 2 und zur Zeit des tat­ge­richt­li­chen Urteils gege­ben sein 3.

Die Beur­tei­lung des Vor­lie­gens eines Hangs ist anhand einer Gesamt­be­trach­tung der Per­sön­lich­keit des Ange­klag­ten, der Sym­ptomund Anlas­s­ta­ten unter Ein­be­zie­hung aller objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Umstän­de vor­zu­neh­men 4.

Dabei ist auch zu beach­ten, dass ein von Alko­ho­lund Dro­gen­kon­sum sowie Delin­quenz gepräg­tes Ver­hal­ten des Ange­klag­ten, wel­ches sich nicht durch gegen ihn ver­häng­te Stra­fen und Bewäh­rungs­auf­la­gen oder The­ra­pie­ver­su­che habe kor­ri­gie­ren las­sen, einer Per­sön­lich­keits­stö­rung nahe kommt und ein Indiz für einen Hang dar­stel­len kann.

Der Hang als ein­ge­schlif­fe­nes Ver­hal­tens­mus­ter beschreibt einen auf­grund einer umfas­sen­den Ver­gan­gen­heits­be­trach­tung fest­zu­stel­len­den gegen­wär­ti­gen Zustand, wäh­rend die Gefähr­lich­keits­pro­gno­se die Wahr­schein­lich­keit dafür ein­schätzt, ob sich der Ange­klag­te in Zukunft trotz sei­nes Hangs erheb­li­cher Straf­ta­ten ent­hal­ten kann oder nicht 5.

Es ist durch § 66 Abs. 3 Satz 2 StGB auch gebo­ten, die Anlas­s­ta­ten in die ver­gan­gen­heits­be­zo­ge­ne Prü­fung des Hangs ein­zu­be­zie­hen.

Nach die­sen Grund­sät­zen ist auch bei einer auf § 66 Abs. 3 Satz 2 StGB gestütz­ten Anord­nung der vor­be­hal­te­nen Siche­rungs­ver­wah­rung zudem das straf­recht­li­che Vor­le­ben des Ange­klag­ten vor den bei­den Anlas­s­ta­ten in den Blick zu neh­men.

Inso­weit kann zwei­fel­haft sein, ob im Rah­men des § 66 Abs. 3 Satz 2 StGB der Umstand, dass der Täter nicht schon frü­her oder öfters straf­fäl­lig wur­de, oder sons­ti­ge Beson­der­hei­ten im straf­recht­li­chen Vor­le­ben des Täters maß­geb­lich zur Ver­nei­nung eines Hangs her­an­ge­zo­gen wer­den kön­nen 6. Maß­geb­li­ches Kri­te­ri­um für die Beur­tei­lung des Vor­lie­gens eines Hangs sind auch inso­weit die Anlas­s­ta­ten.

Die Wür­di­gung, ob der Rechts­be­griff des Hangs erfüllt ist, obliegt der Straf­kam­mer und nicht dem Sach­ver­stän­di­gen 7. Dabei ist es für den Bun­des­ge­richts­hof aus Rechts­grün­den nicht zu bean­stan­den, wenn die Straf­kam­mer ihrer Beur­tei­lung die tat­säch­li­chen Aus­füh­run­gen und Wer­tun­gen des Sach­ver­stän­di­gen zugrun­de legt, aber dar­aus eine ande­re recht­li­che Schluss­fol­ge­rung zieht als der Sach­ver­stän­di­ge.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Sep­tem­ber 2018 – 1 StR 611/​17

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Urtei­le vom 08.07.2005 – 2 StR 120/​05, BGHSt 50, 188, 195 f. mwN; und vom 25.02.1988 – 4 StR 720/​87, BGHR StGB § 66 Abs. 1 Hang 1[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 05.04.2017 – 1 StR 621/​16 10; Fischer, StGB, 65. Aufl., § 66 Rn. 57 mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 08.07.2005 – 2 StR 120/​05, BGHSt 50, 188, 193 mwN[]
  4. vgl. Ris­sing­van Saan/​Peglau in Leip­zi­ger Kom­men­tar, StGB, 12. Aufl., § 66 Rn. 117 mwN[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 28.04.2015 – 1 StR 594/​14 29 f.; und vom 15.02.2011 – 1 StR 645/​10, NStZ-RR 2011, 204, 205; Beschluss vom 30.03.2010 – 3 StR 69/​10, NStZ-RR 2010, 203, 204[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 15.02.2011 – 1 StR 645/​10, NStZ-RR 2011, 204, 205; Beschluss vom 09.06.2010 – 1 StR 187/​10, Rn. 12, inso­weit nicht zitiert in NStZ 2010, 650, mwN.[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 05.04.2017 – 1 StR 621/​16 10; Ris­sing­van Saan/​Peglau in Leip­zi­ger Kom­men­tar, StGB, 12. Aufl., § 66 Rn. 117 mwN[]