Vor­ent­hal­tung von Arbeits­ent­gelt – und die Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge­schrift

Die Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge­schrift dient dazu, den Pro­zess­ge­gen­stand fest­zu­le­gen, mit dem sich das Gericht auf­grund sei­ner Kogni­ti­ons­pflicht zu befas­sen hat.

Vor­ent­hal­tung von Arbeits­ent­gelt – und die Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge­schrift

Des­halb sind in der Ankla­ge­schrift neben der Bezeich­nung des Ange­schul­dig­ten Anga­ben erfor­der­lich, wel­che die Tat als geschicht­li­chen Vor­gang unver­wech­sel­bar kenn­zeich­nen. Es darf nicht unklar blei­ben, über wel­chen Sach­ver­halt das Gericht nach dem Wil­len der Staats­an­walt­schaft zu urtei­len hat 1.

Jede ein­zel­ne Tat muss sich als his­to­ri­sches Ereig­nis von ande­ren gleich­ar­ti­gen straf­ba­ren Hand­lun­gen des Ange­schul­dig­ten unter­schei­den las­sen, damit sich die Reich­wei­te des Straf­kla­ge­ver­brauchs und Fra­gen der Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung ein­deu­tig beur­tei­len las­sen.

Die Umstän­de, wel­che die gesetz­li­chen Merk­ma­le der Straf­tat aus­fül­len, gehö­ren hin­ge­gen – wie sich schon aus dem Wort­laut des § 200 Abs. 1 Satz 1 StPO ergibt – nicht zur Bezeich­nung der Tat.

Wann die Tat in dem sonach umschrie­be­nen Sin­ne hin­rei­chend umgrenzt ist, kann nicht abs­trakt, son­dern nur nach Maß­ga­be der Umstän­de des jewei­li­gen Ein­zel­falls fest­ge­legt wer­den.

Wird eine Viel­zahl gleich­ar­ti­ger Ein­zel­ak­te durch die­sel­be Hand­lung des Ange­schul­dig­ten zu gleich­ar­ti­ger Tat­ein­heit und damit pro­zes­su­al zu einer Tat ver­bun­den, genügt die Ankla­ge­schrift ihrer Umgren­zungs­funk­ti­on, wenn die Iden­ti­tät die­ser Tat klar­ge­stellt ist und die Tat als his­to­ri­sches Ereig­nis hin­rei­chend kon­kre­ti­siert ist. Einer indi­vi­dua­li­sie­ren­den Beschrei­bung sämt­li­cher Ein­zel­ak­te bedarf es bei einer sol­chen Fall­ge­stal­tung nicht, um den Pro­zess­ge­gen­stand unver­wech­sel­bar zu bestim­men.

Dar­über hin­aus­ge­hen­de Anga­ben, die den Tat­vor­wurf näher kon­kre­ti­sie­ren, kön­nen zwar erfor­der­lich sein, damit die Ankla­ge­schrift ihre Infor­ma­ti­ons­funk­ti­on erfüllt; ihr Feh­len lässt jedoch die Wirk­sam­keit der Ankla­ge­schrift unbe­rührt.

Gemes­sen hier­an war in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die Umgren­zungs­funk­ti­on durch die Ankla­ge­schrift (noch) gewahrt, auch wenn im Ankla­ge­satz kei­ne Anga­ben dazu ent­hal­ten sind, wel­che kon­kre­ten Arbeit­neh­mer die Ange­klag­te als ver­ant­wort­li­che Geschäfts­füh­re­rin der A. GmbH zu den jewei­li­gen Tat­zeit­punk­ten gegen­über der Ein­zugs­stel­le "nicht oder nicht voll­stän­dig" gemel­det haben soll.

Die unver­än­dert zur Haupt­ver­hand­lung zuge­las­se­ne Ankla­ge legt der dama­li­gen Ange­schul­dig­ten zur Last, sich im Zeit­raum vom 19.01.2008 bis zum 27.11.2009 als Geschäfts­füh­re­rin der A. GmbH in 23 Fäl­len des Vor­ent­hal­tens und Ver­un­treu­ens von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen schul­dig gemacht zu haben, indem sie "fin­gier­te Ein­gangs­rech­nun­gen" angeb­li­cher Sub­un­ter­neh­mer in der Buch­hal­tung als Fremd­leis­tung ein­ge­bucht habe, um damit Umsät­ze der Fir­ma "abzu­de­cken" und Schwarz­lohn­zah­lun­gen "an gemel­de­te und nicht gemel­de­te Arbeit­neh­mer der Fir­ma zu ermög­li­chen". Sie habe es sonach in 23 Fäl­len vor­sätz­lich unter­las­sen, die beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer sämt­lich bzw. voll­stän­dig gegen­über der B. ‑B. als zustän­di­ger Ein­zugs­stel­le zu mel­den und habe der Sozi­al­kas­se dadurch Arbeit­neh­mer- und Arbeit­ge­ber­bei­trä­ge in Höhe von ins­ge­samt 3.491.293, 31 Euro vor­ent­hal­ten.

Hin­wei­se auf die kon­kre­te Zahl der Arbeit­neh­mer und Anga­ben zu den der Ein­zugs­stel­le tat­säch­lich gemel­de­ten Arbeit­neh­mern oder Anga­ben zu den gemel­de­ten, tat­säch­lich geleis­te­ten Arbeits­stun­den der Arbeit­neh­mer der A. GmbH zu den jewei­li­gen Tat­zeit­punk­ten ent­hält der Ankla­ge­satz nicht. Dem wesent­li­chen Ergeb­nis der Ermitt­lun­gen ist zu ent­neh­men, dass die Fir­ma A. GmbH im Bei­trags­zeit­raum 2008 ins­ge­samt 135 Arbeit­neh­mer, davon 21 als gering­fü­gig Beschäf­tig­te, und im Bei­trags­zeit­raum 2009 ins­ge­samt 114 Arbeit­neh­mer, davon 8 in gering­fü­gi­gem Umfang, beschäf­tig­te. Hin­sicht­lich der im Ankla­ge­satz für jeden Bei­trags­mo­nat nach Arbeit­ge­ber- und Arbeit­neh­mer­an­teil getrennt als vor­ent­hal­ten fest­ge­hal­te­nen Bei­trä­ge ist nur der Hin­weis ent­hal­ten, dass die Ange­klag­te "fin­gier­te Ein­gangs­rech­nun­gen" angeb­li­cher Sub­un­ter­neh­mer als Fremd­leis­tun­gen in die Buch­hal­tung ein­ge­bucht habe, um mit die­sen Schein­rech­nun­gen Umsät­ze der Fir­ma "abzu­de­cken und so Schwarz­lohn­zah­lun­gen an gemel­de­te und nicht gemel­de­te Arbeit­neh­mer der Fir­ma zu ermög­li­chen". Dar­über hin­aus sei die Nach­be­rech­nung "auf der Grund­la­ge der ermit­teln­den Lohn­sum­men" erfolgt und "die Net­to­aus­gangs­wer­te" nach § 14 Abs. 2 Satz 2 SGB IV auf einen Brut­to­lohn hoch­ge­rech­net wor­den.

Damit wur­den zwar Art und Maß der der Ange­klag­ten jeweils zur Last geleg­ten Unter­las­sung nicht schon aus dem Ankla­ge­satz hin­rei­chend deut­lich. Die Taten sind gleich­wohl hin­rei­chend kon­kre­ti­siert, zumal sämt­li­che Arbeit­neh­mer gegen­über ein- und der­sel­ben Ein­zugs­stel­le zu benen­nen gewe­sen wären.

Die durch die Abfas­sung der Ankla­ge­schrift beding­ten Män­gel in der Infor­ma­ti­ons­funk­ti­on – ins­be­son­de­re die nur vage Umschrei­bung der Tat­hand­lung dahin, dass die Ange­klag­te die "bei der Fir­ma beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer […] nur zum Teil bzw. über­haupt nicht zur Sozi­al­ver­si­che­rung gemel­det" habe und die offe­ne Fra­ge der Berech­nung der vor­ent­hal­te­nen Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge – sind im wei­te­ren Ver­fah­ren erfor­der­li­chen­falls durch gericht­li­che Hin­wei­se zur Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs ent­spre­chend § 265 StPO aus­zu­glei­chen 2.

Im hier ent­schie­de­nen Fall war aller­dings die Ver­fah­rens­rüge einer Ver­let­zung des § 265 Abs. 1 StPO begrün­det. Mit Recht bean­stan­de­te die Revi­si­on, dass der vom Vor­sit­zen­den am Ende der Beweis­auf­nah­me erteil­te Hin­weis, dass "etwai­ge Hin­ter­zie­hungs­bei­trä­ge […] ggf. auf ande­rem Wege aus den fest­ge­stell­ten Zah­len ermit­telt wer­den" müss­ten, inhalt­lich den inso­weit bestehen­den Anfor­de­run­gen nicht genüg­te.

Der Vor­sit­zen­de hat sich auf­grund der nach Durch­füh­rung der Beweis­auf­nah­me ver­än­der­ten Sach­la­ge zu Recht als ver­pflich­tet gese­hen, die Ange­klag­te in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 265 Abs. 1 StPO dar­auf hin­zu­wei­sen, dass "etwai­ge Hin­ter­zie­hungs­be­trä­ge auf ande­rem Wege" als über so genann­te Abdeck­rech­nun­gen ermit­telt wer­den müss­ten. Zwar han­delt es sich – wor­auf der Gene­ral­bun­des­an­walt in sei­ner Zuschrift zutref­fend hin­weist – bei die­sem der Ange­klag­ten in der Ankla­ge­schrift zur Last geleg­ten akti­ven Tun nicht um das tat­be­stands­mä­ßi­ge Unter­las­sen im Sin­ne des § 266a StGB. Gleich­wohl hat das der Ange­klag­ten ursprüng­lich zur Last geleg­te akti­ve Tun – wie sei­ne Auf­nah­me in den im Übri­gen knapp gehal­te­nen Ankla­ge­satz belegt – erheb­li­che Bedeu­tung für den Tat­nach­weis sowohl in objek­ti­ver als auch in sub­jek­ti­ver Hin­sicht. In Anse­hung der Män­gel der Infor­ma­ti­ons­funk­ti­on der Ankla­ge­schrift und der Ver­än­de­rung der Beweis­grund­la­ge wäre der Vor­sit­zen­de – über den vage gehal­te­nen Hin­weis hin­aus – ver­pflich­tet gewe­sen mit­zu­tei­len, auf wel­chem Wege das Gericht "etwai­ge Hin­ter­zie­hungs­be­trä­ge" zu berech­nen beab­sich­tigt, ob es eine kon­kre­te Berech­nung der nicht abge­führ­ten Bei­trä­ge für mög­lich hält oder die Vor­aus­set­zun­gen für eine Schät­zung der vor­ent­hal­te­nen Bei­trä­ge für gege­ben erach­tet 3.

Hier­an fehlt es. Der Bun­des­ge­richts­hof ver­mag nicht aus­zu­schlie­ßen, dass die Ange­klag­te sich anders als gesche­hen ver­tei­digt hät­te, wenn der erfor­der­li­che Hin­weis ent­spre­chend kon­kret erteilt wor­den wäre.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. April 2017 – 2 StR 242/​16

  1. BGH, Urteil vom 02.03.2011 – 2 StR 524/​10, BGHSt 56, 183, 186; BGH, Urteil vom 11.01.1994 – 5 StR 628/​93, BGHSt 40, 44 f.; KK-StPO/­Schnei­der, 7. Aufl., § 200 Rn. 31[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 24.01.2012 – 1 StR 412/​11, BGHSt 57, 88, 91; Urteil vom 09.11.2011 – 1 StR 302/​11, NStZ 2012, 523, 524; Urteil vom 11.01.1994 – 5 StR 682/​93, BGHSt 40, 44, 45[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 10.11.2009 – 1 StR 283/​09, NStZ 2010, 635, 636[]