Vor­sätz­li­che Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung

Die Fest­stel­lung, dass der Betrof­fe­ne vor der Mess­stel­le bereits meh­re­re die Geschwin­dig­keit begren­zen­de Ver­kehrs­schil­der pas­siert hat, ist zur Begrün­dung vor­sätz­li­cher Bege­hungs­wei­se regel­mä­ßig nicht aus­rei­chend, weil nicht aus­zu­schlie­ßen ist, dass der Betrof­fe­ne die Geschwin­dig­keits­be­gren­zun­gen beach­tet und nur die letz­te1, dass eine vor­sätz­li­che Bege­hungs­wei­se nicht ange­nom­men wer­den kann, wenn die Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung weni­ger als 40% beträgt und wei­te­re Tat­sa­chen, aus denen auf Vor­satz geschlos­sen wer­den kann, nicht fest­stell­bar sind.

Vor­sätz­li­che Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung

Da im vor­lie­gend ent­schie­de­nen Fall der Betrof­fe­ne zu dem Vor­wurf schweigt, kann die inne­re Tat­sei­te des Vor­sat­zes nur aus den objek­ti­ven Tat­um­stän­den her­ge­lei­tet wer­den. Dies gilt sowohl für das Wis­sens- als auch für das Wol­lens­ele­ment, die bei­de Vor­aus­set­zung für eine Ver­ur­tei­lung wegen einer vor­sätz­lich began­ge­nen Tat sind 2.

Vor­lie­gend kann dahin­ste­hen, ob der Betrof­fe­ne die Geschwin­dig­keits­be­schrän­kung auf 100 km/​h auch tat­säch­lich (mög­li­cher­wei­se trotz Unauf­merk­sam­keit) erkannt hat (Wis­sens­ele­ment). Selbst wenn man dies im vor­lie­gen­den Fall bejaht, konn­ten (ins­be­son­de­re wegen des Schwei­gens des Betrof­fe­nen) offen­sicht­lich kei­ne aus­rei­chen­den Fest­stel­lun­gen zum Wol­lens­ele­ment getrof­fen wer­den.

Bei der Über­schrei­tung der zuläs­si­gen Höchst­ge­schwin­dig­keit drängt sich eine vor­sätz­li­che Bege­hungs­wei­se umso mehr auf, je mas­si­ver das Aus­maß der Über­schrei­tung ist 3. Dabei kommt es nach der neue­ren Recht­spre­chung nicht auf die abso­lu­te, son­dern auf die rela­ti­ve Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung an, das heißt, auf das Ver­hält­nis zwi­schen der vor­ge­schrie­be­nen und der gefah­re­nen Geschwin­dig­keit. Je höher die pro­zen­tua­le Über­schrei­tung aus­fällt, des­to eher wird sie von einem Kraft­fah­rer, der die zuläs­si­ge Höchst­ge­schwin­dig­keit kennt, auf­grund der stär­ke­ren Fahr­ge­räu­sche und der schnel­ler vor­bei­zie­hen­den Umge­bung bemerkt 4.

Vor­lie­gend erreicht jedoch die rela­ti­ve Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung von 33 % (fest­ge­stell­te 33 km/​h gegen­über erlaub­ten 100 km/​h) nicht das Aus­maß von min­des­tens ca. 40%, das die Recht­spre­chung zur Annah­me vor­sätz­li­cher Bege­hungs­wei­se – auch bei Fahr­zeu­gen mit geho­be­ner tech­ni­scher Aus­stat­tung – vor­aus­setzt, wenn wei­te­re Tat­sa­chen, aus denen auf Vor­satz geschlos­sen wer­den kann, nicht fest­stell­bar sind 5. Einen all­ge­mei­nen Erfah­rungs­satz, dass ein Kraft­fah­rer, der nicht regel­mä­ßig oder über­haupt nicht auf den Tacho­me­ter sieht, eine Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung bil­li­gend in Kauf nimmt und des­halb "bedingt vor­sätz­lich" han­delt, gibt es nicht 6. Dem Betrof­fe­nen kann daher kein vor­sätz­li­ches, son­dern nur fahr­läs­si­ges Han­deln vor­ge­wor­fen wer­den.

Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig, Beschluss vom 13. Mai 2013 – 1 Ss (OWiZ) 85/​13

  1. vor der Mes­sung) miss­ach­tet hat.

    Es wird dar­an fest­ge­hal­ten ((OLG Braun­schweig, Beschluss vom 07.02.2011, Ss (OWiZ) 225/​10[]

  2. Gürt­ler in Göh­ler, a. a. O., § 10 Rn. 2[]
  3. OLG Braun­schweig, Beschluss vom 07.02.2011 – Ss (OWiZ) 225/​10 – 9 f.; KG NStZ-RR 2002, 116 m. w. N.[]
  4. OLG Braun­schweig a. a. O.; OLG Karls­ru­he NZV 2006, 437; KG NZV 2004, 598 und a. a. O.[]
  5. OLG Braun­schweig a. a. O.; KG a. a. O.; OLG Karls­ru­he a. a. O.; vgl. auch OLG Bran­den­burg DAR 2008, 532, wonach eine Über­schrei­tung um 32% man­gels Fest­stell­bar­keit wei­te­rer vor­satz­be­grün­den­der Tat­sa­chen nicht aus­rei­chend ist, sowie wei­te­re Recht­spre­chung hier­zu, zitiert in Bur­hoff, Hand­buch für das stra­ßen­ver­kehrs­recht­li­che OWi-Ver­fah­ren, 2. Aufl., Rn. 1594, der in Rn. 1593 sogar von einer "Faust­re­gel" von ca. 50% statt 40% aus­geht[]
  6. OLG Braun­schweig a. a. O., Rn. 13; OLG Hamm, Beschluss vom 03.05.1994 – 4 Ss (OWi) 217/​94 –, zit. nach Bur­hoff, a. a. O., Rn. 1594[]
  7. BGH, Urteil vom 08.06.2011 – VIII ZR 305/​10, NJW 2011, 2643[]