Wenn das Gericht nicht will – der Beweis­an­trag zur Glaub­wür­dig­keit einer Zeu­gin

Zwar ist es dem Tat­ge­richt grund­sätz­lich nicht ver­wehrt, Indiz- oder Hilfs­tat­sa­chen als für die Ent­schei­dung bedeu­tungs­los zu betrach­ten, wenn es aus die­sen eine mög­li­che Schluss­fol­ge­rung, die der Antrag­stel­ler erstrebt, nicht zie­hen will.

Wenn das Gericht nicht will – der Beweis­an­trag zur Glaub­wür­dig­keit einer Zeu­gin

Hier­zu hat es die unter Beweis gestell­te Tat­sa­che so, als sei sie erwie­sen, in das auf­grund der bis­he­ri­gen Beweis­auf­nah­me erlang­te Beweis­ergeb­nis ein­zu­stel­len und im Wege einer pro­gnos­ti­schen Betrach­tung zu prü­fen, ob hier­durch sei­ne bis­he­ri­ge Über­zeu­gung – gege­be­nen­falls in Anwen­dung des Zwei­fels­sat­zes – in einer für den Schuld- oder Rechts­fol­gen­aus­spruch bedeut­sa­men Wei­se erschüt­tert wür­de [1].

Die­se anti­zi­pie­ren­de Wür­di­gung ist in dem den Antrag ableh­nen­den Beschluss (§ 244 Abs. 6 StPO) näher dar­zu­le­gen.

Denn die­ser hat zum einen den Antrag­stel­ler sowie die wei­te­ren Pro­zess­be­tei­lig­ten so weit über die Auf­fas­sung des Gerichts zu unter­rich­ten, dass die­se sich auf die neue Ver­fah­rens­la­ge ein­stel­len und gege­be­nen­falls noch in der Haupt­ver­hand­lung das Gericht von der Erheb­lich­keit der Bewei­s­tat­sa­che über­zeu­gen oder aber neue Anträ­ge mit dem­sel­ben Beweis­ziel stel­len kön­nen; zum ande­ren muss er dem Revi­si­ons­ge­richt die Prü­fung ermög­li­chen, ob der Beweis­an­trag rechts­feh­ler­frei zurück­ge­wie­sen wor­den ist und ob die Fest­stel­lun­gen und Erwä­gun­gen des Ableh­nungs­be­schlus­ses mit den­je­ni­gen des Urteils über­ein­stim­men.

Des­halb ist mit kon­kre­ten Erwä­gun­gen zu begrün­den, war­um das Tat­ge­richt aus der Bewei­s­tat­sa­che kei­ne ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Schluss­fol­ge­run­gen zie­hen will. Die Anfor­de­run­gen an die­se Begrün­dung ent­spre­chen grund­sätz­lich den­je­ni­gen, denen das Tat­ge­richt genü­gen müss­te, wenn es die Indiz- oder Hilfs­tat­sa­che durch Beweis­erhe­bung fest­ge­stellt und sodann in den schrift­li­chen Urteils­grün­den dar­zu­le­gen hät­te, war­um sie auf sei­ne Über­zeu­gungs­bil­dung ohne Ein­fluss geblie­ben ist [2].

Nach die­sen Maß­stä­ben erweist es sich in aller Regel als rechts­feh­ler­haft, wenn die Ableh­nung wegen tat­säch­li­cher Bedeu­tungs­lo­sig­keit allein auf die inhalts­lee­re Aus­sa­ge gestützt wird, die unter Beweis gestell­te Indiz- oder Hilfs­tat­sa­che las­se kei­nen zwin­gen­den, son­dern ledig­lich einen mög­li­chen Schluss zu, den das Gericht nicht zie­hen wol­le [3].

So ver­hält es sich hier. Die Straf­kam­mer hat kei­ne kon­kre­ten Erwä­gun­gen mit­ge­teilt, auf­grund derer sie das von ihr bis­her gefun­de­ne Beweis­ergeb­nis, das allein auf der Aus­sa­ge der Neben­klä­ge­rin grün­det, durch die unter Beweis gestell­ten Tat­sa­chen nicht als erschüt­tert ange­se­hen hat. Die Bedeu­tungs­lo­sig­keit lag auch nicht auf der Hand [4]. Das Land­ge­richt selbst hat einen Sach­zu­sam­men­hang zwi­schen der Bewei­s­tat­sa­che und dem Gegen­stand der Urteils­fin­dung gese­hen. Die unter Beweis gestell­te Tat­sa­che betraf tat­säch­lich einen die Glaub­wür­dig­keit der Zeu­gin in der vor­lie­gen­den Sache berüh­ren­den Umstand [5]. In der pau­scha­len Begrün­dung, die vom Ange­klag­ten behaup­te­te Äuße­rung der Neben­klä­ge­rin, sie wol­le den Ange­klag­ten „in den Knast brin­gen“, lie­ße kei­nen zwin­gen­den Schluss zu, liegt daher ein Rechts­feh­ler.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Novem­ber 2015 – 3 StR 322/​15

  1. LR/​Becker, StPO, 26. Aufl., § 244 Rn. 220[]
  2. st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 26.01.2000 – 3 StR 410/​99, NStZ 2000, 267, 268; vom 07.04.2011 – 3 StR 497/​10, NStZ 2011, 713, 714; Beschluss vom 01.10.2013 – 3 StR 135/​13, NStZ 2014, 110[]
  3. vgl. LR/​Becker aaO, § 244 Rn. 225[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 15.05.1990 – 5 StR 594/​89, BGHR StPO § 244 Abs. 3 Satz 2 Bedeu­tungs­lo­sig­keit 12; 23.09.1999 – 4 StR 700/​98, Stra­Fo 2000, 53, 54[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 23.09.1999 – 4 StR 700/​98, Stra­Fo 2000, 53, 54 mwN[]