Wider­stand gegen Voll­stre­ckungs­be­am­te – und die ver­such­te Kör­per­ver­let­zung

Wider­stand gegen Voll­stre­ckungs­be­am­te, tät­li­cher Angriff auf Voll­stre­ckungs­be­am­te und ver­such­te Kör­per­ver­let­zung kön­nen zuein­an­der im Ver­hält­nis der Tat­ein­heit ste­hen; Geset­zes­kon­kur­renz besteht nicht.

Wider­stand gegen Voll­stre­ckungs­be­am­te – und die ver­such­te Kör­per­ver­let­zung

Alle drei Delik­te ste­hen zuein­an­der im Ver­hält­nis der (ungleich­ar­ti­gen) Tat­ein­heit [1].

Das aggres­si­ve Ver­hal­ten des Ange­klag­ten (hier: wäh­rend der Anwen­dung unmit­tel­ba­ren Zwangs zur Unter­bin­dung wei­te­rer Angrif­fe auf den R.) stellt sich als ein­heit­li­ches Tun im Sin­ne natür­li­cher Hand­lungs­ein­heit dar [2].

Kei­nes der ide­al kon­kur­rie­ren­den Delik­te tritt geset­zes­kon­kur­rie­rend zurück. Geset­zes­kon­kur­renz bedeu­tet, dass ein Ver­hal­ten dem Wort­laut nach meh­re­re Straf­tat­be­stän­de erfüllt, zur Erfas­sung des Unrechts­ge­halts der Tat aber anders als im Fall der Tat­ein­heit bereits die Anwen­dung eines Tat­be­stan­des aus­reicht, so dass die übri­gen Straf­tat­be­stän­de zurück­tre­ten müs­sen [3]. Her­kömm­lich wer­den dar­un­ter Fäl­le der Spe­zia­li­tät, der Sub­si­dia­ri­tät und der Kon­sum­ti­on sowie der – hier ersicht­lich nicht ein­schlä­gi­gen – mit­be­straf­ten Vor­o­der Nach­tat begrif­fen [4].

Spe­zia­li­tät liegt vor, wenn ein Straf­ge­setz alle Merk­ma­le einer ande­ren Straf­vor­schrift auf­weist und sich nur dadurch von die­ser unter­schei­det, dass es wenigs­tens noch ein wei­te­res Merk­mal ent­hält, das den in Fra­ge kom­men­den Sach­ver­halt unter einem genaue­ren (spe­zi­el­le­ren) Gesichts­punkt erfasst [5].

Dies ist bei den drei Tat­be­stän­den nicht der Fall. Kei­ner ent­hält alle Merk­ma­le eines der ande­ren Tat­be­stän­de voll­stän­dig und unter­schei­det sich nur dar­in von den ande­ren, dass er noch min­des­tens ein wei­te­res Merk­mal ent­hält. Zwar ver­zich­tet § 114 Abs. 1 StGB im Ver­gleich zu § 113 Abs. 1 StGB auf den dort erfor­der­li­chen Bezug zu einer Voll­stre­ckungs­hand­lung und lässt einen Angriff wäh­rend der Dienst­aus­übung genü­gen [6]. Aller­dings sind die Tat­hand­lun­gen in § 113 Abs. 1 und § 114 Abs. 1 StGB unter­schied­lich aus­ge­stal­tet und ste­hen nicht in einer Art Stu­fen­ver­hält­nis [7]; sie ent­hal­ten viel­mehr hete­ro­ge­ne Merk­ma­le [8]. Da nicht sämt­li­che Fäl­le des tät­li­chen Angriffs auch ver­such­te Kör­per­ver­let­zun­gen dar­stel­len, kommt auch zwi­schen § 114 Abs. 1 StGB und § 223 Abs. 2 StGB eine Ver­drän­gung im Wege der Spe­zia­li­tät nicht in Betracht [9].

Sub­si­dia­ri­tät bedeu­tet, dass eine Vor­schrift nur hilfs­wei­se anwend­bar sein soll, also nur für den Fall Gel­tung bean­sprucht, dass nicht ein ande­res Gesetz ein­greift [10]. Dies ist bei den in Rede ste­hen­den Tat­be­stän­den weder nach Wort­laut, sys­te­ma­ti­scher Stel­lung noch dem Wil­len des Gesetz­ge­bers [11] der Fall.

Kom­sum­ti­on ist dage­gen anzu­neh­men, wenn der Unrechts­ge­halt der straf­ba­ren Hand­lung durch einen der anwend­ba­ren Straf­tat­be­stän­de bereits erschöp­fend erfasst wird. Bei die­ser Beur­tei­lung sind die Rechts­gü­ter zugrun­de zu legen, die der Täter angreift, dane­ben die Tat­be­stän­de, die der Gesetz­ge­ber zu deren Schutz geschaf­fen hat. Die Ver­let­zung des durch den einen Straf­tat­be­stand geschütz­ten Rechts­guts muss eine – wenn nicht not­wen­di­ge, so doch regel­mä­ßi­ge – Erschei­nungs­form der Ver­wirk­li­chung des ande­ren Tat­be­stan­des sein [12]. Das Unrecht des zurück­tre­ten­den Delikts muss bei einer Ver­ur­tei­lung wegen des blei­ben­den erschöp­fend erfasst wer­den [13]. Die Kon­sum­ti­on setzt zudem die Ver­let­zung meh­re­rer Rechts­gü­ter des­sel­ben Rechts­guts­trä­gers vor­aus [14].

Die Vor­aus­set­zun­gen der Kon­sum­ti­on lie­gen nicht vor. § 223 StGB schützt die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit einer Per­son. Dage­gen dient § 113 StGB in ers­ter Linie dem Schutz der Auto­ri­tät staat­li­cher Voll­stre­ckungs­ak­te und damit dem Schutz des Gewalt­mo­no­pols des Staa­tes; dar­über hin­aus schützt er auch die Per­so­nen, die zur Voll­stre­ckung beru­fen sind [15]. Der neue § 114 StGB dient nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers dage­gen vor allen Din­gen dem indi­vi­du­el­len Schutz von Voll­stre­ckungs­be­am­ten wäh­rend ihres Diens­tes [16] und schützt damit nur mit­tel­bar das über­in­di­vi­du­el­le Inter­es­se an der Dienst­aus­übung [17]. Nach § 114 StGB ist ein Voll­stre­ckungs­be­am­ter nicht nur vor Angrif­fen gegen sei­ne kör­per­li­che Unver­sehrt­heit geschützt, son­dern auch vor allen ande­ren mit feind­se­li­gem Wil­len unmit­tel­bar auf sei­nen Kör­per zie­len­den Hand­lun­gen. Zwar wird mit dem Wider­stand gegen Voll­stre­ckungs­be­am­te in einer kon­kre­ten Voll­stre­ckungs­si­tua­ti­on nach § 113 Abs. 1 StGB häu­fig der tät­li­che Angriff gegen einen Voll­stre­ckungs­be­am­ten im Sin­ne von § 114 Abs. 1 StGB ein­her­ge­hen, der sei­ner­seits viel­fach eine zumin­dest ver­such­te Kör­per­ver­let­zung des Beam­ten mit sich bringt. Eine erschöp­fen­de Erfas­sung des Unrechts sol­cher Taten wäre aber beim Zurück­tre­ten eines die­ser Straf­tat­be­stän­de nicht mög­lich. Gera­de die jeweils unter­schied­li­chen Schutz­rich­tun­gen der in Rede ste­hen­den Tat­be­stän­de spre­chen vor dem Hin­ter­grund des gesetz­ge­be­ri­schen Wil­lens, den Schutz von Voll­stre­ckungs­be­am­ten deut­lich zu stär­ken [18]. S. 8 ff.)),

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Juni 2020 – 5 StR 157/​20

  1. eben­so Fahl, ZStW 2018, 745, 754 f.; Kul­h­anek JR 2018, 551, 558; Schönke/​Schröder/​Eser, aaO, Rn. 12; vgl. auch Busch/​Singelnstein, NStZ 2018, 510, 513[]
  2. vgl. zu den Vor­aus­set­zun­gen Fischer, 67. Aufl., Vor § 52 Rn. 3 mwN[]
  3. LK-StGB/­Ris­sing­van Saan, 13. Aufl., Vor § 52 Rn. 106 mwN; vgl. grund­le­gend auch Klug, ZStW 68, 399[]
  4. vgl. Ris­sing-van Saan, aaO, Rn. 110 ff.; Fischer, aaO, Rn. 40[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 11.12.2003 – 3 StR 120/​03, BGHSt 49, 34, 37; Ris­sing­van Saan, aaO, Rn. 119, jeweils mwN[]
  6. BT-Drs. 18/​11161, S. 9[]
  7. Busch/​Singelnstein, NStZ 2018, 510, 513[]
  8. Fahl, ZStW 2018, 745, 753[]
  9. Fahl, aaO, S. 755; Busch/​Singelnstein, aaO[]
  10. Ris­sing-van Saan, aaO, Rn. 144 mwN[]
  11. vgl. BT-Drs. 18/​11161, S. 9 f.[]
  12. BGH, Beschluss vom 27.11.2018 – 2 StR 481/​17, BGHSt 63, 253, 258 f. mwN[]
  13. BGH, aaO, S. 261[]
  14. BGH, aaO, Rn. 25[]
  15. BT-Drs. 17/​4143, S. 6; vgl. auch Busch/​Singelnstein, aaO, S. 511[]
  16. vgl. BT-Drs. 18/​11161, S. 10; Busch/​Singelnstein, aaO, S. 511[]
  17. vgl. Kul­h­anek, JR 2018, 551, 553[]
  18. vgl. BT-Drs. 18/​11161, für die Annah­me klar­stel­len­der Ide­al­kon­kur­renz ((vgl. Kul­h­anek, NStZ-RR 2020, 39, 40; ders., JR 2018, 551, 558; Busch/​Singelnstein, NStZ 2018, 510, 513; Fahl, ZStW 2018, 745, 754 f.; Puschke/​Rienhoff, JZ 2017, 924, 932; Schönke/​Schröder/​Eser, aaO, Rn. 12[]