Wie­der­her­stel­lung der Öffent­lich­keit – und das schwei­gen­de Haupt­ver­hand­lungs­pro­to­koll

Die Wie­der­her­stel­lung der Öffent­lich­keit gehört zu den wesent­li­chen Förm­lich­kei­ten, für wel­che die beson­de­re Beweis­kraft des Pro­to­kolls nach § 274 StPO gilt 1.

Wie­der­her­stel­lung der Öffent­lich­keit – und das schwei­gen­de Haupt­ver­hand­lungs­pro­to­koll

Das – weder lücken­haf­te noch wider­sprüch­li­che – Pro­to­koll beweist daher, dass die an die genann­ten Ver­fah­rens­vor­gän­ge jeweils anschlie­ßen­de wei­te­re Haupt­ver­hand­lung in Abwe­sen­heit der Öffent­lich­keit statt­ge­fun­den hat.

Wäh­rend für die Anbe­raumung des Fort­set­zungs­ter­mins die Öffent­lich­keit nicht wie­der­her­ge­stellt wer­den muss­te 2, liegt in der Nicht­wie­der­her­stel­lung der Öffent­lich­keit vor Ein­nah­me des Augen­scheins und Äuße­rung des Ange­klag­ten jeweils ein Ver­stoß gegen die Vor­schrif­ten über die Öffent­lich­keit.

Zwar deckt der Beschluss über den Aus­schluss der Öffent­lich­keit für den Zeit­raum der Ver­neh­mung einer Beweis­per­son auch die im Zusam­men­hang mit die­ser in unmit­tel­ba­rem Zusam­men­hang ste­hen­den oder sich aus ihr ent­wi­ckeln­den Ver­fah­rens­vor­gän­ge ab 3.

Die im vor­lie­gen­den Fall in Augen­schein genom­me­nen Licht­bil­der hat­ten jedoch ersicht­lich kei­nen Bezug zum Inhalt des erstat­te­ten Gut­ach­tens und zu den zeu­gen­schaft­li­chen Bekun­dun­gen des Sach­ver­stän­di­gen. Auch erfolg­te die Inaugen­sch­ein­nah­me aus­weis­lich des Pro­to­kolls "mit dem Ange­klag­ten und den übri­gen Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten", zu denen der Sach­ver­stän­di­ge nach sei­ner pro­zes­sua­len Funk­ti­on als per­sön­li­ches Beweis­mit­tel begriff­lich nicht gehört 4.

Auch die Äuße­run­gen des Ange­klag­ten stan­den in kei­nem unmit­tel­ba­ren Zusam­men­hang zur Gut­ach­te­n­er­stat­tung, weil er nach dem Pro­to­koll nicht nur eine Erklä­rung zur vor­an­ge­gan­ge­nen Beweis­erhe­bung nach § 257 StPO abgab, son­dern sich "zur Sache" äußer­te.

Da hier auch ersicht­lich kein Fall vor­lag, in dem das Beru­hen des Urteils auf dem Ver­fah­rens­ver­stoß denk­ge­setz­lich aus­ge­schlos­sen wer­den kann 5, war das Urteil ins­ge­samt auf­zu­he­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 31. Mai 2017 – 2 StR 428/​16

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 31.03.1994 – 1 StR 48/​94, BGHR StPO § 274 Beweis­kraft 15; BGH, Beschluss vom 21.07.2000 – 3 StR 228/​00, bei Becker NStZ-RR 2001, 264 Nr. 26 jeweils mwN[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 20.09.2005 – 3 StR 214/​05, NStZ 2006, 117[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 12.11.2015 – 5 StR 467/​15, NStZ 2016, 118 mit Anm. Bitt­mann; Urtei­le vom 17.12 1987 – 4 StR 614/​87, NStZ 1988, 190 zur Augen­scheins­ein­nah­me; vom 15.04.2003 – 1 StR 64/​03, BGHSt 48, 268 zur Ent­las­sung eines Zeu­gen; vom 20.09.2005 – 3 StR 214/​05, NStZ 2006, 117 zu Erklä­run­gen des Ange­klag­ten nach § 257 StPO[]
  4. Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 60. Aufl., Einl. Rn. 75, 100[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 25.07.1995 – 1 StR 342/​95, NJW 1996, 138[]