Bei­trags­vor­ent­hal­tung

Zum Umfang der erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen bei der Ver­ur­tei­lung wegen Vor­ent­hal­tens und Ver­un­treu­ens von Arbeits­ent­gelt im Sin­ne des § 266a Abs. 1 StGB in Fäl­len der Nicht-Zah­lung ord­nungs­ge­mäß ange­mel­de­ter Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge hat der Bun­des­ge­richts­hof vor nach dem 1. April 2003 began­ge­ne eini­ge Ein­schrän­kun­gen zuge­las­sen:

Bei­trags­vor­ent­hal­tung

Für der­ar­ti­ge Fäl­le ist typisch, dass der Arbeit­ge­ber die Bei­trags­nach­wei­se für die ord­nungs­ge­mäß gemel­de­ten Arbeit-neh­mer bei der zustän­di­gen Kran­ken­kas­se ein­reicht und ledig­lich in der Fol­ge die auf der Grund­la­ge der Bei­trags­nach­wei­se geschul­de­ten Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge nicht zahlt. Tat­hand­lung ist inso­weit – anders in Fäl­len ille­ga­ler Beschäf­ti­gung, bei denen der Arbeit­ge­ber die von ihm beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer nicht oder nicht in rich­ti­gem Umfang mel­det – die schlich­te Nicht-Zah­lung der geschul­de­ten Bei­trä­ge; wei­te­re Unrechts­ele­men­te ent­hält das Tat­be­stands­merk­mal des Vor­ent­hal­tens in die­sen Fäl­len nicht 1.

Für Fäl­le die­ser Art besteht – soweit die Taten nach dem 1. April 2003 datie­ren – nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs ent­ge­gen frü­he­rer Recht­spre­chung 2 grund­sätz­lich kein Anlass dafür, im Urteil umfang­rei­che Fest­stel­lun­gen über die Anzahl der Beschäf­tig­ten, deren Beschäf­ti­gungs­zei­ten, das zu zah­len­de Arbeits­ent­gelt und zur Höhe des Bei­trags­sat­zes der zustän­di­gen Kran­ken­kas­se zu tref­fen. Viel­mehr bedarf es in sol­chen Fäl­len – anders als in Fäl­len ille­ga­ler Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se 3 – neben den Fest­stel­lun­gen, aus denen sich die Arbeit­ge­ber­stel­lung des Täters und – dar­aus fol­gend – die die­sem oblie­gen­den Mel­de­pflich­ten gegen­über den Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gern erge­ben, in der Regel ledig­lich der Fest­stel­lung der Höhe der vor­ent­hal­te­nen Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge und der dar­in ent­hal­te­nen Arbeit­neh­mer­an­tei­le, der durch das Vor­ent­hal­ten geschä­dig­ten Kran­ken­kas­se sowie der Bei­trags­mo­na­te, in denen die Arbeit­neh­mer­an­tei­le vor­ent­hal­ten wur­den.

Wei­ter­ge­hen­de Fest­stel­lun­gen waren nach der bis zum 31. März 2003 gel­ten­den Rechts­la­ge ins­be­son­de­re des­halb erfor­der­lich, um aus­schlie­ßen zu kön­nen, dass zu den Arbeit­neh­mern gering­fü­gig Beschäf­tig­te im Sin­ne von § 8 SGB IV zähl­ten 4, für die allein Arbeit­ge­ber­bei­trä­ge zur Sozi­al­ver­si­che­rung anfal­len, deren Nicht­ab­füh­ren nicht gemäß § 266a Abs. 1 StGB straf­bar ist 5. Durch Art. 2 Nr. 14 des Zwei­ten Geset­zes für moder­ne Dienst­leis­tun­gen am Arbeits­markt vom 23. Dezem­ber 2002 6 wur­de indes § 28i SGB IV mit Wir­kung vom 1. April 2003 7 dahin­ge­hend erwei­tert, dass bei gering­fü­gi­gen Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen im Sin­ne von § 8 SGB IV aus­schließ­lich die Bun­des­knapp­schaft 8 als Trä­ger der Ren­ten­ver­si­che­rung zustän­di­ge Ein­zugs­stel­le für die Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge ist 9. Vor die­sem Hin­ter­grund kann bei Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen, die zum Nach­teil einer Kran­ken­kas­se vor­ent­hal­ten wur­den, ohne wei­te­re Fest­stel­lun­gen aus­ge­schlos­sen wer­den, dass sich dar­un­ter Bei­trä­ge für gering­fü­gi­ge Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se befin­den.

Auch zur Bestim­mung der Höhe der vor­ent­hal­te­nen Arbeit­neh­mer­an­tei­le – und somit zur Bestim­mung des Schuld­um­fangs – sind in der Regel wei­ter­ge­hen­de Fest­stel­lun­gen als die vor­ge­nann­ten nicht erfor­der­lich. Denn nach § 28f Abs. 3 Satz 1 SGB IV hat der Arbeit­ge­ber grund­sätz­lich die Höhe der geschul­de­ten Bei­trä­ge zur Sozi­al­ver­si­che­rung selbst zu berech­nen und der Ein­zugs­stel­le nach­zu­wei­sen 10. Die­ser sog. Bei­trags­nach­weis gilt nach § 28f Abs. 3 Satz 3 SGB IV für die Voll­stre­ckung als Leis­tungs­be­scheid der Ein­zugs­stel­le und im Insol­venz­ver­fah­ren als Doku­ment zur Glaub­haft­ma­chung der For­de­run­gen der Ein­zugs­stel­le. Er belegt somit die geschul­de­ten und dem­nach auch in der Regel die vor­ent­hal­te­nen Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge. Die Fest­stel­lung des im Bei­trags­nach­weis vom Arbeit­ge­ber nach­ge­wie­se­nen Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­be­trags ermög­licht dem Revi­si­ons­ge­richt daher in hin­rei­chen­dem Maße die Über­prü­fung des Urteils. Mit Fest­stel­lung des im Bei­trags­nach­weis vom Arbeit­ge­ber nach­ge­wie­se­nen Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­be­trags geht ein­her, dass die nach­ge­wie­se­nen Bei­trä­ge auf Grund­la­ge der im jewei­li­gen Bei­trags­mo­nat tat­säch­lich geschul­de­ten Brut­to­ge­häl­ter unter Anwen­dung des maß­geb­li­chen Bei­trags­sat­zes berech­net wur­den. Ledig­lich dann, wenn man­gels recht­zei­ti­ger Ein­rei­chung der Bei­trags­nach­wei­se das für die Bei­trags­be­rech­nung maß­ge­ben­de Arbeits­ent­gelt nach § 28f Abs. 3 Satz 2 SGB IV geschätzt wur­de, oder wenn sich im kon­kre­ten Fall aus ande­ren Grün­den Anhalts­punk­te dafür erge­ben, dass die im Bei­trags­nach­weis aus­ge­wie­se­nen Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge mit dem den Arbeit­neh­mern im jewei­li­gen Bei­trags­mo­nat geschul­de­ten Brut­to­ar­beits­ent­gelt nicht in Ein­klang zu brin­gen sind, besteht Anlass zu wei­ter­ge­hen­den Fest­stel­lun­gen.

In Fäl­len der vor­lie­gen­den Art kann sich auf­grund der vor­ge­nann­ten Umstän­de regel­mä­ßig auch die Beweis­wür­di­gung dar­auf beschrän­ken, dar­zu­le­gen, dass sei­tens des Arbeit­ge­bers Bei­trags­nach­wei­se ein­ge­reicht wur­den, in denen die Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge in der fest­ge­stell­ten Höhe aus­ge­wie­sen sind. Ledig­lich dann, wenn auf­grund der Ein­las­sung des Ange­klag­ten oder ander­wei­ti­ger beson­de­rer Umstän­de Anhalts­punk­te dafür bestehen, dass die im Bei­trags­nach­weis aus­ge­wie­se­nen Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge nicht den tat­säch­lich geschul­de­ten ent­spre­chen, wird das Tat­ge­richt gehal­ten sein, die getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen ein­ge­hen­der, z.B. unter Berück­sich­ti­gung der kauf­män­ni­schen Erfah­rung des Arbeit­ge­bers oder der Ergeb­nis­se durch­ge­führ­ter Betriebs­prü­fun­gen nach § 28p Abs. 1 SGB IV, zu bele­gen. Denn weder im Hin­blick auf den Zwei­fels­satz noch sonst ist es gebo­ten, zuguns­ten des Ange­klag­ten Tat­va­ri­an­ten zu unter­stel­len, für deren Vor­lie­gen kei­ne zurei­chen­den Anhalts­punk­te erbracht sind 11.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. Okto­ber 2010 – 1 StR 424/​10

  1. Fischer StGB 57. Aufl. § 266a Rn. 10[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 03.12.1991 – 1 StR 496/​91, NStZ 1992, 145; vom 04.03.1993 – 1 StR 16/​93, StV 1993, 364; und vom 22.03.2004 – 1 StR 31/​94, wis­tra 1994, 193; Urteil vom 20.03.1996 – 2 StR 4/​96, NStZ 1996, 543[]
  3. vgl. inso­weit BGH, Urteil vom 11.08.2010 – 1 StR 199/​10[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 03.12.1991 – 1 StR 496/​91, NStZ 1992, 145; vom 04.03.1993 – 1 StR 16/​93, StV 1993, 364; vom 22.03.2004 – 1 StR 31/​94, wis­tra 1994, 193; Urteil vom 20.03.1996 – 2 StR 4/​96, NStZ 1996, 543[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 20.03.1996 – 2 StR 4/​96, NStZ 1996, 543 mwN[]
  6. BGBl. I, 4621, 4625[]
  7. vgl. Art. 17 Abs. 1a des Zwei­ten Geset­zes für moder­ne Dienst­leis­tun­gen am Arbeits­markt[]
  8. nun­mehr Deut­sche Ren­ten­ver­si­che­rung Knapp­schaft-Bahn-See[]
  9. § 28i Satz 5 SGB IV nF[]
  10. vgl. auch See­wald in Kas­se­ler Kom­men­tar, Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht 66. Ergän­zungs­lie­fe­rung 2010, § 28f SGB IV Rn. 14[]
  11. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 27.04.2010 – 1 StR 454/​09, wis­tra 2010, 310 mwN[]