Die nicht gezahl­ten Arbeit­neh­mer­bei­trä­ge zur Sozi­al­ver­si­che­rung

Der Straf­tat­be­stand des § 266a Abs. 1 StGB ist nur dann gege­ben, wenn der ver­pflich­te­te Arbeit­ge­ber auch die tat­säch­li­che und recht­li­che Mög­lich­keit zur Erfül­lung der sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Ver­bind­lich­keit hat­te. Allein die feh­len­de Zah­lung der Arbeit­neh­mer­bei­trä­ge reicht nicht aus.

Die nicht gezahl­ten Arbeit­neh­mer­bei­trä­ge zur Sozi­al­ver­si­che­rung

Inso­weit gel­ten für das ech­te Unter­las­sungs­de­likt des § 266a StGB die all­ge­mei­nen Grund­sät­ze, wonach als unge­schrie­be­ne Tat­be­stands­vor­aus­set­zung hin­zu­tre­ten muss, dass dem Hand­lungs­pflich­ti­gen die Erfül­lung sei­ner gesetz­li­chen Pflicht mög­lich und zumut­bar ist 1.

Eine unmög­li­che Leis­tung darf dem Ver­pflich­te­ten nicht abver­langt wer­den. Eine Unmög­lich­keit in die­sem Sin­ne liegt ins­be­son­de­re dann vor, wenn der Hand­lungs­pflich­ti­ge zah­lungs­un­fä­hig ist 2.

Eine ein­ge­hen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit der Zah­lungs­fä­hig­keit des Ange­klag­ten wäre hier schon des­halb erfor­der­lich gewe­sen, weil das Land­ge­richt für einen tat­na­hen Zeit­raum fest­ge­stellt hat, dass der Ange­klag­te gezwun­gen war, auf Betrei­ben sei­ner Zwangs­voll­stre­ckungs­gläu­bi­ger das Ver­mö­gens­ver­zeich­nis abzu­ge­ben und Antrag auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen sei­ner Fir­ma sowie über sein Pri­vat­ver­mö­gen zu stel­len, dem ent­spro­chen wur­de. Auch wenn die jewei­li­ge monat­li­che Zahl­last mit ca. 640 Euro, 1.460 Euro bzw.01.840 Euro gering war, ent­hebt dies ange­sichts der deso­la­ten finan­zi­el­len Ver­hält­nis­se den Tatrich­ter nicht von der Ver­pflich­tung, die tat­säch­li­che Mög­lich­keit der Zah­lung nach­voll­zieh­bar dar­zu­le­gen.

Aller­dings kann der Tat­be­stand des § 266a StGB auch dann ver­wirk­licht wer­den, wenn der Hand­lungs­pflich­ti­ge zwar zum Fäl­lig­keits­tag zah­lungs­un­fä­hig ist, sein pflicht­wid­ri­ges Ver­hal­ten jedoch prak­tisch vor­ver­la­gert ist (sog. omis­sio libe­ra in cau­sa) 3.

Vor­sätz­lich pflicht­wid­rig han­delt der Arbeit­ge­ber inso­weit aber nur, wenn sich für ihn erkenn­bar ein Liqui­di­täts­eng­pass abzeich­net, aus dem eine Gefähr­dung der Arbeit­neh­mer­bei­trä­ge resul­tiert, und er es den­noch unter­lässt, die Abfüh­rung der Sozi­al­bei­trä­ge sei­ner Arbeit­neh­mer sicher­zu­stel­len, obwohl ihm dies im Zeit­punkt des Offen­bar­wer­dens der Liqui­di­täts­pro­ble­me durch ange­mes­se­ne, recht­lich zuläs­si­ge finanz­tech­ni­sche Maß­nah­men mög­lich gewe­sen wäre 4.

Das Land­ge­richt hat­te im vor­lie­gen­den Fall aber weder geprüft, ob zum Zeit­punkt der Fäl­lig­keit eine ent­spre­chen­de Leis­tungs­fä­hig­keit vor­han­den war, noch – wenn die­se Vor­aus­set­zung zu ver­nei­nen ist – ob hilfs­wei­se zu einem frü­he­ren Zeit­punkt die Sicher­stel­lung der Abfüh­rung der Arbeit­neh­mer­bei­trä­ge hät­te ver­an­lasst wer­den müs­sen und ob der Ange­klag­te dies auch erkannt hat. Die Sache bedurf­te daher inso­weit neu­er tatrich­ter­li­cher Prü­fung und Ent­schei­dung.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Okto­ber 2018 – 1 StR 257/​18

  1. vgl. im Ein­zel­nen BGH, Beschluss vom 28.05.2002 – 5 StR 16/​02, BGHSt 47, 318, 319 f.[]
  2. BGH aaO 318, 320[]
  3. vgl. im Ein­zel­nen BGH aaO 318, 320 ff.[]
  4. BGH aaO 318, 322 ff.[]