Erfolgs­ho­no­rar als Betrug – die straf­be­wehr­te Garan­ten­stel­lung des Rechts­an­walts

§ 4a Abs. 2 Nr. 1 RVG begrün­det kraft Geset­zes eine Garan­ten­stel­lung des Rechts­an­walts, der vor Abschluss einer Erfolgs­ho­no­rar­ver­ein­ba­rung sei­nen Man­dan­ten über die vor­aus­sicht­li­che gesetz­li­che Ver­gü­tung auf­zu­klä­ren hat.

Erfolgs­ho­no­rar als Betrug – die straf­be­wehr­te Garan­ten­stel­lung des Rechts­an­walts

Klärt ein Rechts­an­walt vor der Ver­ein­ba­rung eines Erfolgs­ho­no­rar nicht über die Höhe der gesetz­li­chen Rechts­an­walts­ver­gü­tung auf, kommt mit­hin eine Straf­bar­keit des Rechts­an­walts wegen Betru­ges durch Unter­las­sen gemäß §§ 263, 13 StGB in Betracht.

Bege­hen durch Unter­las­sen ist nach § 13 Abs. 1 StGB nur dann straf­bar, wenn der Täter recht­lich dafür ein­zu­ste­hen hat, dass der Erfolg nicht ein­tritt, und wenn das Unter­las­sen der Ver­wirk­li­chung des gesetz­li­chen Tat­be­stan­des durch ein Tun ent­spricht. Wäh­rend bei den Bege­hungs­de­lik­ten die objek­ti­ve Zurech­nung auf der Ver­ur­sa­chung des tat­be­stands­mä­ßi­gen Erfolgs beruht, reicht bei den unech­ten Unter­las­sungs­de­lik­ten die Tat­sa­che, dass eine mög­li­che Hand­lung den Erfolg ver­hin­dert hät­te, nicht aus, um die Beein­träch­ti­gung des Rechts­guts jedem Hand­lungs­fä­hi­gen als von ihm zu ver­ant­wor­ten­des Unrecht zur Last legen zu kön­nen. Viel­mehr muss ein beson­de­rer Rechts­grund nach­ge­wie­sen wer­den, wenn jemand aus­nahms­wei­se dafür ver­ant­wort­lich gemacht wer­den soll, dass er es unter­las­sen hat, zum Schutz frem­der Rechts­gü­ter posi­tiv tätig zu wer­den. Die Gleich­stel­lung des Unter­las­sens mit dem akti­ven Tun setzt des­halb vor­aus, dass der Täter als „Garant” für die Abwen­dung des Erfolgs ein­zu­ste­hen hat. Alle Erfolgs­ab­wen­dungs­pflich­ten beru­hen auf dem Grund­ge­dan­ken, dass eine bestimm­te Per­son in beson­de­rer Wei­se zum Schutz des gefähr­de­ten Rechts­guts auf­ge­ru­fen ist und dass sich alle übri­gen Betei­lig­ten auf das hel­fen­de Ein­grei­fen die­ser Per­son ver­las­sen und ver­las­sen dür­fen1.

Der Rechts­an­walt ist ver­pflich­tet, sei­nen Man­dan­ten über die im Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­setz als Regel vor­ge­se­he­ne Abrech­nung nach den gesetz­li­chen Gebüh­ren und Aus­la­gen auf­zu­klä­ren. Die­se Garan­ten­stel­lung folgt für den 4. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs aus Gesetz, näm­lich aus der Rege­lung in § 4a Abs. 2 Nr. 1 RVG:

Der Ange­klag­te hat sich in der Ver­gü­tungs­ver­ein­ba­rung ein Erfolgs­ho­no­rar im Sin­ne des § 49b Abs. 2 Satz 1 BRAO ver­spre­chen las­sen. Eine sol­che Ver­ein­ba­rung muss unter ande­rem die vor­aus­sicht­li­che gesetz­li­che Ver­gü­tung ent­hal­ten. Das bedeu­tet, dass der Rechts­an­walt unter Zugrun­de­le­gung des Gegen­stands­werts die sich vor­aus­sicht­lich aus dem Ver­gü­tungs­ver­zeich­nis erge­ben­den Gebüh­ren sowie sei­ne Aus­la­gen zu berech­nen hat. Die­se Ver­pflich­tung hat der Gesetz­ge­ber dem Rechts­an­walt gera­de zum Schutz des Man­dan­ten auf­er­legt, mit dem jener ein Erfolgs­ho­no­rar ver­ein­ba­ren möch­te2; nach den Mate­ria­li­en bie­tet allein die­se Anga­be „einen ver­läss­li­chen und trans­pa­ren­ten Ver­gleichs­maß­stab für die recht­su­chen­den Bür­ge­rin­nen und Bür­ger„3. Damit hat der Gesetz­ge­ber an die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Ver­fas­sungs­wid­rig­keit eines gene­rel­len Ver­bots anwalt­li­cher Erfolgs­ho­no­ra­re ange­knüpft, in der das Gericht den „Schutz der Recht­su­chen­den vor einer Über­vor­tei­lung durch über­höh­te Ver­gü­tungs­sät­ze” her­vor­ge­ho­ben und auf die asym­me­tri­sche Infor­ma­ti­ons­ver­tei­lung zwi­schen Man­dant und Rechts­an­walt sowie auf die sich hier­aus erge­ben­den Gefah­ren für die wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen des Recht­su­chen­den hin­ge­wie­sen hat4. Um daher dem Man­dan­ten zu ver­deut­li­chen, dass der Ver­zicht des Anwalts auf eine Ver­gü­tung im Miss­erfolgs­fall mit der Ver­pflich­tung zur Zah­lung eines – gege­be­nen­falls hohen – Zuschlags im Erfolgs­fall ver­bun­den ist, sieht § 4a Abs. 2 Nr. 1 RVG u.a. die Anga­be der vor­aus­sicht­li­chen gesetz­li­chen Ver­gü­tung vor5. Dem­nach ist es gerecht­fer­tigt, aus die­ser Auf­klä­rungs- und Infor­ma­ti­ons­pflicht des Anwalts eine Garan­ten­stel­lung kraft Geset­zes im Sin­ne des § 13 Abs. 1 StGB zu ent­neh­men.

Etwas ande­res ergibt sich auch nicht aus § 4b RVG, der ledig­lich eine Son­der­re­ge­lung für die zivil­recht­li­chen Fol­gen trifft, wenn eine Erfolgs­ho­no­rar­ver­ein­ba­rung unter ande­rem gegen § 4a Abs. 1 und 2 RVG ver­stößt6. Eine Ein­schrän­kung der straf­recht­li­chen Ver­folg­bar­keit kann hier­aus nicht her­ge­lei­tet wer­den.

Sei­ner Pflicht, die vor­aus­sicht­li­che gesetz­li­che Ver­gü­tung zu berech­nen, war der Rechts­an­walt im hier ent­schie­de­nen Fall nicht nach­ge­kom­men.

Vor­lie­gend war der Man­dant davon aus­ge­gan­gen, es gebe zu den ihm vom Ange­klag­ten auf­ge­zeig­ten Mög­lich­kei­ten der Abrech­nung kei­ne Alter­na­ti­ve. Auf­grund die­ses Irr­tums ver­füg­te er über sein Ver­mö­gen, indem er die Hono­rar­ver­ein­ba­rung abschloss und dadurch einen Anspruch auf eine Rechts­dienst­leis­tung erwarb, die er ander­wei­tig zu einem gerin­gen Bruch­teil des ver­ein­bar­ten Hono­rars hät­te erlan­gen kön­nen7. Da der Rechts­an­walt im vor­lie­gen­den Fall zum Abzug des Erfolgs­ho­no­rars von der auf sein Kon­to zu über­wei­sen­den Erb­schaft berech­tigt war, lag zumin­dest eine scha­dens­glei­che Ver­mö­gens­ge­fähr­dung vor8.

Der Umstand, dass der Man­dant mit der auf­grund der Hono­rar­ver­ein­ba­rung erbrach­ten Leis­tung des Rechts­an­walts zufrie­den war, stellt die Kau­sa­li­tät „zwi­schen einer etwai­gen Täu­schungs­hand­lung und einer Ver­mö­gens­ver­fü­gung bzw. einem Ver­mö­gens­scha­den” nicht infra­ge. Auf den Abschluss die­ser Hono­rar­ver­ein­ba­rung, auf den er, wie er wuss­te, kei­nen Anspruch hat­te, kam es dem Rechts­an­walt gera­de an.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. Sep­tem­ber 2014 – 4 StR 586/​13

  1. BGH, Urtei­le vom 25.07.2000 – 1 StR 162/​00, NJW 2000, 3013, 3014; und vom 10.07.2012- VI ZR 341/​10, BGHZ 194, 26, 33; Jescheck/​Weigend, Lehr­buch des Straf­rechts, All­ge­mei­ner Teil, 5. Aufl., S. 620; SSW-StG­B/Kud­lich, 2. Aufl., § 13 Rn. 15, 18
  2. BT-Drs. 16/​8384 S. 8
  3. BT-Drs. 16/​8384 S. 15
  4. BVerfG, NJW 2007, 979, 980 f., 983
  5. BT-Drs. 16/​8384 S. 11; Bischof in Bischof/​Jungbauer, RVG, 6. Aufl., § 4a Rn.20
  6. vgl. BGH, Urteil vom 05.06.2014 – IX ZR 137/​12, NJW 2014, 2653
  7. vgl. zum Scha­den auch BGH, Urteil vom 05.03.2014 – 2 StR 616/​12, NJW 2014, 2595, 2598 f.
  8. vgl. zum soge­nann­ten Kon­to­er­öff­nungs­be­trug BGH, Urteil vom 13.06.1985 – 4 StR 213/​85, BGHSt 33, 244, 245 f.; Beschlüs­se vom 21.11.2001 – 2 StR 260/​01, BGHSt 47, 160, 167; und vom 14.10.2010 – 2 StR 447/​10, NStZ 2011, 160