Gewinn­ab­schöp­fung mit­tels Ver­bands­geld­bu­ße

Mit dem tatrich­ter­li­chen Ermes­sen bei der Gewinn­ab­schöp­fung mit­tels Ver­bands­geld­bu­ße gemäß § 30 OWiG hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Gewinn­ab­schöp­fung mit­tels Ver­bands­geld­bu­ße

Im Aus­gangs­punkt ist bei der Zumes­sung der Geld­bu­ßen dem Grun­de nach zwi­schen den Bedürf­nis­sen der Ahn­dung des Rechts­ver­sto­ßes und der Gewinn­ab­schöp­fung zu unter­schei­den. Die Ver­bands­geld­bu­ße soll aus einem der Höhe nach durch den Buß­geld­rah­men des § 30 Abs. 2 OWiG begrenz­ten Ahn­dungs­an­teil, der unter sinn­ge­mä­ßer Anwen­dung des § 17 Abs. 3 OWiG zu bestim­men ist, und einem Abschöp­fungs­an­teil bestehen, der gemäß § 17 Abs. 4, § 30 Abs. 3 OWiG – gege­be­nen­falls unter Über­schrei­tung die­ses Buß­geld­rah­mens – den aus der Anknüp­fungs­tat erwach­se­nen wirt­schaft­li­chen Vor­teil erfasst.

Grund­sätz­lich muss sich aus den Ent­schei­dungs­grün­den erge­ben, in wel­cher Höhe eine Geld­bu­ße ahn­den­der und in wel­cher Höhe sie abschöp­fen­der Natur ist 1.

Der Tatrich­ter ist zwar nicht stets zur Bestim­mung des Abschöp­fungs­teils der Ver­bands­geld­bu­ße neben dem Ahn­dungs­an­teil ver­pflich­tet. Im Ein­zel­fall kön­nen auch Grün­de dafür bestehen, nur eine Ahn­dung aus­zu­spre­chen. Der – nach herr­schen­der Mei­nung auf der Grund­la­ge des Net­to­prin­zips zu bestim­men­de 2 – wirt­schaft­li­che Vor­teil, der der Per­so­nen­ver­ei­ni­gung aus der Tat zuge­flos­sen ist, stellt jedoch nach § 30 Abs. 3, § 17 Abs. 4 Satz 1 OWiG rech­ne­risch im Regel­fall die unte­re Gren­ze der Geld­bu­ße dar. Bleibt die für erfor­der­lich gehal­te­ne Ahn­dung hin­ter dem wirt­schaft­li­chen Vor­teil zurück, wird der Rest­be­trag regel­mä­ßig durch den Abschöp­fungs­an­teil zu erfas­sen sein 3.

Dass aus der Anknüp­fungs­tat erwach­se­ne Ansprü­che von Ver­letz­ten gegen die juris­ti­sche Per­son oder Per­so­nen­ver­ei­ni­gung bestehen oder gel­tend gemacht wer­den, hin­dert die Abschöp­fung des wirt­schaft­li­chen Vor­teils nicht. Das Recht der Ord­nungs­wid­rig­kei­ten kennt kei­ne ein­schrän­ken­de Rege­lung, die § 73 Abs. 1 Satz 2 StGB in der noch gel­ten­den Fas­sung ent­spricht; der dar­in nor­mier­te Rechts­ge­dan­ke fin­det kei­ne Anwen­dung. Das gilt nicht nur für den gemäß § 30 Abs. 5 OWiG nach­ran­gi­gen Ver­fall des § 29a OWiG 4, son­dern auch für die vor­lie­gend zu beur­tei­len­de Geld­bu­ße nach § 30 OWiG 5. Auch soweit die­se Vor­schrift – wie hier – auf der Tat­be­stands­sei­te nicht an eine Ord­nungs­wid­rig­keit, son­dern an eine Kri­mi­nal­straf­tat anknüpft, so dass die Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung eben­so wie Unrecht und Schuld straf­recht­lich zu beur­tei­len sind, ent­hält sie eine eigen­stän­di­ge Rechts­fol­gen­re­ge­lung rein ord­nungs­wid­rig­kei­ten­recht­li­cher Natur, die für einen der­ar­ti­gen Rück­griff auf § 73 Abs. 1 Satz 2 StGB kei­nen Raum lässt.

Von dem Grund­satz, dass durch die Geld­bu­ße der wirt­schaft­li­che Vor­teil auch tat­säch­lich abzu­schöp­fen ist, kann im Rah­men der pflicht­ge­mä­ßen Aus­übung des Ermes­sens (s. § 17 Abs. 4 Satz 1 OWiG: "soll") unter dem Gesichts­punkt von Ansprü­chen Ver­letz­ter nur dann eine Aus­nah­me gemacht wer­den, wenn eine Abschöp­fung durch die Ver­letz­ten bereits durch­ge­führt oder unmit­tel­bar ein­ge­lei­tet ist 6. In der zwei­ten Alter­na­ti­ve setzt dies die Fest­stel­lung vor­aus, dass die Rea­li­sie­rung der Ansprü­che gesi­chert ist, was ohne Vor­lie­gen eines unan­fecht­ba­ren Titels sel­ten wird ange­nom­men wer­den kön­nen. Inso­weit macht es sach­lich kei­nen Unter­schied, ob ein sol­cher Titel zwin­gend für erfor­der­lich 7 oder es für aus­rei­chend gehal­ten wird, dass mit der Abschöp­fung durch den Ver­letz­ten unzwei­fel­haft zu rech­nen ist 8. Ver­bleibt ein nicht zu ver­nach­läs­si­gen­des Risi­ko, dass die Ansprü­che Ver­letz­ter nicht rea­li­siert wer­den kön­nen, so besteht jeden­falls allein unter die­sem Gesichts­punkt für ein Abse­hen von der Bestim­mung eines ent­spre­chen­den Abschöp­fungs­an­teils kein Anlass.

Hier­mit kor­re­spon­diert, dass das Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­recht in § 99 Abs. 2 OWiG eine voll­stre­ckungs­recht­li­che Lösung für der­ar­ti­ge Fall­ge­stal­tun­gen vor­sieht. Nach die­ser – unmit­tel­bar nur für den Ver­fall nach § 29a OWiG gel­ten­den – Rege­lung ist die Bei­trei­bung des Ver­falls­be­trags ein­zu­stel­len und ein etwa gezahl­ter Betrag zurück­zu­er­stat­ten, wenn eine rechts­kräf­ti­ge Ent­schei­dung über den Anspruch eines Ver­letz­ten vor­ge­legt wird. Auf den Abschöp­fungs­an­teil der Geld­bu­ße ist die Rege­lung auf Grund gleich­ar­ti­ger Inter­es­sen­la­ge zu über­tra­gen 9.

Bei der Bemes­sung der Ahn­dungs­an­tei­le ori­en­tiert sich das Gericht an den Maß­stä­ben des § 17 Abs. 3 OWiG, wobei es gemäß der Eigen­art des § 30 OWiG nament­lich auf die Bedeu­tung der Straf­ta­ten nach § 299 Abs. 2 aF StGB und das Aus­maß der den Ange­klag­ten vor­zu­wer­fen­den Pflicht­ver­let­zun­gen 10 sowie die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se der Neben­be­tei­lig­ten abge­stellt hat. Auch hat das Land­ge­richt die ihr zuge­flos­se­nen wirt­schaft­li­chen Vor­tei­le schon bei der Bemes­sung der Ahn­dungs­an­tei­le mit­be­rück­sich­ti­gen dür­fen 11.

Für die Bezif­fe­rung der wirt­schaft­li­chen Vor­tei­le ist ein Ver­gleich der tat­säch­li­chen Ver­mö­gens­si­tua­ti­on der Neben­be­tei­lig­ten mit der­je­ni­gen Ver­mö­gens­si­tua­ti­on vor­zu­neh­men, die bestan­den hät­te, wenn die Ange­klag­ten nicht die abge­ur­teil­ten Taten der Bestechung im geschäft­li­chen Ver­kehr began­gen hät­ten. Zwar ist inso­weit eine gro­be Schät­zung aus­rei­chend 12. Erfor­der­lich sind jedoch – wenn­gleich kei­ne über­spann­ten Anfor­de­run­gen zu stel­len sind – nach­prüf­ba­re Anga­ben zu den tra­gen­den Grund­la­gen in den Urteils­grün­den 13.

Abschlie­ßend weist der Bun­des­ge­richts­hof auf Fol­gen­des hin:

Bei der Fest­set­zung einer Geld­bu­ße gegen eine juris­ti­sche Per­son oder Per­so­nen­ver­ei­ni­gung gemäß § 30 OWiG ist dar­auf Bedacht zu neh­men, dass die­se mit Namen und Anschrift sowie unter Anga­be des bzw. der Ver­tre­tungs­be­rech­tig­ten in das Rubrum auf­ge­nom­men oder zumin­dest in der Urteils­for­mel bezeich­net wird. Nur so bil­det das Urteil eine geeig­ne­te Grund­la­ge für die Voll­stre­ckung 14.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Mai 2017 – 3 StR 103/​17

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 25.04.2005 – KRB 22/​04, NStZ 2006, 231, 232; vom 17.10.2013 – 3 StR 167/​13, wis­tra 2014, 228, 232 [in BGHSt 59, 34 nicht abge­dr.]; Göhler/​Gürtler, OWiG, 16. Aufl., § 17 Rn. 43[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 08.12 2016 – 5 StR 424/​15 4 f.; KK-Rogall aaO, Rn. 141 mwN; offen gelas­sen im BGH, Beschluss vom 17.10.2013 – 3 StR 167/​13, aaO[]
  3. vgl. – für den kar­tell­be­ding­ten Mehr­erlös – BGH, Beschlüs­se vom 25.04.2005 – KRB 22/​04, aaO; vom 19.06.2007 – KRB 12/​07, BGHSt 52, 1, 11[]
  4. vgl. KK-Mitsch, OWiG, 4. Aufl., § 99 Rn. 7[]
  5. vgl. KK-Rogall aaO, Rn. 146 mwN[]
  6. so – für den kar­tell­be­ding­ten Mehr­erlös – BGH, Beschluss vom 19.06.2007 – KRB 12/​07, aaO[]
  7. so Göhler/​Gürtler aaO, Rn. 42; KK-Rogall aaO, Rn. 146 f.[]
  8. so Förs­ter aaO, 19. Lfg., § 30 Rn. 45[]
  9. vgl. KK-Mitsch aaO, § 17 Rn. 129[]
  10. s. BGH, Urteil vom 14.02.2007 – 5 StR 323/​06, NStZ-RR 2008, 13, 15; Beschluss vom 17.10.2013 – 3 StR 167/​13, wis­tra 2014, 228, 231[]
  11. s. BGH, Beschluss vom 24.04.1991 – KRB 5/​90, BGHR OWiG § 17 Vor­teil 1[]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 14.02.2007 – 5 StR 323/​06, aaO[]
  13. vgl. auch KK-Mitsch aaO, § 17 Rn. 124[]
  14. vgl. Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 60. Aufl., § 444 Rn. 15[]