Infor­ma­ti­ons­ge­stütz­te Markt­ma­ni­pu­la­tio­nen – und der Ver­fall

Der Bun­des­ge­richts­hof ver­mag der in der Lite­ra­tur viel­fach ver­tre­te­nen Ansicht nicht zu fol­gen, eine Ver­falls­an­ord­nung schei­de bei infor­ma­ti­ons­ge­stütz­ten Markt­ma­ni­pu­la­tio­nen schon des­halb aus, weil unmit­tel­bar aus die­sen Taten nichts erlangt wer­de und das spä­te­re Aus­nut­zen des zuvor mani­pu­lier­ten Bör­sen­prei­ses kei­nen unmit­tel­bar aus der Tat erlang­ten Ver­mö­gens­zu­wachs dar­stel­le1.

Infor­ma­ti­ons­ge­stütz­te Markt­ma­ni­pu­la­tio­nen – und der Ver­fall

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall deu­te­ten die Fest­stel­lun­gen sogar dar­auf hin, dass zumin­dest in der weit über­wie­gen­den Anzahl der Trans­ak­tio­nen der Tat­er­folg in Form der Ein­wir­kung auf den Bör­sen­preis nicht durch täu­schungs­be­ding­te Dritt­ge­schäf­te, son­dern durch Eigen­ge­schäf­te der Ange­klag­ten in Form von Ver­käu­fen ihnen wirt­schaft­lich zuzu­rech­nen­der Akti­en her­bei­ge­führt wur­de. In die­ser Kon­stel­la­ti­on gehört der Akti­en­ver­kauf noch zur Tat­be­stands­er­fül­lung, so dass es nahe­liegt, den für die Akti­en erziel­ten Erlös jeden­falls so weit als erlangt im Sin­ne des § 73 Abs. 1 StGB anzu­se­hen, als er auf­grund der durch das Scal­ping ver­ur­sach­ten Wert­stei­ge­rung der Akti­en erzielt wur­de.

Soweit die Ein­wir­kung auf den Bör­sen­preis durch Dritt­ge­schäf­te her­vor­ge­ru­fen wur­de und sich das Eigen­ge­schäft der Ange­klag­ten erst dar­an anschloss, ist der Ver­kauf der Akti­en durch die­se nicht mehr Teil der Tat­be­stands­er­fül­lung. Da aber aus der Tat alle Ver­mö­gens­wer­te erlangt sind, die dem Täter unmit­tel­bar aus der Ver­wirk­li­chung des Tat­be­stands in irgend­ei­ner Pha­se des Tat­ab­laufs zuflie­ßen2, wäre dann die in Fol­ge die­ser Ein­wir­kung ein­ge­tre­te­ne Wert­än­de­rung der vom Täter gehal­te­nen, jedoch bei deren Emp­feh­lung ver­schwie­ge­nen Akti­en maß­ge­bend. Die­se Wert­än­de­rung wird oft­mals in dem Kurs­ge­winn lie­gen3.

Das Tat­ge­richt wird sich auch näher mit der Fra­ge zu befas­sen haben, ob der Ange­klag­te Mit­ver­fü­gungs­ge­walt an den Wer­ten hat­te, die auf Kon­ten gebucht wur­den, bezüg­lich derer er Ein­zel­ver­tre­tungs­voll­macht besaß. Denn inso­weit han­del­te es sich um Kon­ten der Off­shore-Unter­neh­men. In Ver­tre­tungs­fäl­len gemäß § 73 Abs. 3 StGB, in denen der Täter als Organ, Ver­tre­ter oder Beauf­trag­ter (§ 14 StGB) oder als sons­ti­ger Ange­hö­ri­ger einer juris­ti­schen Per­son für die­se han­delt und die Ver­mö­gens­meh­rung bei der juris­ti­schen Per­son ein­tritt, kann nicht ohne Wei­te­res ange­nom­men wer­den, dass der Täter Ver­fü­gungs­ge­walt an dem Erlang­ten hat. Regel­mä­ßig ist viel­mehr davon aus­zu­ge­hen, dass die juris­ti­sche Per­son über eine eige­ne Ver­mö­gens­mas­se ver­fügt, die vom Pri­vat­ver­mö­gen des Täters zu tren­nen ist. Für eine Ver­falls­an­ord­nung gegen den Täter bedarf es daher auch in Fäl­len einer – lega­len – Zugriffs­mög­lich­keit auf das Ver­mö­gen einer über die fak­ti­sche Ver­fü­gungs­ge­walt hin­aus­ge­hen­den Fest­stel­lung, dass die­ser selbst etwas erlangt hat, was zu einer Ände­rung sei­ner Ver­mö­gens­bi­lanz geführt hat. Eine sol­che Fest­stel­lung recht­fer­ti­gen­de Umstän­de kön­nen etwa dar­in zu sehen sein, dass der Täter – was vor­lie­gend nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen nahe­lie­gen könn­te – die juris­ti­sche Per­son nur als for­ma­len Man­tel sei­ner Tat nutzt, eine Tren­nung zwi­schen sei­ner eige­nen Ver­mö­gens­sphä­re und der­je­ni­gen der Gesell­schaft aber nicht vor­nimmt, oder dar­in, dass jeder aus der Tat fol­gen­de Ver­mö­gens­zu­fluss an die Gesell­schaft sogleich an den Täter wei­ter­ge­lei­tet wird4.

Dabei muss sich das Tat­ge­richt mit Blick auf § 73 Abs. 1 Satz 2 StGB auch mit der Fra­ge einer Infor­ma­ti­ons­de­likts­haf­tung nach § 826 BGB beschäf­ti­gen5. Aller­dings begrün­den Scha­den und Geset­zes­ver­stoß allein die Annah­me der Sit­ten­wid­rig­keit noch nicht. Die beson­de­re Ver­werf­lich­keit des Ver­hal­tens muss sich aus dem ver­folg­ten Ziel, den ein­ge­setz­ten Mit­teln, der zuta­ge tre­ten­den Gesin­nung oder den ein­ge­tre­te­nen Fol­gen erge­ben. Erfor­der­lich ist mit­hin eine Gesamt­be­trach­tung aller maß­geb­li­chen Umstän­de6. Dabei wird auch in den Blick zu neh­men sein, dass nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen die Anga­ben über die Akti­en selbst zutref­fend waren7. Die­ser Umstand steht indes der Beja­hung eines Scha­dens nicht von vor­ne­her­ein ent­ge­gen. Denn § 826 BGB stellt inso­weit nicht auf die Ver­let­zung bestimm­ter Rech­te oder Rechts­gü­ter ab; als Scha­den ist viel­mehr neben jeder nach­tei­li­gen Ein­wir­kung auf die Ver­mö­gens­la­ge jede Beein­träch­ti­gung eines recht­lich aner­kann­ten Inter­es­ses, etwa das wirt­schaft­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht, und jede Belas­tung mit einer unge­woll­ten Ver­pflich­tung anzu­se­hen8. Es genügt also, wenn die Käu­fer die Akti­en tat­säch­lich nicht erwor­ben hät­ten, wenn sie dar­über infor­miert wor­den wären, dass der Ange­klag­te und S. selbst die emp­foh­le­nen Akti­en gehal­ten haben. Hier­von wird wegen der ver­falls­aus­schlie­ßen­den Wir­kung des § 73 Abs. 1 Satz 2 StGB im Zwei­fel aus­zu­ge­hen sein9.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. Febru­ar 2016 – 3 StR 142/​15

  1. vgl. Münch­Komm-StG­B/Pana­nis aaO, Rn. 255; Park/​Sorgenfrei aaO, Rn. 300; Fuchs/​Waßmer, WpHG, § 38 Rn. 84 []
  2. vgl. BGH, Urteil vom 27.11.2013 – 3 StR 5/​13, BGHSt 59, 80, 92 []
  3. vgl. Alten­hain in Hirte/​Möllers aaO, Rn. 161; Schön­höft, Die Straf­bar­keit der Markt­ma­ni­pu­la­ti­on gemäß § 20a WpHG, 2006, S. 180; Schö­mann aaO, S. 168; Vogel in Assmann/​Schneider aaO, § 38 Rn. 95 []
  4. BGH, Urtei­le vom 23.10.2013 – 5 StR 505/​12, NStZ 2014, 89, 93; sie­he auch BVerfG, Beschluss vom 14.06.2004 – 2 BvR 1136/​03, StV 2004, 409, 410 f. []
  5. sie­he BGH, Beschluss vom 27.01.2010 – 5 StR 254/​09, NStZ 2010, 326 []
  6. vgl. BGH, Urteil vom 13.12 2011 – XI ZR 51/​10, NJW 2012, 1800, 1803 []
  7. vgl. Vogel in Assmann/​Schneider aaO, § 38 Rn. 91 []
  8. BGH, Urteil vom 19.07.2004 – II ZR 402/​02, NJW 2004, 2971, 2972 []
  9. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 12.12 2013 – 3 StR 267/​13 27 f.; vom 01.10.2015 – 3 StR 102/​15 17 []
  10. sie­he BGH, Beschluss vom 27.01.2010 – 5 StR 254/​09, NStZ 2010, 326 []