Kun­den­zah­lun­gen auf das Pri­vat­kon­to in der Unter­neh­mens­kri­se

Unter­neh­mens­be­zo­ge­ne For­de­run­gen, die im Wege der Glo­bal­zes­si­on einem Kre­dit­in­sti­tut zur Siche­rung abge­tre­ten wor­den sind, fal­len in die Insol­venz­mas­se; mit­hin sind sie auch taug­li­che Tat­ob­jek­te eines Bank­rotts. Ein Geschäfts­herr hat in der Unter­neh­mens­kri­se zu ver­hin­dern, dass sei­ne Ange­stell­ten, auch mit­ar­bei­ten­den Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, betriebs­be­zo­ge­ne For­de­run­gen auf Pri­vat­kon­ten ein­zie­hen. Tut er dies nicht, kann er sich des vor­sätz­li­chen Bank­rotts durch Unter­las­sen straf­bar machen.

Kun­den­zah­lun­gen auf das Pri­vat­kon­to in der Unter­neh­mens­kri­se

Bei den nach Durch­füh­rung ent­spre­chen­der Arbei­ten durch die Rech­nun­gen gel­tend gemach­ten Ansprü­che han­del­te es sich um For­de­run­gen aus Lie­fe­rung und Leis­tung, die der Glo­bal­ab­tre­tung (hier: gegen­über der Volks­bank) unter­fie­len. Den­noch stell­ten die­se For­de­run­gen Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de (§ 240 Abs. 1 HGB, § 283 Abs. 1 Nr. 1 StGB) des Unter­neh­mers dar, die – wie grund­sätz­lich das gesam­te Schuld­ner­ver­mö­gen bis auf pfän­dungs­freie Gegen­stän­de – im Fal­le der Insol­venz­eröff­nung in die Insol­venz­mas­se (§§ 35, 36 InsO) gefal­len wären.

Insol­venz­mas­se i. S. d. § 283 StGB ist, wie sich zwang­los schon aus dem Wort­laut "zur Insol­venz­mas­se gehö­ren wür­den" ergibt, nicht die tat­säch­li­che Insol­venz­mas­se zum Zeit­punkt der spä­te­ren Insol­venz­eröff­nung. Viel­mehr ist das gesam­te mas­se­fä­hi­ge Ver­mö­gen des Schuld­ners zum Zeit­punkt der Tat­hand­lung gemeint.

Die ver­ein­bar­te Glo­bal­zes­si­on ver­mit­tel­te – wie eine Siche­rungs­über­eig­nung – der Volks­bank im Insol­venz­fall nur ein Abson­de­rungs­recht (§§ 50 Abs. 1, 51 S. 1 Nr. 1 InsO) 1. Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de, an denen ein sol­ches Recht und kein Aus­son­de­rungs­recht besteht, fal­len in die Insol­venz­mas­se; der abson­de­rungs­be­rech­tig­te Gläu­bi­ger ist Insol­venz­gläu­bi­ger. Wer­den sol­che Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de i. S. d. § 283 Abs. 1 Nr. 1 StGB bei­sei­te geschafft oder ver­schlei­ert, liegt der objek­ti­ve Tat­be­stand des Bank­rotts vor 2.

Die­se For­de­run­gen sind bei­sei­te geschafft wor­den. Die Auf­trag­ge­ber haben ihre Ver­pflich­tun­gen aus den jeweils abge­schlos­se­nen Werk­ver­trä­gen durch Bank­über­wei­sung auf das ihnen mit­ge­teil­te Pri­vat­kon­to der Mut­ter des Ange­klag­ten erfüllt (§ 362 BGB); die Geld­leis­tung konn­te von ihnen nicht noch ein­mal gefor­dert wer­den.

Die Über­wei­sungs­be­trä­ge (Umsatz­er­lö­se) sind so dem Zugriff des Insol­venz­ver­wal­ters und der Gläu­bi­ger ent­zo­gen wor­den. Das Überweisen(lassen) von For­de­rungs­be­trä­gen auf frem­de Kon­ten stellt ein Bei­sei­te­schaf­fen dar, erst recht ein Bar­ab­he­ben mit unbe­kann­tem Ver­bleib. Nur wenn – was hier ersicht­lich nicht der Fall ist – so der Zugriff des Insol­venz­ver­wal­ters und der Gläu­bi­ger auf die Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de den­noch nicht wesent­lich erschwert oder ver­ei­telt wird, liegt kein Bei­sei­te­schaf­fen vor 3.

Jeden­falls bei Über­schul­dung besteht im Inter­es­se der Gläu­bi­ger straf­be­wehrt kei­ne Berech­ti­gung mehr, For­de­run­gen ohne äqui­va­len­te Gegen­leis­tung einem ande­ren mit unbe­kann­tem Ver­bleib zu über­las­sen. Dass der Ange­klag­te jeden­falls vor der Bestel­lung eines vor­läu­fi­gen Insol­venz­ver­wal­ters über sein Ver­mö­gen berech­tigt war, sei­nen Betrieb fort­zu­füh­ren und auch über ein­ge­hen­de Zah­lun­gen für betrieb­li­che Zwe­cke oder einen ange­mes­se­nen Lebens­un­ter­halt zu ver­wen­den, steht die­sem Befund nicht ent­ge­gen. Mit § 283 StGB wird dies nicht pöna­li­siert, son­dern zum Schutz der Insol­venz­mas­se, also der Gesamt­heit der Gläu­bi­ger, das unwirt­schaft­li­che Ver­rin­gern, Ver­heim­li­chen, Ver­schwin­den­las­sen und unge­rech­te Ver­tei­len von Ver­mö­gens­be­stand­tei­len 4.

Auch wenn der Unter­neh­mer nicht selbst die Kon­to­ver­bin­dung auf den Rech­nun­gen ver­än­dert hat, hat er den Tat­be­stand des Bank­rotts vor­sätz­lich ver­wirk­licht.

Neben der Über­schul­dung kann­te er durch das hand­schrift­li­che Vor­schrei­ben der Rech­nun­gen die genaue Höhe der For­de­run­gen. Fer­ner rech­ne­te er damit, dass sei­ne Mut­ter oder sein Bru­der erneut betrieb­li­che For­de­run­gen auf ihren Pri­vat­kon­ten ein­zie­hen las­sen wür­den und bil­lig­te dies.

Mit­hin unter­ließ es der Unter­neh­mer im Sin­ne des § 13 Abs. 1 StGB bedingt vor­sätz­lich, die Ver­wirk­li­chung des Straf­tat­be­stan­des des Bank­rotts zu ver­hin­dern. Hier­zu war er aber recht­lich ver­pflich­tet.

Dies folgt schon dar­aus, dass jeder Geschäfts­herr ver­pflich­tet ist, betriebs­be­zo­ge­ne Straf­ta­ten sei­ner Mit­ar­bei­ter und Hilfs­per­so­nen – wie hier – zu ver­hin­dern, gera­de wenn die Mit­ar­bei­ter ori­gi­nä­re Auf­ga­ben des Geschäfts­herrn über­nom­men haben 5. Die­se Garan­ten­stel­lung (Erfolgs­ab­wen­dungs­pflicht) betraf den Ange­klag­ten um mehr, als er wuss­te, dass die Dele­ga­ti­on sei­ner kauf­män­ni­schen Auf­ga­ben auf sei­nen Bru­der schon in der Ver­gan­gen­heit zu erheb­li­chen Pro­ble­men geführt hat­te und er zudem durch den Glo­bal­ab­tre­tungs­ver­trag mit der Volks­bank nur noch wider­ruf­lich berech­tigt war, die betrieb­li­chen For­de­run­gen ein­zu­zie­hen.

Land­ge­richt Hil­des­heim, Urteil vom 13. Febru­ar 2014 – 21a Ns 25 Js 34542/​12

  1. vgl. BGH, Urteil vom 29.09.2011, IX ZR 74/​09, WM 2011, 229 3f.[]
  2. vgl. LG Hil­des­heim, Urteil vom 09.02.2011 – 25 KLs 5443 Js 93117/​10; Fischer, StGB, 60. Aufl., Rn. 3a zu § 283[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 17.03.1987, 1 StR 693/​87, BGHSt 34, 309ff.; und vom 29.04.2010, 3 StR 314/​09, BGHSt 55, 107ff.[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 04.04.1979, 3 StR 488/​78; BGHSt 28, 371ff.; Fischer, a. a. O., Rn. 3 Vor § 283[]
  5. so schon RG, Urteil vom 28.03.1924, I 818/​23; fer­ner BGH, Urtei­le vom 17.07.2009, 5 StR 394/​08, BGHSt 54, 44ff.; und vom 20.10.2011, 4 StR 71/​11, BGHSt 57, 42ff.; Fischer, a. a. O., Rn. 68 zu § 13[]