Nicht gezahl­te Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge – und die Berech­nung der Bei­trä­ge

Dem Tat­ge­richt obliegt es nach stän­di­ger Recht­spre­chung, die geschul­de­ten Bei­trä­ge – für die jewei­li­gen Fäl­lig­keits­zeit­punk­te geson­dert – nach Anzahl, Beschäf­ti­gungs­zei­ten, Löh­nen der Arbeit­neh­mer und der Höhe des Bei­trags­sat­zes der ört­lich zustän­di­gen Kran­ken­kas­se fest­zu­stel­len, um eine revi­si­ons­ge­richt­li­che Nach­prü­fung zu ermög­li­chen 1, weil die Höhe der geschul­de­ten Bei­trä­ge auf der Grund­la­ge des Arbeits­ent­gelts nach den Bei­trags­sät­zen der jewei­li­gen Kran­ken­kas­sen sowie den gesetz­lich gere­gel­ten Bei­trags­sät­zen der Ren­ten, Arbeits­lo­sen- und Pfle­ge­ver­si­che­rung zu berech­nen ist 2.

Nicht gezahl­te Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge – und die Berech­nung der Bei­trä­ge

Falls sol­che Fest­stel­lun­gen im Ein­zel­fall nicht mög­lich sind, kann die Höhe der vor­ent­hal­te­nen Bei­trä­ge auf Grund­la­ge der tat­säch­li­chen Umstän­de geschätzt wer­den 3. Die Grund­sät­ze, die die Recht­spre­chung bei Taten nach § 370 AO für die Dar­le­gung der Berech­nungs­grund­la­gen der ver­kürz­ten Steu­ern ent­wi­ckelt hat, gel­ten inso­weit ent­spre­chend 4.

Dem­entspre­chend genügt es gera­de nicht, die vor­ent­hal­te­nen Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge ledig­lich der Höhe nach anzu­ge­ben 5. Viel­mehr müs­sen die Urteils­grün­de die Berech­nungs­grund­la­gen und Berech­nun­gen im Ein­zel­nen wie­der­ge­ben 6.

Die­sen Anfor­de­run­gen trug in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das land­ge­richt­li­che Urteil nicht aus­rei­chend Rech­nung: Zwar bestehen gegen die Schät­zung des Land­ge­richts hin­sicht­lich der durch­schnitt­li­chen monat­li­chen Arbeits­zeit der tür­ki­schen Arbeit­neh­mer unter Berück­sich­ti­gung der auf­ge­fun­de­nen Arbeits­stun­den­auf­zeich­nun­gen und der zeu­gen­schaft­li­chen Bekun­dun­gen tür­ki­scher Arbeit­neh­mer zu ihren Arbeits­zei­ten kei­ne durch­grei­fen­den recht­li­chen Beden­ken. Aller­dings stützt das Land­ge­richt sei­ne Fest­stel­lun­gen zur Höhe der vor­ent­hal­te­nen Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge allein auf die Bekun­dun­gen und Berech­nung des Zeu­gen M. von der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung, ohne die Berech­nung für das Revi­si­ons­ge­richt im Ein­zel­nen nach­voll­zieh­bar dar­zu­le­gen. Im Rah­men der Beweis­wür­di­gung hat das Land­ge­richt ledig­lich aus­ge­führt, dass die vor­ent­hal­te­nen Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge anhand der ermit­tel­ten Brut­to­lohn­sum­me "unter Anwen­dung der jewei­li­gen Arbeit­ge­ber- und Arbeit­neh­mer­bei­trags­sät­ze zur Sozi­al­ver­si­che­rung" errech­net wor­den sei­en. Wel­che Bei­trags­sät­ze letzt­lich der Berech­nung zugrun­de lie­gen, führt das Urteil nicht aus, wes­halb eine Berech­nung der vor­ent­hal­te­nen Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge nicht mög­lich ist und die­se unzu­rei­chen­den Fest­stel­lun­gen damit einer voll­um­fäng­li­chen revi­si­ons­ge­richt­li­chen Nach­prü­fung ent­ge­gen­ste­hen.

Auch ist es im vor­lie­gen­den Fall nicht aus­nahms­wei­se aus­rei­chend, ledig­lich die Höhe der vor­ent­hal­te­nen Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge und die dar­in ent­hal­te­nen Arbeit­neh­mer­an­tei­le, die geschä­dig­ten Kran­ken­kas­sen und die betrof­fe­nen Bei­trags­mo­na­te fest­zu­stel­len 7, weil es sich gera­de nicht um einen Fall des schlich­ten Nicht­zah­lens ord­nungs­ge­mäß ange­mel­de­ter Bei­trä­ge han­delt, bei wel­chem der vom Arbeit­ge­ber ein­ge­reich­te Bei­trags­nach­weis gemäß § 28f Abs. 3 S. 3 SGB IV die geschul­de­ten und in der Regel vor­ent­hal­te­nen Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge belegt.

Der Bun­des­ge­richts­hof konn­te im vor­lie­gen­den Fall infol­ge der feh­len­den revi­si­ons­ge­richt­li­chen Nach­prüf­bar­keit – auch in Anbe­tracht des groß­zü­gi­gen Sicher­heits­ab­schlags in Höhe von 20 % und der wenig nach­voll­zieh­ba­ren Beschrän­kung auf den Betrag, in des­sen Höhe Ver­mö­gens­wer­te der Ver­falls­be­tei­lig­ten gesi­chert wer­den konn­ten – nicht aus­schlie­ßen, dass das ange­foch­te­ne Urteil auf dem vor­ge­nann­ten Man­gel beruht und mög­li­cher­wei­se bei rich­ti­ger Anwen­dung des Geset­zes anders aus­ge­fal­len wäre.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. April 2016 – 1 StR 1/​16

  1. BGH, Beschlüs­se vom 04.03.1993 – 1 StR 16/​93; und vom 22.03.1994 – 1 StR 31/​94; Urteil vom 20.03.1996 – 2 StR 4/​96, NStZ 1996, 543; Rad­tke in Münch­Komm- StGB, 2. Aufl., § 266a Rn. 61, 133[]
  2. BGH, Urteil vom 11.08.2010 – 1 StR 199/​10, NStZ-RR 2010, 376[]
  3. BGH, Beschluss vom 10.11.2009 – 1 StR 283/​09, NStZ 2010, 635; Rad­tke in Münch­Komm- StGB, 2. Aufl., § 266a Rn. 136[]
  4. BGH, Beschluss vom 04.03.1993 – 1 StR 16/​93, StV 1993, 364; Urteil vom 11.08.2010 – 1 StR 199/​10, NStZ-RR 2010, 376[]
  5. BGH, Beschluss vom 28.05.2002 – 5 StR 16/​02, BGHSt 47, 318[]
  6. BGH, Beschluss vom 04.03.1993 – 1 StR 16/​93, StV 1993, 364; Rad­tke in Münch­Komm- StGB, 2. Aufl., § 266a Rn. 133[]
  7. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 07.10.2010 – 1 StR 424/​10, NStZ 2011, 161[]