Sit­zungs­gel­der und die straf­recht­li­che Ver­ant­wor­tung des Aufsichtsratsvorsitzenden

Eine Aus­zah­lun­gen von Sit­zungs­gel­dern, die vom Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den einer Akti­en­ge­sell­schaft ent­ge­gen der sat­zungs­mä­ßi­gen Bestim­mung der AG ver­an­lasst wer­den, stel­len zwar eine akti­en­rechts­wid­ri­ge Hand­lung, aber kei­ne straf­ba­re Untreue­hand­lung dar.

Sit­zungs­gel­der und die straf­recht­li­che Ver­ant­wor­tung des Aufsichtsratsvorsitzenden

Mit die­ser Begrün­dung hat jetzt das Land­ge­richt Braun­schweig (Wirt­schafts­straf­kam­mer) die Eröff­nung der Haupt­ver­hand­lung gegen zwei ehe­ma­li­ge Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­de der Nord­zu­cker AG aus Rechts­grün­den abgelehnt.

Laut Ankla­ge­schrift wirft die Staats­an­walt­schaft Braun­schweig den bei­den ehe­ma­li­gen Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den der Nord­zu­cker AG vor, straf­recht­lich dafür ver­ant­wort­lich zu sein, dass ins­ge­samt rund 120.000,00 € zu Unrecht als ver­meint­li­che Sit­zungs­gel­der von der Nord­zu­cker AG an Auf­sichts­rats­mit­glie­der aus­ge­zahlt wor­den sei­en. Ent­ge­gen einer sat­zungs­mä­ßi­gen Bestim­mung der Nord­zu­cker AG zur Ver­gü­tung und Erstat­tung von Aus­la­gen und Sit­zungs­gel­dern sei­en Aus­zah­lun­gen im Zeit­raum zwi­schen Dezem­ber 2005 und Juli 2009 für ins­ge­samt 819 Sit­zun­gen gel­tend gemacht wor­den. Die­se Sat­zung sah vor, dass die Mit­glie­der des Auf­sichts­ra­tes und sei­ner Aus­schüs­se ein Sit­zungs­geld von jeweils 150,00 € pau­schal erhal­ten soll­ten. Tat­säch­lich sol­len die Auf­sichts­rats­mit­glie­der jedoch nicht nur sol­che Ter­mi­ne, son­dern auch wei­te­re Ter­mi­ne, wie zum Bei­spiel Gesprä­che mit Vor­stän­den der Nord­zu­cker AG, Anrei­se­ta­ge vor Sit­zun­gen, Teil­nah­men an der Grü­nen Woche oder an Grund­stein­le­gun­gen, etc. abge­rech­net haben, für die nach der sei­ner­zeit gel­ten­den sat­zungs­recht­li­chen Bestim­mung der Nord­zu­cker AG kei­ne pau­scha­le Entschädigung/​Vergütung vor­ge­se­hen gewe­sen sei.

Zur Begrün­dung führt das Land­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung aus, dass der in der Ankla­ge­schrift zur Last geleg­te Sach­ver­halt kei­ne straf­ba­re Untreue­hand­lung dar­stel­le. Die Aus­zah­lun­gen ent­ge­gen der sat­zungs­mä­ßi­gen Bestim­mung der Nord­zu­cker AG wür­den zwar eine akti­en­rechts­wid­ri­ge Hand­lung dar­stel­len. Dies gel­te selbst vor dem Hin­ter­grund, dass die zur Last geleg­te Abrech­nungs­pra­xis der Auf­sichts­rats­mit­glie­der bereits seit dem Jahr 2001 durch­gän­gig stän­di­ge Übung inner­halb der Nord­zu­cker AG gewe­sen sei. Das akti­en­rechts­wid­ri­ge Ver­hal­ten der Ange­schul­dig­ten löse dem­nach einen ver­schul­dens­un­ab­hän­gi­gen Rück­zah­lungs­an­spruch gegen­über den Ange­schul­dig­ten als betrof­fe­ne Auf­sichts­rats­mit­glie­der aus, den die bei­den Ange­schul­dig­ten indes bereits voll gegen­über der Nord­zu­cker AG aus­ge­gli­chen hätten.

Eine straf­ba­re Untreue­hand­lung schei­te­re jedoch dar­an, dass den Ange­schul­dig­ten im Zusam­men­hang mit der Aus­zah­lung der Sit­zungs­gel­der für die Teil­nah­me an ander­wei­ti­gen Ter­mi­nen kei­ne eige­ne Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht gegen­über der Nord­zu­cker AG zukom­me. Eine allein auf die Ver­let­zung der akti­en­recht­li­chen Pflich­ten der Ange­schul­dig­ten als Auf­sichts­rats­mit­glie­der abstel­len­de Aus­le­gung einer tat­be­stand­li­chen Pflicht­wid­rig­keit sei nicht geeig­net, vor dem Hin­ter­grund der ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­nen Beschrän­kung bei der Anwen­dung des Untreu­e­tat­be­stan­des auf evi­den­te Fäl­le pflicht­wid­ri­gen Han­delns, eine Straf­bar­keit wegen Untreue zu begrün­den. Zwar tref­fe die Ange­schul­dig­ten als ehe­ma­li­ge Auf­sichts­rats­mit­glie­der im Wesent­li­chen die glei­che Sorg­falts­pflicht und Ver­ant­wort­lich­keit wie Vor­stands­mit­glie­der. Ein straf­recht­lich rele­van­ter Ver­stoß gegen akti­en­recht­li­che Sorg­falts­pflich­ten bedür­fe jedoch ange­sichts des Umstan­des, dass die Tätig­keit in der Regel nicht haupt­amt­lich ange­legt sei, eines kon­kre­ten Anknüp­fungs­punk­tes. Die Ange­schul­dig­ten hät­ten durch ihre Anträ­ge auf Gewäh­rung von Sit­zungs­geld zwar eine sat­zungs­wid­ri­ge Pra­xis inner­halb der Nord­zu­cker AG aus­ge­nutzt, die durch den Vor­stand nicht unter­bun­den wor­den sei. Ein sol­ches Ver­hal­ten sei jedoch von Ent­schei­dun­gen des Auf­sichts­ra­tes abzu­gren­zen, die sich als Aus­übung ihrer gesetz­li­chen Haupt­pflich­ten dar­stell­ten und nicht ledig­lich Organ­ne­ben­pflich­ten beträfen.

Da es sich bei der akti­en­recht­li­chen Pflicht­ver­let­zung um eige­ne Ver­gü­tungs­an­ge­le­gen­hei­ten der Auf­sichts­rats­mit­glie­der han­del­te, begrün­de dies allen­falls eine Ver­let­zung von Organ­ne­ben­pflich­ten, indes kei­ne Ver­let­zung von Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflich­ten im Sin­ne des Untreu­e­tat­be­stan­des. Inso­weit wür­den die Auf­sichts­rats­mit­glie­der im Zusam­men­hang mit der Annah­me sol­cher Leis­tun­gen nicht in ihrem über­tra­ge­nen Auf­ga­ben­kreis als Treu­neh­mer tätig wer­den, son­dern der Akti­en­ge­sell­schaft wie ein Ver­trags­part­ner gegen­über tre­ten, der mit der Gesell­schaft Rechts­ge­schäf­te abschließt. In die­ser Kon­stel­la­ti­on sei es einem Auf­sichts­rats­mit­glied nicht mög­lich, gegen Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflich­ten im Sin­ne des § 266 StGB zu verstoßen.

In ihrer Ent­schei­dung führt die Wirt­schafts­straf­kam­mer wei­ter­hin aus, dass auch eine Straf­bar­keit der Ange­schul­dig­ten wegen einer Teil­nah­me (Anstif­tung oder Bei­hil­fe) zu einer Untreue­hand­lung der Vor­stands­mit­glie­der der Nord­zu­cker AG nicht in Betracht komme.

Denn es feh­le bereits an einer für den Untreu­e­tat­be­stand erfor­der­li­chen gra­vie­ren­den Pflicht­ver­let­zung der Vor­stands­mit­glie­der. Die Aus­zah­lun­gen der gewähr­ten Sit­zungs­gel­der hät­ten durch­aus dem Unter­neh­mens­in­ter­es­se gedient. Die Zah­lun­gen hät­ten zudem weder den Bestand noch die dau­er­haf­te Ren­ta­bi­li­tät der Gesell­schaft gefähr­det. Die jewei­li­gen Sit­zungs­gel­der sei­en auch tat­säch­lich im Zusam­men­hang mit der Tätig­keit der Auf­sichts­rats­mit­glie­der mit Unter­neh­mens­be­zug ver­an­lasst wor­den. Auch die Höhe der Sit­zungs­gel­der von jeweils 150,00 € sei kei­nes­wegs unan­ge­mes­sen hoch gewesen.

Ins­ge­samt ver­nein­te das Land­ge­richt Braun­schweig aus den vor­ge­nann­ten Grün­den einen wirt­schaft­lich unver­tret­ba­ren bzw. evi­den­ten Ver­stoß des Vor­stan­des der Nord­zu­cker AG.

Land­ge­richt Braun­schweig, Beschluss vom 28. Dezem­ber 2011 – 6 KLS 54/​11