Vor­ent­hal­ten und Ver­un­treu­en von Arbeits­ent­gelt – und der Stroh­mann-Geschäfts­füh­rer

Schon allein die Stel­lung als for­mel­ler Geschäfts­füh­rer begrün­det nach § 14 Abs. 1 Nr. 1 StGB des­sen Ver­ant­wort­lich­keit als Organ der Gesell­schaft nach außen, was ins­be­son­de­re auch die Ein­stands­pflicht für die Erfül­lung öffent­lich­recht­li­cher Pflich­ten wie das Abfüh­ren von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen ein­schließt.

Vor­ent­hal­ten und Ver­un­treu­en von Arbeits­ent­gelt – und der Stroh­mann-Geschäfts­füh­rer

Dies gilt auch dann, wenn für die Gesell­schaft eine Per­son mit so weit­rei­chen­den Hand­lungs­kom­pe­ten­zen auf­tritt, dass sie ihrer­seits als fak­ti­scher Geschäfts­füh­rer anzu­se­hen ist 1.

Die Ver­ant­wort­lich­keit des for­mel­len Geschäfts­füh­rers ent­fällt nicht dadurch, dass ihm – als sog. "Stroh­mann" – rechts­ge­schäft­lich im Innen­ver­hält­nis kei­ne bedeut­sa­men Kom­pe­ten­zen über­tra­gen wur­den, um auf die recht­li­che und wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung der Gesell­schaft Ein­fluss zu neh­men 2.

Es trifft nicht zu, dass er in die­sem Fall nur mit dem sich aus der Bestel­lung erge­ben­den Rechts­schein aus­ge­stat­tet wäre. Denn der Geschäfts­füh­rer, der for­mal wirk­sam bestellt ist, hat von Geset­zes wegen stets alle recht­li­chen und damit auch tat­säch­li­chen Hand­lungs­mög­lich­kei­ten.

Dem­entspre­chend knüpft § 14 Abs. 1 Nr. 1 StGB die Ver­ant­wort­lich­keit an die Organ­stel­lung, nicht – auch – an das regel­mä­ßig zugleich bestehen­de dienst­ver­trag­li­che Anstel­lungs­ver­hält­nis 3.

Eben­so wenig ist dem "Strohmann"-Geschäftsführer die gebo­te­ne Abfüh­rung der Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge man­gels Kom­pe­ten­zen tat­säch­lich unmög­lich 4.

Ste­hen die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se hin­ter sei­nen recht­li­chen Befug­nis­sen zurück, so kann und muss der Geschäfts­füh­rer gericht­li­che Hil­fe in Anspruch neh­men, um sei­nen Ein­fluss gel­tend zu machen, ande­ren­falls er gehal­ten ist, sein Amt nie­der­zu­le­gen 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Okto­ber 2016 – 3 StR 352/​16

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 28.05.2002 – 5 StR 16/​02, BGHSt 47, 318, 324 ff.; fer­ner Urteil vom 22.09.1982 – 3 StR 287/​82, BGHSt 31, 118, 122 f. [zu § 84 GmbHG][]
  2. so aber OLG Hamm, Beschluss vom 10.02.2000 – 1 Ss 1337/​99, NStZ-RR 2001, 173; KG, Beschluss vom 13.03.2002 – (5) 1 Ss 243/​01 (6/​02), wis­tra 2002, 313, 314 f.; Krumm, NZWiSt 2015, 102, 103; Fischer, StGB, 63. Aufl., § 266a Rn. 5; LK/​Schünemann, StGB, 12. Aufl., § 14 Rn. 75; NK-StGB-Tag, 4. Aufl., § 266a Rn. 30[]
  3. vgl. Mau­rer, wis­tra 2003, 174, 175; fer­ner S/​S‑Perron, StGB, 29. Aufl., § 14 Rn. 16/​17[]
  4. so aber OLG Hamm aaO; KG aaO, S. 315 [zu § 283 StGB]; Münch­Komm-StG­B/­Rad­tke, 2. Aufl., § 266a Rn. 36; S/​S‑Perron aaO[]
  5. eben­so Mau­rer aaO, S. 175 f.; Rönnau, NStZ 2003, 525, 527; Münch­Komm-GmbH­G/Wiß­mann, 2. Aufl., § 84 Rn. 57; Scholz/​Tiedemann/​Rönnau, GmbHG, 11. Aufl., § 84 Rn. 27; vgl. auch Siegmann/​Vogel, ZIP 1994, 1821, 1822; Michalski/​Dannecker, GmbHG, 2. Aufl., § 84 Rn. 27; Münch­Komm-StG­B/Hoh­mann, 2. Aufl., § 84 GmbHG Rn.19; Roth/​Altmeppen, GmbHG, 8. Aufl., § 84 Rn. 4[]