Woh­nungs­ein­bruch – mit einem ver­ges­se­nen Schlüssel

Ein bei dem Berech­tig­ten in Ver­ges­sen­heit gera­te­ner Schlüs­sel ist kein fal­scher Schlüs­sel im Sin­ne des § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB.

Woh­nungs­ein­bruch – mit einem ver­ges­se­nen Schlüssel

Nach § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB wird bestraft, wer einen Dieb­stahl begeht, bei dem er zur Aus­füh­rung der Tat in eine Woh­nung mit einem fal­schen Schlüs­sel ein­dringt. Falsch ist ein Schlüs­sel im Sin­ne von § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB – nicht anders als im Fall des § 243 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 StGB –, wenn er zum Zeit­punkt der Tat vom Berech­tig­ten nicht oder nicht mehr zur Öff­nung bestimmt ist. Die­se Vor­aus­set­zung ist nach der stän­di­gen Recht­spre­chung mit Blick auf die straf­recht­li­chen Fol­gen eines Woh­nungs­ein­bruch- bzw. eines Nach­schlüs­sel­dieb­stahls nicht bereits dann erfüllt, wenn der Täter sich eines zur ord­nungs­ge­mä­ßen Öff­nung bestimm­ten Schlüs­sels ledig­lich unbe­fugt bedient und die­sen zur Bege­hung eines (Woh­nungs­ein­bruch-) Dieb­stahls miss­braucht1. Falsch im Sin­ne der genann­ten Vor­schrif­ten ist ein Schlüs­sel viel­mehr nur dann, wenn ihm die Wid­mung des Berech­tig­ten fehlt, dass er zur Öff­nung des Schlos­ses die­nen soll. Maß­geb­lich ist des­halb für die Fra­ge, ob ein Schlüs­sel im Sin­ne des § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB falsch ist, allein der Wil­le des zur Ver­fü­gung über die Woh­nung Berech­tig­ten, ob er den Schlüs­sel nicht, noch nicht oder nicht mehr zur Öff­nung des Woh­nungs­schlos­ses bestimmt sehen möch­te2.

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Die­sen Wil­len kann der Berech­tig­te aus­drück­lich kund­tun. Der ent­spre­chen­de Wil­le kann aber auch durch ein erkenn­bar auf eine Ent­wid­mung gerich­te­tes Ver­hal­ten kon­klu­dent zum Aus­druck gebracht wer­den3. So hat der Bun­des­ge­richts­hof etwa eine Ent­wid­mung eines ohne Wis­sen des Ver­mie­ters beim Mie­ter ver­blie­be­nen Schlüs­sels dar­in gese­hen, dass der Ver­mie­ter den Mie­ter aus dem been­de­ten Miet­ver­hält­nis ent­lässt, die Räu­me wie­der an sich bringt und damit kon­klu­dent kund­tut, dass nur die in sei­nem Besitz befind­li­chen Schlüs­sel fort­an zur Öff­nung der Räum­lich­kei­ten bestimmt sein sol­len4. In ähn­li­cher Wei­se wur­de ein Ent­wid­mungs­akt in einem Fall der Been­di­gung eines Arbeits­ver­hält­nis­ses bejaht, in wel­chem die frü­he­re Haus­halts­hil­fe ohne Wis­sen des Berech­tig­ten einen Haus­schlüs­sel für sich zurück­be­hielt, der spä­ter zu einem Dieb­stahl ver­wen­det wur­de5.

Von dem Erfor­der­nis eines aus­drück­lich erklär­ten oder durch äuße­re Umstän­de erkenn­bar gewor­de­nen kon­klu­den­ten Ent­wid­mungs­wil­len ist der Bun­des­ge­richts­hof für den Fall eines gestoh­le­nen oder sonst abhan­den gekom­me­nen Schlüs­sels zwar abge­rückt und hat es inso­weit als aus­rei­chend gese­hen, dass der Berech­tig­te den Dieb­stahl bzw. das Abhan­den­kom­men des Schlüs­sels bemerkt hat6. An dem Grund­satz einer vom Wil­len des Berech­tig­ten getra­ge­nen Ent­wid­mung hat der Bun­des­ge­richts­hof gleich­wohl auch in die­sen Fäl­len fest­ge­hal­ten und dar­auf ver­wie­sen, dass ein gestoh­le­ner oder auf ande­re Wei­se abhan­den gekom­me­ner Schlüs­sel die Bestim­mung zur recht­mä­ßi­gen Öff­nung nicht von selbst ver­liert7. Jedoch sei mit dem Bemer­ken des Dieb­stahls davon aus­zu­ge­hen, dass der Berech­tig­te mit der Ver­wen­dung des Schlüs­sels sei­ner ursprüng­li­chen Bestim­mung gemäß nicht mehr ein­ver­stan­den ist8.

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Die Fra­ge, ob allein das Ver­ges­sen der Exis­tenz eines Schlüs­sels zur Ent­wid­mung führt, ist – soweit ersicht­lich – vom Bun­des­ge­richts­hof noch nicht ent­schie­den wor­den. Aus­ge­hend von der dar­ge­stell­ten Recht­spre­chung ver­mag ein blo­ßes Ver­ges­sen die Annah­me der Ent­wid­mung eines Schlüs­sels indes nicht zu begrün­den. Eine Erwei­te­rung des Anwen­dungs­be­reichs des Woh­nungs­ein­bruch­dieb­stahls bzw. des Nach­schlüs­sel­dieb­stahls auf Fäl­le des blo­ßen Ver­ges­sens hät­te zur Fol­ge, dass die Qua­li­fi­ka­ti­on des § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB bzw. die ver­schärf­te Straf­dro­hung des § 243 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 StGB ent­ge­gen der gefes­tig­ten Recht­spre­chung gänz­lich unab­hän­gig vom Wil­len des Berech­tig­ten zur Anwen­dung kom­men wür­den. Denn dem Ver­ges­sen ist imma­nent, dass eine Wil­lens­bil­dung des Berech­tig­ten in Bezug auf die Gebrauchs­be­stim­mung eines Schlüs­sels gera­de nicht statt­fin­det. Ihm kann daher kein Erklä­rungs­wert dahin bei­gemes­sen wer­den, der Berech­tig­te gehe von einem end­gül­ti­gen Ver­lust eines Schlüs­sels aus9.

Ein ver­ges­se­ner Schlüs­sel kann daher erst dann die recht­li­chen Anfor­de­run­gen an einen fal­schen Schlüs­sel im Sin­ne des § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB erfül­len, wenn er wie­der in das Bewusst­sein des Berech­tig­ten rückt und von die­sem sodann aus­drück­lich oder durch kon­klu­den­tes Ver­hal­ten oder – ver­gleich­bar mit einem abhan­den gekom­me­nen Schlüs­sel – zumin­dest sub­jek­tiv als end­gül­tig ver­lo­ren betrach­tet und so sei­ner Bestim­mung zur ord­nungs­ge­mä­ßen Öff­nung der Haus- bzw. Woh­nungs­tür ent­zo­gen wird.

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Gemes­sen hier­an war in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall der Schlüs­sel, mit dem sich der Ange­klag­te Zutritt zu der Woh­nung ver­schaff­te, nicht falsch im Sin­ne von § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB. Nach den Fest­stel­lun­gen über­lie­ßen die frü­he­ren Schwie­ger­el­tern der spä­te­ren Lebens­ge­fähr­tin des Ange­klag­ten den Schlüs­sel und ver­ga­ßen ihn spä­ter. Der unter­blie­be­nen Rück­for­de­rung des Schlüs­sels nach der Tren­nung des Soh­nes der Tat­op­fer von der Lebens­ge­fähr­tin des Ange­klag­ten kann daher – anders als in den Fäl­len einer Ver­trags­be­en­di­gung mit einer Rück­ga­be­ver­pflich­tung der über­las­se­nen Schlüs­sel – kein kon­klu­den­ter Erklä­rungs­wert mit Blick auf eine Ent­wid­mung des ein­mal über­las­se­nen Schlüs­sels bei­gemes­sen werden.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Novem­ber 2020 – 4 StR 35/​2

  1. vgl. BGH, Urteil vom 13.01.1967 – 4 StR 467/​66, BGHSt 21, 189; Beschluss vom 11.07.1986 – 2 StR 352/​86; Urteil vom 25.09.1997 – 1 StR 481/​97[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 10.05.1960 – 5 StR 129/​60, BGHSt 14, 291; Münch­Komm-StGB/­Schmitz, 3. Aufl., 2017, StGB § 243 Rn. 28[]
  3. so schon RGSt 4, 414; BGH, Urteil vom 24.02.1959 – 5 StR 668/​58, BGHSt 13, 15[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 24.02.1959 – 5 StR 668/​58; sie­he auch RGSt 11, 436 für die Über­las­sung einer Miet­sa­che an den Mie­ter[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 07.07.1965 – 2 StR 64/​65, BGHSt 20, 235[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 13.01.1967 – 4 StR 467/​66, BGHSt 21, 189; Urteil vom 07.06.1983 – 5 StR 290/​83; Beschluss vom 20.04.2005 – 1 StR 123/​05[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 13.01.1967 – 4 StR 467/​66, BGHSt 21, 189; Beschluss vom 20.04.2005 – 1 StR 123/​05[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 13.01.1967 – 4 StR 467/​66, BGHSt 21, 189[]
  9. a. A. – Ent­wid­mung durch end­gül­ti­ges Ver­ges­sen – Münch­Komm-StGB/­Schmitz, 3. Aufl., 2017, StGB § 243 Rn. 28; SSW-StGB/­Kud­lich, 4. Aufl., § 243 Rn. 14 ohne wei­te­re Begrün­dung[]

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