Woh­nungs­ein­bruch­dieb­stahl – und der Zutritt durch die Tür

Wer eine Räum­lich­keit durch eine zum ord­nungs­ge­mä­ßen Zugang bestimm­te Tür betritt, steigt nicht im Sin­ne von § 243 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1, § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB ein, unab­hän­gig davon, auf wel­che Wei­se er die Tür geöff­net hat.

Woh­nungs­ein­bruch­dieb­stahl – und der Zutritt durch die Tür

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te bereits frü­her ver­neint, dass auch der­je­ni­ge ein­stei­gen kann, der die Räum­lich­keit durch eine zum ord­nungs­ge­mä­ßen Zugang bestimm­te Tür betritt 1. Hier­an anknüp­fend und in Anbe­tracht des Umstan­des, dass der Begriff des Ein­stei­gens in § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB und in § 243 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 StGB nur iden­tisch aus­ge­legt wer­den kann 2, hat der Bun­des­ge­richts­hof dies nun wei­ter­ge­hend gefasst. Ein ande­res Ver­ständ­nis wider­sprä­che, so der Bun­des­ge­richts­hof, dem gefes­tig­ten Ver­ständ­nis des Ein­stei­gens durch Reichs­ge­richt und Bun­des­ge­richts­hof. An deren Aus­le­gung des Tat­be­stands­merk­mals, die sich auf den gesetz­ge­be­ri­schen Wil­len, die Sys­te­ma­tik und den Wort­laut stüt­zen kann, ist fest­zu­hal­ten.

Schon das Reichs­ge­richt hat das Ein­stei­gen defi­niert als das Ein­drin­gen durch eine zum ord­nungs­ge­mä­ßen Ein­tre­ten nicht bestimm­te Öff­nung unter Über­win­dung eines ent­ge­gen­ste­hen­den Hin­der­nis­ses 3. An die­ser Defi­ni­ti­on hat der Bun­des­ge­richts­hof – bei teil­wei­se abwei­chen­der For­mu­lie­rung – in zahl­rei­chen Ent­schei­dun­gen fest­ge­hal­ten 4. Soweit in einer Rei­he von Ent­schei­dun­gen das Erfor­der­nis des Betre­tens durch eine hier­für nicht bestimm­te Öff­nung kei­ne aus­drück­li­che Erwäh­nung fand 5, war dies ledig­lich dem Umstand geschul­det, dass bereits die wei­te­re Vor­aus­set­zung der Über­win­dung von Hin­der­nis­sen nicht erfüllt war. Die­se müs­sen sich ihrer­seits aus der Eigen­art des Gebäu­des oder der Umfrie­dung des umschlos­se­nen Rau­mes erge­ben 6; Schwie­rig­kei­ten allein beim Schaf­fen der Zugangs­mög­lich­keit genü­gen nicht 7.

Für die­se Aus­le­gung durch die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung, der die Lite­ra­tur wei­test­ge­hend folgt 8, spricht bereits die Gesetz­ge­bungs­ge­schich­te.

Bereits der Gesetz­ge­ber des Straf­ge­setz­bu­ches für die Preu­ßi­schen Staa­ten vom 01.07.1851 ging davon aus, dass ein Ein­stei­gen beim Betre­ten eines Gebäu­des oder sons­ti­gen umschlos­se­nen Raums durch einen ord­nungs­ge­mä­ßen Zugang aus­schied. Nach § 218 Nr. 3 des Straf­ge­setz­bu­ches für die Preu­ßi­schen Staa­ten lag ein schwe­rer Fall des Dieb­stahls vor, wenn 'in einem Gebäu­de oder in einem umschlos­se­nen Raum ver­mit­telst Ein­bruchs oder Ein­stei­gens gestoh­len wird'. Eine Legal­de­fi­ni­ti­on des Begriffs des Ein­stei­gens war in § 222 aus­drück­lich gere­gelt. Danach war ein "Ein­stei­gen […] vor­han­den, wenn der Ein­tritt in Gebäu­de oder umschlos­se­ne Räu­me über Dach­werk, Thü­ren, Mau­ern, Hecken oder ande­re Ein­frie­dun­gen oder durch Fens­ter, Kel­ler­lö­cher oder ande­re nicht zum Ein­gang bestimm­te, unter oder über der Erde befind­li­che Öff­nun­gen bewirkt wird".

§ 243 Nr. 2 des Straf­ge­setz­bu­ches des Nord­deut­schen Bun­des in der Fas­sung vom 31.05.1870 sah vor, dass ein schwe­rer Dieb­stahl gege­ben war, wenn "aus einem Gebäu­de oder umschlos­se­nen Rau­me mit­tels Ein­bruchs, Ein­stei­gens oder Erbre­chens von Behält­nis­sen gestoh­len wird". Das Straf­ge­setz­buch des Nord­deut­schen Bun­des wur­de zum 1.01.1872 unver­än­dert als Straf­ge­setz­buch für das Deut­sche Reich über­nom­men. Der Gesetz­ge­ber ver­zich­te­te in Abkehr von dem Straf­ge­setz­buch für die Preu­ßi­schen Staa­ten dar­auf, eine Legal­de­fi­ni­ti­on für den Begriff des Ein­stei­gens in das Gesetz auf­zu­neh­men. Nach sei­ner Ansicht war eine ent­spre­chen­de Defi­ni­ti­on nicht erfor­der­lich, da der Begriff des Ein­stei­gens "dem gemei­nen Leben ange­hört und ohne gesetz­ge­be­ri­sche Erklä­rung dem Ver­ständ­nis­se des Lai­en zugäng­lich sei 9. Eine inhalt­li­che Ände­rung gegen­über der Legal­de­fi­ni­ti­on des Straf­ge­setz­bu­ches für die Preu­ßi­schen Staa­ten, nach der ein Ein­stei­gen bei einem Betre­ten durch einen ord­nungs­ge­mä­ßen Zugang nicht in Betracht kam, war vom Gesetz­ge­ber nicht gewollt 10.

Die­ser gesetz­ge­be­ri­sche Wil­le, der im Geset­zes­text einen aus­rei­chen­den Nie­der­schlag 11 gefun­den hat, gilt unver­än­dert fort. Ins­be­son­de­re woll­te der Gesetz­ge­ber die Aus­le­gung des Begrif­fes des Ein­stei­gens bei einem Dieb­stahl weder durch das Ers­te Gesetz zur Reform des Straf­rechts vom 25.06.1969 12, durch wel­ches die Qua­li­fi­ka­tio­nen des schwe­ren Dieb­stahls zu Regel­bei­spie­len umge­wan­delt wur­den, noch durch das Sechs­te Gesetz zur Reform des Straf­rechts vom 26.01.1998 13, durch wel­che der Woh­nungs­ein­bruchs­dieb­stahl zur Qua­li­fi­ka­ti­on hoch­ge­stuft wur­de, ändern 14.

Die­ses Ergeb­nis wird wei­ter gestützt durch die Bin­nen­sys­te­ma­tik der § 243 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1, § 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB. Der Alter­na­ti­ve des Ein­drin­gens ist zu ent­neh­men, dass das Betre­ten durch eine hier­zu bestimm­te Öff­nung nur dann vom Regel­bei­spiel bzw. der Qua­li­fi­ka­ti­on erfasst sein soll, wenn dies unter Nut­zung eines fal­schen Schlüs­sels oder eines ande­ren nicht zur ord­nungs­ge­mä­ßen Öff­nung bestimm­ten, auf den Schließ­me­cha­nis­mus ein­wir­ken­den 15 Werk­zeu­ges geschieht. Fäl­le der Über­win­dung sons­ti­ger ent­ge­gen­ste­hen­der Hin­der­nis­se wer­den wie­der­um (nur) dann von der Tat­hand­lungs­mo­da­li­tät des Ein­bre­chens erfasst, wenn der Täter ent­we­der die Sub­stanz der Umschlie­ßung ver­letzt oder nicht uner­heb­li­che kör­per­li­che Kraft auf­wen­den muss 16. Fehlt es an einer die­ser Vor­aus­set­zun­gen, kann dem nicht dadurch begeg­net wer­den, dass das Vor­ge­hen nun­mehr unter den Begriff des Ein­stei­gens sub­su­miert wird.

Das her­ge­brach­te Begriffs­ver­ständ­nis deckt sich schließ­lich mit dem all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch. Die­ser ver­steht Ein­stei­gen als das Sich­ver­schaf­fen unrecht­mä­ßi­gen Zutritts durch Hin­ein­klet­tern. Soweit die­se Defi­ni­ti­on die Stel­le des Zutritts nicht näher umschreibt, bedeu­tet dies in der Sache kei­nen Unter­schied. Denn dafür, dass eine zum ord­nungs­ge­mä­ßen Ein­tre­ten bestimm­te Öff­nung als Ort des Zugangs aus­schei­det, spricht bereits das Erfor­der­nis des Hin­ein­klet­terns, unab­hän­gig davon, ob man dar­un­ter ledig­lich auf- und abstei­gen­de bzw. "her­ab­las­sen­de" 17 oder auch krie­chen­de Bewe­gun­gen ver­steht 18.

Dass mög­li­cher­wei­se Sinn und Zweck der gestei­ger­ten Straf­dro­hung – der erhöh­te Rechts­frie­den des Ver­wah­rungs­or­tes 19 sowie die in den Anstren­gun­gen des Täters zum Aus­druck kom­men­de beson­de­re Geflis­sent­lich­keit und Hart­nä­ckig­keit des Die­bes 20 – auch die vor­lie­gen­de Kon­stel­la­ti­on erfas­sen, recht­fer­tigt es nicht, das anhand der his­to­ri­schen, sys­te­ma­ti­schen und gram­ma­ti­ka­li­schen Aus­le­gung gefun­de­ne, ein­deu­ti­ge Ergeb­nis zu revi­die­ren. Die teleo­lo­gi­schen Erwä­gun­gen könn­ten – bei tat­säch­lich ver­gleich­ba­rer Gewich­tig­keit der Fäl­le – allen­falls zu der Annah­me eines unbe­nann­ten beson­ders schwe­ren Fal­les des § 243 Abs. 1 Satz 1 StGB füh­ren 21.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. März 2016 – 3 StR 404/​15

  1. BGH, Beschluss vom 27.07.2010 – 1 StR 319/​10, NStZ-RR 2010, 374[]
  2. all­ge­mein BGH, Beschluss vom 26.03.1954 – 1 StR 161/​53, BGHSt 6, 41, 42[]
  3. RG, Urteil vom 14.05.1881 – Rep. 980/​81, RGSt 4, 175, 176[]
  4. neben BGH, Beschluss vom 27.07.2010 – 1 StR 319/​10, NStZ-RR 2010, 374, 375 sie­he BGH, Urtei­le vom 19.06.1952 – 4 StR 463/​51, LM 1953 Nr. 5: "auf ord­nungs­wid­ri­gem Weg […] Zugang […] ver­schafft"; vom 23.04.1953 – 4 StR 743/​52, NJW 1953, 992; vom 07.11.1957 – 4 StR 521/​57: "Öff­nung war ersicht­lich kein ord­nungs­ge­mä­ßer Zugang"; vom 11.03.1960 – 4 StR 574/​59, BGHSt 14, 198, 200; vom 16.11.1999 – 1 StR 506/​99, NStZ 2000, 143, 144; Beschluss vom 26.02.2014 – 4 StR 584/​13, Stra­Fo 2014, 215; vgl. auch BGH, Urteil vom 12.06.1985 – IVa ZR 17/​84, NJW-RR 1986, 103 zu § 1 Nr. 2a der All­ge­mei­nen Ein­bruch­dieb­stahl­ver­si­che­rungs-Bedin­gun­gen: "auf […] nicht vor­ge­se­he­ne Wei­se Zugang […] ver­schafft"[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 05.02.1957 – 5 StR 526/​56, BGHSt 10, 132, 133; vom 10.06.1958 – 5 StR 212/​58; vom 11.05.1993 – 1 StR 896/​92, NJW 1993, 2252, 2253; Beschlüs­se vom 06.09.1968 – 4 StR 390/​68; vom 18.06.1982 – 3 StR 196/​82, juris; vom 01.02.1984 – 3 StR 423/​83, StV 1984, 204[]
  6. BGH, Urteil vom 05.02.1957 – 5 StR 526/​56, BGHSt 10, 132, 133; Beschluss vom 06.09.1968 – 4 StR 390/​68[]
  7. aus­drück­lich RG, Urteil vom 21.01.1886 – Rep. 38/​86, RGSt 13, 257, 258; sie­he auch BGH, Beschluss vom 01.02.1984 – 3 StR 423/​83, StV 1984, 204; unklar: BGH, Urteil vom 16.11.1999 – 1 StR 506/​99, NStZ 2000, 143, 144[]
  8. vgl. NK-StGB-Kind­häu­ser, 4. Aufl., § 243 Rn. 14; Lackner/​Kühl, StGB, 28. Aufl., § 243 Rn. 11; SK/​Hoyer, StGB, 47. Lfg., § 243 Rn. 18; Fischer, StGB, 63. Aufl., § 243 Rn. 6; LK/​Vogel, StGB, 12. Aufl., § 243 Rn. 22; S/​S‑Eser/​Bosch, StGB, 29. Aufl., § 243 Rn. 12; teil­wei­se anders: Münch­Komm-StG­B/­Schmitz, 2. Aufl., § 243 Rn. 22 f.[]
  9. Moti­ve zum Straf­ge­setz­buch für den Nord­deut­schen Bund, Reichs­tags­pro­to­kol­le [1867/​70, 12], S. 74[]
  10. vgl. Moti­ve zum Straf­ge­setz­buch für den Nord­deut­schen Bund, Reichs­tags­pro­to­kol­le [1867/​70, 12], S. 74; Klet­ke, Kom­men­tar zum Straf­ge­setz­buch für den Nord­deut­schen Bund, 1. Auf­la­ge, § 243, S. 168 f.; Hahn, Kom­men­tar zum Straf­ge­setz­buch für das Deut­sche Reich, 3. Auf­la­ge, § 243, S. 307; Schwar­ze, Kom­men­tar zum Straf­ge­setz­buch für das Deut­sche Reich, 1. Auf­la­ge, § 243, S. 533 f.[]
  11. vgl. BVerfG, Urteil vom 16.02.1983 – 2 BvE 1/​83, 2/​83, 3/​83 und 4/​83 , BVerfGE 62, 1 [45] m.w.N.[]
  12. Druck­sa­che V/​4094, S. 36; Pro­to­koll der 122. Sit­zung des Son­der­aus­schus­ses für die Straf­rechts­re­form, Mate­ria­li­en, Band III, S. 2457 ff.[]
  13. BT-Drs. 13/​8587, S. 43[]
  14. vgl. auch Vogel a.a.O., Vor­be­mer­kun­gen zu den § 242 ff. Rn. 23[]
  15. vgl. BGH, Urteil vom 09.12 1955 – 2 StR 354/​55, NJW 1956, 271[]
  16. vgl. LK/​Vogel aaO, § 243 Rn.20 mwN[]
  17. so RG, Urtei­le vom 14.05.1881 – Rep. 980/​81, RGSt 4, 175, 176; vom 12.04.1882 – Rep. 688/​82, RGSt 6, 186, 190[]
  18. so BGH, Urtei­le vom 23.04.1953 – 4 StR 743/​52, NJW 1953, 992; vom 10.06.1958 – 5 StR 212/​58; Beschluss vom 18.06.1982 – 3 StR 196/​82 2[]
  19. RG, Urteil vom 19.05.1919 – III 92/​19, RGSt 53, 262, 263; BGH, Beschluss vom 11.05.1951 – GSSt 1/​51, BGHSt 1, 158, 164 f.[]
  20. vgl. Reichs­tags­pro­to­kol­le 1867/​70, 12, S. 74[]
  21. vgl. BGH, Beschluss vom 27.07.2010 – 1 StR 319/​10, NStZ-RR 2010, 374, 375; BT-Drs. IV/​650, S. 402 f.[]