Zeit­li­cher Abstand zwi­schen Tat und Urteil – beim Kin­des­miss­brauch

Wie zuvor bereits der 3. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs neigt nun auch der 2. Straf­se­nat zu der Auf­fas­sung, dass dem zeit­li­chen Abstand zwi­schen Tat und Urteil im Rah­men der Straf­zu­mes­sung auch bei Taten des sexu­el­len Miss­brauchs eines Kin­des im Ansatz die glei­che Bedeu­tung zukommt, wie bei ande­ren Straf­ta­ten.

Zeit­li­cher Abstand zwi­schen Tat und Urteil – beim Kin­des­miss­brauch

Die­se jetzt vom 02. Straf­se­nat in einem Aus­set­zungs­be­schluss ver­tre­te­ne Ansicht ent­spricht der Auf­fas­sung des 3. Straf­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs, der des­halb durch Beschluss vom 29.10.2015 1 beim 1. Straf­se­nat ange­fragt hat, ob die­ser an sei­ner abwei­chen­den Rechts­auf­fas­sung fest­hält, wie sie im Beschluss vom 08.02.2006 2 erläu­tert wur­de. Die­se Fra­ge­stel­lung ist im hier vom 02. Straf­se­nat zu ent­schei­den­den Fall eben­so von Bedeu­tung wie in dem Anfra­ge­ver­fah­ren des 3. Bun­des­ge­richts­hofs. Daher hielt nun auch der 2. Straf­se­nat in sei­nem Ver­fah­ren eine Unter­bre­chung der Revi­si­ons­haupt­ver­hand­lung für ange­zeigt, um das Ergeb­nis des Anfra­ge­ver­fah­rens berück­sich­ti­gen zu kön­nen.

Der 2. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs ist, eben­so wie der 3. Straf­se­nat, der Auf­fas­sung, dass die Stra­fe eine ange­mes­se­ne staat­li­che Reak­ti­on auf die Bege­hung einer Straf­tat sein soll. Ihre Bemes­sung erfor­dert eine am Ein­zel­fall ori­en­tier­te Abwä­gung der straf­zu­mes­sungs­re­le­van­ten Umstän­de. Die Schuld des Täters ist die Grund­la­ge für die Zumes­sung der Stra­fe (§ 46 Abs. 1 Satz 1 StGB). Die Wir­kun­gen, die von der Stra­fe für das künf­ti­ge Leben des Täters in der Gesell­schaft zu erwar­ten sind, sind zu berück­sich­ti­gen (§ 46 Abs. 1 Satz 2 StGB). Der lan­ge Ablauf von Zeit seit der Bege­hung der Tat min­dert zwar nicht die Tat­schuld, doch kann er Tat und Täter in einem güns­ti­ge­ren Licht erschei­nen las­sen, als es bei frü­he­rer Ahn­dung der Fall gewe­sen wäre 3. Das Straf­be­dürf­nis nimmt mit lan­gem Zeit­ab­lauf seit der Bege­hung der Tat ab 4. Das gilt prin­zi­pi­ell auch für Miss­brauchs­de­lik­te 5.

Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten regeln dage­gen, wie lan­ge eine für straf­bar erklär­te Tat ver­folgt wer­den soll. Die Ver­jäh­rung macht eine Tat nicht unge­sche­hen. Sie lässt das Unrecht der Tat und die Schuld des Täters unbe­rührt 6. Die Ver­jäh­rung der Straf­ver­fol­gung soll viel­mehr dem Rechts­frie­den die­nen und einer Untä­tig­keit der Behör­den vor­beu­gen 7. Der Zweck der ver­jäh­rungs­recht­li­chen Rege­lun­gen besteht hin­ge­gen nicht dar­in, einer Ver­min­de­rung von Straf­zu­mes­sungs­grün­den Rech­nung zu tra­gen.

Dies gilt erst recht für die Rege­lun­gen über das Ruhen des Frist­ab­laufs in den Fäl­len von Miss­brauchs­de­lik­ten an Kin­dern, Jugend­li­chen oder jun­gen Erwach­se­nen. Mit der Son­der­re­ge­lung des § 78b Abs. 1 Nr. 1 StGB, wonach die Ver­jäh­rung der Straf­ver­fol­gung bei Straf­ta­ten nach den §§ 174 bis 174c, 176 bis 179, 180 Abs. 3, §§ 182, 225, 226a und 237 bis zur Voll­endung des 30. Lebens­jah­res des Opfers ruht, soll viel­mehr der beson­de­ren Situa­ti­on von Tat­op­fern Rech­nung getra­gen wer­den, die als Kin­der, Jugend­li­che oder jun­ge Erwach­se­ne auf­grund fami­liä­rer Bin­dun­gen oder beson­de­rer Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­se gehemmt sind, Über­grif­fe anzu­zei­gen. Der Gesetz­ge­ber hat damit nicht bezweckt, Straf­zu­mes­sungs­ge­sichts­punk­te abwei­chend von den all­ge­mei­nen Grund­sät­zen zu regeln.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 6. April 2016 – 2 StR 219/​15

  1. BGH, Beschluss vom 29.10.2015 – 3 StR 342/​15, NStZ 2016, 227 f.[]
  2. BGH, Beschluss vom 08.02.2006 – 1 StR 7/​06, NStZ 2006, 393[]
  3. vgl. LK/​Theune, StGB, 12. Aufl., § 46 Rn. 240[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 17.01.2008 – GSSt 1/​07, BGHSt 52, 124, 142[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 13.05.2015 – 2 StR 535/​14, BGHR StGB § 46 Abs. 2 Wer­tungs­feh­ler 40[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 26.02.1969 – 2 BvL 15, 23/​68, BVerfGE 25, 269, 294[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 26.06.1958 – 4 StR 145/​58, BGHSt 11, 393, 396; Beschluss vom 23.01.1959 – 4 StR 428/​58, BGHSt 12, 335, 337 f.[]