Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht der Ehe­frau – und Spon­tan­äu­ße­run­gen beim Not­ruf

Zu von den Beschrän­kun­gen des § 252 StPO aus­ge­nom­me­nen Spon­tan­äu­ße­run­gen kön­nen auch Mit­tei­lun­gen im Rah­men von Not­ru­fen zäh­len. Der Über­gang von der (blo­ßen) Ent­ge­gen­nah­me spon­ta­ner Äuße­run­gen zu einer Ver­neh­mung (mit Pflicht zur Beleh­rung) bestimmt sich anhand objek­ti­ver und sub­jek­ti­ver Kri­te­ri­en. Dem­nach muss neben dem Moment, in wel­chem der Beam­te sub­jek­tiv von einem Anfangs­ver­dacht aus­geht, auch berück­sich­tigt wer­den, wie sich das Ver­hal­ten des Beam­ten nach Außen in der Wahr­neh­mung des Befrag­ten dar­stellt bzw. ob aus dem Ver­hal­ten des Beam­ten für den Befrag­ten auf das Vor­lie­gen eines Anfangs­ver­dachts geschlos­sen wer­den kann [1].

Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht der Ehe­frau – und Spon­tan­äu­ße­run­gen beim Not­ruf

Nach § § 252 StPO darf die Aus­sa­ge eines vor der Haupt­ver­hand­lung ver­nom­me­nen Zeu­gen, der erst in der Haupt­ver­hand­lung von sei­nem Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht Gebrauch macht, nicht ver­le­sen wer­den. Die Vor­schrift ist nach stän­di­ger höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung über ihren Wort­laut hin­aus auch dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass jede ande­re Ver­wer­tung der bei einer nicht­rich­ter­li­chen Ver­neh­mung gemach­ten Anga­ben einer zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­be­rech­tig­ten Per­son, ins­be­son­de­re die Ver­neh­mung nicht­rich­ter­li­cher Ver­hör­per­so­nen zum Inhalt der frü­he­ren Anga­ben unzu­läs­sig ist [2].

Das Ver­wer­tungs­ver­bot gilt aber nur für frü­he­re Äuße­run­gen eines Zeu­gen im Rah­men einer Ver­neh­mung. Als „Ver­neh­mung” in die­sem Sin­ne ist dabei nicht nur eine förm­lich durch­ge­führ­te Ver­neh­mung anzu­se­hen. Der Begriff der Ver­neh­mung ist viel­mehr weit aus­zu­le­gen und umfasst alle frü­he­ren Bekun­dun­gen auf Grund einer amt­li­chen Befra­gung, also auch Anga­ben bei einer infor­ma­to­ri­schen Befra­gung durch die Poli­zei. Ent­schei­dend ist, dass die Aus­kunfts­per­son von einem Staats­or­gan in amt­li­cher Eigen­schaft zu dem den Gegen­stand des Straf­ver­fah­rens bil­den­den Sach­ver­halt gehört wor­den ist [3].

Von den Beschrän­kun­gen des § 252 StPO aus­ge­nom­men sind Äuße­run­gen, die ein zur Zeug­nis­ver­wei­ge­rung berech­tig­ter Zeu­ge unab­hän­gig von einer Ver­neh­mung gemacht hat. Ver­wert­bar und einer Beweis­erhe­bung zugäng­lich sind daher Bekun­dun­gen gegen­über Pri­vat­per­so­nen, aber auch Erklä­run­gen gegen­über Amts­per­so­nen, die ein Zeu­ge von sich aus außer­halb einer Ver­neh­mung, etwa bei der Bit­te um poli­zei­li­che Hil­fe, bei einer nicht mit einer Ver­neh­mung ver­bun­de­nen Straf­an­zei­ge oder sonst unge­fragt, „spon­tan” und „aus frei­en Stü­cken” abge­ge­ben hat [4]. Als spon­ta­ne Bekun­dun­gen aus frei­en Stü­cken kom­men dem­nach auch Mit­tei­lun­gen im Rah­men von Not­ru­fen in Betracht [5].

In die­sem Zusam­men­hang sind Fall­kon­stel­la­tio­nen pro­ble­ma­tisch, in denen Erklä­run­gen eines Zeu­gen – wie vor­lie­gend durch Nach­fra­gen – in eine förm­li­che Ver­neh­mung über­ge­hen oder mit einer Ver­neh­mung in engem sach­li­chem und zeit­li­chen Zusam­men­hang ste­hen. Maß­geb­lich ist in die­sen Kon­stel­la­tio­nen, ab wel­chem Zeit­punkt eine infor­ma­to­ri­sche Befra­gung oder die (blo­ße) Ent­ge­gen­nah­me von spon­ta­nen Äuße­run­gen einer Per­son zu einer Ver­neh­mung wird. Die Tat­sa­che, dass der Zeu­ge von sich aus Kon­takt zu einer Behör­de auf­nimmt, reicht jeden­falls in den Fäl­len, in denen die statt­li­che Stel­le von Amts wegen tätig wer­den muss, für sich allein nicht ohne Wei­te­res aus, die Ver­wert­bar­keit der ent­spre­chen­den Anga­ben zu begrün­den. Denn die Eigen­in­itia­ti­ve des Zeu­gen kann ledig­lich Anlass und Grund für die Ver­fah­rens­ein­lei­tung mit anschlie­ßen­der Ver­neh­mung sein, die dann dem Schutz des § 252 StPO unter­liegt [6]. Bezüg­lich der Bestim­mung des Zeit­punkts sind viel­mehr objek­ti­ve und sub­jek­ti­ve Kri­te­ri­en her­an­zu­zie­hen. Dem­nach muss neben dem Moment, in wel­chem der Beam­te sub­jek­tiv von einem Anfangs­ver­dacht aus­geht, auch berück­sich­tigt wer­den, wie sich das Ver­hal­ten des Beam­ten nach Außen in der Wahr­neh­mung des Befrag­ten dar­stellt bzw. ob aus dem Ver­hal­ten des Beam­ten für den Befrag­ten auf das Vor­lie­gen eines Anfangs­ver­dachts geschlos­sen wer­den kann [7]. Wür­de man dem­ge­gen­über allein auf die Eigen­schaft des Not­rufs abstel­len, bestün­de die Gefahr, dass der Schutz der §§ 52, 252 StPO durch ste­ti­ges Nach­fra­gen ent­wer­tet wer­den könn­te.

Gemes­sen hier­an beur­teil­te das Land­ge­richt Stutt­gart im hier ent­schie­de­nen Fall die Äuße­run­gen der Ehe­frau des Ange­klag­ten jeden­falls teil­wei­se als ver­wert­bar:

Die Zeu­gin hat­te sich mit einem tele­fo­ni­schen Not­ruf am 11.06.2014 gegen 20.15 Uhr an das Füh­rungs- und Lage­zen­trum des Poli­zei­prä­si­di­ums Stutt­gart gewandt; die Dau­er des auf­ge­zeich­ne­ten Gesprächs beträgt ins­ge­samt 3:54 Min. Nach­dem sich die dor­ti­ge Poli­zei­be­am­tin mit den Wor­ten „Poli­zei­not­ruf Stutt­gart“ gemel­det hat­te, ent­wi­ckel­te sich fol­gen­des Gespräch:

Zeu­gin: „Ja, guten Tag, … [Nach­na­me] hier. Und zwar ähm: Ich hab, ich war, wir zie­hen gera­de um und ich war in unse­rer neu­en Woh­nung und in der Zeit soll­te mein Mann auf unser Baby auf­pas­sen, … Mona­te alt. Kam ich nach Hau­se – also er ist bekannt dafür, dass er trinkt – jetzt hat er wäh­rend des­sen er auf sie auf­pas­sen soll­te, wie er sagt, zwei Weiß­wein­schor­le getrun­ken – sah aber nicht danach aus. Und dann ist er jetzt gegan­gen, hat mir des den Schlüs­sel von mei­nem Auto – ist zwar auf ihn gemel­det, aber ist mein Auto – hat er mir genom­men. Da ist der Kin­der­wa­gen­auf­satz drin, alle mei­ne Sachen und ist ein­fach abge­schwirrt ins Café, also sein Café.“

Poli­zei: „Ja, und um was geht es Ihnen jetzt?“

Zeu­gin: „Äh, mir geht‘s dar­um, das es ers­tens äh Beweis ist, weil wenn jetzt die Schei­dung kommt, ich möch­te nicht, dass er mit mei­ner Toch­ter ohne Auf­sicht ist, weil jetzt hat man gese­hen, er passt auf sie auf und trinkt. – So.“

Poli­zei: „Ja und wie wol­len sie das jetzt nach­wei­sen, dass er auf­ge­passt hat und getrun­ken hat. Weil sie jetzt hier ange­ru­fen haben, oder was? Oder wie jetzt – ver­steh jetzt net? Also, ist er jetzt betrun­ken mit dem Auto unter­wegs oder was?“ (Min. 1:14) …

Unter Zugrun­de­le­gung der oben genann­ten Grund­sät­ze sind nach Ansicht des Land­ge­richts Stutt­gart jeden­falls die­se bis zu Min. 1:14 getä­tig­ten Aus­sa­gen der Zeu­gin ver­wert­bar. Die­se erfolg­ten außer­halb einer förm­li­chen Ver­neh­mung oder infor­ma­to­ri­schen Befra­gung spon­tan und aus frei­en Stü­cken und unter­lie­gen daher nicht dem Ver­wer­tungs­ver­bot des § 252 StPO. Die Zeu­gin schil­der­te zunächst von sich aus und unge­fragt den wesent­li­chen Sach­ver­halt, ohne dass zu die­sem Zeit­punkt ein Anfangs­ver­dacht gegen ihren Ehe­mann bestan­den hät­te. Ein Anfangs­ver­dacht und somit eine Pflicht zur Beleh­rung der Zeu­gin nach § 52 Abs. 1 Nr. 2, Abs. 3 S. 1 StPO bestand frü­hes­tens nach die­sen Anga­ben. Trotz über­schrei­ten der „Beleh­rungs­schwel­le“ wur­de die Zeu­gin im wei­te­ren Ver­lauf des Gesprächs unbe­lehrt gezielt bezüg­lich der Trun­ken­heits­fahrt befragt, wes­halb die nach­fol­gen­den Anga­ben nicht mehr ver­wert­bar sind [8].

Nach alle­dem ist der­zeit davon aus­zu­ge­hen, dass dem Ange­klag­ten die ange­klag­te Trun­ken­heits­fahrt nach­ge­wie­sen wer­den kann. Die ange­klag­te Fahrt im alko­ho­li­sier­ten Zustand ergibt sich schon auf­grund der Anga­ben der Zeu­gin bis zu Min. 1:14 des Not­rufs. Auch konn­te auf­grund der inso­weit ver­wert­ba­ren Anga­ben der Zeu­gin – ent­ge­gen der Behaup­tung des Ange­klag­ten vor Ort – der Auto­schlüs­sel in des­sen rech­ten Hosen­ta­sche auf­ge­fun­den wer­den. Dar­über hin­aus besteht eine Fern­wir­kung bezüg­lich der Beweis­mit­tel, deren Erlan­gung auf eine unver­wert­ba­re Aus­sa­ge zurück­zu­füh­ren ist, in der Regel nicht. Unab­hän­gig davon wäre es für die Poli­zei bereits auf­grund der bis zu Min. 1:14 gemach­ten Anga­ben ohne Wei­te­res mög­lich gewe­sen, die Per­son des Ange­klag­ten sowie des­sen Auf­ent­halt zügig zu ermit­teln. So wer­den etwa bei Ein­ga­be der Wör­ter „[Nach­na­me]“ „Café“ und „Stutt­gart“ in die Inter­net-Such­ma­schi­ne Goog­le auf Anhieb meh­re­re Ergeb­nis­se ange­zeigt, die auf den Ange­klag­ten sowie das „Café …“ in [Adres­se] in Stutt­gart hin­wei­sen.

Die nach Fest­stel­lung des Ange­klag­ten bei die­sem um 21.55 Uhr sowie um 22.25 Uhr ent­nom­me­nen Blut­pro­ben erga­ben im Mit­tel­wert Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­tio­nen von 1, 32 und 1, 25 Pro­mil­le.

Land­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 20. Okto­ber 2014 – 7 Qs 52/​14

  1. BGH NJW 1992, 1663, 1666[]
  2. BGHSt 2, 99; 46, 189[]
  3. so OLG Saar­brü­cken, NJW 2008, 1396 mwN[]
  4. vgl. BGH NJW 1998, 2229 mwN[]
  5. BGH NStZ 1986, 232; OLG Hamm NStZ 2012, 53[]
  6. BGH NJW 1998, 2229; Sander/​Cirener in Löwe-Rosen­berg, StPO, 26. Auf­la­ge (2009), § 252 Rn. 39[]
  7. BGH NJW 1992, 1663, 1666; sie­he auch BGH NJW 2007, 2706, 2708 sowie OLG Stutt­gart, Beschluss vom 28.04.2009 – Az. 2 Ss 747/​08[]
  8. so auch Sander/​Cirener in Löwe-Rosen­berg, StPO, 26. Auf­la­ge (2009), § 252 Rn. 39[]