Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht des bereits ver­ur­teil­ten Täters bei Organsia­ti­ons­de­lik­ten

Jeder Zeu­ge kann gemäß § 55 Abs. 1 StPO die Aus­kunft auf sol­che Fra­gen ver­wei­gern, deren Beant­wor­tung ihm selbst oder einem sei­ner Ange­hö­ri­gen die Gefahr zuzie­hen wür­de, wegen einer Straf­tat oder einer Ord­nungs­wid­rig­keit ver­folgt zu wer­den.

Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht des bereits ver­ur­teil­ten Täters bei Organsia­ti­ons­de­lik­ten

Die Gefahr einer Straf­ver­fol­gung im Sin­ne des § 55 StPO setzt vor­aus, dass der Zeu­ge Tat­sa­chen bekun­den müss­te, die – nach der Beur­tei­lung durch das Gericht – geeig­net sind, unmit­tel­bar oder (auch nur) mit­tel­bar den Anfangs­ver­dacht einer von ihm selbst oder von einem Ange­hö­ri­gen (§ 52 Abs. 1 StPO) began­ge­nen Straf­tat zu begrün­den oder einen bereits bestehen­den Ver­dacht zu bestär­ken. Blo­ße Ver­mu­tun­gen ohne Tat­sa­chen­grund­la­ge oder rein denk­theo­re­ti­sche Mög­lich­kei­ten rei­chen für die Annah­me einer sol­chen Ver­fol­gungs­ge­fahr nicht aus [1].

Eine das Recht zur Aus­kunfts­ver­wei­ge­rung begrün­den­de Ver­fol­gungs­ge­fahr im Sin­ne des § 55 Abs. 1 StPO besteht grund­sätz­lich dann nicht mehr, wenn gegen den Zeu­gen hin­sicht­lich der Tat, deren Bege­hung er sich durch wahr­heits­ge­mä­ße Beant­wor­tung der Fra­ge ver­däch­tig machen könn­te, bereits ein rechts­kräf­ti­ges Urteil vor­liegt, sodass die Straf­kla­ge ver­braucht ist, die Straf­tat ver­jährt wäre oder aus ande­ren Grün­den zwei­fels­frei aus­ge­schlos­sen ist, dass er für die­se noch ver­folgt wer­den könn­te [2].

Hin­sicht­lich des Straf­kla­ge­ver­brauchs gel­ten im Bereich der Orga­ni­sa­ti­ons­de­lik­te grund­le­gen­de Beson­der­hei­ten: Danach wer­den im Ver­gleich zu §§ 129, 129a, 129b StGB schwe­re­re Straf­ta­ten, die mit der mit­glied­schaft­li­chen Betei­li­gung an der Ver­ei­ni­gung in Tat­ein­heit ste­hen, dann nicht von der Rechts­kraft eines allein wegen die­ser Betei­li­gung ergan­ge­nen Urteils erfasst, wenn sie in dem frü­he­ren Ver­fah­ren tat­säch­lich nicht – auch nicht als mit­glied­schaft­li­cher Betei­li­gungs­akt – Gegen­stand der Ankla­ge und der Urteils­fin­dung waren [3]. Daher ist ein wegen eines Orga­ni­sa­ti­ons­de­likts Ver­ur­teil­ter durch die Rechts­kraft des frü­he­ren Urteils nur vor wei­te­rer Straf­ver­fol­gung wegen die­ses Delikts und tat­ein­heit­lich mit die­sem zusam­men­tref­fen­der wei­te­rer, nicht schwe­rer wie­gen­der Straf­ta­ten geschützt [4].

Eine Ver­fol­gungs­ge­fahr ist bei Vor­lie­gen einer rechts­kräf­ti­gen Ver­ur­tei­lung fer­ner dann nicht aus­zu­schlie­ßen, wenn zwi­schen der abge­ur­teil­ten Tat und ande­ren Straf­ta­ten, deret­we­gen der Zeu­ge noch ver­folgt wer­den könn­te, ein so enger Zusam­men­hang besteht, dass die Beant­wor­tung von Fra­gen zu der abge­ur­teil­ten Tat die Gefahr der Ver­fol­gung wegen die­ser ande­ren Taten mit sich bringt [5].

Ein ent­spre­chen­der Zusam­men­hang kann auch bei einem – inso­weit bereits recht­kräf­tig ver­ur­teil­ten – Mit­glied einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung gege­ben sein, wenn es so in die Struk­tu­ren der Ver­ei­ni­gung ein­ge­bun­den, ins­be­son­de­re in einer der­art her­aus­ge­ho­be­nen Stel­lung tätig war, dass er schon des­we­gen (all­ge­mein) oder auf­grund der spe­zi­fi­schen Sach­zu­sam­men­hän­ge wei­te­rer Straf­ta­ten ver­däch­tig ist, die aus der Ver­ei­ni­gung her­aus began­gen wor­den sind und für die nach obi­gen Grund­sät­zen in sei­ner Per­son Straf­kla­ge­ver­brauch nicht ein­ge­tre­ten ist.

Die von einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung began­ge­nen Straf­ta­ten sind viel­fach dadurch gekenn­zeich­net, dass sie von einem begrenz­ten Kreis von Tätern began­gen wer­den, die sich ken­nen oder zumin­dest von­ein­an­der wis­sen, unter­ein­an­der – teils über Drit­te – in (kon­spi­ra­ti­vem) Kon­takt ste­hen und von den ter­ro­ris­ti­schen Akti­vi­tä­ten der ande­ren Mit­glie­der aus Tref­fen, inter­nen Mit­tei­lun­gen, Gesprä­chen oder ande­ren Kon­tak­ten Kennt­nis haben. Daher kann schon die Auf­de­ckung der Zusam­men­hän­ge des Sich­ken­nens ein­zel­ner Mit­glie­der der Ver­ei­ni­gung unter­ein­an­der nicht sel­ten auch Rück­schlüs­se über deren Betei­li­gung sowie der von wei­te­ren Mit­glie­dern an (ande­ren) Taten der Ver­ei­ni­gung zulas­sen, so dass die­se Erkennt­nis­se – unter Umstän­den mit wei­te­ren schon bekann­ten Tat­sa­chen – „Teil­stü­cke in einem mosa­ik­ar­tig zusam­men­ge­setz­ten Beweis­ge­bäu­de“ wer­den kön­nen [6].

Bun­des­ge­richs­hof, Beschluss vom 18. Dezem­ber 2012 – StB 16/​12

  1. vgl. Mey­er-Goß­ner, StPO, 59. Aufl., § 55 Rn. 7 mwN[]
  2. vgl. Mey­er-Goß­ner, aaO, Rn. 8 mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 11.06.1980 – 3 StR 9/​80, BGHSt 29, 288[]
  4. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschluss vom 11.06.2002 – StB 12/​02, BGH NStZ 2002, 607, 608[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 28.04.2006 – StB 1/​06, NStZ-RR 2006, 239, und StB 2/​06, NStZ 2006, 509; sowie vom 07.08.2008 – StB 9 bis 11/​08, NStZ-RR 2009, 178 jew. mwN[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 06.02.2002 – 2 BvR 1249/​01, NJW 2002, 1411, 1412; BGH, Beschlüs­se vom 13.11.1998 – StB 12/​98, NJW 1999, 1413; und vom 04.08.2009 – StB 37/​09, NStZ 2010, 463 jew. mwN[]