Zwangs­be­hand­lung im Maß­re­gel­voll­zug

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt war jetzt die Ver­fas­sungs­be­schwer­de eines im Maß­re­gel­voll­zug des Frei­staa­tes Sach­sen Unter­ge­brach­ten gegen sei­ne Zwangs­be­hand­lung im Maß­re­gel­voll­zug erfolg­reich. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt erklär­te § 22 Abs. 1 Satz 1 des säch­si­schen Geset­zes über die Hil­fen und die Unter­brin­gung bei psy­chi­schen Krank­hei­ten – Sächs­PsychKG, also die Rege­lung des säch­si­schen Lan­des­rechts, auf deren Grund­la­ge der Beschwer­de­füh­rer gegen sei­nen Wil­len mit Psy­cho­phar­ma­ka behan­delt wird, für nich­tig.

Zwangs­be­hand­lung im Maß­re­gel­voll­zug

Mit die­ser Ent­schei­dung knüpft das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt an zwei Ent­schei­dun­gen aus dem Jahr 2011 an: Bereits am 23. März 2011 hat­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Rege­lung zur Zwangs­be­hand­lung im rhein­land-pfäl­zi­schen Recht für nich­tig erklärt 1. Am 12. Okto­ber 2011 traf dann das glei­che Ver­dikt auch die baden-würt­tem­ber­gi­sche Rege­lung zur Zwangs­be­hand­lung im Maß­re­gel­voll­zug, auch die­se Rege­lung erklär­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für nich­tig 2.

Der Aus­gangs­sach­ver­halt

Der Beschwer­de­füh­rer wur­de im Novem­ber 2002 wegen Schuld­un­fä­hig­keit vom Vor­wurf der schwe­ren räu­be­ri­schen Erpres­sung frei­ge­spro­chen und in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus unter­ge­bracht. Seit Ende Mai 2002 ist er, unter­bro­chen durch eine Aus­set­zung der Unter­brin­gung zur Bewäh­rung im Novem­ber 2008, die im August 2010 wider­ru­fen wur­de, im Säch­si­schen Kran­ken­haus Alt­scher­bitz unter­ge­bracht. Nach Dia­gno­se der Kli­nik lei­det er an einer chro­ni­fi­zier­ten para­noi­den Schi­zo­phre­nie. Der Beschwer­de­füh­rer zeig­te krank­heits­be­dingt schwer­wie­gen­de, auch sei­ne Umge­bung mas­siv belas­ten­de Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten. Er steht unter recht­li­cher Betreu­ung und wird, seit­dem eine Betreue­rin die Ein­wil­li­gung hier­zu erteilt hat­te, mit einem anti­psy­cho­ti­schen Medi­ka­ment behan­delt. Er selbst lehnt die Behand­lung ab und nimmt sie nur hin, um eine Durch­set­zung der ver­ord­ne­ten Medi­ka­ti­on mit unmit­tel­ba­rem Zwang zu ver­mei­den.

Zunächst hat­te der Beschwer­de­füh­rer erfolg­los ver­sucht, in einem betreu­ungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren fest­stel­len zu las­sen, dass eine Rechts­grund­la­ge für eine Ein­wil­li­gung der dama­li­gen Betreue­rin in die zwangs­wei­se Behand­lung mit Neu­ro­lep­ti­ka nicht bestehe. Sodann hat er im gericht­li­chen Ver­fah­ren nach dem Straf­voll­zugs­ge­setz bean­tragt, jeg­li­che medi­ka­men­tö­se Zwangs­heil­be­hand­lung ein­zu­stel­len, zumin­dest bis eine – näher spe­zi­fi­zier­te – neue gesetz­li­che Rege­lung zur Zwangs­be­hand­lung geschaf­fen sei. Mit die­sem Rechts­schutz­an­lie­gen blieb er sowohl vor der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer des Land­ge­richts Leip­zig 3 als auch vor dem Ober­lan­des­ge­richt Dres­den 4 ohne Erfolg.

Das Land­ge­richt Leip­zig nahm an, bei einem krank­heits­be­dingt nicht ein­wil­li­gungs­fä­hi­gen Pati­en­ten ste­he, wenn der Betreu­er wirk­sam ein­ge­wil­ligt habe, der natür­li­che Wil­le des Unter­ge­brach­ten einer Behand­lung nicht ent­ge­gen. Wer­de eine Behand­lung als not­wen­dig erkannt, ärzt­li­cher­seits ange­ra­ten und vom Betreu­er für erfor­der­lich gehal­ten, dann müs­se die Mög­lich­keit bestehen, sie auch gegen den durch Krank­heit beein­fluss­ten Wil­len des Pati­en­ten durch­zu­set­zen. Die Recht­mä­ßig­keit der Zustim­mung des Betreu­ers kön­ne nicht durch das Voll­stre­ckungs­ge­richt, son­dern nur durch das Betreu­ungs­ge­richt über­prüft wer­den, da § 22 Sächs­PsychKG allein an das Vor­lie­gen einer Ein­wil­li­gung anknüp­fe.

Das Ober­lan­des­ge­richt Dres­den befand, anders als in den bis­her vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fäl­len wer­de eine Zwangs­be­hand­lung des Beschwer­de­füh­rers nicht nur durch das grund­recht­lich geschütz­te Frei­heits­in­ter­es­se des Unter­ge­brach­ten selbst gerecht­fer­tigt, son­dern auch durch die sich aus Art. 1 Abs. 1 GG erge­ben­de Ver­pflich­tung aller staat­li­chen Gewalt, die unan­tast­ba­re Wür­de des Men­schen zu ach­ten und zu schüt­zen. Soll­te die Zwangs­be­hand­lung des Beschwer­de­füh­rers unter­las­sen wer­den, sei mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit zu befürch­ten, dass sich der Gesund­heits­zu­stand des Beschwer­de­füh­rers dra­ma­tisch ver­schlech­tern wer­de. Der Beschwer­de­füh­rer wer­de dann erneut die mas­si­ven Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten zei­gen, deret­we­gen er in der Ver­gan­gen­heit fort­ge­setzt im Kri­sen­in­ter­ven­ti­ons­raum habe unter­ge­bracht wer­den müs­sen.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de rich­tet sich gegen die Beschlüs­se die­ser Gerich­te sowie gegen die zugrun­de­lie­gen­den gesetz­li­chen Rege­lun­gen.

Die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Betreu­er­ein­wil­li­gung

In der Zwi­schen­zeit hat der Bun­des­ge­richts­hof mit zwei Beschlüs­sen vom 20. Juni 2012 sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung zur Geneh­mi­gungs­fä­hig­keit von Zwangs­be­hand­lun­gen im Rah­men des § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB auf­ge­ge­ben 5. Die mate­ri­el­len Vor­schrif­ten des Betreu­ungs­rechts und die Ver­fah­rens­vor­schrif­ten des Geset­zes über das Ver­fah­ren in Fami­li­en­sa­chen und in den Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit wür­den den Anfor­de­run­gen, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für die Zuläs­sig­keit einer Zwangs­be­hand­lung auf­ge­stellt habe, nicht gerecht. Die­se Anfor­de­run­gen sei­en im Wesent­li­chen auf die Zwangs­be­hand­lung im Rah­men einer betreu­ungs­recht­li­chen Unter­brin­gung zu über­tra­gen. Der Staat kön­ne sich von der Grund­rechts­bin­dung nicht dadurch befrei­en, dass er eine Pri­vat­per­son zur Wah­rung einer öffent­li­chen Auf­ga­be bestel­le und ihr die Ent­schei­dung über den Ein­satz staat­li­cher Macht­mit­tel über­las­se. Die Vor­schrif­ten des Betreu­ungs­rechts genüg­ten den Anfor­de­run­gen nicht, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für die gesetz­li­che Rege­lung einer Zwangs­be­hand­lung auf­ge­stellt habe und die für die staat­li­che Kon­trol­le des dar­auf bezo­ge­nen Betreu­er­han­delns glei­cher­ma­ßen gel­ten müss­ten. Danach feh­le es gegen­wär­tig an einer den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen genü­gen­den gesetz­li­chen Grund­la­ge für eine betreu­ungs­recht­li­che Zwangs­be­hand­lung. Des­halb dür­fe ein Betreu­er der­zeit auch im Rah­men einer geschlos­se­nen Unter­brin­gung kei­ne Zwangs­be­hand­lung ver­an­las­sen.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beur­teil­te die Ver­fas­sungs­be­schwer­de als zuläs­sig und begrün­det. Es hob die ange­foch­te­nen Ent­schei­dun­gen des Land­ge­richts Leip­zig und des Ober­lan­des­ge­richts Dres­den auf und erklär­te § 22 Abs. 1 S. 1 Sächs­PsychKG für mit Art. 2 Abs. 2 S. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 19 Abs. 4 GG unver­ein­bar und nich­tig.
Die Zwangs­be­hand­lung eines Unter­ge­brach­ten greift, unab­hän­gig davon, ob sie mit kör­per­li­chem Zwang durch­ge­setzt wird, in des­sen Grund­recht aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ein, das die kör­per­li­che Inte­gri­tät des Grund­rechts­trä­gers und damit auch das dies­be­züg­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht schützt 6.

Die Ein­griffs­qua­li­tät ent­fällt nicht bereits dann, wenn der Betrof­fe­ne der abge­lehn­ten Behand­lung kei­nen phy­si­schen Wider­stand ent­ge­gen­setzt 7. Eine Zwangs­be­hand­lung im Sin­ne einer medi­zi­ni­schen Behand­lung, die gegen den natür­li­chen Wil­len des Betrof­fe­nen erfolgt, liegt unab­hän­gig davon vor, ob eine gewalt­sa­me Durch­set­zung der Maß­nah­me erfor­der­lich wird oder der Betrof­fe­ne sich, etwa weil er die Aus­sichts­lo­sig­keit eines kör­per­li­chen Wider­stan­des erkennt, unge­ach­tet fort­be­stehen­der Ableh­nung in die Maß­nah­me fügt und damit die Anwen­dung kör­per­li­cher Gewalt ent­behr­lich macht 7. Dem grund­rechts­ein­grei­fen­den Cha­rak­ter der bean­stan­de­ten Behand­lung, und dem­ge­mäß auch der ange­grif­fe­nen gericht­li­chen Ent­schei­dun­gen, steht es danach nicht ent­ge­gen, dass der Beschwer­de­füh­rer sich, ohne sei­ne Ableh­nung auf­zu­ge­ben, aus Angst vor Zwangs­maß­nah­men auf die Ver­ab­rei­chung der Medi­ka­men­te ein­ge­las­sen hat.

Auch die Ein­wil­li­gung eines Betreu­ers nimmt der Maß­nah­me nicht den Ein­griffs­cha­rak­ter. Sie lässt den Ein­griff unbe­rührt, der dar­in liegt, dass die Maß­nah­me gegen den natür­li­chen Wil­len des Betrof­fe­nen erfolgt 8.

Die Zwangs­be­hand­lung eines Unter­ge­brach­ten kann unge­ach­tet der beson­de­ren Schwe­re des dar­in lie­gen­den Ein­griffs gerecht­fer­tigt sein 9. Sie ist jedoch, wie jeder ande­re Grund­rechts­ein­griff, nur auf der Grund­la­ge eines Geset­zes zuläs­sig, das die Vor­aus­set­zun­gen für die Zuläs­sig­keit des Ein­griffs bestimmt 10.

Das Erfor­der­nis einer ver­fas­sungs­kon­for­men gesetz­li­chen Grund­la­ge für Grund­rechts­ein­grif­fe besteht auch dann, wenn für den jeweils betrach­te­ten Ein­griff gute oder sogar zwin­gen­de sach­li­che Grün­de spre­chen mögen 11. Der ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­satz, dass in Grund­rech­te nur auf der Grund­la­ge eines Geset­zes ein­ge­grif­fen wer­den darf (Vor­be­halt des Geset­zes), hat gera­de den Sinn, die pri­mä­re Zustän­dig­keit für die Bewer­tung von Grund­rechts­be­schrän­kun­gen als wohl­be­grün­det oder unge­recht­fer­tigt zu bestim­men. Er stellt sicher, dass die Gren­zen zwi­schen zuläs­si­gem und unzu­läs­si­gem Grund­rechts­ge­brauch, zwi­schen zuläs­si­ger und unzu­läs­si­ger Grund­rechts­ein­schrän­kung nicht fall­wei­se nach eige­ner Ein­schät­zung von belie­bi­gen Behör­den oder Gerich­ten, son­dern pri­mär – in der Form eines all­ge­mei­nen Geset­zes – durch den Gesetz­ge­ber gezo­gen wer­den.

Der Vor­be­halt des Geset­zes gilt nicht nur für die mate­ri­el­len, son­dern auch für die for­mel­len Ein­griffs­vor­aus­set­zun­gen. Gesetz­li­cher Rege­lung bedür­fen in ver­fah­rens­recht­li­cher wie in mate­ri­el­ler Hin­sicht die für die Ver­wirk­li­chung der Grund­rech­te wesent­li­chen Fra­gen. Die Vor­aus­set­zun­gen für die Zuläs­sig­keit des Ein­griffs müs­sen hin­rei­chend klar und bestimmt gere­gelt sein. Für aktu­ell und poten­ti­ell betrof­fe­ne Unter­ge­brach­te und für die zur Norman­wen­dung in ers­ter Linie beru­fe­nen Ent­schei­dungs­trä­ger der Unter­brin­gungs­ein­rich­tung, die einer kla­ren, Rechts­si­cher­heit ver­mit­teln­den Ein­griffs­grund­la­ge auch im eige­nen Inter­es­se bedür­fen, müs­sen die wesent­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für eine Zwangs­be­hand­lung zur Errei­chung des Voll­zugs­ziels aus dem Gesetz erkenn­bar sein; sowohl in mate­ri­el­ler als auch in ver­fah­rens­recht­li­cher Hin­sicht bedarf es einer über abs­trak­te Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­an­for­de­run­gen hin­aus­ge­hen­den Kon­kre­ti­sie­rung die­ser Vor­aus­set­zun­gen 12.

Die Vor­aus­set­zun­gen für die Zuläs­sig­keit einer Zwangs­be­hand­lung zur Errei­chung des Ziels des Maß­re­gel­voll­zu­ges, ein­schließ­lich der Anfor­de­run­gen, denen die gesetz­li­che Grund­la­ge für eine sol­che Behand­lung genü­gen muss, hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nem Beschluss vom 23.03.2011 geklärt 13.

Danach ver­let­zen die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen den Beschwer­de­füh­rer bereits des­halb in sei­nem Grund­recht aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG, weil es für die Zwangs­be­hand­lung, die sie als recht­mä­ßig bestä­ti­gen, an einer ver­fas­sungs­mä­ßi­gen gesetz­li­chen Grund­la­ge fehlt. Die her­an­ge­zo­ge­ne Ein­griffs­grund­la­ge des § 22 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PsychKG ist mit Art. 2 Abs. 2 Satz 1 in Ver­bin­dung mit Art.19 Abs. 4 GG unver­ein­bar und nich­tig.

Dies gilt unab­hän­gig von der Fra­ge, inwie­weit Zwangs­be­hand­lun­gen auch zu ande­ren Zwe­cken als zur Errei­chung des Voll­zugs­ziels zuläs­sig sein kön­nen und inwie­weit die für Zwangs­be­hand­lun­gen zur Errei­chung des Voll­zugs­ziels gel­ten­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be auch bei einer anders­ge­rich­te­ten Maß­nah­me – etwa einer Behand­lungs­maß­nah­me zur Ret­tung des Unter­ge­brach­ten aus aku­ter Lebens- oder schwe­rer Gesund­heits­ge­fahr (vgl. § 22 Abs. 1 Satz 2 Sächs­PsychKG) – unein­ge­schränkt Gül­tig­keit bean­spru­chen. Denn bei § 22 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PsychKG han­delt es sich nicht um eine Vor­schrift, die auf Zwangs­be­hand­lun­gen zu ande­ren als voll­zugs­ziel­be­zo­ge­nen Zwe­cken zuge­schnit­ten wäre oder abtrenn­ba­re dies­be­züg­li­che Gehal­te auf­wie­se. Die Vor­schrift sieht viel­mehr von einer Zweck­vor­ga­be ab.

Die Rege­lun­gen des säch­si­schen Geset­zes über die Hil­fen und die Unter­brin­gung bei psy­chi­schen Krank­hei­ten unter­schei­den sich aller­dings von den bis­lang ver­fas­sungs­ge­richt­lich geprüf­ten und bean­stan­de­ten lan­des­recht­li­chen Rege­lun­gen dadurch, dass sie für den Regel­fall kei­ner­lei Zwangs­be­hand­lungs­maß­nah­men zulas­sen, über die allein die Unter­brin­gungs­ein­rich­tung ent­schie­de. Erfor­der­lich ist grund­sätz­lich ent­we­der die Ein­wil­li­gung des Betrof­fe­nen selbst oder die sei­nes gesetz­li­chen Ver­tre­ters oder, wenn es an einem gesetz­li­chen Ver­tre­ter fehlt, weil ein Betreu­er nicht bestellt wur­de, eine gericht­li­che Geneh­mi­gung der Maß­nah­me nach § 16 Sächs­PsychKG; etwas ande­res gilt nur für den Fall, dass durch den Auf­schub der Behand­lung das Leben oder die Gesund­heit des Pati­en­ten erheb­lich gefähr­det wäre (s. i.E. § 22 Abs. 1 Sät­ze 1 und 2 sowie Abs. 2 Sächs­PsychKG). Dies führt jedoch weder zur Unan­wend­bar­keit der ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an die gesetz­li­chen Grund­la­gen einer Zwangs­be­hand­lung zur Errei­chung des Voll­zugs­ziels noch dazu, dass die­se Anfor­de­run­gen erfüllt wären. § 22 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PsychKG ver­fehlt viel­mehr die ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen in meh­re­ren Hin­sich­ten.

Weder die­se Bestim­mung noch ande­re, ergän­zend her­an­zu­zie­hen­de Vor­schrif­ten des Geset­zes beschrän­ken die medi­zi­ni­sche Zwangs­be­hand­lung des Unter­ge­brach­ten zur Errei­chung des Voll­zugs­ziels, wie ver­fas­sungs­recht­lich gebo­ten 14, auf den Fall sei­ner krank­heits­be­dingt feh­len­den Ein­sichts­fä­hig­keit.

Dass § 22 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PsychKG auf die Regeln der ärzt­li­chen Kunst ver­weist, ändert dar­an nichts. Unab­hän­gig von der Fra­ge, ob die­ser Ver­weis über­haupt hin­rei­chend deut­lich eine umfas­sen­de Bin­dung an die Regeln der ärzt­li­chen Kunst sta­tu­iert, liegt in einer sol­chen Bin­dung kei­ne hin­rei­chend deut­li­che gesetz­li­che Begren­zung der Mög­lich­keit der Zwangs­be­hand­lung auf Fäl­le der feh­len­den Ein­sichts­fä­hig­keit. Der Umstand, dass § 22 Sächs­PsychKG nur in Absatz 2 für Behand­lungs­maß­nah­men, die mit einem ope­ra­ti­ven Ein­griff oder einer erheb­li­chen Gefahr für Leben oder Gesund­heit des Unter­ge­brach­ten ver­bun­den sind, die ein­griffs­recht­fer­ti­gen­de Wir­kung der Ein­wil­li­gung des Pati­en­ten dar­an knüpft, dass die­ser die Bedeu­tung und Trag­wei­te des Ein­griffs und der Ein­wil­li­gung beur­tei­len kann, legt eher die Schluss­fol­ge­rung nahe, dass Ein­grif­fe unter­halb der genann­ten Schwel­le unab­hän­gig von der Fra­ge einer krank­heits­be­ding­ten Selbst­be­stim­mungs­un­fä­hig­keit zuge­las­sen sein sol­len. Auch wenn man die­sen Schluss nicht zie­hen will, weil zwi­schen dem Feh­len der in § 22 Abs. 2 Sächs­PsychKG ange­spro­che­nen Fähig­keit zu posi­ti­ver Ein­wil­li­gung in eine ärzt­lich indi­zier­te Behand­lung und einer „Vetofä­hig­keit“ 15 zu unter­schei­den und die Mög­lich­keit zu erwä­gen sein könn­te, dass bestimm­te – etwa para­noi­sche – psy­chi­sche Erkran­kun­gen nur die letz­te­re Fähig­keit beein­träch­ti­gen 16, stellt jeden­falls nicht schon der Ver­weis auf die Regeln der ärzt­li­chen Kunst in der not­wen­di­gen Wei­se klar, dass krank­heits­be­dingt feh­len­de Ein­sichts­fä­hig­keit Vor­aus­set­zung der Zwangs­be­hand­lung ist 16.

Eine aus­rei­chen­de gesetz­li­che Rege­lung des Erfor­der­nis­ses krank­heits­be­ding­ter Ein­sichts­un­fä­hig­keit liegt auch nicht dar­in, dass die Ein­wil­li­gung eines Betreu­ers, die nach § 22 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PsychKG geeig­net sein soll, eine Behand­lung auch gegen den natür­li­chen Wil­len des Unter­ge­brach­ten zu legi­ti­mie­ren, ihrer­seits die krank­heits­be­ding­te Ein­sichts­un­fä­hig­keit des Betreu­ten vor­aus­setzt 17.

Die lan­des­recht­li­che Anknüp­fung der Befug­nis, einen Unter­ge­brach­ten zur Her­stel­lung sei­ner Ent­las­sungs­fä­hig­keit gegen sei­nen erklär­ten Wil­len – not­falls unter Anwen­dung phy­si­schen Zwangs – zu behan­deln, an das Vor­lie­gen der Ein­wil­li­gung des Betreu­ers ist schon im Ansatz unge­eig­net, den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an die gesetz­li­che Bestim­mung der mate­ri­el­len und ver­fah­rens­mä­ßi­gen Vor­aus­set­zun­gen einer sol­chen Behand­lung Rech­nung zu tra­gen. Denn die mit die­ser Anknüp­fung in Bezug genom­me­nen bun­des­recht­li­chen Vor­schrif­ten des Betreu­ungs­rechts selbst gestat­ten dem Betreu­er – des­sen Befug­nis­se schon aus kom­pe­ten­zi­el­len Grün­den nicht durch den Lan­des­ge­setz­ge­ber erwei­tert wer­den kön­nen – die Ertei­lung einer auch eine Zwangs­be­hand­lung ein­schlie­ßen­den Ein­wil­li­gung nicht.

Die Vor­schrif­ten des Betreu­ungs­rechts (§§ 1896 ff. BGB) sehen die Mög­lich­keit einer Zwangs­be­hand­lung nicht aus­drück­lich vor. Zwar ist ein Betreu­er kraft sei­ner gesetz­li­chen Ver­tre­tungs­macht (§ 1902 BGB) grund­sätz­lich auch befugt, anstel­le eines nicht ein­sichts- oder steue­rungs­fä­hi­gen Betreu­ten in medi­zi­ni­sche Heil­be­hand­lun­gen ein­zu­wil­li­gen 18; nur unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 1904 Abs. 1 BGB ist in einem sol­chen Fall zusätz­lich die Geneh­mi­gung des Betreu­ungs­ge­richts erfor­der­lich. Aus § 1901 Abs. 3 Satz 1 BGB hat die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung abge­lei­tet, dass der Betreu­er bei der Ertei­lung sei­ner Ein­wil­li­gung den Wün­schen des Betreu­ten nicht ent­spre­chen muss, wenn sie des­sen Wohl zuwi­der­lau­fen 19. Auch nach die­ser Aus­le­gung folgt jedoch aus der gesetz­li­chen Ver­tre­tungs­macht, die es dem Betreu­er ermög­licht, in eine medi­zi­ni­sche Behand­lung des Betreu­ten mit recht­fer­ti­gen­der Wir­kung ein­zu­wil­li­gen, nicht zugleich die Befug­nis, den einer medi­zi­ni­schen Maß­nah­me ent­ge­gen­ste­hen­den Wil­len des Betreu­ten durch Zwang zu über­win­den bezie­hungs­wei­se eine Zwangs­be­hand­lung sei­tens drit­ter Per­so­nen durch Ein­wil­li­gung zu legi­ti­mie­ren, da die §§ 1901, 1902 BGB für sich genom­men kei­ne hin­rei­chen­de Bestim­mung von Inhalt, Zweck, Gegen­stand und Aus­maß der vom Betreu­ten unter Zwang zu dul­den­den Behand­lung ermög­li­chen 20. Eine gesetz­li­che Grund­la­ge für der­ar­ti­ge Zwangs­maß­nah­men hat der Bun­des­ge­richts­hof zwar bis zur Ände­rung sei­ner – inso­weit umstrit­ten geblie­be­nen – Recht­spre­chung durch die Beschlüs­se vom 20.06.2012 in § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB gese­hen, der die Unter­brin­gung eines krank­heits­be­dingt ein­sichts- oder steue­rungs­un­fä­hi­gen Betreu­ten durch den Betreu­er zum Zweck einer anders nicht durch­führ­ba­ren medi­zi­ni­schen Behand­lung – mit Zustim­mung des Betreu­ungs­ge­richts (§ 1906 Abs. 2 BGB) – ermög­licht: Die­se Unter­brin­gungs­er­mäch­ti­gung schlie­ße die Ermäch­ti­gung zur zwangs­wei­sen Durch­füh­rung der Behand­lung, auf die die Unter­brin­gung zielt, ein 21. Auch soweit danach eine Rechts­grund­la­ge für Zwangs­be­hand­lun­gen als im Betreu­ungs­recht ange­legt gese­hen wur­de, betraf dies aller­dings, ent­spre­chend der Ablei­tung der Zwangs­be­hand­lungs­be­fug­nis aus der dem Wort­laut nach nur zu einer Unter­brin­gung ermäch­ti­gen­den Vor­schrift des § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB, aus­schließ­lich Behand­lun­gen im Rah­men einer nach die­ser Vor­schrift ange­ord­ne­ten Unter­brin­gung 22. Für medi­zi­ni­sche Zwangs­be­hand­lun­gen außer­halb einer Unter­brin­gung oder im Rah­men von auf ande­rer Rechts­grund­la­ge erfolg­ten Unter­brin­gun­gen, ein­schließ­lich der Unter­brin­gung im Maß­re­gel­voll­zug (§ 63 StGB), bot § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB danach bereits in sei­ner Aus­le­gung durch die frü­he­re Recht­spre­chung kei­ne gesetz­li­che Grund­la­ge. Die zwi­schen­zeit­li­che Ände­rung die­ser Recht­spre­chung dahin­ge­hend, dass § 1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB auch für Maß­nah­men der Zwangs­be­hand­lung im Rah­men von Unter­brin­gun­gen nach die­ser Vor­schrift kei­ne den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen ent­spre­chen­de Grund­la­ge dar­stellt, ver­deut­licht inso­fern für den vor­lie­gen­den Zusam­men­hang nur, dass die Vor­schrif­ten des Betreu­ungs­rechts als – sei es pri­mä­re oder ergän­zen­de – Grund­la­ge für Zwangs­be­hand­lun­gen zur Errei­chung des Voll­zugs­ziels im Maß­re­gel­voll­zug von Ver­fas­sungs wegen erst recht nicht in Betracht kom­men.

Auch den wei­te­ren aus dem Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz abzu­lei­ten­den Anfor­de­run­gen, denen ein zur medi­zi­ni­schen Zwangs­be­hand­lung eines Unter­ge­brach­ten ermäch­ti­gen­des Gesetz ent­spre­chen muss, ist nicht genügt. Es fehlt sowohl an der abschlie­ßen­den Bestim­mung des Zwecks oder der Zwe­cke, die den Ein­griff recht­fer­ti­gen sol­len, und damit an der Aus­schei­dung von Zwe­cken, die einen Ein­griff prin­zi­pi­ell nicht zu recht­fer­ti­gen geeig­net sind – eine aus­schlie­ßen­de Bedeu­tung kommt ins­be­son­de­re § 21 Abs. 1 Satz 4 und § 22 Abs. 1 Satz 2 Sächs­PsychKG nicht zu, als auch sonst an einer aus­rei­chen­den Kon­kre­ti­sie­rung der mate­ri­el­len und ver­fah­rens­mä­ßi­gen Anfor­de­run­gen, die sich aus dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit erge­ben.

§ 22 Abs. 1 Sächs­PsychKG sta­tu­iert in dem ein­griffs­er­mäch­ti­gen­den Satz 1 kei­ne zurei­chen­den inhalt­li­chen Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­an­for­de­run­gen, son­dern ver­langt nur, dass zu allen nach den aner­kann­ten Regeln der ärzt­li­chen Kunst erfor­der­li­chen Behand­lungs­maß­nah­men grund­sätz­lich das Ein­ver­ständ­nis des Pati­en­ten oder sei­nes gesetz­li­chen Ver­tre­ters ein­zu­ho­len ist. Dies reicht nicht aus 23. Mate­ri­ell beschrän­ken­de Rege­lun­gen für eine gemäß die­ser Vor­schrift mit Ein­wil­li­gung des Betreu­ers oder sons­ti­gen gesetz­li­chen Ver­tre­ters erfol­gen­de Zwangs­be­hand­lung fin­den sich in den Absät­zen 1 und 2 des § 22 Sächs­PsychKG auch sonst nicht; Absatz 1 Satz 2 regelt nur, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen Ein­grif­fe bei Feh­len jeg­li­cher Ein­wil­li­gung – auch der eines Ver­tre­ters oder des Gerichts – zuläs­sig sind, und Absatz 2 sta­tu­iert, in nicht ganz deut­li­chem Ver­hält­nis zu Absatz 1 Satz 2, wie­der­um nur Ein­wil­li­gungs­er­for­der­nis­se. Ledig­lich in § 22 Abs. 3 und Abs. 4 Sächs­PsychKG fin­den sich wei­te­re die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit des Ein­griffs in mate­ri­el­ler Hin­sicht betref­fen­de Anfor­de­run­gen, näm­lich eine Son­der­re­ge­lung für den Fall der Zwangs­er­näh­rung – die­se soll nur zur Abwehr erheb­li­cher Gefahr für Leben oder Gesund­heit zuläs­sig sein (Abs. 3) – und das Ver­bot der Ver­let­zung der Wür­de des Pati­en­ten (Abs. 4). Damit ist dem Erfor­der­nis, die mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen einer Zwangs­be­hand­lung über die Anfor­de­rung der Zumut­bar­keit und Ver­hält­nis­mä­ßig­keit hin­aus gesetz­lich zu kon­kre­ti­sie­ren 24, nicht Genü­ge getan.

Auch mit Blick auf die Aus­ge­stal­tung des Ver­fah­rens wird die als Grund­la­ge der Zwangs­be­hand­lung des Beschwer­de­füh­rers her­an­ge­zo­ge­ne gesetz­li­che Rege­lung den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen nur teil­wei­se gerecht.

Aus­rei­chend ist die gesetz­li­che Rege­lung aller­dings, soweit es um das Erfor­der­nis der Anord­nung und Über­wa­chung von Zwangs­be­hand­lun­gen durch einen Arzt 25 geht. Nach § 22 Abs. 4 Sächs­PsychKG sind sämt­li­che Maß­nah­men nur auf Anord­nung und unter unmit­tel­ba­rer Lei­tung und Ver­ant­wor­tung eines Arz­tes zuläs­sig.

Das Gesetz ent­hält auch die erfor­der­li­che 26 Rege­lung der Pflicht zur Doku­men­ta­ti­on aller Zwangs­be­hand­lungs­maß­nah­men. § 33 Satz 2 Sächs­PsychKG sieht vor, dass alle medi­zi­ni­schen Maß­nah­men und belas­ten­den Voll­zugs­maß­nah­men zu doku­men­tie­ren sind. Danach sind medi­zi­ni­sche Maß­nah­men, wenn sie gegen den natür­li­chen Wil­len eines Unter­ge­brach­ten erfol­gen, nicht nur als medi­zi­ni­sche, son­dern zugleich auch in ihrer Eigen­schaft als belas­ten­de, näm­lich dem natür­li­chen Wil­len des Betrof­fe­nen zuwi­der­lau­fen­de, zu doku­men­tie­ren. Der Umfang des doku­men­ta­risch Fest­zu­hal­ten­den ist zwar im Gesetz nicht näher prä­zi­siert, ergibt sich aber ohne wei­te­res aus dem Sinn und Zweck des Doku­men­ta­ti­ons­er­for­der­nis­ses, der über die Ori­en­tie­rungs­funk­ti­on für das wei­te­re ärzt­li­che Han­deln hin­aus auch dar­in besteht, das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen der Recht­mä­ßig­keit der Maß­nah­me erkenn­bar und über­prüf­bar zu machen.

Dage­gen fehlt es an einer ange­mes­se­nen Rege­lung des – unab­hän­gig von der Ein­sichts- und Ein­wil­li­gungs­fä­hig­keit des Betrof­fe­nen bestehen­den – Erfor­der­nis­ses der vor­he­ri­gen Bemü­hung um eine auf Ver­trau­en gegrün­de­te im Rechts­sin­ne frei­wil­li­ge, ins­be­son­de­re nicht bloß wegen ande­ren­falls dro­hen­der Gewalt­an­wen­dung erteil­te Zustim­mung des Betrof­fe­nen 27. § 22 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PsychKG for­dert nur, dass zu allen nach den aner­kann­ten Regeln der ärzt­li­chen Kunst erfor­der­li­chen Behand­lungs­maß­nah­men grund­sätz­lich das Ein­ver­ständ­nis des Pati­en­ten oder sei­nes gesetz­li­chen Ver­tre­ters ein­ge­holt wird. Aller­dings ist nach § 21 Abs. 2 Satz 1 Sächs­PsychKG der Behand­lungs­plan mit dem Pati­en­ten zu erör­tern, und nach Satz 2 der Vor­schrift ist der Pati­ent über die erfor­der­li­chen dia­gnos­ti­schen Ver­fah­ren und die Behand­lung sowie die damit ver­bun­de­nen Risi­ken umfas­send auf­zu­klä­ren. Der Umstand, dass das Gesetz in wei­te­ren Vor­schrif­ten zwi­schen dem Pati­en­ten und sei­nem Betreu­er oder sons­ti­gen gesetz­li­chen Ver­tre­ter unter­schei­det (§ 22 Abs. 1 und Abs. 2 Sächs­PsychKG), legt es nahe, die­se infor­ma­ti­ons­be­zo­ge­ne Rege­lung dahin aus­zu­le­gen, dass sie die Erör­te­rung des Behand­lungs­plans mit dem Pati­en­ten in eige­ner Per­son sowie Auf­klä­rung des Pati­en­ten selbst gebie­tet, also nicht etwa die Auf­klä­rung des Betreu­ers genü­gen lässt. Zwei­fel an die­ser Aus­le­gung weckt aller­dings das Feh­len einer geson­der­ten Rege­lung über die Auf­klä­rungs­pflicht gegen­über dem gesetz­li­chen Ver­tre­ter für den Fall, dass dem Pati­en­ten selbst die Ein­wil­li­gungs­fä­hig­keit fehlt, und das Feh­len einer Aus­nah­me für den Fall, dass der Betrof­fe­ne nicht kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig ist. Unab­hän­gig davon ist § 21 Abs. 2 Sächs­PsychKG jeden­falls nichts dafür zu ent­neh­men, dass die gebo­te­ne Erör­te­rung und Auf­klä­rung auf eine ver­trau­ens­ba­sier­te frei­wil­li­ge, ins­be­son­de­re nicht bloß auf eine ande­ren­falls dro­hen­de Gewalt­an­wen­dung gegrün­de­te Zustim­mung des Betrof­fe­nen gerich­tet sein muss. Mit einer blo­ßen Erör­te­rungs- und Auf­klä­rungs­pflicht wäre es auch ver­ein­bar, anstel­le gedul­di­ger Bemü­hung um den Auf­bau eines Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses den Betrof­fe­nen – zeit­spa­rend – von vorn­her­ein vor die Alter­na­ti­ve zwi­schen Hin­nah­me der geplan­ten Behand­lung und Anwen­dung unmit­tel­ba­ren Zwangs zu stel­len. Ein sol­ches Vor­ge­hen genügt den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen aber, jeden­falls außer­halb aku­ter Not­fall­si­tua­tio­nen, gera­de nicht. Die­ser Man­gel der gesetz­li­chen Rege­lung kann nicht durch ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung beho­ben wer­den, weil damit den hohen Bestimmt­heits­an­for­de­run­gen, die an die gesetz­li­che Rege­lung der Vor­aus­set­zun­gen für eine Zwangs­be­hand­lung zu stel­len sind 28, nicht genügt wäre.

Wei­ter fehlt es an einer zurei­chen­den Rege­lung des, jeden­falls für plan­mä­ßi­ge Behand­lungs­maß­nah­men bestehen­den, Erfor­der­nis­ses einer hin­rei­chend kon­kre­ti­sier­ten Ankün­di­gung 29. Eine sol­che Rege­lung ist nicht des­halb ent­behr­lich, weil das Ankün­di­gungs­er­for­der­nis, wie auch ande­re Vor­aus­set­zun­gen einer Zwangs­be­hand­lung, die der Kon­kre­ti­sie­rung oder aus­drück­li­chen Klar­stel­lung durch ein­fa­ches Gesetz bedür­fen, sei­ne Grund­la­ge im Ver­fas­sungs­recht hat 30. Eine aus­rei­chen­de Rege­lung der Ankün­di­gung liegt nicht bereits in der vor­ge­se­he­nen Erör­te­rungs- und Auf­klä­rungs­pflicht (§ 21 Abs. 2 Sächs­PsychKG). Die­se zielt auf die Schaf­fung der infor­ma­to­ri­schen Grund­la­gen für eine den Ein­griffs­cha­rak­ter der Maß­nah­me aus­schlie­ßen­de Zustim­mung. Das Ankün­di­gungs­er­for­der­nis betrifft dem­ge­gen­über Maß­nah­men, für die eine sol­che Zustim­mung gera­de nicht vor­liegt, und zielt auf die Ermög­li­chung effek­ti­ven Rechts­schut­zes (Art.19 Abs. 4 GG 31). Eine vor­he­ri­ge Ankün­di­gung ist – mit einer Aus­nah­me für den Fall, dass die Umstän­de sie nicht zulas­sen – nur in § 23 Sächs­PsychKG für die Anwen­dung unmit­tel­ba­ren Zwangs vor­ge­se­hen. Mit einer Rege­lung, die eine Andro­hung allein für die Anwen­dung phy­si­schen Zwangs vor­schreibt, sind jedoch die Fäl­le, für die das Ankün­di­gungs­er­for­der­nis von Ver­fas­sungs wegen besteht, nicht aus­rei­chend erfasst 32. Eine Zwangs­be­hand­lung im hier maß­ge­ben­den Sin­ne liegt nicht erst dann vor, wenn die Behand­lung im Wege des unmit­tel­ba­ren Zwangs gegen Wider­stand durch­ge­setzt wird. Die Ankün­di­gungs­re­ge­lung des § 23 Sächs­PsychKG stellt auch nicht sicher, dass die Ankün­di­gung sich auf Art, Dau­er und Inten­si­tät der geplan­ten Zwangs­be­hand­lung erstreckt und damit eine aus­rei­chen­de gericht­li­che Über­prü­fung ermög­licht. Ent­spre­chen­des gilt für die Bestim­mun­gen, die die Erstel­lung eines Behand­lungs­plans und des­sen Erör­te­rung mit dem Pati­en­ten vor­se­hen (§ 21 Abs. 1 Satz 3, Abs. 2 Satz 1 Sächs­PsychKG).

Ent­ge­gen den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen ist zudem eine vor­aus­ge­hen­de Über­prü­fung der Maß­nah­me in gesi­cher­ter Unab­hän­gig­keit von der Unter­brin­gungs­ein­rich­tung 33 nicht vor­ge­se­hen. Die erfor­der­li­che Über­prü­fung ist ins­be­son­de­re nicht dadurch sicher­ge­stellt, dass nach § 22 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PsychKG die Behand­lung eines Unter­ge­brach­ten, die nicht mit des­sen eige­nem Ein­ver­ständ­nis erfolgt, grund­sätz­lich das Ein­ver­ständ­nis des gesetz­li­chen Ver­tre­ters, bei Erwach­se­nen also eines Betreu­ers, vor­aus­setzt. Zwar gehört neben ande­ren mög­li­chen Lösun­gen, wie etwa einem Rich­ter­vor­be­halt oder der Betei­li­gung einer sons­ti­gen neu­tra­len Stel­le 34, auch die Ein­schal­tung eines Betreu­ers grund­sätz­lich zu den in Betracht kom­men­den Mög­lich­kei­ten der erfor­der­li­chen vor­aus­ge­hen­den exter­nen Über­prü­fung, sofern das Betreu­ungs­recht selbst dies zulässt. Die in § 22 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PsychKG getrof­fe­ne Rege­lung sieht jedoch, unab­hän­gig von den betreu­ungs­recht­li­chen Fra­gen, die sie auf­wirft, eine der­ar­ti­ge Über­prü­fung schon im Ansatz nicht vor. Die Vor­schrift weist, indem sie die Zuläs­sig­keit einer Zwangs­be­hand­lung allein an das Vor­lie­gen des Ein­ver­ständ­nis­ses des gesetz­li­chen Ver­tre­ters bin­det, die­sem nicht die Funk­ti­on zu, eine Ent­schei­dung der Kli­nik dar­auf hin zu über­prü­fen, ob sie vor­ge­ge­be­nen gesetz­li­chen Maß­stä­ben ent­spricht. Viel­mehr setzt sie die Ent­schei­dung des Betreu­ers an die Stel­le sol­cher Maß­stä­be. Um eine exter­ne Kon­trol­le im Sin­ne des Erfor­der­nis­ses vor­aus­ge­hen­der Über­prü­fung der Maß­nah­me in gesi­cher­ter Unab­hän­gig­keit von der Unter­brin­gungs­ein­rich­tung han­delt es sich daher hier nicht. Das Feh­len mate­ri­el­ler Kri­te­ri­en für die Zuläs­sig­keit einer Zwangs­be­hand­lung ent­zieht somit zugleich dem ver­fah­rens­recht­li­chen Ansatz des ange­grif­fe­nen Geset­zes die ihm zuge­dach­te Legi­ti­ma­ti­ons­funk­ti­on.

Im Hin­blick auf die Gewähr­leis­tung gericht­li­chen Rechts­schut­zes ist die Ein­griffs­er­mäch­ti­gung des § 22 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PsychKG schließ­lich auch des­halb unzu­rei­chend, weil ange­sichts der mit der gewähl­ten „Betreu­er­lö­sung“ ver­bun­de­nen Unklar­hei­ten nicht gesi­chert und für den Betrof­fe­nen nicht hin­rei­chend erkenn­bar ist, wie er den ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­nen effek­ti­ven Rechts­schutz erlan­gen kann. Dies zeigt für den vor­lie­gen­den Fall das Zusam­men­spiel der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen mit den Ent­schei­dun­gen im vor­aus­ge­gan­ge­nen betreu­ungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren. Wäh­rend der Beschwer­de­füh­rer im Ver­fah­ren nach §§ 109 ff. StVoll­zG, in dem die hier ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen ergan­gen sind, kei­ne Über­prü­fung der Recht­mä­ßig­keit der Ein­wil­li­gung des Betreu­ers errei­chen konn­te, weil nach der unbe­an­stan­det geblie­be­nen Ent­schei­dung der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer die Recht­mä­ßig­keit die­ser Ein­wil­li­gung und die Fra­ge, ob der Betrof­fe­ne ein­wil­li­gungs­un­fä­hig und die Behand­lung erfor­der­lich und ange­mes­sen ist, allein durch das Betreu­ungs­ge­richt geprüft wer­den kön­nen, hat­te sich, gleich­falls bis in die letz­te Instanz unbe­an­stan­det, das Land­ge­richt im betreu­ungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren auf den Stand­punkt gestellt, dass sich aus § 1906 BGB kei­ne Befug­nis des Betreu­ungs­ge­richts zu dahin­ge­hen­den Fest­stel­lun­gen erge­be.

§ 22 Abs. 1 Satz 1 Sächs­PsychKG ist wegen der fest­ge­stell­ten Ver­fas­sungs­ver­stö­ße für nich­tig zu erklä­ren. Die Vor­aus­set­zun­gen für eine blo­ße Unver­ein­bar­er­klä­rung lie­gen nicht vor 35. Das­sel­be gilt für die Vor­aus­set­zun­gen einer Erstre­ckung des Nich­tig­keits­aus­spruchs (§ 78 Satz 2 BVerfGG) auf ande­re Tei­le des § 22 Sächs­PsychKG.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 20. Febru­ar 2013 – 2 BvR 228/​12

  1. BVerfG, Beschluss vom 23.03.2011 – 2 BvR 882/​09, BVerfGE 128, 282[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 12. Okto­ber 2011 – 2 BvR 633/​11, BVerfGE 129, 269[]
  3. LG Leip­zig, Beschluss vom 18.10.2011 – II StVK 781/​11[]
  4. OLG Dres­den, Beschluss vom 11.01.2012 – 2 Ws 515/​11[]
  5. BGH, Beschlüs­se vom 20.06.2012 – XII ZB 99/​12, NJW 2012, 2967 ff.; und XII ZB 130/​12[]
  6. BVerfGE 128, 282, 300; 129, 269, 280; zur Unab­hän­gig­keit des Ein­griffs­cha­rak­ters von der Ein­sichts­fä­hig­keit des Betrof­fe­nen BVerfGE 128, 282, 301[]
  7. vgl. BVerfGE 128, 282, 300 f.; 129, 269, 280[][]
  8. vgl. BVerfGE 10, 302, 309[]
  9. vgl. BVerfGE 128, 282, 304 ff.; 129, 269, 280 ff.[]
  10. BVerfGE 128, 282, 317[]
  11. vgl. BVerfGE 116, 69, 80; BVerfGK 9, 123, 126 f.[]
  12. vgl. BVerfGE 128, 282, 318 ff.; 129, 269, 283[]
  13. vgl. BVerfGE 128, 282, 304 ff.; s. auch BVerfGE 129, 269, 280 ff.[]
  14. vgl. BVerfGE 128, 282, 307 f.; 129, 269, 281 f.[]
  15. vgl. Böse, in: FS Roxin, 2011, S. 523, 529[]
  16. vgl. BVerfGE 129, 269, 281 f.[][]
  17. vgl. BGH, Beschluss vom 23.01.2008 – XII ZB 185/​07, Fam­RZ 2008, S. 866, 867[]
  18. vgl. BGHZ 145, 297, 306 f.[]
  19. vgl. BGHZ 166, 141, 150 f.[]
  20. vgl. BGHZ 145, 297, 306 ff.; 166, 141, 151; BGH, Beschluss vom 23.01.2008 – XII ZB 185/​07, Fam­RZ 2008, S. 866, 866 f.[]
  21. vgl. BGHZ 166, 141, 151 f.; BGH, Beschluss vom 23.01.2008, a.a.O. S. 867; a.A. Mar­sch­ner, in: Jür­gens, Betreu­ungs­recht, Hand­kom­men­tar, 4. Aufl.2010, § 1904 BGB Rn. 11; Narr/​Saschenbrecker, Fam­RZ 2006, S. 1079, 1082; Ludy­ga, FPR 2007, S. 104, 105 f.; Olzen/​van der San­den, JR 2007, S. 248, 249 f., m.w.N.[]
  22. vgl. BGHZ 145, 297, 300 f.; BGH, Beschluss vom 23.01.2008, a.a.O. S. 866[]
  23. vgl. BVerfGE 129, 269, 281[]
  24. vgl. BVerfGE 128, 282, 317 f.; 129, 269, 282 f.[]
  25. vgl. BVerfGE 128, 282, 313, 320; 129, 269, 283[]
  26. vgl. BVerfGE 128, 282, 313 ff.; 129, 269, 283[]
  27. vgl. hier­zu BVerfGE 128, 282, 309 f.; 129, 269, 283[]
  28. vgl. BVerfGE 128, 282, 317 f.[]
  29. vgl. BVerfGE 128, 282, 311 ff.; 129, 269, 283[]
  30. vgl. dem­entspre­chend die Bean­stan­dung ihres Feh­lens in BVerfGE 128, 282, 320; 129, 269, 283[]
  31. vgl. BVerfGE 128, 282, 311[]
  32. vgl. BVerfGE 128, 282, 321; 129, 269, 283[]
  33. vgl. hier­zu BVerfGE 128, 282, 315 ff.; 129, 269, 283[]
  34. vgl. BVerfGE 128, 282, 316[]
  35. vgl. BVerfGE 128, 282, 321 f.; 129, 269, 284[]

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