100 Tau­ben im rei­nen Wohn­ge­biet

Die Hal­tung von Brief­tau­ben kann in einem rei­nen Wohn­ge­biet als Annex zum Woh­nen zuge­las­sen wer­den, soweit sie den Rah­men der für eine Wohn­nut­zung typi­schen Frei­zeit­be­tä­ti­gung nicht sprengt. Eine Klein­tier­hal­tung mit über 100 Tau­ben ist aber nicht mehr als eine dem Woh­nen als Haupt­nut­zung unter­ge­ord­ne­te Frei­zeit­be­schäf­ti­gung anzu­se­hen.

100 Tau­ben im rei­nen Wohn­ge­biet

So hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Neu­stadt in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Tau­ben­züch­ters ent­schie­den, dem die Ertei­lung einer Bau­ge­neh­mi­gung für die Umnut­zung eines Hun­de­zwin­gers in einen Tau­ben­schlag ver­wei­gert wor­den war. Der Züch­ter wohnt in einem mit einem Ein­fa­mi­li­en­haus und Neben­ge­bäu­den bebau­ten Anwe­sen in einem rei­nen Wohn­ge­biet in Maß­wei­ler. Im März 2000 hat­te der beklag­te Land­kreis Süd­west­pfalz eine Bau­ge­neh­mi­gung zur Nut­zungs­än­de­rung des Dach­stuhls der Gara­ge und dem Neu­bau eines Hun­de­zwin­gers sowie eines Tau­ben­schla­ges mit Volie­re erteilt. Die Geneh­mi­gung ent­hielt den Zusatz, dass maxi­mal 50 Tau­ben gehal­ten wer­den dür­fen.

Im August 2012 wur­de dem Beklag­ten bekannt, dass der Klä­ger weit über 100 Tau­ben auf dem Grund­stück hält. Im Rah­men einer Orts­be­sich­ti­gung stell­te der Beklag­te fest, dass die in der Bau­ge­neh­mi­gung genann­te maxi­mal zuläs­si­ge Anzahl der Tau­ben über­schrit­ten wor­den war. Der Beklag­te zähl­te bereits in den Außen­kä­fi­gen 90 – 120 Tie­re. Zudem stell­te er fest, dass zwi­schen­zeit­lich auch der Hun­de­zwin­ger als Volie­re genutzt und am nord­öst­li­chen Gie­bel der Gara­ge auf Höhe des Dach­ge­schos­ses eine wei­te­re Volie­re ange­baut wor­den war.

Im Novem­ber 2013 stell­te der Klä­ger einen Antrag auf Ertei­lung einer Bau­ge­neh­mi­gung für die Umnut­zung des Hun­de­zwin­gers in einen Tau­ben­schlag. Auf Nach­fra­ge teil­te der Klä­ger ergän­zend mit, dass die Hal­tung von ca. 100 Tau­ben vor­ge­se­hen sei. Mit Bescheid vom 13. Febru­ar 2014 ver­sag­te der Beklag­te die Bau­ge­neh­mi­gung mit der Begrün­dung, die beab­sich­tig­te Hal­tung von ca. 100 Tau­ben stel­le kei­ne wohn­ver­träg­li­che Neben­an­la­ge in einem rei­nen Wohn­ge­biet dar. Nach Durch­füh­rung eines Wider­spruchs­ver­fah­rens erhob der Klä­ger im April 2015 Kla­ge mit der Begrün­dung, von der Tau­ben­hal­tung gin­gen kei­ne nen­nens­wer­ten Beein­träch­ti­gun­gen aus. Daher sei sie gebiets­ver­träg­lich. Maß­wei­ler sei ein sehr klei­ner Ort mit nur rund 1.000 Ein­woh­nern. An den tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­sen in den letz­ten 20 Jah­ren habe sich nichts Nen­nens­wer­tes ver­än­dert. In Maß­wei­ler sei noch vor 15 Jah­ren die Hal­tung von meh­re­ren hun­dert Tau­ben durch ver­schie­de­ne Tau­ben­züch­ter als gebiets­ver­träg­lich ein­ge­stuft wor­den. Es gebe im Ort auch heu­te noch einen wei­te­ren Tau­ben­züch­ter, der ca. 100 Tau­ben hal­te.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Neu­stadt aus­ge­führt, dass sich das Anwe­sen des Klä­gers eben­so wie die dar­an angren­zen­den Wohn­ge­bäu­de der Nach­barn in einem rei­nen Wohn­ge­biet befin­de. Außer Wohn­ge­bäu­den sei­en dort zwar unter­ge­ord­ne­te Neben­an­la­gen zuläs­sig, zu denen auch Ein­rich­tun­gen zur Klein­tier­hal­tung gehör­ten. Die Hal­tung von Brief­tau­ben kön­ne in einem rei­nen Wohn­ge­biet als Annex zum Woh­nen zuge­las­sen wer­den, soweit sie üblich und unge­fähr­lich sei und den Rah­men der für eine Wohn­nut­zung typi­schen Frei­zeit­be­tä­ti­gung nicht spren­ge. Die auf dem Grund­stück des Klä­gers vor­han­de­ne Klein­tier­hal­tung mit über 100 Tau­ben kön­ne aber nicht mehr als eine dem Woh­nen als Haupt­nut­zung unter­ge­ord­ne­te Frei­zeit­be­schäf­ti­gung ange­se­hen wer­den und wider­spre­che der Eigen­art des hier vor­han­de­nen rei­nen Wohn­ge­biets.

Soweit der Klä­ger behaup­tet habe, in Maß­wei­ler habe es noch vor 15 Jah­ren sechs akti­ve Tau­ben­züch­ter gege­ben, deren Hal­tung mit mehr als 100 Tau­ben gebiets­ver­träg­lich gewe­sen sei, und er sei­ne eige­ne Tau­ben­hal­tung als "küm­mer­li­chen Rest einer Tau­ben­hal­tung rela­tiv gro­ßen Umfangs" bezeich­net habe, kön­ne er dar­aus nichts her­lei­ten. Zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Gericht gebe es in Maß­wei­ler neben dem Klä­ger nur noch einen wei­te­ren Tau­ben­züch­ter, der offen­bar etwa 100 Brief­tau­ben hal­te. Abge­se­hen davon, dass das Anwe­sen die­ses Tau­ben­züch­ters in einem Misch­ge­biet lie­gen dürf­te, habe die­se Brief­tau­ben­hal­tung kei­ner­lei Aus­strah­lungs­wir­kung auf das 1 km süd­lich gele­ge­ne Wohn­ge­biet, in dem der Klä­ger sei­ne Tau­ben hal­te; von einer Ver­kehrs­üb­lich­keit der Tau­ben­hal­tung in Maß­wei­ler kön­ne kei­ne Rede sein.

Der Klä­ger kön­ne auch nicht damit gehört wer­den, er besit­ze ledig­lich 30 bis 50 Rei­se­tau­ben, die wei­te­ren Tau­ben sei­en Zucht­tau­ben bzw. Jung­tau­ben, die den Schlag nicht ver­las­sen wür­den. Selbst wenn dies zuträ­fe, wür­de sich an der dar­ge­stell­ten Rechts­la­ge nichts ändern. In der ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung wer­de vor dem Hin­ter­grund, dass Klein­tier­hal­tung der Haupt­nut­zung "Woh­nen" unter­ge­ord­net sein müs­se und den Rah­men der für eine Wohn­nut­zung typi­schen Frei­zeit­be­tä­ti­gung nicht spren­gen dür­fe, in Bezug auf die Anzahl der Tau­ben nicht dif­fe­ren­ziert zwi­schen fest­sit­zen­den Zucht­tau­ben und frei­f­lie­gen­den Brief­tau­ben.

Soweit der Klä­ger fer­ner unter Bezug­nah­me auf eine Stel­lung­nah­me des Ver­bands Deut­scher Brief­tau­ben­züch­ter vom 9. April 2014 gel­tend mache, der Brief­tau­ben­sport sei erst mit einer Min­dest­zahl von 70 – 120 Tau­ben sinn­voll zu betrei­ben, kön­ne er damit eben­falls nicht durch­drin­gen. Denn hier gehe es nicht um die Fra­ge, wie vie­le Tau­ben ein Brief­tau­ben­züch­ter benö­ti­ge, um wett­be­werbs­fä­hig zu sein, son­dern allein um die bau­pla­nungs­recht­li­che Zuläs­sig­keit des Vor­ha­bens in einem rei­nen Wohn­ge­biet.

Aus die­sen Grün­den hat der Klä­ger kei­nen Anspruch auf Ertei­lung der begehr­ten Bau­ge­neh­mi­gung. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat die Kla­ge abge­wie­sen.

Ver­wal­tungs­ge­richt Neu­stadt, Urteil vom 16. Sep­tem­ber 2015 – 3 K 322/​15.NW