Die ehe­li­che Lebens­ge­mein­schaft im Auf­ent­halts­recht

Für das Vor­lie­gen einer ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft, die auf­ent­halts­recht­li­chen Schutz nach Art. 6 GG genießt, kommt es auf den nach­weis­bar betä­tig­ten Wil­len bei­der Ehe­leu­te an, ein gemein­sa­mes Leben zu füh­ren. Bei der im jewei­li­gen Ein­zel­fall vor­zu­neh­men­den Bewer­tung, ob eine auf­ent­halts­recht­lich beacht­li­che tat­säch­li­che Lebens­ge­mein­schaft vor­liegt oder ledig­lich eine Begeg­nungs­ge­mein­schaft ohne auf­ent­halts­recht­li­che Schutz­wir­kun­gen, ver­bie­tet sich eine sche­ma­ti­sie­ren­de Betrach­tung.

Die ehe­li­che Lebens­ge­mein­schaft im Auf­ent­halts­recht

Auf­ent­halts­ti­tel für den Fami­li­en­nach­zug zu Deut­schen wer­den zur Her­stel­lung und Wah­rung der fami­liä­ren bzw. ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft im Bun­des­ge­biet erteilt (§ 27 Abs. 1 Auf­en­thG). Allein das for­ma­le Band der Ehe reicht daher für sich genom­men nicht aus, um auf­ent­halts­recht­li­che Wir­kun­gen zu ent­fal­ten. Erst der bei bei­den Ehe­leu­ten bestehen­de Wil­le, die ehe­li­che Lebens­ge­mein­schaft im Bun­des­ge­biet tat­säch­lich her­zu­stel­len oder auf­recht­zu­er­hal­ten, löst den Schutz des Art. 6 Abs. 1 GG aus; die Beweis­last für das Bestehen die­ses Her­stel­lungs­wil­lens als einer inne­ren Tat­sa­che trägt der Aus­län­der 1. Aller­dings ver­bie­tet es sich ange­sichts der Viel­falt der von Art. 6 Abs. 1 GG geschütz­ten Aus­ge­stal­tungs­mög­lich­kei­ten der fami­liä­ren Lebens­ge­mein­schaft, sche­ma­ti­sche oder all­zu enge Min­dest­vor­aus­set­zun­gen für das Vor­lie­gen einer ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft zu for­mu­lie­ren 2. Selbst wenn Ehe­leu­te typi­scher­wei­se ihren Lebens­mit­tel­punkt in einer gemein­sa­men Woh­nung haben, kann eine ehe­li­che Lebens­ge­mein­schaft auch dann bestehen, wenn die Ehe­leu­te – etwa aus beruf­li­chen Grün­den – in getrenn­ten Woh­nun­gen leben oder aus gewich­ti­gen Grün­den – Berufs­tä­tig­keit, Inhaf­tie­rung – wenig per­sön­li­chen Kon­takt haben. In einem der­ar­ti­gen Fall ist aller­dings erfor­der­lich, dass das Bestehen einer über eine blo­ße Begeg­nungs­ge­mein­schaft hin­aus­rei­chen­den fami­liä­ren Bei­stands­ge­mein­schaft auf ande­re Wei­se erkenn­bar sicher­ge­stellt ist, etwa durch eine jeden­falls erfor­der­li­che inten­si­ve Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Ehe­leu­ten als Indiz für eine gemein­sa­me Lebens­ge­stal­tung, durch Bei­stands­leis­tun­gen oder Besu­che im Rah­men des Mög­li­chen 3. Maß­geb­lich ist der nach­weis­bar betä­tig­te Wil­le, mit der Part­ne­rin bzw. dem Part­ner als wesent­li­cher Bezugs­per­son ein gemein­sa­mes Leben zu füh­ren. Ob die­ser Wil­le vor­liegt und prak­ti­ziert wird, ist aller­dings eine Fra­ge des jewei­li­gen Ein­zel­falls; die abs­trak­te Fest­le­gung wei­te­rer, über die vom Beru­fungs­ge­richt zutref­fend zugrun­de geleg­ten Ober­sät­ze hin­aus­ge­hen­der Kri­te­ri­en für das Maß an tat­säch­li­cher Ver­bun­den­heit zwi­schen den Ehe­leu­ten ist nicht mög­lich.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 22. Juni 2013 – 1 B 25.12

  1. BVerwG, Urtei­le vom 22.06.2011 – 1 C 11.10, Buch­holz 451.902 Europ. Ausl.- u Asyl­recht Nr. 53 Rn. 14 ff. und vom 30.03.2010 – 1 C 7.09, BVerw­GE 136, 222 Rn. 15 = Buch­holz 402.242 § 27 Auf­en­thG Nr. 2[]
  2. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 30.01.2002 – 2 BvR 231/​00, NVwZ 2002, 849, Rn. 22[]
  3. BVerwG, Urteil vom 22.06.2011 a.a.O. Rn. 18; im Übri­gen vgl. auch Marx, in: Auf­ent­halts-, Asyl- und Flücht­lings­recht in der anwalt­li­chen Pra­xis, 4. Aufl.2011, § 5 Rn. 12 ff., 32 ff., 90 ff.[]