Ableh­nung der Akten­über­sen­dung an den bevoll­mäch­tig­ten Rechts­an­walt

Die Ermes­sens­ent­schei­dung des Kam­mer­vor­sit­zen­den nach § 100 Abs. 2 Satz 2 VwGO, die Akten­über­sen­dung an die Kanz­lei des bevoll­mäch­tig­ten Rechts­an­walts abzu­leh­nen, ist eine pro­zess­lei­ten­de Ver­fü­gung im Sin­ne des § 146 Abs. 2 VwGO, gegen die die Beschwer­de nicht statt­haft ist [1], da sie nur die Ver­fah­rens­aus­ge­stal­tung – hier den Ort der Akten­ein­sicht – und damit den Fort­gang und den Ablauf des Ver­fah­rens betrifft.

Ableh­nung der Akten­über­sen­dung an den bevoll­mäch­tig­ten Rechts­an­walt

Der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs zur Bestim­mung des § 128 Abs. 2 FGO, die den Beschwer­de­aus­schluss gegen pro­zess­lei­ten­de Ver­fü­gun­gen in der Finanz­ge­richts­ord­nung regelt, nach der die Ent­schei­dung nach § 78 Abs. 2 FGO über die Akten­ver­sen­dung an die Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten kei­ne pro­zess­lei­ten­de Ver­fü­gung und daher beschwer­de­fä­hig sein soll [2], ver­mag sich der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg für die Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung nicht anzu­schlie­ßen. Das zen­tra­le Argu­ment, die Ent­schei­dung des Rich­ters über die Art und Wei­se der Gewäh­rung von Akten­ein­sicht habe eine ande­re Qua­li­tät als die ande­ren in § 128 Abs. 2 FGO auf­ge­führ­ten nicht mit der Beschwer­de angreif­ba­ren Ent­schei­dun­gen, weil das Grund­recht des Ver­fah­rens­rechts, das recht­li­che Gehör, berührt sei [3], ver­mag spä­tes­tens nach Inkraft­tre­ten des Sechs­ten Geset­zes zur Ände­rung der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung und ande­rer Geset­ze [4] für den Ver­wal­tungs­pro­zess nicht mehr zu über­zeu­gen. Seit der Ände­rung des § 146 Abs. 2 VwGO durch Art. 1 Nr. 30 Buch­sta­be a) 6.VwGOÄndG gehö­ren auch die Beschlüs­se über die Ableh­nung von Gerichts­per­so­nen zu den nicht beschwer­de­fä­hi­gen Ent­schei­dun­gen. Auch sie berüh­ren ein ele­men­ta­res Ver­fah­rens­recht, näm­lich das Recht auf den gesetz­li­chen Rich­ter aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG. Vor die­sem Hin­ter­grund kann der Ent­schei­dung, Akten nicht an die Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zu über­sen­den, unter dem Aspekt der Beschwer­de­fä­hig­keit kei­ne ande­re Qua­li­tät als allen wei­te­ren genann­ten nicht beschwer­de­fä­hi­gen Ent­schei­dun­gen zuge­spro­chen wer­den. Dass mit § 146 Abs. 2 VwGO dar­über hin­aus eine Rei­he von gericht­li­chen Ent­schei­dun­gen, die die Rech­te und die Pro­zess­füh­rung der Betei­lig­ten weit weni­ger als die hier in Rede ste­hen­de Maß­nah­me berüh­ren, der Beschwer­de ent­zo­gen wer­den, kann vor die­sem Hin­ter­grund kein Argu­ment für eine enge­re als die vor­ge­nom­me­ne Geset­zes­aus­le­gung sein.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 13. Juli 2010 – 4 S 1383/​10

  1. im Anschluss an: VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschlüs­se vom 14.11.2007 – 13 S 1760/​07; und vom 08.11.1983 – 10 S 2236/​83, VBlBW 1984, 374; OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 23.03.2010 – 9 L 14.10; OVG Rhein­land-Pfalz, Beschluss vom 08.11.2001 – 2 E 11624/​01, NVwZ-RR 2002, 612, OVG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 25.05.1987 – 21 B 20684/​87, NJW 1988, 221[]
  2. sie­he nur BFH, Beschlüs­se vom 24.03.1981 – VII B 64/​80, BFHE 133, 8; und vom 29.10.2008 – III B 176/​07, BFH/​NV 2009, 192[]
  3. BFH, Beschluss vom 24.03.1981, a.a.O.[]
  4. 6. VwGO­ÄndG vom 01.11.1996, BGBl. I 1626[]