Abschaf­fung des Wider­spruchs­ver­fah­rens in Nie­der­sach­sen

Das Wider­spruchs­ver­fah­ren ist in Nie­der­sach­sen mit Inkraft­tre­ten des Geset­zes vom 5. Novem­ber 2004 [1] zum 1. Janu­ar 2005 außer­halb der in § 8a Abs. 3 Nds. AG VwGO a. F. aus­drück­lich und spe­zi­al­ge­setz­lich auf­ge­führ­ten Rechts­ge­bie­te (Beam­ten- und Sozi­al­recht) und der unmit­tel­bar aus höher­ran­gi­gem Recht fol­gen­den Fall­grup­pen ins­ge­samt abge­schafft und damit unzu­läs­sig gewor­den, ohne den Betrof­fe­nen eine Wahl­mög­lich­keit zwi­schen Wider­spruch und Kla­ge zu eröff­nen [2]. So ist in der abschlie­ßen­den Bera­tung im Nie­der­säch­si­schen Land­tag zum Ände­rungs­ge­setz vom 5. Novem­ber 2004 unwi­der­spro­chen von der Oppo­si­ti­on kri­ti­siert wor­den, dass „vom Früh­jahr 2005 an immer mehr Leu­te fest­stel­len wer­den, dass sie kein Wider­spruchs­recht mehr haben, son­dern dass sie, wenn sie sich gegen einen Bescheid weh­ren wol­len, zum Ver­wal­tungs­ge­richt gehen und wesent­lich höhe­re Kos­ten erstat­ten müs­sen“ [3]. An die Stel­le des Vor­ver­fah­rens ist in nach dem „Eva­lua­ti­ons­be­richt“ der vom Nie­der­säch­si­schen Minis­te­ri­um für Inne­res und Sport beauf­trag­ten Gut­ach­ter­grup­pe der Uni­ver­si­tät Lüne­burg in der Pra­xis teil­wei­se ein sog. „Beschwer­de­ma­nage­ment“ getre­ten, mit dem die Behör­de inner­halb der lau­fen­den Kla­ge­frist auf Ein­wän­de des Betrof­fe­nen gegen den Aus­gangs­be­scheid reagiert. Ein fakul­ta­ti­ves Wider­spruchs­ver­fah­ren soll in Nie­der­sach­sen aus Sicht der Lan­des­re­gie­rung aber auch zukünf­tig nicht ein­ge­führt wer­den [4].

Abschaf­fung des Wider­spruchs­ver­fah­rens in Nie­der­sach­sen

Der so ver­stan­de­ne § 8a Nds. AG VwGO a. F. stand auch mit § 68 Abs. 1 Satz 1 und 2 VwGO in Über­ein­stim­mung. § 68 Abs. 1 Satz 1 und 2 VwGO ent­hält abwei­chend von § 78 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 SGG [5] eine unein­ge­schränk­te Ermäch­ti­gung, durch (Lan­des-)Gesetz das Wider­spruchs­ver­fah­ren abzu­schaf­fen. Die vom Klä­ger gel­tend gemach­te unge­schrie­be­ne Ein­schrän­kung, die Abschaf­fung dür­fe nur „bereichs­spe­zi­fisch“ erfol­gen, hat im maß­geb­li­chen Geset­zes­wort­laut kei­nen Nie­der­schlag gefun­den [6]; über die Bedeu­tung und Reich­wei­te einer sol­chen unge­schrie­be­nen Ein­schrän­kung bestand ent­ge­gen einer teil­wei­se in der Lite­ra­tur [7] ver­tre­te­nen Ein­schät­zung auch in dem Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren zum 6. VwGO­ÄndG vom 1. Novem­ber 1996 (BGBl. I S. 1626), mit dem § 68 Abs. 1 Satz 2 VwGO sei­nen heu­ti­gen Inhalt erhal­ten hat, kei­ne Klar­heit [8]. Inwie­weit die Län­der von der Ermäch­ti­gung des § 68 Abs. 1 VwGO zur Abschaf­fung des Wider­spruchs­ver­fah­rens Gebrauch machen, ist dem­nach eine rechts­po­li­ti­sche Fra­ge [9]. Jeden­falls steht danach Bun­des­recht der in § 8a Nds. AG VwGO a. F. ent­hal­te­nen Rege­lung nicht ent­ge­gen. Schon das Ver­wal­tungs­ge­richt hat zutref­fend ergän­zend dar­auf hin­ge­wie­sen, dass § 8a Nds. AG VwGO a. F. ohne­hin nicht die voll­stän­di­ge Abschaf­fung des Wider­spruchs­ver­fah­rens ent­hielt, son­dern ein Wider­spruchs­ver­fah­ren nicht nur in den bereits unmit­tel­bar kraft höher­ran­gi­gem Recht vor­ge­schrie­be­nen Fäl­len [10], son­dern auch in den in § 8a Abs. 3 Nds. AG VwGO a. F. aus­drück­lich auf­ge­führ­ten, „zen­tra­len“ Rechts­ge­bie­ten wie etwa dem Bau‑, Schul- und Umwelt­recht unver­än­dert wei­ter­hin not­wen­dig war. Zeit­nah ist auf Grund der in der Pra­xis gewon­ne­nen Erfah­run­gen durch Ände­rungs­ge­setz vom 7. Dezem­ber 2006 [11] der Kreis der Rechts­ge­bie­te, in denen ein Wider­spruchs­ver­fah­ren wei­ter­hin erfor­der­lich ist, erwei­tert wor­den. Zusätz­lich ent­hielt § 8a Nds. AG VwGO a. F. eine Befris­tung, um die Wir­kung der – in dem genann­ten Umfang erfolg­ten – Abschaf­fung des Vor­ver­fah­rens bis zum Jah­res­en­de 2009 umfas­send zu „eva­lu­ie­ren“. Eine sol­che gegen­ständ­lich begrenz­te und zeit­lich befris­te­te, also zunächst „pro­be­wei­se“ Abschaf­fung des Wider­spruchs­ver­fah­rens wäre selbst dann mit § 68 Abs. 1 Satz 2 VwGO zu ver­ein­ba­ren, wenn man danach über den Wort­laut der Norm hin­aus­ge­hend eine beson­de­re sach­li­che Recht­fer­ti­gung für eine weit­ge­hen­de Abschaf­fung des Wider­spruchs­ver­fah­rens durch Lan­des­recht für not­wen­dig erach­ten wür­de [12].

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Mai 2010 – 11 LA 547/​09

  1. Nds. GVBl. S. 394, geän­dert durch Gesetz vom 07.12.2006, Nds. GVBl. S. 580[]
  2. vgl. Nds. OVG, Beschluss vom 03.11.2009 – 4 LB 181/​09; Stein­beiß-Win­kel­mann, NVwZ 2009, 686[]
  3. PlProt. 15/​4769[]
  4. vgl. LT-Drs. 16/​1414, S. 4[]
  5. vgl. LT-Drs. 15/​2166, S. 7[]
  6. vgl. Bay. VerfGH, Beschluss vom 23.10.2008 – Vf. 10-VII-07, NVwZ 2009, 716 ff., m. w. N.[]
  7. vgl. die Nach­wei­se des Bay. VerfGH, Beschluss vom 23.10.2008, a. a. O.; sowie v. 15.11.2006 – Vf. 6‑VII-05, Vf. 12-VII-05, BayVBl 2007, 79 ff.[]
  8. vgl. die Dar­stel­lung des Ver­fah­rens bei Stein­beiß-Win­kel­mann, NVwZ 2009, 686, 691[]
  9. vgl. zur Dis­kus­si­on in Nie­der­sach­sen van Nieuw­land, NdsVBl 2007, 38 ff., sowie zuletzt etwa LT-Drs. 16/​1880, 1[]
  10. vgl. LT-Drs. 15/​2166, S. 5[]
  11. Nds. GVBl. S. 580[]
  12. vgl. Bay. VerfGH, Beschluss vom 15.11.2006 – Vf. 6‑VII-05, Vf. 12-VII-05, BayVBl 2007, 79 ff.[]