Abschie­be­haft – Haft­an­trag und vor­aus­sicht­li­che Haft­dau­er

Das Vor­lie­gen eines zuläs­si­gen Haft­an­trags ist eine in jeder Lage des Ver­fah­rens von Amts wegen zu prü­fen­de Ver­fah­rens­vor­aus­set­zung.

Abschie­be­haft – Haft­an­trag und vor­aus­sicht­li­che Haft­dau­er

Zuläs­sig ist der Haft­an­trag der betei­lig­ten Behör­de nur, wenn er den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen an die Begrün­dung ent­spricht.

Erfor­der­lich sind Dar­le­gun­gen

Zwar dür­fen die Aus­füh­run­gen zur Begrün­dung des Haft­an­trags knapp gehal­ten sein, sie müs­sen aber die für die rich­ter­li­che Prü­fung des Falls wesent­li­chen Punk­te anspre­chen.

Fehlt es dar­an, darf die bean­trag­te Siche­rungs­haft nicht ange­ord­net wer­den1.

Danach war in dem hier ent­schie­de­nen Fall der Haft­an­trag der betei­lig­ten Behör­de man­gels hin­rei­chen­der Anga­ben zu der erfor­der­li­chen Dau­er der Haft (§ 417 Abs. 2 Satz 2 Nr. 4 FamFG) unzu­läs­sig:

In dem Antrag wird aus­ge­führt, dass für die Passersatz­be­schaf­fung, an der der Betrof­fe­ne nicht mit­wir­ke, durch das zustän­di­ge Refe­rat der betei­lig­ten Behör­de die nöti­gen Unter­la­gen besorgt und bei der paki­sta­ni­schen Bot­schaft ein­ge­reicht wer­den müss­ten. Danach wür­den die­se nach Paki­stan ver­sandt, um dort über die Fin­ger­ab­drü­cke die zuge­teil­te Per­so­nal­num­mer zu erfah­ren. Erst mit die­ser kön­ne die Bot­schaft einen Pass aus­stel­len. Nach Anga­ben des zustän­di­gen Refe­rats daue­re die Pass­be­schaf­fung in Paki­stan nach die­sem Ver­fah­ren der­zeit "bis zu 5 Mona­te". Nach Aus­stel­lung des Passersat­zes kön­ne mit der Flug­bu­chung begon­nen wer­den, die vor­lie­gend nur als Char­ter- bzw. Fron­tex­ab­schie­bung mög­lich sei. Mit einer Bestä­ti­gung des Flu­ges sei inner­halb eines Monats zu rech­nen.

Die­se Aus­füh­run­gen sind vor dem Hin­ter­grund, dass die Haft nicht nur in Ver­fah­ren der Abschie­bungs­haft nach § 62 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG, son­dern all­ge­mein nach dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit auf die kür­zest mög­li­che Dau­er zu beschrän­ken ist2, unzu­rei­chend3. Die Anga­be einer Höchst­dau­er ("bis zu") kann die Erfor­der­lich­keit der Haft­dau­er für den kon­kre­ten Antrag nicht begrün­den, weil nicht erkenn­bar wird, ob es sich bei der Dau­er von fünf Mona­ten um den Regel- oder um einen sel­te­nen Aus­nah­me­fall han­delt. Vari­iert die Dau­er der Passersatz­be­schaf­fung für das betref­fen­de Ziel­land bei Anwen­dung des­sel­ben Ver­fah­rens, ist die Behör­de daher gehal­ten, in dem Haft­an­trag den Zeit­raum anzu­ge­ben, den sie nach den all­ge­mei­nen Rah­men­be­din­gun­gen und den kon­kre­ten Umstän­den im Fall des Betrof­fe­nen vor­aus­sicht­lich benö­ti­gen wird.

Der Man­gel wur­de im wei­te­ren Ver­fah­ren nicht geheilt, da weder die Haft­rich­te­rin noch das Beschwer­de­ge­richt ergän­zen­de Fest­stel­lun­gen zur erfor­der­li­chen Dau­er der Haft getrof­fen haben. Das Beschwer­de­ge­richt hat zwar den erfor­der­li­chen Haft­zeit­raum mit "etwa fünf Mona­ten" ange­ge­ben. Es ist aber nicht ersicht­lich, dass die­se von den Anga­ben im Haft­an­trag abwei­chen­de For­mu­lie­rung auf einer ergän­zen­den Sach­auf­klä­rung beruht. Zudem hät­te der Betrof­fe­ne zu etwai­gen ergän­zen­den Anga­ben der Behör­de per­sön­lich ange­hört wer­den müs­sen4.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Juni 2017 – V ZB 7/​17

  1. st. Rspr., BGH, Beschlüs­se vom 31.01.2013 – V ZB 20/​12, FGPrax 2013, 130 Rn. 15; vom 09.10.2014 – V ZB 127/​13, FGPrax 2015, 39 Rn. 6; vom 22.10.2015 – V ZB 79/​15, InfAuslR 2016, 108 Rn. 15; und vom 30.03.2017 – V ZB 128/​16 6 []
  2. BGH, Beschluss vom 10.05.2012 – V ZB 246/​11, FGPrax 2012, 225 Rn. 10 []
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 12.10.2016 – V ZB 8/​15 7; Beschluss vom 31.03.2017 – V ZB 74/​17 2; Beschluss vom 01.06.2017 – V ZB 39/​17 []
  4. st. Rspr.; vgl. Bun­des­ge­richts­hof, Beschlüs­se vom 16.07.2014 – V ZB 80/​13, InfAuslR 2014, 384 Rn. 21 ff.; vom 11.02.2016 – V ZB 24/​14 9; und vom 15.09.2016 – V ZB 30/​16 9 []