Abschie­be­haft – in Anschluss an die Straf­haft

Die Haft zur Siche­rung der Abschie­bung darf nicht "auf Vor­rat" ange­ord­net wer­den, indem ihr Beginn an das Ende einer lau­fen­den Straf- oder Unter­su­chungs­haft und damit an einen in der Zukunft lie­gen­den unge­wis­sen Zeit­punkt geknüpft wird [1].

Abschie­be­haft – in Anschluss an die Straf­haft

Sie kann jedoch par­al­lel zu einer lau­fen­den Straf- oder Unter­su­chungs­haft ange­ord­net wer­den, sofern die übli­chen Vor­aus­set­zun­gen hier­für vor­lie­gen; obwohl die Abschie­bungs­haft erst nach dem Ende der Straf- oder Unter­su­chungs­haft voll­zo­gen wer­den kann, berech­net sich der Haft­zeit­raum von der Haft­an­ord­nung an.

Der Beginn der Siche­rungs­haft darf nicht an das Ende der lau­fen­den Unter­su­chungs­haft und damit an einen in der Zukunft lie­gen­den unge­wis­sen Zeit­punkt geknüpft wer­den.

Aller­dings hat der Bun­des­ge­richts­hof die Anord­nung von Abschie­bungs­haft für drei Mona­te – wie hier – im Anschluss an eine bestehen­de Unter­su­chungs­haft bis­lang gebil­ligt [2]. In der Fol­ge­zeit hat er jedoch für die Pro­gno­se, ob die Abschie­bung inner­halb der nächs­ten drei Mona­te mög­lich erscheint, bei einer sol­chen "Über­haft" auf den Erlass der Haft­an­ord­nung und nicht auf den mut­maß­li­chen Beginn der Abschie­bungs­haft abge­stellt [3].

Der Begriff der Über­haft ist in die­sem Zusam­men­hang zwar gebräuch­lich, aber irre­füh­rend, weil er dem Straf­pro­zess­recht ent­lehnt ist und dort die Exis­tenz eines wei­te­ren Haft­be­fehls neben einer bereits voll­zo­ge­nen Haft kenn­zeich­net. Die Vor­füh­rung des Beschul­dig­ten vor den Rich­ter (§§ 115, 115a StPO) fin­det bei notier­ter Über­haft erst statt, wenn inso­weit die Voll­stre­ckung beginnt [4]. Hier­von unter­schei­det sich das Frei­heits­ent­zie­hungs­ver­fah­ren nach den Vor­schrif­ten der §§ 415 ff. FamFG in wesent­li­chen Punk­ten. Einen Haft­be­fehl bzw. eine "auf Vor­rat" ange­ord­ne­te Siche­rungs­haft sieht es gera­de nicht vor [5]. Die Anhö­rung des Betrof­fe­nen erfolgt vor der Anord­nung der Haft. In die­sem Zeit­punkt muss der Haft­rich­ter abschlie­ßend über deren Vor­aus­set­zun­gen befin­den.

Rich­ti­ger­wei­se kann die Haft zur Siche­rung der Abschie­bung daher nur par­al­lel zu einer lau­fen­den Straf- oder Unter­su­chungs­haft ange­ord­net wer­den. Dies kann einem prak­ti­schen Bedürf­nis ent­spre­chen [6], weil das vor­zei­ti­ge Ende einer Straf­haft etwa bei Ver­bü­ßung einer Ersatz­frei­heits­stra­fe durch Zah­lung der Geld­stra­fe ein­tre­ten (vgl. § 459e Abs. 4 Satz 1 StPO; Schmitt in Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 57. Aufl., § 459e Rn. 5) und die Unter­su­chungs­haft ohne­hin jeder­zeit enden kann. Obwohl die Abschie­bungs­haft erst nach dem Ende der Straf- oder Unter­su­chungs­haft voll­zo­gen wird, berech­net sich der Haft­zeit­raum von der Haft­an­ord­nung an [7].

Für eine Anord­nung von Abschie­bungs­haft par­al­lel zu einer lau­fen­den Straf- oder Unter­su­chungs­haft müs­sen die übli­chen for­mel­len und mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen. Ins­be­son­de­re muss die Haft auf die kür­zest mög­li­che Dau­er beschränkt wer­den (§ 62 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG); die Behör­de darf wäh­rend der Unter­su­chungs­haft bzw. der Voll­stre­ckung der Frei­heits­stra­fe nicht untä­tig blei­ben. Es darf nicht fest­ste­hen, dass die Abschie­bung aus Grün­den, die der Aus­län­der nicht zu ver­tre­ten hat, nicht inner­halb der nächs­ten drei Mona­te durch­ge­führt wer­den kann (§ 62 Abs. 3 Satz 4 Auf­en­thG; vgl. BGH, Beschluss vom 12.05.2011 – V ZB 309/​10 15). Bei lau­fen­der Unter­su­chungs­haft kann die Abschie­bungs­haft nur ange­ord­net wer­den, wenn das Ein­ver­neh­men der Staats­an­walt­schaft vor­liegt (§ 72 Abs. 4 Satz 1 Auf­en­thG); ist die­ses erteilt wor­den, kann davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass der Haft­be­fehl der Abschie­bung nicht ent­ge­gen­ste­hen und die Staats­an­walt­schaft ggf. des­sen Auf­he­bung bean­tra­gen wird (§ 120 Abs. 3 StPO).

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 4. Dezem­ber 2014 – V ZB 77/​14

  1. Auf­ga­be von BGH, Beschluss vom 09.03.1995 – V ZB 7/​95, BGHZ 129, 98 ff., bestä­tigt durch BGH, Beschluss vom 04.03.2010 – V ZB 222/​09, BGHZ 184, 323 Rn. 12[]
  2. Beschlüs­se vom 09.03.1995 – V ZB 7/​95, BGHZ 129, 98 ff.; vom 04.03.2010 – V ZB 222/​09, BGHZ 184, 323 Rn. 12; zustim­mend Win­kel­mann in Renner/​Bergmann/​Dienelt, Aus­län­der­recht, 10. Aufl., § 62 Auf­en­thG Rn. 353; Keidel/​Budde, FamFG, 18. Aufl., § 425 Rn. 5[]
  3. BGH, Beschluss vom 12.05.2011 – V ZB 309/​10 15; vgl. auch BGH, Beschluss vom 25.03.2010 – V ZA 9/​10, NVwZ 2010, 1175 Rn. 18; eben­so Prütting/​Helms/​Jennissen, FamFG, 3. Aufl., § 425 Rn. 11; Win­kel­mann in Renner/​Bergmann/​Dienelt, Aus­län­der­recht, 10. Aufl., § 62 Auf­en­thG Rn. 146[]
  4. Schmitt in Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 57. Aufl., vor § 112 Rn. 12 f., § 115 Rn. 12; KK/​Graf, StPO, 7. Aufl., vor § 112 Rn. 17, § 115 Rn. 16[]
  5. BGH, Beschluss vom 09.06.2011 – V ZB 26/​11 8[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 04.03.2010 – V ZB 222/​09, BGHZ 184, 323 Rn. 12[]
  7. zutref­fend LG Ver­den, InfAuslR 2012, 425 f.; ähn­lich OLG Köln, OLGR 2002, 364 f.; OLG Mün­chen, OLGR 2005, 439 f.; OLG Düs­sel­dorf, InfAuslR 2008, 38 f.; im Ergeb­nis auch Prütting/​Helms/​Jennissen, FamFG, 3. Aufl., § 425 Rn. 11[]