Abschie­bung von Klein­kin­der ohne fami­liä­ren Rück­halt im Ziel­staat

Klein­kin­dern ohne fami­liä­ren Rück­halt in der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go, die in Deutsch­land gebo­ren sind, steht der Schutz gegen eine Abschie­bung in die Demo­kra­ti­sche Repu­blik Kon­go zu gemäß § 60 Abs. 7 Satz 1 Auf­en­thG .

Abschie­bung von Klein­kin­der ohne fami­liä­ren Rück­halt im Ziel­staat

So die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts Stutt­gart in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer Antrag­stel­le­rin, die im Wege des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes die auf­schie­ben­de Wir­kung des Beschei­des des Bun­des­am­tes für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge mit der sie abge­scho­ben wer­den soll. Die ein­jäh­ri­ge Klä­ge­rin ist in Deutsch­land gebo­ren.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts Stutt­gart dürf­te die Antrag­stel­le­rin den glei­chen Abschie­bungs­schutz nach § 60 Abs. 7 Auf­en­thG bean­spru­chen kön­nen, den bereits ihre drei Jah­re älte­ren Schwes­ter mit dem rechts­kräf­tig gewor­de­nen Urteil vom 30. Sep­tem­ber 2009 1 zuge­spro­chen bekom­men hat. Bereits in dem Urteil wird aus­ge­führt:

Aus­län­dern, die der all­ge­mein gefähr­de­ten Bevöl­ke­rung bzw. Bevöl­ke­rungs­grup­pe ange­hö­ren, für die aber ein Abschie­be­stopp nach § 60 a Abs. 1 Auf­en­thG nicht besteht, ist aller­dings aus­nahms­wei­se Schutz vor der Durch­füh­rung der Abschie­bung in ver­fas­sungs­kon­for­mer Hand­ha­bung des § 60 Abs. 7 Satz 1 Auf­en­thG zuzu­spre­chen, wenn die Abschie­bung wegen einer im Ziel­staat lan­des­weit bestehen­den extre­men Gefah­ren­la­ge Ver­fas­sungs­recht ver­let­zen wür­de 2. Nach der For­mu­lie­rung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist eine sol­che extre­me all­ge­mei­ne Gefah­ren­la­ge gege­ben, wenn der Aus­län­der durch die Abschie­bung gleich­sam sehen­den Auges dem siche­ren Tod oder schwers­ten Ver­let­zun­gen aus­ge­lie­fert wird.

Klein­kin­der im Alter der Klä­ge­rin, die in Deutsch­land gebo­ren sind, gera­ten, wenn ihre Aus­rei­se in die Demo­kra­ti­sche Repu­blik Kon­go gemein­sam mit Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen erzwun­gen wird, – auch in der Haupt­stadt Kin­sha­sa – in Lebens­ge­fahr. Bei Kin­dern bis zu fünf Jah­ren ist die Sterb­lich­keit durch Atem­wegs- und Durch­fall­erkran­kun­gen sowie Mala­ria stark erhöht. In Fäl­len wie dem vor­lie­gen­den, in denen nach dem inso­weit glaub­haf­ten Vor­brin­gen der Mut­ter der Klä­ge­rin unter­stellt wer­den muss, dass sie als allein­er­zie­hen­de Mut­ter ohne siche­ren fami­liä­ren Rück­halt unter sehr schwie­ri­gen Bedin­gun­gen am Ran­de der Exis­tenz­mög­lich­keit für sich und das Kind Über­le­bens­chan­cen wahr­neh­men müss­te, ist jeden­falls eine extre­me Gefahr im Sin­ne von § 60 Abs. 7 Satz 1 Auf­en­thG anzu­neh­men. Das Ver­wal­tungs­ge­richt schließt sich inso­weit nach Aus­wer­tung der zum Gegen­stand des Ver­fah­rens gemach­ten Erkennt­nis­quel­len der Recht­spre­chung an, auf die sich auch der Klä­ger­ver­tre­ter bezieht 3.

Die schier aus­sichts­lo­se Lage allein­ste­hen­der Müt­ter mit Klein­kin­dern hat sich seit den zitier­ten Ent­schei­dun­gen nicht ver­bes­sert. Dass kari­ta­ti­ve Ein­rich­tun­gen einen wesent­li­chen Bei­trag zur Exis­tenz­si­che­rung leis­ten kön­nen, erscheint nicht gewähr­leis­tet. Das Aus­wär­ti­ge Amt weist in sei­ner Aus­kunft vom 14.04.2005 an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len dar­auf hin, dass die Fra­ge, ob eine allein­ste­hen­de Mut­ter mit einem Klein­kind in Kin­sha­sa exis­tie­ren kann, nicht all­ge­mein beant­wor­tet wer­den kann. Im Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amts vom 01.02.2008 heißt es, ohne fami­liä­re Bin­dung oder sons­ti­ge Unter­stüt­zung kön­ne die Siche­rung einer Exis­tenz­grund­la­ge für Rück­keh­rer schwie­rig bis unmög­lich sein. Die­sen Aus­sa­gen kann ent­nom­men wer­den, dass eine allein­ste­hen­de Mut­ter mit einem Klein­kind zur Exis­tenz­si­che­rung ein Min­dest­maß an stüt­zen­den Fak­to­ren benö­tigt, um auf sich gestellt im Groß­raum Kin­sha­sa über­le­ben zu kön­nen. Die­se Bedin­gun­gen sind wohl nicht gege­ben 4. Bei der ein­jäh­ri­gen in Deutsch­land gebo­re­nen Klä­ge­rin kommt hin­zu, dass sie eine noch höhe­re Infek­ti­ons­an­fäl­lig­keit als im Lan­de gebo­re­ne Kin­der hat. Sie trä­fe auf ein deso­la­tes Gesund­heits­sys­tem in der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go, das sich zuletzt sogar noch ver­schlech­tert hat 5. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg ten­diert wegen des jüngs­ten Lage­be­richts des Aus­wär­ti­gen Amtes inzwi­schen zur Annah­me eines Abschie­bungs­ver­bots für Fami­li­en mit Klein­kin­dern 6.

Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge kann unter die­sen Umstän­den der Klä­ge­rin den nach § 60 Abs. 7 Satz 1 Auf­en­thG gebo­te­nen Schutz vor Gefah­ren für Leben und Gesund­heit nicht ver­weh­ren.“

Die Gefähr­dungs­la­ge für Klein­kin­der und ihre Müt­ter hat sich im Her­kunfts­land seit die­sen Erkennt­nis­sen nicht ver­bes­sert. Der Antrag­stel­ler­ver­tre­ter ver­weist zu Recht dar­auf, dass das Aus­wär­ti­ge Amt in den seit­her ver­öf­fent­lich­ten Lage­be­rich­ten 7 sei­ne Befun­de fort­ge­schrie­ben hat. Die medi­zin­so­zio­lo­gi­schen Erkennt­nis­se zu den gesund­heit­li­chen Risi­ken für Klein­kin­der bei einer Rück­kehr oder – wie hier – erst­ma­li­gen Ein­rei­se in die Demo­kra­ti­sche Repu­blik Kon­go sind nach wie vor depri­mie­rend 8. Die Mut­ter der Antrag­stel­le­rin könn­te aller Vor­aus­sicht nach ihr Über­le­ben und das ihrer bei­den Kin­der im Fal­le einer Rück­kehr nicht sichern. Das Bun­des­amt igno­riert, dass der vor­lie­gen­de Fall anders ist als der von Rück­keh­rern mit fami­liä­ren Rück­halt 9.

Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 12. März 2012 – A 3 K 345/​12

  1. VG Stutt­gart, Urteil vom 30.09.2009 – A 3 K 310/​09[]
  2. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 17.10.1995 – 9 C 9.95, BVerw­GE 99, 324 und 08.12.1998 – 9 C 4.98[]
  3. z.B.: OVG des Saar­lan­des, Beschlüs­se vom 12.07.2006 – 3 Q 45/​05 und vom 11.07.2007 – 3 Q 160/​06; OVG Schles­wig-Hol­stein, Urteil vom 16.04.2002 – 4 L 39/​02; nicht abschlie­ßend zu in Deutsch­land gebo­re­nen Klein­kin­dern: VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 24.07.2003 – A 6 S 971/​01; sie­he auch BVerwG, Beschluss vom 17.10.2006 – 1 B 3/​06, Buch­holz 402.242 § 60 Abs. 2 ff Auf­en­thG Nr. 22[]
  4. vgl. dazu VG Stutt­gart, Urteil vom 24.04.2009 – A 3 K 749/​08[]
  5. sie­he Aus­wär­ti­ges Amt, Lage­be­rich­te vom 09.05.2005, 05.09.2006, 01.02.2008 und ins­be­son­de­re vom 14.05.2009[]
  6. VGH Baden-Württ., Beschluss vom 25.09.2009 – 13 S 1887/​09[]
  7. Lage­be­rich­te vom 19.07.2010 und vom 31.10.2011, sie­he auch Schwei­ze­ri­sche Flücht­lings­hil­fe vom 06.10.2011[]
  8. sie­he Gut­ach­ten Jung­hanss – Uni­ver­si­tät Hei­del­berg – vom 18.01.2010[]
  9. zu die­sem ande­ren Sach­ver­halt vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 19.01.2010 – A 5 S 63/​08[]