Abschie­bungs­haft – und die Anfor­de­run­gen an den Haft­an­trag

Das Vor­lie­gen eines zuläs­si­gen Haft­an­trags ist eine in jeder Lage des Ver­fah­rens von Amts wegen zu prü­fen­de Ver­fah­rens­vor­aus­set­zung.

Abschie­bungs­haft – und die Anfor­de­run­gen an den Haft­an­trag

Zuläs­sig ist der Haft­an­trag der betei­lig­ten Behör­de nur, wenn er den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen an die Begrün­dung ent­spricht.

Erfor­der­lich sind Dar­le­gun­gen

Zwar dür­fen die Aus­füh­run­gen zur Begrün­dung des Haft­an­trags knapp gehal­ten sein, sie müs­sen aber die für die rich­ter­li­che Prü­fung des Falls wesent­li­chen Punk­te anspre­chen. Fehlt es dar­an, darf die bean­trag­te Siche­rungs­haft nicht ange­ord­net wer­den 1.

Die­sen Anfor­de­run­gen genüg­te der Haft­an­trag in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall nicht, weil er kei­ne aus­rei­chen­den Anga­ben zu der not­wen­di­gen Haft­dau­er ent­hielt:

Die betei­lig­te Behör­de führt in dem Haft­an­trag aus, dass die Dau­er der Haft "von längs­tens 21 Tagen" erfor­der­lich sei. Es müs­se zunächst ein Abschie­bungs­er­su­chen an das zustän­di­ge Lan­des­kri­mi­nal­amt gerich­tet wer­den; von dort wer­de über ein Rei­se­bü­ro der nächst­mög­li­che Flug nach Bos­ni­en­Her­ze­go­wi­na gebucht. Unter Beach­tung des Beschleu­ni­gungs­ge­bots wer­de hier­bei stets der nächst­mög­li­che Ter­min gewählt, so dass die Durch­füh­rung einer Abschie­bung grund­sätz­lich vor Ablauf der bean­trag­ten Haft­dau­er beab­sich­tigt sei. Hier­bei sei zu beach­ten, dass bei den in Fra­ge kom­men­den Luft­ver­kehrs­ge­sell­schaf­ten nur ein gerin­ges Kon­tin­gent an ver­füg­ba­ren Plät­zen zur Ver­fü­gung ste­he. Das Lan­des­kri­mi­nal­amt tei­le die Flug­da­ten nach Buchungs­be­stä­ti­gung dann unver­züg­lich tele­fo­nisch mit, damit die Zufüh­rung des Aus­län­ders zum Flug­ha­fen durch behör­den­ei­ge­ne Voll­zugs­kräf­te orga­ni­siert wer­den kön­ne.

Die­se Aus­füh­run­gen sind vor dem Hin­ter­grund, dass die Haft auf die kür­zest mög­li­che Dau­er zu beschrän­ken ist (vgl. § 62 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG), unzu­rei­chend. Die Begrün­dung stellt eine in einer Viel­zahl von Ver­fah­ren ein­setz­ba­re Leer­for­mel dar, die über die Durch­führ­bar­keit der Abschie­bung im kon­kre­ten Fall nichts aus­sagt. Beschrie­ben ist zudem nur die all­ge­mein zu erwar­ten­de Höchst­dau­er für eine Flug­ab­schie­bung nach Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na ("längs­tens"). Die Anga­be einer Höchst­dau­er kann die Erfor­der­lich­keit der Haft­dau­er für den kon­kre­ten Antrag nicht begrün­den und recht­fer­tigt nicht die vor­sorg­li­che Haft­an­ord­nung bis zu die­sem Zeit­punkt 2. Die Haft­dau­er von 21 Tagen ist auch nicht so kurz, dass sich ihre Not­wen­dig­keit von selbst ver­steht, zumal der Pass des Betrof­fe­nen vor­lag und die Flug­ab­schie­bung in ein euro­päi­sches Land erfol­gen soll­te. Die Behör­de hät­te viel­mehr dar­le­gen müs­sen, wel­chen zeit­li­chen Rah­men die im Haft­an­trag genann­ten drei Ver­fah­rens­schrit­te (Abschie­bungs­er­su­chen an das zustän­di­ge Lan­des­kri­mi­nal­amt, Flug­bu­chung, Orga­ni­sa­ti­on der Zufüh­rung des Betrof­fe­nen zum Flug­ha­fen) für die Vor­be­rei­tung einer Abschie­bung nach Bos­ni­en­Her­ze­go­wi­na erfah­rungs­ge­mäß bean­spru­chen, um plau­si­bel zu begrün­den, war­um ein Zeit­raum von 21 Tagen im kon­kre­ten Fall der kür­zest mög­li­chen Haft­dau­er ent­spricht.

Der Man­gel des Haft­an­trags ist im vor­lie­gen­den Fall auch nicht geheilt wor­den.

Män­gel des Haft­an­tra­ges kön­nen beho­ben wer­den, indem die Behör­de von sich aus oder auf rich­ter­li­chen Hin­weis ihre Dar­le­gun­gen ergänzt und dadurch die Lücken in ihrem Haft­an­trag schließt oder indem der Haft­rich­ter selbst die Vor­aus­set­zun­gen zur Durch­führ­bar­keit der Abo­der Zurück­schie­bung des Aus­län­ders und zu der dafür erfor­der­li­chen Haft­dau­er in sei­ner Ent­schei­dung fest­stellt 3. Zwin­gen­de wei­te­re Vor­aus­set­zung für eine Hei­lung ist in einem sol­chen Fall, dass der Betrof­fe­ne zu den ergän­zen­den Anga­ben per­sön­lich ange­hört wird 4.

Dar­an fehlt es hier. Die betei­lig­te Behör­de hat ihren Antrag weder schrift­lich noch münd­lich um die feh­len­den Anga­ben zur erfor­der­li­chen Dau­er der Haft ergänzt; Amts­ge­richt und Beschwer­de­ge­richt haben auch kei­ne ent­spre­chen­den Fest­stel­lun­gen getrof­fen. Die detail­lier­ten Erläu­te­run­gen der Behör­de zur Haft­dau­er in der Rechts­be­schwer­de­er­wi­de­rung (zur Zeit sei eine Vor­lauf­zeit von min­des­tens drei Wochen für Abschie­bun­gen nach Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na ein­zu­pla­nen; für Per­so­nen, die sich in Abschie­bungs­haft befin­den, wür­den Lini­en­flü­ge gebucht und aus orga­ni­sa­to­ri­schen Grün­den mög­lichst die Flug­hä­fen Köln/​Bonn und Frank­furt genutzt; ab Köln/​Bonn gin­gen zwei­mal wöchent­lich Flü­ge und pro Flug wür­den nur zwei Rück­zu­füh­ren­de oder ein Rück­füh­ren­der mit Sicher­heits­be­glei­tung trans­por­tiert; die Rück­füh­rung müs­se im Sicher­heits­bü­ro der Flug­ge­sell­schaft ange­mel­det und eine Bestä­ti­gung müs­se abge­war­tet wer­den, was zwei Tage bean­spru­che), kön­nen im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren schon aus ver­fah­rens­recht­li­chen Grün­den kei­ne Berück­sich­ti­gung fin­den (§ 74 Abs. 3 Satz 4 FamFG i.V.m. § 559 FamFG). Im Übri­gen kön­nen Män­gel eines Haft­an­trags nur mit Wir­kung für die Zukunft geheilt wer­den 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Novem­ber 2018 – V ZB 54/​18

  1. st. Rspr., vgl. BGH, Beschluss vom 20.09.2017 – V ZB 74/​17 6 mwN[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 13.09.2018 – V ZB 57/​18 8; Beschluss vom 22.06.2017 – V ZB 8/​17, Asyl­ma­ga­zin 2018, 58 Rn. 8[]
  3. vgl. zum Gan­zen BGH, Beschluss vom 16.07.2014 – V ZB 80/​13, InfAuslR 2014, 384 Rn. 21 ff.[]
  4. st. Rspr., vgl. nur BGH, Beschluss vom 25.01.2018 – V ZB 201/​17 8[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 16.07.2014 – V ZB 80/​13, InfAuslR 2014, 384 Rn. 21[]