Abschie­bungs­haft – und der Haft­grund der Flucht­ge­fahr

Der Haft­grund der Flucht­ge­fahr nach § 62 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 Auf­en­thG in der bis zum 31.07.2015 gel­ten­den Fas­sung war auch nach dem Ablauf der Frist zur Umset­zung der Richt­li­nie 2008/​115/​EG (sog. Rück­füh­rungs­richt­li­nie) am 24.12 2011 wei­ter anzu­wen­den.

Abschie­bungs­haft – und der Haft­grund der Flucht­ge­fahr

§ 62 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 Auf­en­thG genüg­te in der bis zum 31.07.2015 gel­ten­den Fas­sung nicht den Anfor­de­run­gen der Rück­füh­rungs­richt­li­nie. Die­se Richt­li­nie lässt in Art. 15 Abs. 1 Satz 1 Buchst. a unter nähe­ren Vor­aus­set­zun­gen eine Inhaf­tie­rung ille­gal auf­häl­ti­ger Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ger zur Siche­rung der Abschie­bung unter ande­rem wegen Flucht­ge­fahr zu. Zur Umset­zung die­ses Haft­grunds reich­te es aller­dings nicht aus, in den deut­schen Umset­zungs­vor­schrif­ten ledig­lich den Haft­grund der Flucht­ge­fahr zu wie­der­ho­len.

Nr. 7 der Richt­li­nie bestimmt näm­lich, dass unter Flucht­ge­fahr im Sin­ne der Richt­li­nie "das Vor­lie­gen von Grün­den im Ein­zel­fall [zu ver­ste­hen ist], die auf objek­ti­ven, gesetz­lich fest­ge­leg­ten Kri­te­ri­en beru­hen und zu der Annah­me Anlass geben, dass sich Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge einem Rück­kehr­ver­fah­ren durch Flucht ent­zie­hen könn­ten". Die Vor­schrift ver­langt somit gesetz­lich fest­ge­leg­te Kri­te­ri­en zur Kon­kre­ti­sie­rung der im Gemein­schafts­recht bestimm­ten Vor­aus­set­zung der "Flucht­ge­fahr". Sol­che Kri­te­ri­en sah das Auf­ent­halts­ge­setz in der bis zum 31.07.2015 gel­ten­den Fas­sung nicht vor. Es genüg­te des­halb in die­sem Punkt nicht den Umset­zungs­ver­pflich­tun­gen der Richt­li­nie. Der Bun­des­ge­richts­hof hat das für die wort­glei­che Rege­lungs­ver­pflich­tung der Mit­glied­staa­ten zur Aus­fül­lung des Begriffs der Flucht­ge­fahr in Art. 28 Abs. 2 der Dub­lin-III-Ver­ord­nung gemäß deren Art. 2 Buchst. n ent­schie­den 1. Für Art. 3 Nr. 7 der Rück­füh­rungs­richt­li­nie gilt nichts ande­res.

Es trifft schließ­lich auch zu, dass sich Betrof­fe­ne in Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on, die die Rück­kehr­richt­li­nie nicht bis zum Ablauf der in Art.20 Abs. 1 der Richt­li­nie gere­gel­ten Umset­zungs­frist am 24.12 2011 frist­ge­mäß und voll­stän­dig umge­setzt haben, auf inhalt­lich unbe­ding­te und hin­rei­chend genaue Bestim­mun­gen die­ser Richt­li­nie beru­fen kön­nen, und dass Art. 15 (und 16) der Rück­füh­rungs­richt­li­nie sol­che unbe­ding­ten und hin­rei­chend genau­en Vor­schrif­ten ent­hält 2.

Fol­ge des­sen ist aber nicht, dass die Anord­nung von Abschie­bungs­haft in dem Zeit­raum von dem Ablauf der Frist zur Umset­zung der Rück­kehr­richt­li­nie bis zur Behe­bung des Umset­zungs­de­fi­zits mit dem Gesetz zur Neu­be­stim­mung des Blei­be­rechts und der Auf­ent­halts­be­en­di­gung vom 27.07.2015 3 am 1.08.2015 nicht auf den Haft­grund der Flucht­ge­fahr nach § 62 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 Auf­en­thG in der bis dahin gel­ten­den Fas­sung gestützt wer­den durf­te.

Das ergibt sich ent­ge­gen der Ansicht des Land­ge­richts Stutt­gart 4 aller­dings nicht schon dar­aus, dass Art. 15 Abs. 1 Satz 1 der Rück­füh­rungs­richt­li­nie die Anord­nung von Haft zur Siche­rung der Abschie­bung auch aus ande­ren Grün­den als der Flucht­ge­fahr zulässt. Dadurch wird der natio­na­le Gesetz­ge­ber der Mit­glied­staa­ten nur dazu ermäch­tigt, neben der Flucht­ge­fahr noch ande­re Haft­grün­de vor­zu­se­hen. An der Ver­pflich­tung, den an sich zuläs­si­gen Haft­grund der Flucht­ge­fahr durch Kri­te­ri­en gesetz­lich näher aus­zu­for­men, anhand derer eben die­se Flucht­ge­fahr fest­ge­stellt wer­den soll, ändert die­se Ermäch­ti­gung indes­sen nichts.

Der Haft­grund der Flucht­ge­fahr nach § 62 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 Auf­en­thG in der bis zum 31.07.2015 gel­ten­den Fas­sung war viel­mehr des­halb nach dem Ablauf der Umset­zungs­frist wei­ter­hin anwend­bar, weil der deut­sche Gesetz­ge­ber eine Vor­schrift der Richt­li­nie unzu­rei­chend umge­setzt hat, die kei­ne unmit­tel­ba­re Wir­kung ent­fal­tet.

Die Kri­te­ri­en, anhand derer Flucht­ge­fahr fest­zu­stel­len ist, müs­sen zwar sowohl für die Rück­über­stel­lungs- als auch für die Abschie­bungs­haft gesetz­lich fest­ge­legt wer­den. Inso­fern besteht zwi­schen den Rege­lungs­pflich­ten nach Art. 2 Buch­sta­be n der Dub­lin-III-Ver­ord­nung einer­seits und nach Art. 3 Nr. 7 der Rück­füh­rungs­richt­li­nie ande­rer­seits kein Unter­schied. Unter­schied­lich sind aber die Fol­gen, die das Ver­säum­nis des deut­schen Gesetz­ge­bers hat­te.

Die Vor­aus­set­zun­gen für die Anord­nung von Haft zur Siche­rung der Rück­über­stel­lung nach der Dub­lin-III-Ver­ord­nung sind in deren Art. 28 abschlie­ßend und mit unmit­tel­ba­rer Gel­tung in allen Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on, aus­ge­nom­men Däne­mark, gere­gelt. Die­se uni­ons­recht­li­che Rege­lung sperrt den Rück­griff auf die natio­na­len Haft­grün­de. Der uni­ons­recht­li­che Haft­grund der erheb­li­chen Flucht­ge­fahr kann des­sen unge­ach­tet erst ange­wen­det wer­den, wenn die Mit­glied­staa­ten ihrer Kon­kre­ti­sie­rungs­pflicht nach Art. 2 Buch­sta­be n der Dub­lin-III-Ver­ord­nung nach­ge­kom­men sind. Ohne die­se Kon­kre­ti­sie­rung kann daher Haft zur Siche­rung der Rück­über­stel­lung nach die­ser Ver­ord­nung nicht ange­ord­net wer­den. Das war in Deutsch­land in dem Zeit­raum vom 01.01.2014 bis zum 31.07.2015 der Fall.

Die Vor­aus­set­zun­gen für die Anord­nung von Haft zur Siche­rung der Abschie­bung bestim­men sich dem­ge­gen­über nicht nach unmit­tel­bar gel­ten­den Uni­ons­vor­schrif­ten, son­dern nach dem natio­na­len Recht der Mit­glied­staa­ten, in Deutsch­land nach § 62 Abs. 3 Satz 1 Auf­en­thG in der hier noch maß­geb­li­chen bis zum 31.07.2015 gel­ten­den Fas­sung. Aller­dings dür­fen sich Betrof­fe­ne nach dem Ende der Frist zur Umset­zung der Rück­füh­rungs­richt­li­nie am 24.12 2011 auf inhalt­lich unbe­ding­te und hin­rei­chen­de genaue Bestim­mun­gen der Richt­li­nie beru­fen, wenn sie in dem betref­fen­den Mit­glied­staat noch nicht umge­setzt wor­den sind. Nur inso­fern kommt der die Rück­füh­rungs­richt­li­nie in Deutsch­land unmit­tel­ba­re Wir­kung zu, die bei der Anord­nung von Abschie­bungs­haft zur berück­sich­ti­gen war.

Sol­che unmit­tel­ba­re Wir­kun­gen ent­fal­ten zwar, wie aus­ge­führt, die Rege­lun­gen in Art. 15 bis 17 der Rück­füh­rungs­richt­li­nie über die Vor­aus­set­zun­gen für die Anord­nung von Abschie­bungs­haft und für ihre Durch­füh­rung 5. Der deut­sche Gesetz­ge­ber hat­te aber mit dem Gesetz zur Umset­zung auf­ent­halts­recht­li­cher Richt­li­ni­en der Euro­päi­schen Uni­on und zur Anpas­sung natio­na­ler Rechts­vor­schrif­ten an den EU-Visa­ko­dex vom 22.11.2011 6 nicht Art. 15 der Rück­füh­rungs­richt­li­nie unzu­rei­chend umge­setzt. Denn die­se Vor­schrift sieht gera­de vor, dass Abschie­bungs­haft unter ande­rem wegen Flucht­ge­fahr ange­ord­net wer­den darf. Nicht umge­setzt hat­te der deut­sche Gesetz­ge­ber viel­mehr Art. 3 Nr. 7 der Rück­füh­rungs­richt­li­nie, wonach Kri­te­ri­en zur Fest­stel­lung von Flucht­ge­fahr nach Art. 15 Abs. 1 Satz 1 Buchst. a die­ser Richt­li­nie gesetz­lich fest­zu­le­gen sind.

Die­se Vor­schrift der Richt­li­nie ent­hält kei­ne hin­rei­chend genaue Bestim­mung, auf die sich ein Betrof­fe­ner gegen­über dem Mit­glieds­staat beru­fen könn­te, der sie nicht zuläng­lich umge­setzt hat. Dem natio­na­len Gesetz­ge­ber der Mit­glieds­staa­ten wird näm­lich mit Art. 3 Nr. 7 der Rück­füh­rungs­richt­li­nie nur vor­ge­schrie­ben, Kri­te­ri­en zur Fest­stel­lung der Flucht­ge­fahr im Sin­ne von Art. 15 Abs. 1 der Richt­li­nie fest­zu­le­gen. Im Unter­schied zu die­ser Vor­schrift legt Art. 3 Nr. 7 der Richt­li­nie kei­ne inhalt­li­chen Vor­ga­ben für sol­che Kri­te­ri­en fest, auf die sich ein Betrof­fe­ner beru­fen könn­te. Damit fehlt die­ser Vor­schrift der Richt­li­nie das ent­schei­den­de Ele­ment, das dem Ein­zel­nen eine Beru­fung auf die Vor­schrift der Richt­li­nie nach Ablauf der Umset­zungs­frist ermög­licht. Sie ent­fal­tet kei­ne unmit­tel­ba­re Wir­kung 7.

Die­se Fra­ge kann der Bun­des­ge­richts­hof ohne Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nach Art. 267 Abs. 3 AEUV ent­schei­den, weil sie sich anhand der Begrün­dung klar und ein­deu­tig beant­wor­ten lässt, die der Gerichts­hof für die Annah­me einer unmit­tel­ba­ren Wir­kung von Art. 15 der­sel­ben Richt­li­nie gege­ben hat (sog. acte clai­re, EuGH, Urteil vom 06.10.1982 – 283/​81 C.I.L.FI.T., ECLI:EU:C:1982:335 Rn. 1416; Ein­zel­hei­ten bei: Schmidt-Räntsch in Rie­sen­hu­ber, Euro­päi­sche Metho­den­leh­re, 3. Aufl., § 23 Rn. 27, 29). In sei­nem oben ange­spro­che­nen Urteil vom 28.04.2011 8 hat der Gerichts­hof die unmit­tel­ba­re Wir­kung von Art. 15 der Rück­füh­rungs­richt­li­nie mit den kon­kre­ten Anfor­de­run­gen begrün­det, die die­se Vor­schrift an die Aus­ge­stal­tung des natio­na­len Rechts stellt und die auch zur Ände­rung des § 62 Auf­en­thG etwa durch die Ein­füh­rung des heu­ti­gen Absat­zes 1 die­ser Vor­schrift geführt haben. Sol­che kon­kre­ten Vor­ga­ben ent­hält Art. 3 Nr. 7 der Richt­li­nie, wie aus­ge­führt, nicht. Der Man­gel an inhalt­li­chen Vor­ga­ben zur Aus­for­mung des Haft­grunds der Flucht­ge­fahr legt, anders als der Betrof­fe­ne meint, eine Vor­la­ge an den Gerichts­hof zur Klä­rung der Fra­ge nach der unmit­tel­ba­ren Wir­kung auch nicht nahe, zumal der deut­sche Gesetz­ge­ber das Umset­zungs­de­fi­zit inzwi­schen erkannt und durch Erlass der erfor­der­li­chen Bestim­mun­gen auch für die Abschie­bungs­haft voll­stän­dig beho­ben hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Febru­ar 2016 – V ZB 23/​15

  1. BGH, Beschluss vom 26.06.2014 – V ZB 31/​14 NVwZ 2014, 1397 Rn. 14 und Beschluss vom 22.10.2014 – V ZB 124/​14, NVwZ 2015, 607 Rn. 10[]
  2. EuGH, Urteil vom 28.04.2011, Rs. C61/​11 PPU – El Dri­di, ECLI:EU:C:2011:268 Rn. 46 f[]
  3. BGBl. I S. 1386[]
  4. LG Stutt­gart, Beschluss vom 16.02.2015 – 19 T 43/​15; eben­so LG Han­no­ver, Beschluss vom 30.04.2015 – 8 T 16/​15 15[]
  5. EuGH, Urteil vom 28.04.2011, Rs. C61/​11 PPU – El Dri­di, ECLI:EU:C:2011:268 Rn. 40, 47 für Art. 15, 16 und BGH, Beschluss vom 17.06.2010 – V ZB 127/​10, NVwZ 2010, 1318 Rn. 27 für Art. 17[]
  6. BGBl. I S. 2258[]
  7. über­se­hen von AG Han­no­ver, InfAuslR 2015, 149; AG Wen­nigsen, InfAuslR 2015, 150[]
  8. Rs. C61/​11 PPU – El Dri­di, ECLI:EU:C:2011:268 Rn. 40, 47[]