Abschie­bungs­haft – und der unzu­rei­chen­de Haft­an­trag

Das Vor­lie­gen eines zuläs­si­gen Haft­an­trags ist eine in jeder Lage des Ver­fah­rens von Amts wegen zu prü­fen­de Ver­fah­rens­vor­aus­set­zung. Zuläs­sig ist der Haft­an­trag der betei­lig­ten Behör­de nur, wenn er den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen an die Begrün­dung ent­spricht.

Abschie­bungs­haft – und der unzu­rei­chen­de Haft­an­trag

Erfor­der­lich sind Dar­le­gun­gen

Zwar dür­fen die Aus­füh­run­gen zur Begrün­dung des Haft­an­trags knapp gehal­ten sein, sie müs­sen aber die für die rich­ter­li­che Prü­fung des Falls wesent­li­chen Punk­te anspre­chen. Fehlt es dar­an, darf die bean­trag­te Siche­rungs­haft nicht ange­ord­net wer­den 1.

Die Durch­führ­bar­keit der Abschie­bung muss mit kon­kre­tem Bezug auf das Land, in das der Betrof­fe­ne abge­scho­ben wer­den soll, dar­ge­legt wer­den. Anzu­ge­ben ist dazu, ob und inner­halb wel­chen Zeit­raums Abschie­bun­gen in das betref­fen­de Land übli­cher­wei­se mög­lich sind, von wel­chen Vor­aus­set­zun­gen dies abhängt und ob die­se im kon­kre­ten Fall vor­lie­gen 2.

Die­sen Anfor­de­run­gen wird ein Haft­an­trag nicht gerecht, in dem die Behör­de zur Dau­er der bean­trag­ten Haft nur aus­führt, dass eine Abschie­bung inner­halb von drei Mona­ten mög­lich sei. Ein gül­ti­ger tür­ki­scher Rei­se­pass des Betrof­fe­nen lie­ge vor. Auf tele­fo­ni­sche Rück­fra­ge bei der Zen­tral­stel­le für Flug­ab­schie­bun­gen sei mit­ge­teilt wor­den, dass ein Vor­lauf von zwölf Wochen für eine Rück­füh­rung in die Tür­kei not­wen­dig sei. Die­se Aus­füh­run­gen sind vor dem Hin­ter­grund, dass die Haft auf die kür­zest mög­li­che Dau­er zu beschrän­ken ist (§ 62 Abs. 1 Satz 1 Auf­en­thG) 3, unzu­rei­chend. Die Behör­de hät­te jeden­falls knapp erläu­tern müs­sen, wel­che orga­ni­sa­to­ri­schen Ver­fah­rens­schrit­te den bean­trag­ten Zeit­raum von zwölf Wochen trotz des vor­han­de­nen Rei­se­pas­ses erfor­der­lich mach­ten und war­um eine frü­he­re Flug­bu­chung nicht erfol­gen konn­te 4. Eine sol­che Erläu­te­rung war nicht des­halb ent­behr­lich, weil die Behör­de sich auf die Aus­kunft der für die Flug­bu­chung zustän­di­gen Behör­de beru­fen hat 5. Die Aus­kunft der Zen­tral­stel­le für Flug­ab­schie­bun­gen beschreibt nur die übli­cher­wei­se zu erwar­ten­de Dau­er für Flug­ab­schie­bun­gen in die Tür­kei und bezieht sich nicht auf den kon­kre­ten Fall des Betrof­fe­nen. Die­sen Zeit­raum durf­te die betei­lig­te Behör­de nicht über­neh­men, ohne nach­voll­zieh­bar dar­zu­le­gen, war­um er im kon­kre­ten Fall der kür­zest mög­li­chen Haft­dau­er ent­spricht.

Män­gel des Haft­an­tra­ges kön­nen beho­ben wer­den, indem die Behör­de von sich aus oder auf rich­ter­li­chen Hin­weis ihre Dar­le­gun­gen ergänzt und dadurch die Lücken in ihrem Haft­an­trag schließt oder indem der Haft­rich­ter selbst die Vor­aus­set­zun­gen zur Durch­führ­bar­keit der Abo­der Zurück­schie­bung des Aus­län­ders und zu der erfor­der­li­chen Haft­dau­er in sei­ner Ent­schei­dung fest­stellt 6. Zwin­gen­de wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen für eine Hei­lung ist in einem sol­chen Fall, dass der Betrof­fe­ne zu den ergän­zen­den Anga­ben per­sön­lich ange­hört wird 7.

Dar­an fehlt es hier. Die betei­lig­te Behör­de hat im Beschwer­de­ver­fah­ren zwar ergän­zen­de Anga­ben gemacht und mit­ge­teilt, dass ein Flug für den 3.07.2018 gebucht sei. Das hat das Beschwer­de­ge­richt auch dazu ver­an­lasst, die ange­ord­ne­te Haft bis zum 5.07.2018 zu redu­zie­ren. Man­gels per­sön­li­cher Anhö­rung des Betrof­fe­nen hat das aber nicht zu einer Hei­lung geführt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. Okto­ber 2018 – V ZB 83/​18

  1. st. Rspr., vgl. BGH, Beschluss vom 18.12 2014 – V ZB 192/​13 6 mwN; Beschluss vom 15.09.2016 – V ZB 30/​16 5; Beschluss vom 30.03.2017 – V ZB 128/​16, NVwZ 2017, 1231 Rn. 6[]
  2. st. Rspr., BGH, Beschluss vom 27.10.2011 – V ZB 311/​10, FGPrax 2012, 82 Rn. 12 ff.; Beschluss vom 20.10.2016 – V ZB 167/​14 6, jeweils mwN; Beschluss vom 25.01.2018 – V ZB 107/​17, Asyl­ma­ga­zin 2018, 224, Rn. 3[]
  3. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 19.05.2002 – V ZB 246/​11, FGPrax 2012, 225 Rn.20; Beschluss vom 31.01.2013 – V ZB 20/​12, FGPrax 2013, 130 Rn. 15[]
  4. zu einem ähn­lich gela­ger­ten Fall: BGH, Beschluss vom 15.09.2016 – V ZB 30/​16 6 f.[]
  5. vgl. zur Dar­le­gung des für die Buchung eines Flugs mit Sicher­heits­be­glei­tung erfor­der­li­chen Zeit­raums: BGH, Beschluss vom 20.09.2018 – V ZB 4/​17 11[]
  6. vgl. zum Gan­zen BGH, Beschluss vom 16.07.2014 – V ZB 80/​13, InfAuslR 2014, 384 Rn. 21 ff.[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 11.02.2016 – V ZB 24/​14 9; Beschluss vom 25.01.2018 – V ZB 201/​17 8[]