Abschie­bungs­haft – und der vom Anhö­rungs­ter­min nicht benach­rich­tig­te Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te

Der Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens garan­tiert einem Betrof­fe­nen, sich zur Wah­rung sei­ner Rech­te in einem Frei­heits­ent­zie­hungs­ver­fah­ren von einem Bevoll­mäch­tig­ten sei­ner Wahl ver­tre­ten zu las­sen und die­sen zu der Anhö­rung hin­zu­zu­zie­hen [1].

Abschie­bungs­haft – und der vom Anhö­rungs­ter­min nicht benach­rich­tig­te Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te

Erfährt das Gericht wäh­rend des Anhö­rungs­ter­mins, dass der Betrof­fe­ne einen Rechts­an­walt hat, muss es dafür Sor­ge tra­gen, dass die­ser von dem Ter­min in Kennt­nis gesetzt wird und an der Anhö­rung teil­neh­men kann [2]. Ver­ei­telt das Gericht durch sei­ne Ver­fah­rens­ge­stal­tung eine Teil­nah­me des Bevoll­mäch­tig­ten an der Anhö­rung, führt dies ohne wei­te­res zu der Rechts­wid­rig­keit der Haft [3]. Es kommt in die­sem Fall nicht dar­auf an, ob die Anord­nung der Haft auf die­sem Feh­ler beruht [4].

So auch in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall:

Das Amts­ge­richt hat die Haft auf der Grund­la­ge einer Anhö­rung ange­ord­net, an der der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te des Betrof­fe­nen nicht teil­neh­men konn­te. Es hat den Betrof­fe­nen, der sich seit dem 21.02.2018 in Abschie­bungs­haft befand, auf Antrag der betei­lig­ten Behör­de vom 24.05.2018 noch am dar­auf­fol­gen­den Tag, dem 25.05.2018, ange­hört. Dies ent­sprach zwar der ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­pflich­tung zu einer unver­züg­li­chen Ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit und Fort­dau­er einer Frei­heits­ent­zie­hung durch den Rich­ter (Art. 104 Abs. 2 Satz 2 GG; vgl. BVerfGE 105, 239, 249). Das Amts­ge­richt hat aber dem durch Über­ga­be des Schrei­bens sei­nes Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten vom 17.05.2018 erkenn­ba­ren [5]; und vom Amts­ge­richt aus­weis­lich des Sit­zungs­pro­to­kolls auch erkann­ten Wil­len des Betrof­fe­nen, in die­sem Ver­fah­ren von sei­nem Bevoll­mäch­tig­ten ver­tre­ten zu wer­den, nicht wie gebo­ten Rech­nung getra­gen. Statt den Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten des Betrof­fe­nen unver­züg­lich zu kon­tak­tie­ren, ihn über die anbe­raum­te Anhö­rung zu infor­mie­ren und ihm Gele­gen­heit zu geben, an der Anhö­rung im Haupt­sa­che­ver­fah­ren gege­be­nen­falls durch Anbe­raumung eines neu­en Ter­mins unter Anord­nung einer nur kur­zen Haft im Wege einer einst­wei­li­gen Anord­nung nach § 427 FamFG [6] teil­zu­neh­men, hat das Amts­ge­richt noch in der Sit­zung vom 25.05.2018 Haft bis zum 20.07.2018 ange­ord­net. Der Umstand, dass dem Amts­ge­richt eine Ver­tre­tungs­an­zei­ge des Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten bis zu die­sem Zeit­punkt nicht bekannt war, ent­band das Gericht auch unter Berück­sich­ti­gung des Beschleu­ni­gungs­ge­bots nicht davon, die Ver­fah­rens­grund­rech­te des Betrof­fe­nen im Übri­gen zu gewähr­leis­ten.

Eine Hei­lung des Ver­fah­rens­feh­lers die mit Wir­kung für die Zukunft mög­lich gewe­sen wäre [7] ist im vor­lie­gen­den Fall auch in der Beschwer­de­instanz nicht ein­ge­tre­ten. Sie setzt eine Nach­ho­lung der Anhö­rung des Betrof­fe­nen vor­aus [8]. Eine sol­che Anhö­rung ist indes nicht erfolgt. Dar­auf, ob von einer erneu­ten, die Ver­fah­rens­grund­rech­te wah­ren­den Anhö­rung wei­ter­ge­hen­de Aus­füh­run­gen des Betrof­fe­nen zu erwar­ten sind, kommt es nicht an. Folg­lich fehlt es ins­ge­samt an einer recht­mä­ßi­gen Haft­an­ord­nung.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Novem­ber 2019 – XIII ZB 34/​19

  1. BGH, Beschluss vom 10.07.2014 – V ZB 32/​14, FGPrax 2014, 228 Rn. 8; Beschluss vom 20.05.2016 – V ZB 140/​15, InfAuslR 2016, 381 Rn. 6 u.20; Beschluss vom 27.09.2018 – V ZB 96/​18 7 ff.; Beschluss vom 04.07.2019 – V ZB 19/​19 4[]
  2. BGH, Beschluss vom 04.07.2019 – V ZB 19/​19 4[]
  3. BGH, Beschluss vom 04.07.2019 – V ZB 19/​19 5[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 06.04.2017 – V ZB 59/​16, InfAuslR 2017, 292 Rn. 7[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 04.07.2019 – V ZB 19/​19 5[]
  6. BGH, Beschluss vom 27.09.2018 – V ZB 96/​18 9[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 18.02.2016 – V ZB 23/​15, InfAuslR 2016, 235 Rn. 25[]
  8. BGH, Beschluss vom 11.10.2017 – V ZB 167/​16 9[]