Abschie­bungs­haft – und die Anhö­rung des Betrof­fe­nen

Ver­fah­rens­feh­ler bei der Durch­füh­rung der per­sön­li­chen Anhö­rung des Betrof­fe­nen ver­let­zen § 420 FamFG und damit Art. 104 Abs. 1 GG nur, wenn sie nicht nur den for­mal ord­nungs­mä­ßi­gen Ablauf der Anhö­rung, son­dern deren Grund­la­gen betref­fen.

Abschie­bungs­haft – und die Anhö­rung des Betrof­fe­nen

Die Grund­la­gen der Anhö­rung sind nicht schon betrof­fen, wenn dem Betrof­fe­nen eine Kopie des Haft­an­trags oder von des­sen Über­set­zung nicht aus­ge­hän­digt wird, son­dern erst, wenn der Anhö­rung ein unzu­läs­si­ger oder ein unvoll­stän­di­ger Haft­an­trag zugrun­de liegt, oder wenn der zuläs­si­ge Haft­an­trag bei der Anhö­rung nicht zumin­dest in den wesent­li­chen Grund­zü­gen sinn­ge­mäß münd­lich in eine Spra­che über­setzt wird, die der Betrof­fe­ne beherrscht.

Die Auf­recht­erhal­tung der ange­ord­ne­ten Haft durch das Beschwer­de­ge­richt wäre nur rechts­feh­ler­haft, wenn das Beschwer­de­ge­richt den Betrof­fe­nen selbst per­sön­lich anzu­hö­ren gehabt hät­te. Denn in die­sem Fall ver­letz­te die Ent­schei­dung des Beschwer­de­ge­richts des­sen Grund­rech­te aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2, Art. 104 Abs. 1 GG 1. Nach § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG kann das Beschwer­de­ge­richt von einer erneu­ten Anhö­rung des Betrof­fe­nen abse­hen, wenn eine ord­nungs­ge­mä­ße per­sön­li­che Anhö­rung in ers­ter Instanz statt­ge­fun­den hat und zusätz­li­che Erkennt­nis­se durch eine erneu­te Anhö­rung nicht zu erwar­ten sind 2. Die­se Vor­aus­set­zun­gen hat das Beschwer­de­ge­richt ohne Rechts­feh­ler ange­nom­men.

Das Beschwer­de­ge­richt muss­te den Betrof­fe­nen auch nicht des­halb erneut anhö­ren, weil ihm der Haft­an­trag der betei­lig­ten Behör­de bei der Anhö­rung durch den Haft­rich­ter nicht aus­ge­hän­digt wor­den ist.

Rich­tig ist aller­dings, dass der Haft­an­trag der betei­lig­ten Behör­de einem Betrof­fe­nen bei der Anhö­rung durch den Haft­rich­ter nicht nur "bekannt zu machen", son­dern in Ablich­tung aus­zu­hän­di­gen ist und dass die­ser Vor­gang im Pro­to­koll fest­ge­hal­ten wer­den muss 3. Fehlt es an einer ent­spre­chen­den Doku­men­ta­ti­on im Pro­to­koll über die per­sön­li­che Anhö­rung, ist für das Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren davon aus­zu­ge­hen, dass der Haft­an­trag nicht aus­ge­hän­digt wor­den ist. Die feh­len­de Aus­hän­di­gung des Haft­an­trags führ­te nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs dazu, dass die Haft­an­ord­nung ohne wei­te­res rechts­wid­rig war 4. Der Bun­des­ge­richts­hof hat in die­sem Zusam­men­hang aus­ge­führt, dass sich ohne eine Aus­hän­di­gung des Haft­an­trags die per­sön­li­che Anhö­rung des Betrof­fe­nen nicht ord­nungs­ge­mäß durch­füh­ren las­se 5.

An die­ser Recht­spre­chung hält der Bun­des­ge­richts­hof, was der Betrof­fe­ne nicht ver­kennt, im Hin­blick auf die abwei­chen­de Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs 6 nicht mehr unein­ge­schränkt fest. Die unter­blie­be­ne Aus­hän­di­gung des Haft­an­trags führt nur dann zu einer Auf­he­bung der Haft­an­ord­nung oder der Fest­stel­lung ihrer Rechts­wid­rig­keit, wenn das Ver­fah­ren ohne die­sen Feh­ler zu einem ande­ren Ergeb­nis hät­te füh­ren kön­nen 7. Die Ver­pflich­tung, dem Betrof­fe­nen eine Ablich­tung des Haft­an­tra­ges aus­zu­hän­di­gen, ist nicht Teil der per­sön­li­chen Anhö­rung des Betrof­fe­nen, die als Ver­fah­rens­ga­ran­tie nach Art. 104 Abs. 1 GG unbe­dingt ein­zu­hal­ten ist und deren Ver­let­zung ohne Rück­sicht auf die inhalt­li­che Rich­tig­keit der Haft­an­ord­nung zu ihrer Rechts­wid­rig­keit führt. Die Aus­hän­di­gung des Haft­an­trags ist viel­mehr Aus­fluss der Ver­pflich­tung, dem Betrof­fe­nen recht­li­ches Gehör zu gewäh­ren (Art. 103 GG). Eine Ver­let­zung des Anspruchs auf Gewäh­rung des recht­li­chen Gehörs führt nur dann zur Rechts­wid­rig­keit der Ent­schei­dung, wenn das Ver­fah­ren ohne den Ver­stoß zu einem ande­ren Ergeb­nis hät­te füh­ren kön­nen 8.

Die unter­blie­be­ne Aus­hän­di­gung des Haft­an­trags erfor­der­te kei­ne erneu­te Anhö­rung des Betrof­fe­nen in der Beschwer­de­instanz.

Ver­fah­rens­feh­ler bei der Durch­füh­rung der erst­in­stanz­li­chen Anhö­rung kön­nen zwar den Betrof­fe­nen nicht nur in sei­nem Anspruch auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs aus Art. 103 Abs. 1 GG, son­dern auch in sei­nem grund­rechts­glei­chen Recht aus Art. 104 Abs. 1 Satz 1 GG ver­let­zen. Ein sol­cher Feh­ler kann – mit Wir­kung für die Zukunft – nicht schon dadurch geheilt wer­den, dass dem Betrof­fe­nen Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me gege­ben wird, son­dern nur durch eine erneu­te per­sön­li­che Anhö­rung des Betrof­fe­nen nach § 420 FamFG 9. Dar­an hat sich durch die Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on nichts geän­dert. Denn die per­sön­li­che Anhö­rung des Betrof­fe­nen ist eben­so wie der zuläs­si­ge Haft­an­trag eine Vor­aus­set­zung für die Anord­nung von Siche­rungs­haft im Sin­ne von Art. 104 Abs. 1 GG, an deren Ein­füh­rung der deut­sche Gesetz­ge­ber uni­ons­recht­lich nicht gehin­dert ist.

Nicht jeder Ver­fah­rens­feh­ler führt aber dazu, dass die durch­ge­führ­te Anhö­rung gewis­ser­ma­ßen als "Nicht­an­hö­rung" anzu­se­hen ist 10. Ver­fah­rens­feh­ler bei der Durch­füh­rung der per­sön­li­chen Anhö­rung des Betrof­fe­nen ver­let­zen § 420 FamFG und damit Art. 104 Abs. 1 GG nur, wenn sie nicht nur den for­mal ord­nungs­mä­ßi­gen Ablauf der Anhö­rung, son­dern deren Grund­la­gen betref­fen 11. Die Grund­la­gen der Anhö­rung sind im Zusam­men­hang mit einem Haft­an­trag nicht schon betrof­fen, wenn dem Betrof­fe­nen eine Kopie des Haft­an­trags oder von des­sen Über­set­zung nicht aus­ge­hän­digt wird, son­dern erst, wenn der Anhö­rung ein unzu­läs­si­ger 12 oder ein unvoll­stän­di­ger 13 Haft­an­trag zugrun­de liegt, oder wenn der zuläs­si­ge Haft­an­trag bei der Anhö­rung nicht zumin­dest in den wesent­li­chen Grund­zü­gen sinn­ge­mäß münd­lich in eine Spra­che über­setzt wird, die der Betrof­fe­ne beherrscht 14. Das Beschwer­de­ge­richt muss des­halb einen Betrof­fe­nen nicht allein wegen der unter­las­se­nen Aus­hän­di­gung des Haft­an­trags erneut per­sön­lich anhö­ren. Eine Anhö­rung ist auch nicht zur nach­träg­li­chen Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs erfor­der­lich. Die­ses kann, wie hier, etwa dadurch nach­ge­holt wer­den, dass dem Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten des Betrof­fe­nen eine Kopie des Antrags zuge­lei­tet wird.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Febru­ar 2016 – V ZB 23/​15

  1. BGH, Beschluss vom 29.10.2015 – V ZB 67/​15, InfAuslR 2016, 54 Rn. 6[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 17.06.2010 – V ZB 3/​10, FGPrax 2010, 261 Rn. 8; vom 04.03.2010 – V ZB 222/​09, BGHZ 184, 323 Rn. 13; und vom 29.10.2015 – V ZB 67/​15 6 f.[]
  3. BGH, Beschluss vom 05.12 2013 – V ZB 71/​13, InfAuslR 2014, 150 Rn. 7[]
  4. vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 30.03.2012 – V ZB 59/​12 10; und vom 30.10.2013 – V ZB 9/​13, FGPrax 2014, 43 Rn. 10[]
  5. Beschluss vom 11.10.2012 – V ZB 274/​11, FGPrax 2013, 40 Rn. 7; ähn­lich schon BGH, Beschluss vom 04.03.2010 – V ZB 222/​09, BGHZ 184, 323 Rn. 16[]
  6. Urteil vom 10.09.2013, Rs. C383/​13 – PPU – G. and R., EGLI:EU:C:2013:533 Rn. 44 f.[]
  7. BGH, Beschluss vom 16.07.2014 – V ZB 80/​13, InfAuslR 2014, 384 Rn. 9[]
  8. zum Gan­zen: BGH, Beschluss vom 16.07.2014 – V ZB 80/​13, InfAuslR 2014, 384 Rn. 8[]
  9. BGH, Beschluss vom 18.12 2014 – V ZB 192/​13 9 mwN[]
  10. BGH, Beschluss vom 17.06.2010 – V ZB 3/​10, FGPrax 2010, 261 Rn. 22[]
  11. BGH, Beschluss vom 18.12 2014 – V ZB 192/​13 9 mwN; ähn­lich BGH, Beschluss vom 02.03.2011 – XII ZB 346/​10, NJW 2011, 2365 Rn. 14 "zwin­gen­de Vor­schrif­ten", in casu die nach § 317 FamFG gebo­te­ne, aber unter­blie­be­ne Bestel­lung eines Ver­fah­rens­pfle­gers für die Anhö­rung im Unter­brin­gungs­ver­fah­ren, und die­se Ent­schei­dung auf­grei­fend: BGH, Beschluss vom 10.10.2013 – V ZB 127/​12, FGPrax 2014, 39 Rn. 9 aE[]
  12. BGH, Beschluss vom 16.07.2014 – V ZB 80/​13 InfAuslR 2014, 384 Rn.19, 22[]
  13. BGH, Beschluss vom 29.04.2010 – V ZB 218/​09, FGPrax 2010, 210 Rn. 16 f.[]
  14. vgl. BGH, Beschluss vom 12.03.2015 – V ZB 187/​14, InfAuslR 2015, 301 Rn. 5 aE[]