Abschie­bungs­haft – und die per­sön­li­che Anhö­rung durch das Beschwer­de­ge­richt

Von der in Frei­heits­ent­zie­hungs­sa­chen auch im Beschwer­de­ver­fah­ren vor­ge­schrie­be­nen per­sön­li­chen Anhö­rung des Betrof­fe­nen kann unter den in § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG genann­ten Vor­aus­set­zun­gen aus­nahms­wei­se abge­se­hen wer­den; sei­ne dahin­ge­hen­de Ermes­sens­ent­schei­dung muss das Beschwer­de­ge­richt nach­prüf­bar begrün­den. Unter­lässt es dies, ist die Haft aber nur dann rechts­wid­rig, wenn die erneu­te Anhö­rung zwin­gend gebo­ten war.

Abschie­bungs­haft – und die per­sön­li­che Anhö­rung durch das Beschwer­de­ge­richt

Die per­sön­li­che Anhö­rung ist in Frei­heits­ent­zie­hungs­sa­chen grund­sätz­lich auch im Beschwer­de­ver­fah­ren vor­ge­schrie­ben (§ 68 Abs. 3 Satz 1 i.V.m. § 420 Abs. 1 Satz 1 FamFG). Sie kann zwar unter den in § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG genann­ten Vor­aus­set­zun­gen aus­nahms­wei­se unter­blei­ben. Eine dahin­ge­hen­de Ermes­sens­ent­schei­dung muss das Beschwer­de­ge­richt aber nach­prüf­bar begrün­den1.

Das Feh­len einer Begrün­dung ist hier­nach ein Ver­fah­rens­feh­ler; die­ser führt für sich genom­men jedoch nicht zur Rechts­wid­rig­keit der Haft, da die Ent­schei­dung nicht auf ihm beruht (§ 72 Abs. 1 Satz 1 FamFG).

Nicht jeder Ver­stoß gegen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten ver­letzt schon als sol­cher die Grund­rech­te des Betrof­fe­nen aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2, Art. 104 Abs. 1 GG. Zwar gehört die per­sön­li­che Anhö­rung vor Anord­nung der Haft zu den mit grund­recht­li­chem Schutz ver­se­he­nen grund­le­gen­den Ver­fah­rens­ga­ran­ti­en (hier­zu BVerfGK 9, 132 Rn.20; BGH, Beschluss vom 17.06.2010 – V ZB 9/​10, InfAuslR 2010, 384 Rn. 8). Für die erneu­te Anhö­rung in der Beschwer­de­instanz gilt dies aber nicht in glei­chem Maße, da von ihr – ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich – unter den in § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG genann­ten Vor­aus­set­zun­gen abge­se­hen wer­den kann. Unter­bleibt die Anhö­rung ohne eine zurei­chen­de Begrün­dung, ist die Haft daher nur dann rechts­wid­rig, wenn die erneu­te Anhö­rung zwin­gend gebo­ten war. Ist letz­te­res anzu­neh­men, sind die Rech­te des Betrof­fe­nen gemäß Art. 2 Abs. 2 Satz 2, Art. 104 Abs. 1 GG ver­letzt2 und es kommt nicht dar­auf an, ob die Haft in der Sache zu Recht auf­recht­erhal­ten wor­den ist3.

Dass im vor­lie­gen­den Fall von der erneu­ten Anhö­rung nicht in recht­lich zuläs­si­ger Wei­se abge­se­hen wer­den konn­te, zeigt die Rechts­be­schwer­de nicht auf. Der Haft­an­ord­nung lag ein zuläs­si­ger Haft­an­trag zugrun­de. Die Betrof­fe­ne war erst vier­zehn Tage zuvor durch das Amts­ge­richt aus­führ­lich und ver­fah­rens­feh­ler­frei in der Sache ange­hört wor­den. Die Rechts­be­schwer­de ver­weist zwar dar­auf, dass das Land­ge­richt gemäß § 26 FamFG ergän­zen­de Ermitt­lun­gen ange­stellt habe. Die­se betra­fen aber den für die Abschie­bung erfor­der­li­chen Zeit­raum. Nach­dem die anwalt­lich ver­tre­te­ne Betrof­fe­ne von den zusätz­li­chen Anga­ben der betei­lig­ten Behör­de zu dem frü­he­ren Abschie­bungs­ter­min in Kennt­nis gesetzt wor­den war, hat die­se mit­tei­len las­sen, es wür­den kei­ne wei­te­ren Anga­ben in der Sache gemacht, und eine schnel­le Ent­schei­dung erbe­ten. Es ist daher nicht ersicht­lich, wel­che zusätz­li­chen Erkennt­nis­se ihre erneu­te per­sön­li­che Anhö­rung hät­te erge­ben kön­nen4.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Okto­ber 2015 – V ZB 67/​15

  1. BGH, Beschluss vom 10.10.2013 – V ZB 127/​12, FGPrax 2014, 39 Rn. 8; BGH, Beschluss vom 02.03.2011 – XII ZB 346/​10, NJW 2011, 2365 Rn. 13; Beschluss vom 11.04.2012 – XII ZB 504/​11, FGPrax 2012, 163 Rn. 6; Keidel/​Sternal, FamFG, 18. Aufl., § 68 Rn. 59 jeweils mwN
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 10.10.2013 – V ZB 127/​12, FGPrax 2014, 39 Rn. 9; Beschluss vom 18.12 2014 – V ZB 192/​13 9 mwN
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 17.06.2010 – V ZB 9/​10, InfAuslR 2010, 384 Rn. 9 mwN
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 04.03.2010 – V ZB 222/​09, BGHZ 184, 323 Rn. 13