Abschie­bungs­haft – und die Ver­fah­rens­dar­stel­lung im Haftantrag

Eine Dar­stel­lung des maß­geb­li­chen Ver­fah­rens im Haft­an­trag ist ent­behr­lich, wenn die Ver­fah­rens­schrit­te, die nach den ein­schlä­gi­gen völ­ker­ver­trags- oder uni­ons­recht­li­chen Rege­lun­gen für die Über­prü­fung der erfor­der­li­chen Dau­er der Haft ent­schei­dend sind, so dar­ge­stellt wer­den, dass der Haft­rich­ter in eine Prü­fung ein­tre­ten kann.

Abschie­bungs­haft – und die Ver­fah­rens­dar­stel­lung im Haftantrag

Das Vor­lie­gen eines zuläs­si­gen Haft­an­trags ist eine in jeder Lage des Ver­fah­rens von Amts wegen zu prü­fen­de Ver­fah­rens­vor­aus­set­zung. Zuläs­sig ist der Haft­an­trag der betei­lig­ten Behör­de nur, wenn er den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen an die Begrün­dung ent­spricht. Erfor­der­lich sind Dar­le­gun­gen zur zwei­fels­frei­en Aus­rei­se­pflicht, zu den Abschie­bungs­vor­aus­set­zun­gen, zur Erfor­der­lich­keit der Haft, zur Durch­führ­bar­keit der Abschie­bung und zur not­wen­di­gen Haft­dau­er (§ 417 Abs. 2 Satz 2 Nr. 3 bis 5 FamFG). Zwar dür­fen die Aus­füh­run­gen zur Begrün­dung des Haft­an­trags knapp gehal­ten sein, sie müs­sen aber die für die rich­ter­li­che Prü­fung wesent­li­chen Punk­te anspre­chen. Sind die­se Anfor­de­run­gen nicht erfüllt, darf die bean­trag­te Siche­rungs­haft nicht ange­ord­net wer­den1.

Die Durch­führ­bar­keit der Abschie­bung muss mit kon­kre­tem Bezug auf das Land, in das der Betrof­fe­ne abge­scho­ben wer­den soll, dar­ge­legt wer­den. Anzu­ge­ben ist dazu, ob und inner­halb wel­chen Zeit­raums Abschie­bun­gen in das betref­fen­de Land übli­cher­wei­se mög­lich sind, von wel­chen Vor­aus­set­zun­gen dies abhängt und ob die­se im kon­kre­ten Fall vor­lie­gen. Soweit mit dem Ziel­staat – wie hier mit Viet­nam, dem tat­säch­li­chen Hei­mat­land des Betrof­fe­nen – ein Rück­über­nah­me­ab­kom­men besteht (hier das Abkom­men zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der Sozia­lis­ti­schen Repu­blik Viet­nam vom 21.07.1995, BGBl. II 743 mit Pro­to­koll vom glei­chen Tag, BGBl. II 746, fort­an Rück­nah­me­ab­kom­men und Pro­to­koll), sind die danach durch­zu­füh­ren­den Maß­nah­men im Haft­an­trag dar­zu­stel­len2.

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Die­sen Anfor­de­run­gen genügt der Haft­an­trag der betei­lig­ten Behör­de im hier ent­schie­de­nen Fall. Er ver­hält sich zur zwei­fels­frei­en Aus­rei­se­pflicht, zu den Abschie­bungs­vor­aus­set­zun­gen und zur Erfor­der­lich­keit der Haft. Dabei rei­chen auch die Aus­füh­run­gen zur erfor­der­li­chen Dau­er der Haft und zur Durch­führ­bar­keit der Abschie­bung aus.

Die betei­lig­te Behör­de hat im Haft­an­trag zwar das deutsch­viet­na­me­si­sche Rück­nah­me­ab­kom­men nicht erwähnt und auch nicht dar­ge­stellt, in wel­chen Ver­fah­rens­schrit­ten die Rück­nah­me viet­na­me­si­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger nach die­sem Abkom­men abläuft. Dies ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs aber auch nicht nötig. Eine Dar­stel­lung des maß­geb­li­chen Ver­fah­rens in dem Haft­an­trag ist ent­behr­lich, wenn die Ver­fah­rens­schrit­te, die nach den ein­schlä­gi­gen völ­ker­ver­trags- oder uni­ons­recht­li­chen Rege­lun­gen für die Über­prü­fung der erfor­der­li­chen Dau­er der Haft ent­schei­dend sind, so dar­ge­stellt wer­den, dass der Haft­rich­ter in eine Prü­fung ein­tre­ten kann.

Wenn es sich – wie hier – um viet­na­me­si­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge han­delt, deren Staats­an­ge­hö­rig­keit weder durch die in Art. 5 Abs. 1 des Abkom­mens genann­ten Nach­wei­se (Staats­an­ge­hö­rig­keits­ur­kun­den, Päs­se aller Art, Ver­bal­no­ten der viet­na­me­si­schen Aus­lands­ver­tre­tun­gen in Deutsch­land) nach­ge­wie­sen noch mit den in Art. 5 Abs. 2 des Abkom­mens zuge­las­se­nen Unter­la­gen (Per­so­nal­aus­wei­se, Lais­sez-Pas­ser mit Licht­bild, Geburts­ur­kun­den usw.) glaub­haft gemacht wer­den kann, genügt es, wenn der Haft­an­trag Anga­ben zu den Prüf­ter­mi­nen ent­hält. In den genann­ten Fäl­len nimmt Viet­nam nach Art. 6 Abs. 1 des Abkom­mens eine Über­prü­fung der Staats­an­ge­hö­rig­keit durch eine Anhö­rung der betref­fen­den Per­son vor. Die­se Prü­fung fin­det in ein bis zwei Sam­mel­ter­mi­nen jähr­lich statt, in denen die betref­fen­den Per­so­nen von aus Viet­nam ange­reis­ten Exper­ten der zustän­di­gen staat­li­chen Stel­len Viet­nams ange­hört wer­den und geprüft wird, ob sie viet­na­me­si­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge sind. Für die Beur­tei­lung der erfor­der­li­chen Dau­er der Haft kommt es in die­sen Fäl­len ent­schei­dend auf den maß­geb­li­chen Sam­mel­prüf­ter­min an. Es genügt des­halb, wenn die betei­lig­te Behör­de in dem Haft­an­trag angibt, zu wel­cher Grup­pe zurück­zu­neh­men­der viet­na­me­si­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger der Betrof­fe­ne im Ein­zel­fall kon­kret gehört, und gege­be­nen­falls, wann der nächs­te erreich­ba­re Sam­mel­ter­min statt­fin­det3.

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Danach genüg­te im vor­lie­gen­den Fall der Haft­an­trag der betei­lig­ten Behör­de den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen. Die betei­lig­te Behör­de hat in ihrem Haft­an­trag dar­ge­legt, dass der Betrof­fe­ne nicht über gül­ti­ge Papie­re ver­füg­te, sei­ne viet­na­me­si­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit damit also weder nach Art. 5 Abs. 1 des Abkom­mens nach­ge­wie­sen noch nach des­sen Art. 5 Abs. 2 glaub­haft gemacht wer­den konn­te. Sie hat außer der zwar all­ge­mein gehal­te­nen, aber in der Sache zutref­fen­den Anga­be, die Ertei­lung der Rei­se­do­ku­men­te neh­me fünf bis sechs Mona­te in Anspruch, aus­ge­führt, in der ers­ten Sep­tem­ber­wo­che 2019 fin­de eine Sam­mel­vor­füh­rung vor einer Exper­ten­kom­mis­si­on der viet­na­me­si­schen Bot­schaft statt, sodass eine Iden­ti­fi­zie­rung des Betrof­fe­nen als viet­na­me­si­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger spä­tes­tens über die­se Kom­mis­si­on erfol­gen wer­de. Damit hat sie den ent­schei­den­den Punkt genannt, was ausreicht.

Beden­ken gegen die Zuläs­sig­keit des Haft­an­trags erge­ben sich auch nicht dar­aus, dass die nächs­te Prü­fung der viet­na­me­si­schen Exper­ten­kom­mis­si­on in mehr als fünf Mona­ten statt­fand und sich der Haft­an­trag nicht zu zügi­ge­ren Alter­na­ti­ven ver­hält. Neben dem völ­ker­ver­trag­lich fest­ge­leg­ten Prüf­ver­fah­ren sind zwar nach einem abge­stimm­ten Ergeb­nis­ver­merk des Aus­wär­ti­gen Amtes über eine Kon­sul­ta­ti­on mit den viet­na­me­si­schen Behör­den vom 27.02.bis 3.03.2006 in Hoi An auch Ein­zel­rück­füh­run­gen mög­lich. Eine sol­che Ein­zel­rück­füh­rung soll aber – als Aus­nah­me von dem völ­ker­ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Lis­ten­ver­fah­ren – nur in begrün­de­ten Ein­zel­fäl­len statt­fin­den und auch nur nach Abspra­che zwi­schen den deut­schen und den viet­na­me­si­schen Behör­den4. Des­halb muss der Haft­an­trag Aus­füh­run­gen dazu nur ent­hal­ten, wenn greif­ba­re Anhalts­punk­te für einen sol­chen Aus­nah­me­fall vor­lie­gen. Dafür ist hier nichts ersichtlich.

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Das Amts­ge­richt hat die ange­ord­ne­te Haft, wie ent­spre­chend § 426 FamFG gebo­ten5, auf die Beschwer­de des Betrof­fe­nen hin mit dem Abhil­fe­be­schluss auf den Zeit­raum ver­kürzt, mit dem nach dem Auf­fin­den der Geburts­ur­kun­de des Betrof­fe­nen auf­grund der ihm über­mit­tel­ten Anga­ben zu rech­nen war.

Die Haft durf­te jeden­falls des­halb nach § 62 Abs. 3 Satz 3 und Abs. 4 Satz 1 Auf­en­thG über drei Mona­te hin­aus ange­ord­net und auf­recht­erhal­ten wer­den, weil der Betrof­fe­ne ver­schwie­gen hat­te, dass er über eine Geburts­ur­kun­de ver­füg­te, die sei­ne Iden­ti­fi­zie­rung erlaub­te und eine – tat­säch­lich auch ein­ge­tre­te­ne – wesent­li­che Ver­kür­zung der erfor­der­li­chen Haft erwar­ten ließ.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 6. Okto­ber 2020 – XIII ZB 114/​19

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschluss vom 14.07.2020 – XIII ZB 74/​19 7[]
  2. BGH, Beschluss vom 19.06.2013 – V ZB 96/​12 9 mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 19.06.2013 – V ZB 96/​12[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 21.06.2012 – V ZB 263/​11 13[]
  5. BGH, Beschluss vom 20.10.2016 – V ZB 167/​14, NVwZ 2017, 733 [Ls.] 13[]

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