Ab­schie­bungs­schutz bei einem in­ner­staat­li­chen be­waff­ne­ten Kon­flikt und die in­län­di­sche Flucht­al­ter­na­ti­ve

Für die nach § 60 Abs. 7 Satz 2 Auf­en­thG er­for­der­li­che Ge­fah­ren­pro­gno­se ist bei einem nicht lan­des­wei­ten be­waff­ne­ten Kon­flikt auf den tat­säch­li­chen Ziel­ort des Aus­län­ders bei einer Rück­kehr ab­zu­stel­len. Kommt die Her­kunfts­re­gi­on des Aus­län­ders als Ziel­ort wegen der dem Aus­län­der dort dro­hen­den Ge­fahr nicht in Be­tracht, kann er nur unter den Vor­aus­set­zun­gen des Art. 8 der Richt­li­nie 2004/​83/​EG auf eine an­de­re Re­gi­on des Lan­des ver­wie­sen wer­den.

Ab­schie­bungs­schutz bei einem in­ner­staat­li­chen be­waff­ne­ten Kon­flikt und die in­län­di­sche Flucht­al­ter­na­ti­ve

Nach § 60 Abs. 7 Satz 2 Auf­en­thG darf ein Aus­län­der nicht in einen Staat abge­scho­ben wer­den, wenn er dort als Ange­hö­ri­ger der Zivil­be­völ­ke­rung einer erheb­li­chen indi­vi­du­el­len Gefahr für Leib oder Leben im Rah­men eines inter­na­tio­na­len oder inner­staat­li­chen bewaff­ne­ten Kon­flikts aus­ge­setzt ist. In der Recht­spre­chung des Senats ist geklärt, dass die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des Abschie­bungs­ver­bots auch dann erfüllt sind, wenn sich der inner­staat­li­che bewaff­ne­te Kon­flikt auf einen Teil des Staats­ge­biets beschränkt und dem Aus­län­der die gesetz­lich defi­nier­te Gefahr in die­sem Lan­des­teil droht 1. Wei­ter ist geklärt, dass für die Gefah­ren­pro­gno­se bei einem nicht lan­des­wei­ten Kon­flikt auf den tat­säch­li­chen Ziel­ort des Antrag­stel­lers bei einer Rück­kehr abzu­stel­len ist 2. Für die Fra­ge, wel­che Regi­on als Ziel­ort der Rück­kehr eines Aus­län­ders anzu­se­hen ist, kommt es nach der Recht­spre­chung des Senats weder dar­auf an, für wel­che Regi­on sich ein unbe­tei­lig­ter Betrach­ter ver­nünf­ti­ger­wei­se ent­schei­den wür­de, noch dar­auf, in wel­che Regi­on der betrof­fe­ne Aus­län­der aus sei­nem sub­jek­ti­ven Blick­win­kel strebt 3. Als Ziel­ort der Abschie­bung sieht der Senat viel­mehr in der Regel die Her­kunfts­re­gi­on des Klä­gers an, in die er typi­scher­wei­se zurück­keh­ren wird 4. Ein Abwei­chen von der Regel kann jeden­falls nicht damit begrün­det wer­den, dass dem Aus­län­der in der Her­kunfts­re­gi­on die Gefah­ren dro­hen, vor denen § 60 Abs. 7 Satz 2 Auf­en­thG ihm Schutz gewäh­ren soll. Kommt die Her­kunfts­re­gi­on des Aus­län­ders – wie hier nach den Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts – als Ziel­ort einer Rück­füh­rung wegen der dem Aus­län­der dort dro­hen­den Gefahr nicht in Betracht, kann er nur unter den Vor­aus­set­zun­gen des Art. 8 der Richt­li­nie 2004/​83/​EG auf eine ande­re Regi­on des Lan­des ver­wie­sen wer­den. Schon der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on weist im Zusam­men­hang mit dem Ziel­ort bei Rück­kehr auf Art. 8 Abs. 1 der Richt­li­nie hin 5. Die Vor­aus­set­zun­gen des Art. 8 Abs. 1 der Richt­li­nie müs­sen bei einer nicht lan­des­weit dro­hen­den Gefahr im Sin­ne von § 60 Abs. 7 Satz 2 Auf­en­thG indes dann nicht erfüllt sein, wenn Ziel­ort der Rück­kehr die Her­kunfts­re­gi­on des Aus­län­ders ist, da er dort kei­nen wei­te­ren oder anders­ar­ti­gen Beschwer­nis­sen aus­ge­setzt ist, wie sie ihn in einer ande­ren Regi­on sei­nes Her­kunfts­lan­des erwar­ten kön­nen. Der Senat hat aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass im Fall einer dem Aus­län­der in der für ihn maß­geb­li­chen Regi­on dro­hen­den Gefahr im Sin­ne von § 60 Abs. 7 Satz 2 Auf­en­thG wei­ter zu prü­fen ist, ob der Aus­län­der in ande­ren Regio­nen des Lan­des inter­nen Schutz gemäß Art. 8 der Richt­li­nie fin­den kann 6.

Nach Art. 8 Abs. 1 der Richt­li­nie 2004/​83/​EG kann ein Aus­län­der nur dann auf die Ver­füg­bar­keit inter­nen Schut­zes in sei­nem Hei­mat­staat ver­wie­sen wer­den, wenn in einem Teil des Her­kunfts­lan­des kei­ne begrün­de­te Furcht vor Ver­fol­gung bzw. kei­ne tat­säch­li­che Gefahr, einen ernst­haf­ten Scha­den (Art. 15 der Richt­li­nie) zu erlei­den, besteht, und wenn von dem Aus­län­der ver­nünf­ti­ger­wei­se erwar­tet wer­den kann, dass er sich in die­sem Lan­des­teil auf­hält. Es kann offen­blei­ben, ob die Fra­ge, wel­ches mate­ri­el­le Schutz­ni­veau damit für eine inlän­di­sche Flucht­al­ter­na­ti­ve uni­ons­recht­lich bzw. nach § 60 Abs. 11 Auf­en­thG zu for­dern ist, bereits abschlie­ßend geklärt ist. Offen könn­te ledig­lich sein, ob oder inwie­weit höhe­re Anfor­de­run­gen gestellt wer­den müs­sen. Denn jeden­falls müs­sen die wirt­schaft­li­chen und sozia­len Ver­hält­nis­se am Ort des inter­nen Schut­zes wenigs­tens so gestal­tet sein, dass das Exis­tenz­mi­ni­mum des betrof­fe­nen Aus­län­ders gewähr­leis­tet ist 7. Hier­von aus­ge­hend ist die von der Beschwer­de auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge für den vor­lie­gen­den Fall nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. Denn das Beru­fungs­ge­richt hat für den Senat bin­dend fest­ge­stellt, dass im Gebiet des denk­ba­ren inter­nen Schut­zes (Kabul) für den Klä­ger nicht ein­mal das Exis­tenz­mi­ni­mum gewähr­leis­tet ist, weil er dort sei­nen Lebens­un­ter­halt durch Arbeit nicht wer­de sicher­stel­len kön­nen. Von die­sem Ansatz aus­ge­hend hat es zu Recht offen­ge­las­sen, inwie­weit die nach Art. 8 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/​83/​EG zu berück­sich­ti­gen­den Gege­ben­hei­ten den Zumut­bar­keits­maß­stab der­ge­stalt prä­gen, dass er mög­li­cher­wei­se als ober­halb des Exis­tenz­mi­ni­mums lie­gend anzu­se­hen ist.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Novem­ber 2012 – 10 B 22.12

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 24.06.2008 – 10 C 43.07, BVerw­GE 131, 198 Rn. 25[]
  2. vgl. BVerwG, Urteil vom 14.07.2009 – 10 C 9.08, BVerw­GE 134, 188 Rn. 17, unter Hin­weis auf EuGH, Urteil vom 17.02.2009 – C‑465/​07 [Elga­fa­ji], Slg. 2009, I‑921 Rn. 40[]
  3. vgl. aber VGH Bad.-Württ., Urtei­le vom 27.04.2012 – A 11 S 3079/​11; und vom 11.07.2012 – A 11 S 3205/​11, nach Zulas­sung durch den VGH in der Revi­si­ons­in­stanz anhän­gig unter den Akten­zei­chen BVerwG 10 C 15.12 und BVerwG 10 C 19.12[]
  4. BVerwG, Urteil vom 14.07.2009 a.a.O.[]
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 17.02.2009 a.a.O. Rn. 40 ers­ter Spie­gel­strich[]
  6. vgl. BVerwG, Urteil vom 14.07.2009 a.a.O. Rn. 18[]
  7. BVerwG, Urteil vom 29.05.2008 – 10 C 11.07, BVerw­GE 131, 186, Rn. 31 f., 35[]