Abschie­bungs­schutz wegen kri­ti­scher Ver­sor­gungs­la­ge in Afgha­ni­stan

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat sich – im Anschluss an Ent­schei­dun­gen vom 29. Juni 2010 – in vier Revi­si­ons­ver­fah­ren mit der Fra­ge befasst, ob abge­lehn­ten Asyl­be­wer­bern die Rück­kehr nach Afgha­ni­stan ange­sichts der dor­ti­gen Lebens­ver­hält­nis­se zuge­mu­tet wer­den kann.

Abschie­bungs­schutz wegen kri­ti­scher Ver­sor­gungs­la­ge in Afgha­ni­stan

Die Klä­ger der Ver­fah­ren sind zwi­schen 1955 und 1986 gebo­re­ne Män­ner aus Afgha­ni­stan, von denen zwei ledig sind und sich die bei­den ande­ren ohne ihre Fami­li­en in Deutsch­land auf­hal­ten. Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (Bun­des­amt) lehn­te ihre Asyl­an­trä­ge und in der Fol­ge­zeit ein Wie­der­auf­grei­fen des Ver­fah­rens ab und ver­nein­te das Vor­lie­gen von Abschie­bungs­ver­bo­ten. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg hat im Beru­fungs­ver­fah­ren ent­schie­den, dass den Klä­gern in ver­fas­sungs­kon­for­mer Anwen­dung des § 60 Abs. 7 Satz 1 und 3 Auf­ent­halts­ge­setz (Auf­en­thG) Abschie­bungs­schutz zu gewäh­ren sei 1. Sie sei­en zwar gesund, beruf­lich aber nicht beson­ders qua­li­fi­ziert und hät­ten des­halb kaum Aus­sicht, eine Arbeit zu fin­den und damit ihren eige­nen Lebens­un­ter­halt zu sichern. Da sie auch nicht auf fami­liä­re Unter­stüt­zung rech­nen könn­ten, müss­ten sie sich aus­schließ­lich von Tee und Brot ernäh­ren. Dadurch wür­den sie als­bald und unaus­weich­lich in einen fort­schrei­ten­den Pro­zess kör­per­li­chen Ver­falls mit lebens­be­droh­li­chen Fol­gen und damit in eine extre­me Gefah­ren­la­ge gera­ten. Weil die Ver­wal­tungs­ge­rich­te jeweils nur die­ses Abschie­bungs­ver­bot bejaht und ledig­lich das Bun­des­amt Beru­fung ein­ge­legt habe, sei­en wei­te­re Abschie­bungs­ver­bo­te, die nach Uni­ons­recht begrün­det sein könn­ten, im Beru­fungs­ver­fah­ren nicht zu prü­fen.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat nun auf die Revi­si­on des Bun­des­amts die Ent­schei­dun­gen des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs auf­ge­ho­ben, weil er den Klä­gern den nach­ran­gi­gen natio­na­len Abschie­bungs­schutz in ver­fas­sungs­kon­for­mer Anwen­dung des § 60 Abs. 7 Satz 1 und 3 Auf­en­thG zuge­spro­chen hat, ohne zuvor das Vor­lie­gen des – wäh­rend des gericht­li­chen Ver­fah­rens in Kraft getre­te­nen – uni­ons­recht­lich begrün­de­ten Abschie­bungs­ver­bots geprüft und ver­neint zu haben. Hat das Bun­des­amt – neben der Fra­ge der Asyl­be­rech­ti­gung bzw. der Flücht­lings­an­er­ken­nung – auch über das Vor­lie­gen sons­ti­ger (sub­si­diä­rer) Abschie­bungs­ver­bo­te ent­schie­den, ist mit Inkraft­tre­ten des Geset­zes, mit dem im August 2007 in Deutsch­land die Abschie­bungs­ver­bo­te der Qua­li­fi­ka­ti­ons­richt­li­nie umge­setzt wor­den sind, grund­sätz­lich in allen (gericht­li­chen) Asyl­ver­fah­ren auch der wei­ter­ge­hen­de uni­ons­recht­lich begrün­de­te Abschie­bungs­schutz zwin­gend zu prü­fen. In Über­gangs­fäl­len, in denen das Bun­des­amt vor der Umset­zung ent­schie­den hat, ist die­ses uni­ons­recht­lich begrün­de­te Abschie­bungs­ver­bot nur dann nicht mehr Gegen­stand des gericht­li­chen Ver­fah­rens, wenn dar­über in der Sache ent­schie­den und hier­ge­gen kein Rechts­mit­tel ein­ge­legt wor­den ist. Eine sol­che Sach­ent­schei­dung lag in den hier ver­han­del­ten Ver­fah­ren nicht vor.

Hin­sicht­lich des natio­na­len Abschie­bungs­schut­zes hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg zwar zutref­fend ange­nom­men, dass es sich hier um all­ge­mei­ne Gefah­ren han­delt, bei denen Abschie­bungs­schutz grund­sätz­lich nur im Wege einer gene­rel­len poli­ti­schen Leit­ent­schei­dung (z.B. durch einen Abschie­be­s­top-Erlass) gewährt wer­den kann. Fehlt es – wie hier – an einer sol­chen Anord­nung, kann Abschie­bungs­schutz im Ein­zel­fall nur bei einer extre­men Gefah­ren­la­ge zuge­spro­chen wer­den. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof hat aber in Bezug auf die recht­li­chen Maß­stä­be, die von der Recht­spre­chung für die Annah­me einer extre­men Gefah­ren­la­ge ent­wi­ckelt wor­den sind, sei­ne Über­zeu­gung auf einer nicht hin­rei­chend trag­fä­hi­gen Tat­sa­chen­grund­la­ge und damit im Ergeb­nis ähn­lich feh­ler­haft gebil­det wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz in den vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt im Juni 2010 ent­schie­de­nen Ver­fah­ren.

Die Ver­fah­ren sind des­halb zur erneu­ten Prü­fung an den Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Badenw-Würt­tem­berg zurück­ver­wie­sen wor­den.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 8. Sep­tem­ber 2011 – 10 C 14.10, 15.10, 16.10 und 20.10

  1. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urtei­le vom 14.05.2009 – A 11 S 610/​08; vom 09.06.2009 – A 11 S 447/​09; und vom 16. Juni 2009 – A 11 S 654/​08 und A 11 S 1140/​06[]